Der Kater saß im Waschraum

Hanna Lorenz sah den Mann um zehn vor sieben. Er stand vor dem Altglascontainer im Hof der Siedlung am Schönhauser Ring, das Gesicht grau vor Müdigkeit, und presste ein schmutziges, zerlumptes Bündel Fell an seine Brust. Das Bündel bewegte sich. Es hing ein verdreckter Schwanz herunter, der leblos gegen seine Jacke schlug, und aus dem Fellknoten ragte ein halb vernarbtes Ohr hervor, das aussah, als hätte jemand es mit einer stumpfen Zange gekürzt.

„Herr Kowalski?“, fragte Hanna und stellte ihre Milchtüte auf dem Boden ab. Es roch penetrant nach nassem Keller und altem Katzenurin.

Adam Kowalski antwortete nicht. Er drückte seinen Rücken gegen die kalte Wellblechwand des Containers, als müsse er sich vor irgendetwas verstecken, und streichelte mit dem Daumen über die verkrustete Stirn des Tieres. Seine Lippen bewegten sich, aber es kam kein Laut heraus. Hanna kniff die Augen zusammen. In den drei Jahren, die sie im selben zwölften Stock wohnten, hatte sie diesen Nachbarn vielleicht fünf Sätze sprechen hören. Jetzt sah er aus wie ein Schiffbrüchiger, der zum ersten Mal wieder festen Boden spürt.

„Ist das Ihre Katze?“

„Er heißt Anton“, murmelte Adam, ohne aufzublicken. „Seit zweihundertzwei Nächten suche ich ihn. Jede verdammte Nacht habe ich gezählt.“ Er drückte seine raue Wange in das dreckige Fell. Hanna sah, wie sich seine Schultern unter der abgewetzten Daunenjacke kurz spannten und dann wieder fielen, als ob eine massive Feder endlich den Druck verlöre.

Sie konnte nicht wissen, was hinter dieser Szene steckte. Sie sah nur einen einsamen Frührentner und eine halb tote Katze im kalten Hof einer Plattenbausiedlung im November. Aber sie spürte, dass sie Zeugin von etwas geworden war, das nicht für ihre Augen bestimmt war, und trat leise einen Schritt zurück, ließ die beiden vor dem Container stehen und ging wortlos ins Haus.

Anton war in der ersten warmen Juninacht verschwunden. Adam hatte das Küchenfenster auf Kipp gelassen, weil der Block in der Sonne stundenlang aufheizte und die Luft in der kleinen Zweizimmerwohnung stand, als würde man in einer Plastiktüte atmen. Am nächsten Morgen lag kein Kater auf dem ausgeleierten Sessel im Wohnzimmer, und die leere Frühstücksdose mit dem Rest Nassfutter stand unberührt vor dem Herd.

Adam klebte die ersten Zettel noch am selben Nachmittag. „Kater, schwarz-weiß, rechte Ohrmuschel halb vernarbt. Hört auf Anton. 250 Euro Finderlohn.“ Er fuhr mit der S-Bahn in den Baumarkt, kaufte eine Rolle durchsichtiges Paketband und druckte zwanzig Fotos auf dem Tintenstrahler seines alten Laptops aus. Anton, wie er im Sonnenfleck auf dem Linoleumboden lag. Anton, wie er träge in die Kamera blinzelte. Anton, mit dieser charakteristischen schwarzen Fellmaske über der linken Gesichtshälfte, die aussah, als wäre sie mit einem groben Pinsel gemalt.

In den ersten Wochen riefen viele Leute an. Eine Kellnerin vom Schnellimbiss an der Landsberger Allee meinte, eine schwarz-weiße Katze streune hinter den Mülltonnen herum. Adam warf sich in seine Jacke und rannte zur Straßenbahn, musste zwanzig Minuten auf den Anschluss warten, weil die M4 schon wieder Verspätung hatte, und fand hinter dem Imbiss einen fetten, gut genährten Kater, der fauchend vor ihm flüchtete und mit keiner Narbe am Ohr.

Dann rief eine ältere Frau aus Lichtenberg an. Sie war überzeugt, dass Anton auf dem verwilderten Grundstück der alten Gießerei lebe und sich von Tauben ernähre. Adam widersprach nicht. Er kletterte über einen Maschendrahtzaun, zerriss sich die Hose am Oberschenkel und suchte drei Stunden lang den verwahrlosten Hof ab, vorbei an verbogenen Stahlträgern und eingeschlagenen Scheiben. Er fand nur den Aschenbecher eines Obdachlosen und eine tote Ratte mit steifen Beinen.

