Zwei im Gewitter

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und sofort schnürte sich Klara die Kehle zu. In der Diele roch es nach seinem Rasierwasser, dieser herben, teuren Note, die sie jahrelang mit Geborgenheit verbunden hatte. Jetzt brannte ihr davon die Nase. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die kühle Wohnungstür und glitt langsam an ihr herunter, bis sie auf den kalten Dielenbrettern saß.

Vor zwanzig Minuten hatte Robert sie im Biergarten am Weserufer einfach abserviert. Einfach so. Während über der Bremer Altstadt die Frühlingssonne schien und die Möwen kreischten. »Klara, ich kann nicht mehr. Ich will das nicht mehr. Du und ich, das läuft aus«, hatte er gesagt und dabei auf sein Bierglas gestarrt, als könnte er die passenden Worte vom Boden kratzen.

Sie hatte nicht geweint, nicht gebettelt, keine Szene gemacht. Sie saß einfach da, zwischen all den fremden Leuten, und sah zu, wie er aufstand, ein paar Scheine auf den Tisch legte und ohne Zurückzublicken in Richtung Schlachte verschwand. Seine Schultern waren so entspannt gewesen. Als fiele ihm eine Last ab. Klara blieb zurück, wie vor den Kopf geschlagen, und starrte auf die beiden halb vollen Kölsch-Gläser.

Jetzt, in ihrer Wohnung in der Neustadt, wurde der Schock langsam von etwas anderem abgelöst. Ein dumpfer, bohrender Schmerz fraß sich in ihre Brust. Sie starrte auf ihre Stiefeletten und den dünnen Mantel, den sie noch immer trug. Neben der Garderobe lagen seine ausgebleichten Segelschuhe. Auf dem Schuhschrank sein Schlüsselbund mit dem kleinen silbernen Kompass, den sie ihm vor zwei Jahren geschenkt hatte.

Sie rappelte sich hoch, durchquerte den Flur und blieb im Türrahmen zur Wohnküche stehen. Auf dem alten Eichentisch stand die Tasse mit dem Sprung, aus der er immer seinen Morgenkaffee trank. Im Kühlschrank die Tupperdose mit dem Gulasch, das sie gestern für heute vorgekocht hatte. Eine ganze Stunde hatte sie geschmort, damit es schön zart wird. Für ihn.

Klara nahm ihr Handy und öffnete den Chat mit ihrer Schwester. Tippte: »Robert hat Schluss gemacht.« Schaute auf die Nachricht, löschte sie wieder. Sie wollte kein Mitleid. Und von ihrer Mutter, die Robert nie richtig leiden konnte, schon gar nicht. »Der Kerl gibt dir nichts zurück, Klara, der nimmt nur«, hatte sie immer gesagt. Klara hatte es nie hören wollen. Sie hatte ihre Freundinnen vernachlässigt, ihre Hobbys aufgegeben, sogar den Kunstkurs an der Volkshochschule geschmissen, um mehr Zeit für ihn zu haben. Ihr ganzes Leben hatte sich um diesen Mann gedreht. Und jetzt war da einfach nichts mehr.

Planlos strich sie durch die Zimmer, als triebe sie in einer fremden Wohnung. Sie blieb vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer stehen. Die Frau, die ihr daraus entgegenblickte, sah müde und abgekämpft aus. Das helle Haar strähnig, die Augen vom unterdrückten Weinen verquollen, die Mundwinkel nach unten gezogen. Ein Gesicht ohne Halt. Ein Bild kam ihr in den Sinn, ungebeten und klar. Vor zwei Wochen. Das Streunen.

Ein streunender Hund, räudig und von unbestimmtem rötlichem Braun, tauchte seit ein paar Tagen immer wieder am Werdersee auf. Genau da, wo Klara auf dem Heimweg von der Arbeit gern eine kleine Runde ging. Meistens hetzte sie schnell daran vorbei, den Kopf voll mit dem Einkaufszettel fürs Abendessen oder der Vorfreude auf Robert. Der Hund war einfach nicht mehr als ein brauner Fleck in ihrem Bewusstsein gewesen. Ein Wesen, das keinen Platz in ihrem durchgeplanten Leben einnahm.

