Sieben Wochen nach der Beerdigung stand Katja Brenner vor der Kfz-Werkstatt in der Ludwigstraße in Mannheim und sah durch das Schaufenster, wie ihr Schwiegersohn Mirko mit dem Steuerberater am Tresen stand. Papiere lagen ausgebreitet zwischen ihnen, und Mirko lachte über irgendetwas, das der Steuerberater gesagt hatte. Drinnen roch es nach Motoröl und dem Kaffee aus der alten Filtermaschine, die schon ihr Mann Werner benutzt hatte, bevor er vor drei Jahren an Herzversagen starb und ihr die Werkstatt allein gehörte.
Katja war zweiundsechzig, hatte vierunddreißig Jahre lang die Buchhaltung der Werkstatt geführt, und sie wusste genau, was auf dem Tisch lag: der Übertragungsvertrag für die Werkstatt, unterschrieben von ihrer Tochter Franziska drei Tage vor deren Tod.
Franziska war im März an einem aggressiven Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben, mit neununddreißig Jahren, und in den letzten Wochen, als sie kaum noch aus dem Bett kam, hatte Mirko ihr Papiere zur Unterschrift gebracht. Katja hatte es damals für Formalitäten der Erbschaft gehalten. Sie hatte ihrer Tochter die Hand gehalten, während diese unterschrieb, ohne zu fragen, was genau da stand — man fragt nicht, wenn die eigene Tochter kaum noch die Augen offenhalten kann.
Jetzt wusste sie es. Die Werkstatt, die Werner mit seinen eigenen Händen aufgebaut hatte, die Hebebühne, die zwei Halteplätze, den Kundenstamm von siebenundzwanzig Jahren — all das gehörte nun Mirko. Nicht der Familie. Ihm allein.
Die Nachbarin, Frau Yilmaz, die im Haus gegenüber lebte und Katja seit Werners Tod fast täglich Suppe brachte, hatte es ihr erzählt. Sie hatte gesehen, wie Mirko mit einem Makler die Werkstatt besichtigte und über einen Verkaufspreis von vierhundertzwanzigtausend Euro sprach.
„Er will verkaufen, Katja", hatte Frau Yilmaz gesagt, während sie am Küchentisch saßen und der Fernseher im Hintergrund lief, irgendeine Nachmittagssendung, die niemand wirklich ansah. „Ich hab's mit eigenen Ohren gehört."
Katja hatte drei Tage lang nichts gesagt. Sie hatte den Hund ihrer Tochter, einen alten Labrador namens Keks, der seit Franziskas Tod bei ihr wohnte, jeden Morgen ausgeführt und dabei überlegt, was ihre Tochter gewollt hätte. Franziska war keine dumme Frau gewesen. Wenn sie unterschrieben hatte, dann hatte sie vermutlich geglaubt, sie tue etwas Gutes für ihren Mann und für ihre elfjährige Tochter Lina.
Aber Mirko hatte in den sieben Wochen seit der Beerdigung kein einziges Mal bei Katja angerufen, um zu fragen, wie es ihr ging. Er hatte auch nicht gefragt, ob Lina am Wochenende zur Oma wollte. Stattdessen hatte er eine neue Freundin, eine Frau namens Steffi, die er schon zwei Wochen nach der Beerdigung mit in die gemeinsame Wohnung gebracht hatte — das hatte Lina selbst am Telefon erzählt, mit einer Stimme, die Katja das Herz zusammenzog.
An diesem Dienstagmorgen ging Katja in die Werkstatt hinein. Die Glocke über der Tür schepperte, wie sie es seit fünfzehn Jahren tat.
„Katja." Mirko drehte sich um, sein Lächeln erlosch für eine Sekunde. „Ich wollte dich sowieso anrufen."
„Um mir zu sagen, dass du die Werkstatt verkaufst?"
Der Steuerberater sammelte hastig seine Unterlagen ein und murmelte etwas von einem Termin.
„Woher weißt du das?" Mirkos Stimme wurde härter.
„Das spielt keine Rolle. Ist es wahr?"
Mirko lehnte sich gegen den Tresen, verschränkte die Arme. „Franziska hat mir die Werkstatt übertragen. Rechtlich gehört sie mir. Ich muss dir gar nichts erklären."
„Sie hat unterschrieben, weil sie im Sterben lag und dir vertraut hat", sagte Katja. Ihre Stimme blieb ruhig, obwohl ihre Hände zitterten. „Sie hat geglaubt, du würdest die Werkstatt für Lina führen. Nicht sie an irgendeinen Investor aus Frankfurt verkaufen, damit du mit deiner neuen Freundin nach Mallorca ziehen kannst."
„Das geht dich nichts an." Mirko griff nach seiner Jacke. „Und Lina bekommt eine faire Erbschaft, wenn sie achtzehn ist."
„Wie viel?"
Er antwortete nicht, ging einfach an ihr vorbei zur Tür.
Katja fuhr nicht sofort nach Hause. Sie fuhr zur Anwaltskanzlei ihres alten Freundes Jürgen Kessler, mit dem sie und Werner seit über zwanzig Jahren befreundet waren, und legte ihm die Kopie des Vertrags auf den Tisch, die sie sich Wochen zuvor heimlich beim Notar hatte geben lassen.
Jürgen las zwanzig Minuten lang, ohne ein Wort zu sagen. Dann nahm er seine Brille ab.