Im August begann er, die Nächte draußen zu verbringen. Nicht jede Nacht, aber mindestens drei Mal pro Woche. Er schlich mit einer kleinen Taschenlampe durch sein Wohnviertel, leuchtete unter parkende Autos, hinter die verwitterten Holzbänke am Spielplatz, in die trostlosen Einfahrtstore der ehemaligen Kfz-Werkstatt, die seit zehn Jahren leer stand. Wenn sein Atem in der kühlen Nachtluft kleine Wölkchen bildete, rief er nicht laut, sondern flüsterte nur heiser „Anton, Anton“, als wäre der Name ein Geheimnis, das er nicht verraten durfte.

Sein einziger Freund, ein früherer Kollege vom Bauamt, fragte ihn an einem stickigen Nachmittag bei einem Bier, ob er nicht langsam aufgeben wolle. Es gebe doch genug Katzen im Tierheim, die auf ein Zuhause warteten.

„Das verstehst du nicht, Dieter“, sagte Adam und pustete langsam den Schaum von seinem Pils. Sein Blick klebte an dem quietschgrünen Aufkleber an der Kneipenwand, ohne ihn wirklich zu sehen. „Anton ist nicht einfach ein Tier. Vor fünf Jahren bin ich nachts um zwei in der psychiatrischen Notaufnahme aufgewacht, fixiert an ein Bettgestell, den Magen voller Tabletten, und das Erste, was ich gedacht habe, war: Wer füttert den Kater? Wer macht morgen früh die Dose für ihn auf? Das war der einzige verdammte Gedanke, der mich dazu gebracht hat, die Hilfe anzunehmen und nicht noch einen zweiten Versuch zu machen. Der Kater hat meinen Suizid verhindert, also verschwindet er nicht einfach so.“ Er leerte das Glas in einem langen Zug und sprach danach zwei Wochen nicht mehr mit Dieter.

Im September weitete er seinen Radius aus. Er fuhr mit der S-Bahn in die umliegenden Bezirke Pankow und Weißensee, suchte jede verwilderte Brache und jeden zugemüllten Laubenpiepergarten ab. Die Finderlohn-Zettel waren längst verwittert oder von der Stadtreinigung abgerissen worden. Adam druckte neue, diesmal auf helles, wetterfestes Papier, und lackierte sie mit einem Spray, das er im Hobbymarkt gefunden hatte. Er führte ein Heft mit genauen Koordinaten jeder Sichtung, jeder Sackgasse, jedes falschen Alarms.

Seine Nachbarin Hanna beobachtete ihn im Treppenhaus, wenn er morgens um fünf mit nassen Hosenbeinen und dunklen Rändern unter den Augen zurückkam. Manchmal hielt sie ihm die Aufzugtür auf. Meistens sagte sie nichts. Einmal fragte sie, ob er was zu essen brauche. Adam schüttelte den Kopf, dankbar und erschöpft. Er war froh, dass sie ihn nicht ansprach auf die Sinnlosigkeit seiner Suche.

Der November war der schlimmste Monat. Der Frost kam früh, nachts sanken die Temperaturen auf minus fünf Grad, und Adam lag in seinem ungeheizten Wohnzimmer auf dem Sessel, ohne Schlaf, und lauschte auf jeden Laut im Treppenhaus, als könnte der Kater gegen die Wohnungstür kratzen. Er ernährte sich von Dosensuppen und altbackenen Brötchen. Seine Wohnung roch nach kalter Asche und ungewaschenen Klamotten. Die Vorstellung, den Kater in einer kalten Nacht irgendwo draußen allein und frierend zu wissen, schnürte ihm die Kehle zu.

Am dreizehnten Dezember, einem Donnerstag, hörte Adam das Geräusch. Es war kurz nach eins in der Nacht, und er war wieder einmal wach, saß im Dunkeln am Küchentisch und blätterte, ohne zu lesen, in seinem Notizbuch. Ein dünnes, kurzes Miauen, das irgendwo aus dem Schacht des Müllabwurfs zu kommen schien, der in den Keller führte. Es war so leise, dass er es fast für eine Einbildung gehalten hätte.