Aber jetzt sah sie den Hund vor sich, wie er unter einer Bank gekauert und anderen Spaziergängern hinterhergeschaut hatte. Mit diesem verlorenen Blick, der fragte: Wo gehst du hin? Warum nicht mit mir? Hast du mich vergessen? Es war genau der Blick, den Klara jetzt im Spiegel sah. Sie beide trugen dasselbe Brandmal. Abserviert. Weggeworfen. Vergessen.

Ein Impuls durchzuckte sie. Vielleicht war es der Gedanke, dass sie jetzt nicht allein in dieser trostlosen Stille bleiben konnte. Vielleicht war es das Wissen, dass da draußen ein Lebewesen war, das ganz genau verstand, wie sie sich fühlte. Sie rannte in die Küche, riss den Kühlschrank auf und kippte den gesamten Inhalt der Gulasch-Dose in einen kleinen Stoffbeutel. Ohne nachzudenken, stürmte sie los, die Treppe hinunter und hinaus in den feuchten Aprilabend.

Als sie am Werdersee ankam, war die Dämmerung schon in Nacht übergegangen. Ein warmer Regen hatte eingesetzt, der die letzten Spaziergänger vertrieben hatte und feine Kreise auf das schwarze Wasser malte. Ein beißender Wind kam auf und peitschte ihr die Tropfen ins Gesicht. Aus dem Nieselregen war ein richtiges Gewitter geworden. Klara zog den Mantelkragen hoch und hastete zur Bank unter den großen Kastanien, wo sie den Hund das letzte Mal gesehen hatte. Kein einziges Licht weit und breit, nur das ferne Glimmen der Straßenlaternen auf der anderen Seeseite.

Sie setzte sich auf die durchnässte Bank, stellte den offenen Beutel neben sich auf den Kiesweg und wartete. Der Geruch von Paprika und Fleisch breitete sich um sie herum aus.

»Na, Kleiner«, rief sie leise in die Dunkelheit, ohne zu wissen, ob der Hund überhaupt männlich oder weiblich war. »Wo steckst du denn?«

Nichts rührte sich. Nur das Rauschen des Regens in den Blättern und das entfernte Grollen eines Donners. Die Leere in ihrer Brust wurde mit jeder Minute unerträglicher. Sie dachte an die leere Wohnung, die darauf wartete, dass jemand das Licht anmachte. Die unmöglich aushaltbar war ohne ein zweites Wesen, dem sie etwas bedeutete.

»Ich hab dich früher nie richtig gesehen«, murmelte sie, mehr zu sich selbst und wischte sich mit dem nassen Ärmel das Regenwasser vom Gesicht, das sich mit ihren Tränen vermischte. »Ist mir einfach so durch die Lappen gegangen. Und jetzt… jetzt sitze ich hier und weiß genau, wie du dich fühlst. Verdammt, ich versteh’s jetzt. Komm mit zu mir, ja? Zu zweit ist so ein Gewitter leichter auszuhalten… Bitte.«

Keine Ahnung, ob der Hund ihre Worte verstand. Wahrscheinlich nicht. Aber Klara spürte, dass sie nicht mehr allein war. Ein leises Schaben. Direkt unter der Bank, auf der sie saß, lag er. Der rotbraune Hund, zusammengerollt zu einem nassen, zitternden Ball aus Fell und Misstrauen, hob den Kopf. Seine dunklen Augen bohrten sich in ihre.

Er zögerte. Der verführerische Duft von Fleisch stieg ihm in die Nase, aber seine Erfahrung mit Menschen war gespalten. Er wusste noch, wie sein eigener Mensch ihn aus dem Auto geworfen hatte. Einfach so, auf einem Rastplatz an der A1, weit draußen vor der Stadt. Er war noch stundenlang hinterhergerannt, bis seine Pfoten blutig waren. Seitdem ernährte er sich von dem, was er fand, und von der Hand, die er fürchtete. Aber die Frau hier roch nicht nach Gefahr. Sie roch nach genau demselben Schmerz, den er kannte. Ihr Geruch war schwer und salzig wie die Verzweiflung eines Tieres, das sein Rudel verloren hat.

Und sie hatte geredet. Nicht herrisch, nicht gönnerhaft. Sie hatte einfach geredet, mit einer Stimme, die genauso zitterte wie er.

Klara wagte kaum zu atmen, als die warme, raue Zunge des Hundes plötzlich zaghaft über ihre herabhängende nasse Hand leckte. Es war die erste Berührung, die ihren Schmerz wirklich durchbrach. Kein Trostwort, keine Umarmung hätte das gekonnt. Nur diese kleine, feuchte Geste.

