Der Regen prasselte gegen die riesigen Fenster des Juweliers an der Königsallee, als Sabrina von Hagen die Tür aufstieß und sofort wusste, dass sie Recht hatte.
Da stand er. Ihr Verlobter Tom Schäfer, seit drei Monaten der Mann, mit dem sie den Hochzeitstermin klären wollte. Und neben ihm, völlig unverschämt, eine Frau in einem schlichten cremefarbenen Blazer, die ein Diamantcollier begutachtete, als gehörte es in den Einkaufswagen zwischen Milch und Brot.
Sabrina marschierte durch den Verkaufsraum, vorbei an Vitrinen mit Uhren, die mehr kosteten als ihr Porsche, und stellte sich so dicht vor die Fremde, dass sie ihr eigenes Parfüm riechen konnte.
„Du gehörst hier nicht her!“
Die Verkäuferin hinter dem Tresen erstarrte. Tom ließ das samtbezogene Kästchen mit dem Verlobungsring in seiner Manteltasche fallen. Zwei Kundinnen am Nachbartisch taten so, als würden sie die Brillanten zählen.
Die Fremde musterte Sabrina mit ruhigem Blick, ohne ein Wort zu sagen.
Sabrina lachte kurz und schrill. „Meinst du, ich merke nicht, was hier läuft? Du sonnst dich in einem Geschäft, in dem dein ganzes Gehalt für eine einzelne Brosche draufgeht, und machst meinen Verlobten an. Also, verschwinde. Wir reden später, Tom. Erst mal raus mit der da.“
Sie streckte den Arm aus und schubste die Frau an der Schulter.
Ein leises Zischen ging durch den Raum. Tom machte einen Schritt zur Seite, die Hände erhoben. „Sabrina, warte – ich kann erklären…“
Doch die Frau im Blazer rührte sich nicht von der Stelle. Sie strich lediglich eine unsichtbare Falte an ihrem Ärmel glatt, als hätte Sabrinas Berührung Staub hinterlassen. Dann drehte sie sich um und ging langsam, ohne Eile, an den mit Gold verzierten Vitrinen entlang in Richtung Ausgang.
Sabrina atmete auf. Sie hatte gewonnen. Lästige Person entsorgt. Morgen würde sie mit Tom klären, warum er hier mit einer anderen stand, aber der Abgang dieser Hochstaplerin war der erste Schritt.
Tom presste die Lippen zusammen. Er schien etwas sagen zu wollen, doch Sabrina bedeutete ihm mit einer scharfen Handbewegung zu schweigen.
In diesem Moment blieb die Frau stehen, direkt unter dem hellsten Kronleuchter des Ladens. Sie zog ein Handy aus ihrer Handtasche, so beiläufig, als würde sie die Pizza bestellen.
Sabrina runzelte die Stirn. Was sollte das jetzt?
Die Frau wählte, hielt sich das Telefon ans Ohr und sagte mit einer Klarheit, die den ganzen Laden erstarren ließ: „Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun haben. Überweisen Sie fünf Milliarden Euro auf mein Privatkonto. Sofort. Ja, das ist keine Frage. Nein, das ist keine Diskussion. Sie haben drei Minuten, Herr Dr. Wieland. Schalten Sie die Vormerkung frei.“
Sabrina spürte, wie ihr das Lächeln aus dem Gesicht rutschte. Die Verkäuferin am Tresen wurde blass und griff unter die Theke – wahrscheinlich zum Telefon, vielleicht zum stillen Alarm. Tom starrte die Fremde an, als hätte sie sich gerade in eine Monarchen verwandelt.
Keine zwanzig Sekunden später vibrierte das Handy der Frau. Ein kurzer Blick. Ein zufriedenes Nicken. Sie drehte sich langsam um, musterte Sabrina und sagte, ohne die Stimme zu heben: „Jetzt, Frau von Hagen, wollen Sie mir Ihren Verlobten noch einmal vorstellen? Oder darf ich direkt mit Ihrem Vater telefonieren? Dietmar von Hagen war heute Morgen auf meiner Gästeliste für die Auktion – hat er Ihnen nichts davon erzählt?“
Sabrinas Welt geriet aus den Fugen. Sie griff nach Toms Arm, aber der wich zurück, als wäre sie die Fremde.
„Du kennst meinen Vater? Das ist doch lächerlich! Fünf Milliarden – niemand hat so viel Geld auf einem normalen Konto!“
Die Frau lächelte müde. „Normale Konten sind für normale Leute. Meine Familie nennt das Betriebskapital. Lena Bergmann. Ich besitze die Hälfte dieser Straße. Und seit heute Morgen – dank Ihres Vaters – auch das Auktionshaus, dessen Einladung Sie vorhin zerrissen haben. Jetzt verstehe ich auch, warum. Er hat mir erzählt, seine Tochter hätte den Verlobungsring nicht abholen können, weil Tom hier etwas ganz Besonderes aussuchen wollte. Aber dass Sie derart ausrasten, weil Ihr eigener Zukünftiger mir ein Collier zeigt, das er für Sie kaufen wollte – das ist schon bemerkenswert. Ich hatte ihn um eine zweite Meinung gebeten. Reine Höflichkeit. Und Sie stürmen herein und beschimpfen mich, als stünde ich auf dem Flohmarkt. Wissen Sie, was Ihr Vater jetzt zu hören bekommt? Dass seine Tochter gerade eine Kundin von mir öffentlich angegriffen hat – auf meinem Grundstück. Das wird teuer für ihn. Und für Sie, weil ich mich frage, ob ich dieses Geschäft überhaupt noch verpachte, wenn dort solche Szenen stattfinden. Toms Ring hätten Sie gern gehabt, nicht wahr?“
Sabrina keuchte, die Worte „Hälfte dieser Straße“ und „verpachte“ trommelten gegen ihre Schläfen. Der Juwelierladen war nicht einfach ein Laden – er war eingemietet bei der Bergmann Holding. Ihr eigener Stammjuwelier, bei dem sie seit Jahren kaufte, war plötzlich ein Bittsteller dieser Frau.
Tom zog das zerknitterte Kästchen aus der Tasche, ließ es aufklappen und legte es ohne jegliche Romantik neben die leere Vitrine. Ein wunderschöner Saphirring, umgeben von kleinen Brillanten. „Sabrina, ich habe das alles für dich vorbereitet. Lena Bergmann war zufällig hier, und ich habe sie gefragt, welcher Stein dir besser stehen würde. Sie hat sich Zeit genommen. Und du schubst sie? Ich dachte, du wärst gestresst von der Hochzeitsplanung, aber das… das ist einfach krankhaft. Es tut mir leid, Lena. Ich wusste nicht, dass sie so reagiert. Bitte setzen Sie mich nicht mit ihr gleich. Die Verlobung… ich glaube, ich hole noch einmal tief Luft.“
Sabrina fuhr herum. „Tom! Du kannst mich jetzt nicht einfach fallen lassen! Ich hab mich nur gewehrt, weil ich dich mit einer anderen Frau sah, wie soll ich denn…“
„Indem du mich vorher fragst? Indem du nicht Leute durch den Laden schubst?“, unterbrach Tom mit einer Stimme, die plötzlich sehr ruhig und endgültig klang. Er schüttelte den Kopf, sah Lena an, als wäre sie eine Richterin, und fügte leise hinzu: „Entschuldigen Sie bitte. Ich komme morgen wieder, vielleicht, um mir einen anderen Ring auszusuchen. Allein.“
Damit drehte er sich um und ging auf die Tür zu. Sabrina wollte ihm nachstürzen, aber zwei Schritte vor dem Ausgang versperrte ihr ein älterer Mann im dunklen Anzug den Weg. Herr Dr. Wieland, den sie nie gesehen hatte, war leibhaftig aus dem Hinterzimmer getreten. Er musste schon vorher hier gewesen sein, wahrscheinlich hatte ihn die Boutique-Leitung diskret benachrichtigt.
„Frau von Hagen, ich begleite Sie gern zu Ihrem Wagen. Frau Bergmann wünscht nicht, Sie weiter zu empfangen. Eine Rechnung für die heutige Szene wird Ihr Büro morgen erreichen – sollten Sie jemals wieder Zweifel an der Identität einer Kundin haben, empfehle ich einen Blick ins Handelsregister, bevor man schubst.“
Sabrina stand da, den Mund halb geöffnet, das rote Seidenkleid plötzlich lächerlich protzig unter dem kühlen Licht der Kronleuchter. Sie stammelte noch irgendetwas von Missverständnis, doch die Verkäuferin hatte das Kästchen mit dem Ring an sich genommen und trug es vorsichtig in den Tresor, und die anderen Kundinnen schwiegen in einer Genugtuung, die man mit Händen greifen konnte.
Lena Bergmann steckte ihr Handy ein, nickte dem Filialleiter zu und nahm das Diamantcollier vom Samtkissen. „Ich nehme es. Zur Feier des Tages. Der Ring, den Tom zurückgelassen hat – legen Sie ihn auf meine Rechnung und schicken Sie ihn in den nächsten Tagen an diesen Herrn. Als Hochzeitsgeschenk, wenn er noch möchte. Adresse haben Sie. Meine Assistentin wird Ihnen die Details durchgeben. Guten Tag allerseits. Sie haben einen hübschen Laden. Sehr freundliches Personal – bis auf einen Gast heute, aber der kommt nicht wieder. Den schmeißen wir umgehend raus, nicht wahr, Herr Dr. Wieland?“
Sie lächelte kurz in die Runde, dann ging sie durch das Foyer, während draußen der Regen aufgehört hatte. Ihr Chauffeur hielt die Tür auf. Sabrina stand noch immer wie angewurzelt, während Tom draußen sein Taxi bestieg und nicht mehr zurücksah. Die Tür des Juweliers schloss sich mit einem satten, endgültigen Klicken. Drinnen ordnete jemand die Samttücher neu, als wäre nichts geschehen. Aber niemand vergaß, was eine geduldige Person mit fünf Milliarden in drei Minuten bewirken konnte – nämlich sämtliche Pläne einer Braut in der Zeit zu zerknittern, die man für eine einzige SMS braucht.