Adam erstarrte. Sein Herz vollführte einen einzelnen, gewaltigen Trommelschlag gegen das Brustbein. Er lauschte. Nichts. Nur das Knacken der Rohre und das entfernte Wummern der Heizungsanlage im Keller.

Dann hörte er es wieder. Keine Einbildung. Ein dünnes, fast verzweifeltes Klagen, das durch den leeren Schacht hallte.

Adam zog sich die Schuhe an, ohne die Schnürsenkel zu binden, schnappte sich die Taschenlampe und rannte die Stufen in das Kellergeschoss hinunter. Vor der Tür zum Waschraum blieb er stehen. Ein schweres, verrostetes Vorhängeschloss hing in der Öse, das der Hausmeister vor Monaten angebracht hatte, nachdem Jugendliche dort randaliert und die Waschmaschinen beschmiert hatten. Adam zerrte am Schloss, zerschrammte sich die Fingerknöchel, fluchte und stürmte dann zurück nach oben. Er hämmerte gegen die Tür des Hausmeisters, bis dieser in einer grauen Trainingshose öffnete und ihn verständnislos anstarrte.

„Den Schlüssel für den Waschraum, sofort, Herr Neumann“, keuchte Adam, außer Atem. „Mein Kater. Er sitzt da drin fest. Seit einer halben Ewigkeit. Bitte.“ Seine Stimme brach vor Anspannung.

Neumann brummte etwas von „nachts um eins“ und „kann das nicht bis morgen warten“, aber Adam packte den Türrahmen mit der flachen Hand, so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. „Machen Sie die Tür auf. Jetzt. Ich zahle Ihnen, was Sie wollen. Jede Summe.“ Sein Gesichtsausdruck war so wild, so nackt vor Verzweiflung, dass Neumann stumm den Schlüssel aus einer Schublade im Flur nahm und ihm in die Hand drückte.

Das Quietschen der schweren Kellertür hallte durch das ganze Treppenhaus. Eine Welle feuchtkalter, modriger Luft schlug Adam entgegen, gemischt mit dem Geruch von altem Waschpulver und Schimmel. Der Waschraum war in tiefes Schwarz getaucht. Kein Fenster, nur die toten Ösen von Neonröhren an der Decke.

„Anton?“, flüsterte Adam in die Dunkelheit, seine Taschenlampe warf einen zitternden, schmalen Lichtkegel in den Raum. Der Kegel fraß sich über den schmutzigen Fliesenboden, über die verwaisten Maschinen, über eine alte, klapprige Spüle und einen Berg vergessener Leintücher, der mit grauem Staub bedeckt war.

Keine Reaktion.

„Anton. Ich bin’s. Ich bin da, Junge. Komm her zu mir.“ Adam schwenkte die Lampe langsam. Das Licht fiel auf ein Paar alter Eimer, die in der Ecke standen, auf eine leere Weinflasche, die auf dem Fenstersims der blinden Scheibe lag. Er hörte seinen eigenen flatternden Herzschlag, der sich mit dem Takt des tropfenden Wasserhahns vermischte.

Und dann, ganz tief in der Dunkelheit, hinter einem umgekippten Wäscheständer, blitzten zwei winzige, grüne Punkte auf. Katzenspiegel.

Adam wagte kaum zu atmen. Der Lichtkegel zitterte auf dem Boden, hielt die reflektierenden Augen wie ein Suchscheinwerfer gefangen. Erst rührte sich nichts. Dann tauchte ganz langsam ein Kopf hinter dem Wäscheständer auf. Schwarz-weiß, die rechte Ohrmuschel halb vernarbt. Die unverkennbare, schiefe schwarze Maske über der linken Gesichtshälfte, die andersherum aussah als im Gedächtnis. Vor Schmutz stumpf und krustig. Der Kater war nur ein Skelett mit Fell. Seine weißen Pfoten waren so verdreckt, dass sie fast schwarz aussahen.

Adam ging nicht auf ihn zu. Er ließ die Taschenlampe mit dem diffusen Streulicht auf den Boden neben sich sinken und ging neben dem rostigen Abfluss langsam in die Hocke. Seine Knie knackten laut in der Stille. Er setzte sich auf den dreckigen, kalten Fliesenboden und lehnte mit dem Rücken gegen den ächzenden Wäscheständer. Er hob die Hand nicht, machte keinen Schnalzlaut. Er saß einfach nur da, ließ Arme und Hände erschöpft hängen, den Kopf tief gesenkt, sodass sein Schatten riesig an der Wand gegenüber hing.

Es dauerte Minuten. Der Kater starrte ihn aus seiner Höhlung an, regungslos, als wäre er ein Teil des Inventars. Adam verstand die Lehre der langen Monate, dass man nichts erzwingen konnte, indem man schneller lief. Man ließ das, wonach man sich sehnte, aus seinem Versteck kommen.

Er hob ganz langsam den Kopf. „Du siehst ja schlimm aus, Anton“, murmelte er leise, fast unhörbar, als erkenne er einen alten Freund, den das Leben übel zugerichtet hatte. „Ich hab deine Dose jeden verdammten Morgen neu hingestellt. Und sie jeden Abend weggeschmissen. Zweihundertzwei Mal. Zweihundertzwei Frischfutter-Dosen im Müll. So ein Mist, hm?“

Das Tier zuckte mit dem narbigen Ohr. Ein kaum sichtbares Zittern in der Luft, wie eine Antwort. Dann, mit der ganzen Müdigkeit eines sehr langen Weges, löste es sich aus der Deckung. Es schlich nicht wie eine Katze, es schlurfte. Zog die eingesunkenen Flanken an den Boxen des Wäscheständers vorbei, jede Rippe ein eigenes kleines Tal unter dem speckigen Fell. Es blieb einen halben Meter vor Adams ausgestreckten Beinen stehen und kippte dann, mit einer Selbstverständlichkeit, die alle Vorsicht über Bord warf, einfach um. Nicht wie eine Katze, die sich hinlegt, sondern wie ein Körper, der endlich das Gewicht der Angst abwirft und sich fallen lässt, mit dem schmutzigen Kopf direkt auf Adams staubigen Knöchel.

Die Berührung war elektrisch. Ein warmer, harter, unendlich zerbrechlicher Schädel auf seinem Schienbein. Ein leises, rasselndes Geräusch, das kein Schnurren war, sondern die kratzige Vibration von ausgetrockneten Stimmbändern, die zum ersten Mal seit Monaten wieder in Gebrauch kamen. Es klang wie das Knattern eines defekten Lautsprechers.

Adam saß da, unfähig, sich zu rühren. Er blickte auf das erbärmliche, vertraute Geschöpf hinab. Er hatte in über sechs Monaten keine Träne vergossen. Nicht in der Kälte, nicht in den Nächten der Hoffnungslosigkeit, nicht beim Anblick der vielen leeren Straßen und Höfe. Aber jetzt, hier, auf dem Boden des Waschkellers, als diese kaputte, rostige Kehle in seinem Kopfkino zu schnurren versuchte, kamen sie, ungefragt und unaufhaltsam, liefen aus seinen Augenwinkeln, zogen Furchen durch den Schmutz auf seinen Wangen und tropften auf das verdreckte Fell. Er schluchzte nicht. Er gab keinen Laut von sich. Sein Körper zitterte nur wie unter einer plötzlichen, unerträglichen Spannung, während er eine Hand hob und sie vorsichtig, als sei das Tier aus rohem Ei, auf die knochige Flanke legte, direkt über die pochende Stelle, wo das viel zu schnelle Herz gegen die Rippen hämmerte.

Sie saßen so minutenlang, vielleicht eine Viertelstunde. Die Stille war anders als vorher, weniger feindselig. Der tropfende Wasserhahn tickte unbeirrt weiter, die Heizungsrohre rumorten in der Wand, als würde der ganze Block im Schlaf reden.

Dann endlich, langsam, um das fragile Wunder nicht zu zerstören, schob Adam seine rechte Hand flach unter den Bauch des Katers, die Linke unter die Hinterbeine. Er hob ihn an. Der Kater war ein Nichts in seinen Händen, ein Bündel aus Filz und Vogelknochen, das kaum zwei Kilo wog. Anton wehrte sich nicht, versteifte keine Pfote, fauchte nicht. Er ließ den Fang einfach matt auf Adams Handgelenk sinken und schloss die entzündeten Lider, als hätte er nie vor, sie je wieder zu öffnen. Adam stand auf, sein rechtes Bein war vom kalten Boden taub, die alte Narbe am Knie schmerzte, aber er ignorierte es. Er presste das Geschöpf an die Brust, unter seine Jacke, an den einzigen warmen Fleck in dieser unterkühlten Welt, und taumelte rückwärts aus der Kammer, dem Flur, dem ganzen Kellerverlies, dessen modriger Gestank von nun an für immer mit diesem Moment verbunden sein würde.

Der Morgen graute, fahl und ungnädig, als er die schwere Metalltür zum Hof aufstieß. Die Welt hatte sich nicht verändert. Dieselben Mülltonnen, dieselben kahlen Kastanienbäume, dieselbe kalte Bank. Nur die Luft schmeckte anders, weniger nach Asche, mehr nach Schnee. Und da, am Glascontainer, stand Hanna Lorenz. Sie hatte ihre Milchtüte weggestellt und starrte ihn an, als käme er von einem anderen Stern zurück. Sie sagte nichts, und er sagte nichts. Er stand nur, das Fellbündel unter der Jacke, das hoffnungslos klopfende Herz an seiner Brust, und blickte auf die gefrorene Wiese.

Dann, endlich, nickte er ihr kurz zu. Ein winziger, fast unmerklicher Ruck des Kopfes. Und ging durch den knirschenden Schnee zum Aufzug, nach Hause.

Er legte den Kater auf den ausgeleiherten Sessel im Wohnzimmer, in die gleiche Kuhle, die er seit Jahren vormals geformt hatte. Ein Skelett, das in eine vertraute Delle sank, als hätte es sie nie verlassen. Adam ging in die Küche, seine Finger waren steif und ungelenk, öffnete eine neue Dose mit Kalbfleisch-Gelee und stellte sie neben den Sessel auf den Boden. Der Geruch von billigem Futter erfüllte die stickige Luft, der intensivste, lebendigste Geruch seit Monaten.

Anton öffnete die Augen nicht. Er atmete schneller, flacher, aber er schlug die Lider nicht auf. Adam setzte sich gegenüber auf seinen Hocker, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und betrachtete ihn. Er sah den Schmutz, die Schrammen, die Trostlosigkeit eines Tieres, das in seinem eigenen Zuhause, direkt unter seinem Besitzer, fast verhungert und verendet wäre. Er dachte an die endlosen Irrwege, an den Irrsinn seiner Hoffnung, an die vielen Fremden, die ihn für verrückt erklärt hatten. Es war ihm egal.

Der Kater rührte sich eine Stunde lang nicht vom Fleck, dann schlug er endlich die matten Augen auf. Sie waren stumpf, aber wach. Er roch an der Luft, roch das Futter, roch das vertraute Waschmittel und den speziellen Eigengeruch der alten Möbel. Er reckte den dünnen Hals, beugte sich langsam und mit sichtlicher Mühe über den Rand des Sessels und begann, winzige, tapsige Bissen von der Dose zu lecken. Nicht gierig, sondern konzentriert. Er hatte das Hungern verlernt, das Schlingen, das Herunterschlucken. Er aß, als müsse er sich jede neue Kalorie aufs Neue verdienen.

Adam wartete, bis die Dose fast leer war. Dann schälte er sich aus der Jacke, ging zum Sessel, und hob, in einer einzigen, fließenden Bewegung, den Kater mitsamt der ausgestopften Decke an und trug sie in sein Schlafzimmer. Er legte sich auf sein ungemachtes Bett, das Laken seit Tagen nicht gewechselt, und zog das Bündel mit der Katze an seine Seite. Er spürte jedes einzelne Rippenpaar durch den Stoff.

„Zweihundertzwei“, flüsterte er in die Stille, und seine Stimme war nur ein trockenes Krächzen. Der Kater gab keine Antwort, außer einem leisen, rasselnden Atemzug und dem schüchternen, ungelenken Versuch, eine der verdreckten Pfoten auf Adams Unterarm zu legen.

Vor dem Fenster, irgendwo hinter dem zugezogenen Vorhang, erwachten die Geräusche der S-Bahn, die ersten morgendlichen Züge in die Stadt. Adam Kowalski aber hörte nichts davon. Er war endlich eingeschlafen, das Gesicht seinem Kater zugewandt, die linke Hand halb auf dem kahlen Fleck des vernarbten Ohrs. Das erbärmliche, wilde, dreckige Herz, das er zweihundertzwei Nächte lang gesucht hatte, pumpte leise und unerschütterlich gegen seine Fingerkuppen, und es klang für ihn wie das größte Orchester der Welt.

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