Langsam, ganz langsam kroch der Hund unter der Bank hervor. Noch immer geduckt, den Schwanz fest zwischen die Beine geklemmt, aber der Blick war nicht mehr scheu, sondern forschend. Klara griff vorsichtig in den Beutel und hielt ihm ein Stück Fleisch hin. Er schnüffelte kurz und nahm es dann ganz sanft, fast zärtlich aus ihren Fingern.

Sie blieben noch lange so sitzen, während das Gewitter über ihnen hinwegzog und der Regen nachließ. Klara redete und redete, erzählte Robert nicht, aber was er zurückgelassen hatte. Das ganze Chaos in ihr drin. Der Hund, den sie irgendwann einfach »Eddie« nannte, kauerte an ihre Beine gedrängt, hörte zu und aß ab und zu ein Stück Gulasch. Und jedes Mal, wenn er schluckte und sie dann wieder mit den Augen suchte, fühlte es sich für Klara an, als würde ein kleiner Riss in der Leere gekittet.

Irgendwann stand sie auf. Ihre Sachen waren klatschnass und sie zitterte. Sie blickte auf Eddie hinab, der sie unverwandt ansah. »Also, kommst du?«, fragte sie und machte einen Schritt den Kiesweg entlang.

Der Hund zögerte eine halbe Sekunde, dann stand er auf, schüttelte sich einmal kräftig das Wasser aus dem Fell und trottete, den Schwanz einen winzigen Tick angehoben, neben ihr her. Zurück in die Neustadt. Zwei Seelen, die am selben Tag bei einem Frühlingsgewitter über Bord gegangen und aneinander gespült worden waren.

Wochen später hatte sich das Leben in der kleinen Altbauwohnung grundlegend verändert. Eddies Körbchen stand da, wo früher Roberts Sessel gestanden hatte. Die Segelschuhe waren längst entsorgt, der Kompass lag in irgendeiner Schublade. Klara hatte kaum noch daran gedacht, bis das Telefon klingelte.

Es war ein schöner Maitag, die Fenster waren weit aufgerissen und Eddie döste auf dem sonnenwarmen Parkettboden. Klara erkannte Roberts Nummer und ihr Herz machte einen schmerzhaften Satz. Sie ließ es dreimal klingeln, bevor sie abnahm.

»Klara? Ich bin’s.« Seine Stimme klang belegt, aber auch erleichtert. »Ich hab nachgedacht. Das war ein riesengroßer Fehler mit uns. Kann ich vorbeikommen? Wir müssen reden. Bitte.«

Sie spürte, wie alte Hoffnung und neuer Stolz in ihr rangen. Aber sie wusste auch, dass die Leere, in die sie damals gefallen war, nicht mehr da war. Sie hatte zugelassen, dass sich jemand anderes hineinlegte. »Gut, komm her«, sagte sie knapp.

Als es eine halbe Stunde später an der Tür klingelte, rastete Eddie aus. Ein tiefes, warnendes Knurren kam aus seiner Kehle, sobald er die Schritte im Treppenhaus hörte. Klara hatte ihn noch nie so erlebt.

Robert stand im Türrahmen, eine Hand lässig an den Rahmen gelehnt, ein schiefes, selbstsicheres Lächeln im Gesicht. »Na, Schatz, da bin ich wie…« Weiter kam er nicht. Ein rotbrauner Blitz schoss durch die Diele. Eddie stellte sich schützend vor Klara, die Nackenhaare gesträubt, die Zähne entblößt, ein tiefes Grollen, das den ganzen Flur vibrieren ließ. Es war keine Aggression um der Aggression willen, es war eine unmissverständliche Botschaft: Du hast sie verletzt. Du kommst hier nicht mehr rein.

Robert wich erschrocken einen Schritt zurück. »Was zum… was ist das denn? Seit wann hast du einen Köter?«, rief er angewidert.

»Das ist Eddie«, sagte Klara ruhig und legte ihre Hand auf den angespannten Rücken des Hundes, der sofort ein wenig ruhiger wurde, aber den Blick nicht von Robert löste. »Und er sagt dir gerade, dass du gehen sollst.«

Robert lachte verunsichert auf. »Jetzt mach mal ’nen Punkt, Klara. Der ist doch nicht ganz dicht. Sperr das Vieh weg, dann können wir in Ruhe reden. Ich hab echt einen Fehler…«

»Nein, Robert. