Lilis neues Zuhause

Der Abend, an dem Tobias die Sache mit der Scheidung endgültig klarstellte, war einer dieser stickigen Augusttage in Hamburg gewesen. Sie saßen auf dem Balkon ihrer Altbauwohnung in Eimsbüttel, der Ventilator surrte, und in Maries Glas schmolz das Eis viel zu schnell.

„Marie, bitte. Es hat doch alles keinen Sinn mehr“, sagte Tobias, und seine Stimme klang so sachlich, als würde er Quartalszahlen vortragen. „Nadine und ich erwarten ein Kind. Ich will das ordentlich machen. Du bekommst deinen Anteil, aber ich bleibe in der Wohnung.“

Sie starrte auf seine Hände, die er flach auf den Gartentisch gelegt hatte. Hände, die sie zwölf Jahre lang jeden Morgen und jeden Abend gehalten hatte. Sie waren ihr auf einmal völlig fremd.

Zwölf Jahre Ehe, ein gemeinsames Architekturbüro, das sie zusammen aus dem Nichts aufgebaut hatten, ein Freundeskreis, der wie eine große Familie war – alles sollte jetzt in zwei handliche Hälften zerteilt und abgelegt werden. Marie spürte, wie etwas in ihr zu Stein wurde. Sie weinte nicht. Sie nickte nur.

„Und was ist mit Lili?“, fragte sie.

Tobias zuckte zusammen. Lili, ihre rot getigerte Perserkatze, lag zusammengerollt auf dem Kratzbaum und blinzelte schläfrig in die Abendsonne. Sie war vor acht Jahren als winziges, verängstigtes Bündel aus dem Tierheim Altona zu ihnen gekommen und hatte sich zur unangefochtenen Königin des Haushalts entwickelt. Tobias konnte nie an ihr vorbeigehen, ohne ihr kurz das Fell zu kraulen.

„Du weißt doch, wie sehr ich an ihr hänge. Und du ziehst ja nach München zu deiner Schwester. Der Transport, die neue Umgebung… das ist doch purer Stress für so ein sensibles Tier. Hier hat sie ihr Revier, ihren Balkon, alles. Lass sie bei mir. Bitte.“

Es klang vernünftig. Es klang nach allem, was Marie in diesem Moment nicht fühlen konnte. Lili liebte Tobias, keine Frage. Sie schlief nachts auf seiner Seite des Bettes und miaute ihn jeden Morgen pünktlich um sieben zum Frühstück herbei. Wenn Marie tagelang auf Baustellen unterwegs gewesen war, hatte Tobias sich immer allein um sie gekümmert. Es erschien ihr grausam, das Tier aus dieser Vertrautheit zu reißen.

Drei Wochen später stand Marie mit zwei Koffern und einem Rucksack in der Tür. Lili saß auf dem Schuhschrank und beobachtete sie mit ihren großen, bernsteinfarbenen Augen. Es war kein vorwurfsvoller Blick. Es war schlimmer: Er war leer. Als würde die Katze sie gar nicht mehr erkennen. Marie bückte sich, um sie zum Abschied zu streicheln, aber Lili drehte den Kopf weg und begann, sich mit einer Plötzlichkeit zu putzen, die wie eine Ohrfeige wirkte.

Die Fahrt im ICE nach München war ein einziger grauer Tunnel. Sie starrte aus dem Fenster, ohne die Landschaft zu sehen. Die Felder, die Windräder, die vorbeiziehenden Dörfer – alles nur Kulisse für den Film, der in ihrem Kopf ablief. Die gescheiterten IVF-Behandlungen, die stillen Abende, an denen jeder dem anderen die Schuld gab, und dann Nadine, die neue Büromanagerin mit dem strahlenden Lachen.

München sollte ein Neuanfang werden. Ihre jüngere Schwester Klara hatte ihr eine kleine Wohnung in Giesing besorgt, sonnig und mit Stuckdecken, aber fremd. Marie stürzte sich in die Renovierung. Sie strich Wände in warmem Terrakotta, baute Regale auf, hängte Bilder auf. Aber jedes Mal, wenn sie abends die Tür aufschloss, lauschte sie auf das vertraute kurze Mauzen, das Klacken von Pfoten auf dem Parkett. Es kam nie. Die Stille in der Wohnung war so dicht, dass sie sie zu ersticken drohte.

Sieben Wochen später, an einem verregneten Mittwochabend im November, rief Klara an. Ihre Stimme klang seltsam gedämpft.

„Ich hab heute mit Tobias telefoniert. Wegen der Steuersachen vom Büro. Marie… Lili ist weggelaufen. Schon vor über zwei Wochen. Er hat sie rausgelassen und sie ist nicht mehr zurückgekommen. Er hat sie gesucht, aber da war nichts. Es tut mir so leid.“

Marie legte auf. Sie setzte sich auf den Boden neben die Heizung, drückte die Stirn gegen das warme Metall und blieb so über eine Stunde sitzen. Das steinerne Ding in ihrer Brust zersprang, und darunter war nichts als glühende Schuld. Ich habe sie im Stich gelassen. Genau wie er mich im Stich gelassen hat. Ich habe es verdient.

Sie schlief in dieser Nacht keine Minute. Am nächsten Morgen rief sie einen ihrer wenigen verbliebenen Hamburger Freunde an, buchte ein Zugticket und nahm sich eine Woche unbezahlten Urlaub. Klara hielt sie für verrückt. „Wegen einer Katze fährst du achthundert Kilometer? Nach so langer Zeit ist die doch längst überfahren worden oder sonst wo.“ Aber Marie war schon aus der Tür.

In Hamburg regnete es Bindfäden. Sie stieg am Hauptbahnhof aus und fuhr mit der U3 direkt in ihr altes Viertel. Ohne zu wissen, warum, ging sie nicht zu Tobias’ neuer Adresse in der Hafencity, sondern zu dem Haus in Eimsbüttel, in dem sie zwölf Jahre gelebt hatten. Der Gedanke war banal: Katzen kehren zu ihrem Revier zurück.

Der Hinterhof war unverändert. Die große Kastanie, die Mülltonnen, der verwilderte Fliederbusch. Marie rief, erst leise, dann lauter. „Lili! Lili, Kleine, wo bist du?“

Nichts. Nur das Prasseln des Regens.

Sie lief die Straße auf und ab, suchte unter geparkten Autos, hinter Fahrradständern. Sie klapperte die angrenzenden Höfe ab, fragte einen Zeitungsausträger und eine Frau mit Hund. Niemand hatte eine rot getigerte Katze gesehen.

Nach fast zwei Stunden war sie durchnässt und heiser. Ihre Hoffnung schmolz dahin, und an ihre Stelle trat etwas, das schlimmer war als der Schmerz: die endgültige Gewissheit, alles verloren zu haben, was ihr je etwas bedeutet hatte. Sie lehnte sich an die nasse Hauswand und schluchzte auf. „Es tut mir leid, Lili. Es tut mir so leid, dass ich dich nicht mitgenommen habe. Bitte… bitte komm zurück. Ich lass dich nie wieder allein. Nie wieder.“

Sie richtete sich auf, wischte sich mit dem Ärmel das Gesicht ab und wollte schon gehen. Da hörte sie es.

Ein Geräusch, halb erstickt, halb fragend. Es kam von hinter den Mülltonnen.

Sie erstarrte. Dann, ganz langsam, wagte sie einen Schritt in die Richtung. Eine schmale Gestalt löste sich aus dem Schatten zwischen zwei Containern. Das Tier war abgemagert, das Fell verfilzt und von einer undefinierbaren grau-braunen Schicht überzogen, dass man die Farbe kaum erkennen konnte. Aber die Augen – diese großen, bernsteinfarbenen Augen – die kannte Marie sofort.

„Lili…“

Die Katze blieb stehen. Sie sah Marie an, und es war derselbe Blick wie damals an der Tür. Aber diesmal war er nicht leer. Er war voller Angst, voller Zweifel, voller einer winzigen, kaum zu glaubenden Verheißung.

Marie ging in die Hocke und streckte zitternd die Hand aus. Eine Minute verging. Zwei. Dann setzte sich die Katze mit einer fast königlichen Langsamkeit in Bewegung. Schritt für Schritt. Bis sie vor Maries Knien stand. Sie schnupperte an den kalten Fingern, und dann, mit einem Ruck, stieß sie ihren Kopf gegen Maries Handfläche.

Marie hob das dreckige, nasse Bündel hoch und drückte es an sich. Lili krallte sich sofort mit allen vier Pfoten in ihren Mantel und begann zu schnurren, so laut und tief, dass Marie es durch den Stoff hindurch in ihrem Brustbein vibrieren spürte. Es war ein Geräusch, das klang wie eine wilde, verzweifelte Anklage und ein Zuhause zugleich.