„Katja, das hier ist problematisch. Deine Tochter war zum Zeitpunkt der Unterschrift bereits auf hochdosierte Morphinpräparate eingestellt. Es gibt hier keinen unabhängigen Zeugen, keinen Vermerk über ihre Geschäftsfähigkeit. Und schau dir das an" — er tippte auf eine Klausel auf Seite drei — „hier steht, dass die Werkstatt ohne Zustimmung eines Vormunds für Lina verkauft werden kann. Das ist so ungewöhnlich formuliert, dass ich vermute, der Notar hat den Text von Mirkos eigenem Anwalt übernommen, ohne genau zu prüfen."
„Kann man das anfechten?"
„Man kann es versuchen. Aber es wird ein Jahr dauern, vielleicht länger, und es kostet." Jürgen sah sie über den Rand seiner Brille an. „Bist du bereit, gegen deinen eigenen Schwiegersohn vor Gericht zu ziehen? Vor den Augen deiner Enkelin?"
Katja dachte an Lina, die am Telefon geweint hatte, weil Steffi ihr Zimmer neu gestrichen hatte, ohne sie zu fragen. Sie dachte an Werner, der jeden Morgen um sechs die Rollläden der Werkstatt hochgezogen hatte, vierunddreißig Jahre lang, Regen oder Sonne. Sie dachte an ihre Tochter, wie sie mit fahriger Hand auf einem Dokument unterschrieb, das sie im Morphiumnebel wahrscheinlich nicht einmal ganz gelesen hatte.
„Ja", sagte sie. „Bin ich."
Die Anfechtungsklage wurde im Mai beim Landgericht Mannheim eingereicht. Zusätzlich beantragte Jürgen eine einstweilige Verfügung, um den Verkauf an den Investor zu blockieren, solange das Verfahren lief. Der Richter gab dem Antrag statt — der Verkauf durfte nicht vollzogen werden, bis über die Geschäftsfähigkeit von Franziska zum Zeitpunkt der Unterschrift entschieden war.
Mirko reagierte, wie Katja es erwartet hatte: mit Wut. Er rief sie an, dreimal am selben Abend, schrie ins Telefon, dass sie ihm das Leben zur Hölle mache, dass er einen Käufer verliere, dass sie eine bittere alte Frau sei, die ihre eigene Enkelin gegen ihn aufhetze.
Katja legte beim dritten Anruf einfach auf und schaltete das Telefon aus.
Der entscheidende Termin fand im August statt, an einem drückend heißen Dienstag, im Saal 4 des Landgerichts. Katja saß neben Jürgen, in ihrem einzigen dunklen Blazer, den Frau Yilmaz ihr am Vorabend noch gebügelt hatte. Mirko saß mit seinem Anwalt auf der anderen Seite, in einem Anzug, der aussah, als hätte er ihn extra für diesen Termin gekauft.
Die entscheidende Zeugin war Dr. Elena Vogt, die Palliativärztin, die Franziska in ihren letzten Wochen betreut hatte. Sie bestätigte unter Eid, dass Franziska zum Zeitpunkt der Unterschrift eine Morphindosis erhielt, die laut medizinischem Standard die freie Willensbildung erheblich beeinträchtigen konnte, und dass keine ärztliche Bescheinigung über die Geschäftsfähigkeit eingeholt worden war — obwohl Mirko selbst nach der Prozedur beim Notar gefragt hatte, ob so etwas nötig sei, und ihm gesagt worden war, ja, dringend.
Als der Notar selbst aussagte, gab er zu, dass er auf Drängen Mirkos die Unterschrift trotzdem beglaubigt hatte, „weil die Frist drängte".
Das Urteil kam sechs Wochen später per Post. Katja stand in ihrer Küche in Mannheim-Neckarau, den Umschlag in der Hand, Keks schnüffelte an ihren Füßen, während sie ihn öffnete. Der Vertrag wurde für nichtig erklärt. Die Werkstatt fiel zurück in den Nachlass von Franziska Brenner, zu gleichen Teilen zwischen ihrer Tochter Lina — treuhänderisch verwaltet bis zu deren Volljährigkeit — und, da Mirko als Ehemann ebenfalls erbberechtigt war, zu einem gesetzlichen Anteil an ihn selbst. Aber die Kontrolle über den Betrieb, die Entscheidungsgewalt bis Lina achtzehn wurde, lag beim gerichtlich bestellten Vormund: Katja.
Sie fuhr am selben Nachmittag zur Werkstatt. Wechselte persönlich das Schloss am Bürotresor aus, in dem die Geschäftsunterlagen lagen, und rief den Investor aus Frankfurt an, um ihm mitzuteilen, dass der Verkauf endgültig vom Tisch sei. Dann setzte sie sich an Werners alten Schreibtisch, holt die staubige Kaffeemaschine wieder ans Laufen, und begann, die Auftragsliste für die kommende Woche durchzugehen — zwei Ölwechsel, eine Bremsenreparatur, ein Kunde, der seit siebzehn Jahren zu dieser Werkstatt kam und jetzt einen neuen Auspuff brauchte.
Mirko kam nicht mehr vorbei. Er zog im Oktober mit Steffi nach Heidelberg, nahm seinen gesetzlichen Erbanteil in bar aus, den ihm ein Gutachter auf knapp sechzigtausend Euro taxierte, und meldete sich seitdem nur noch, wenn es um Linas Umgangswochenenden ging.
Lina kommt jetzt jeden Mittwochnachmittag nach der Schule in die Werkstatt, macht dort ihre Hausaufgaben am kleinen Beistelltisch neben der Hebebühne, während Keks unter dem Tisch döst und draußen die Straßenbahn Richtung Marktplatz vorbeirattert.