Sieben Stunden später saß Marie im Nacht-ICE zurück nach München. Lili, notdürftig gesäubert und vom Tierarzt durchgecheckt, lag in einer weichen Transportbox auf dem Nebensitz und schlief. Marie hatte die Box geöffnet, und ihre Hand lag die ganze Fahrt über auf dem warmen Fell der Katze. Sie wagte nicht, sie wegzuziehen. Sie wagte es einfach nicht.

Es war früher Morgen, kurz nach sechs, als der Zug in den Münchner Hauptbahnhof einfuhr. Marie hatte Lili auf den Schoß genommen, die Box zugeklappt und versuchte, mit dem Knie ihren Rucksack zu erreichen. Ein Mann, der ihr gegenüber am Vierertisch gesessen und die ganze Nacht gelesen hatte, stand auf.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Ohne zu zögern, nahm er ihren schweren Koffer vom Gepäckträger und bugsierte ihn geschickt zum Ausgang. Er war Mitte vierzig, schlank, mit Lachfalten um die Augen und einem leichten norddeutschen Akzent.

„Danke“, murmelte Marie. „Das ist wirklich nett.“

„Kein Problem. Sie haben ganz schön zu kämpfen mit Katz und Gepäck. Wohin müssen Sie denn?“

„Giesing. Aber ich komme schon klar mit der S-Bahn.“

„Ich hab mein Auto in der Tiefgarage stehen. Ich wohne in Haidhausen, Giesing liegt praktisch auf dem Weg. Wenn Sie einsteigen mögen…?“ Er lächelte etwas unsicher. „Ich heiße übrigens Robert. Kein Serienmörder, versprochen. Nur ein Lehrer aus Bremen, der auf dem Rückweg von einer Fortbildung ist.“

Marie musste lachen. Es war ein leises, brüchiges Lachen, das erste seit Monaten, und es überraschte sie selbst so sehr, dass sie erst gar nichts erwiderte. Dann sagte sie: „Marie. Und das hier ist Lili. Die Dame ist sehr eigen, aber mit dem richtigen Taxifahrer wird sie sich arrangieren.“

Auf der Fahrt durch das morgendliche München sprachen sie. Erst über Katzen – Robert erzählte von seinem verstorbenen Kater Mephisto, einem riesigen schwarzen Tier mit nur einem Ohr –, dann über dies und das. Er fragte nicht, warum sie mitgenommen aussah oder woher sie kam. Er hörte einfach zu, wenn sie sprach, und ließ ihr Raum, wenn sie schwieg.

Vor ihrer Haustür lud er den Koffer aus und stand dann etwas verlegen da, die Hände in den Jackentaschen.

„Ich würde mich freuen, wenn wir das Gespräch fortsetzen könnten“, sagte er schließlich. „Vielleicht bei einem Kaffee? Oder einem Tee? Ganz wie es Lili recht ist. Im Tiercafé am Gasteig sollen sie hervorragende Katzenminze-Muffins haben. Sagt man jedenfalls.“

Marie stand in der Tür, die Transportbox in der Hand, und spürte, wie sich etwas in ihr löste, das lange festgezurrt gewesen war. Kein großer Ruck, nichts Dramatisches. Nur ein kleines, leises Nachgeben von etwas.

„Ich mache auch ziemlich guten Kaffee zu Hause“, hörte sie sich selbst sagen. „Und der Ausblick auf den Innenhof ist vielversprechend. Sogar um diese Jahreszeit. Da wohnt ein Eichhörnchen, das Lili faszinierend finden wird, sobald sie sich mal raustraut. Wenn Sie nichts Besseres vorhaben…?“

Robert schüttelte lächelnd den Kopf. Zwölf Minuten später standen sie in Maries noch halb unfertiger Küche, der Wasserkocher brodelte, und Lili saß auf der Fensterbank und beobachtete das erwähnte Eichhörnchen mit einem intensiven, wieder vollkommen königlichen Blick. Es war, als hätte sie nie woanders gelebt.

Fünf Monate später zog Robert mit zwei Koffern, einer Bücherkiste und einer nagelneuen Kratztonne bei Marie und Lili ein. Lili inspizierte die Kratztonne zehn Minuten lang von allen Seiten, rümpfte dann die Nase und schlief auf dem Deckel ein. Es war ihr höchstpersönliches Ja-Wort.

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Uniad
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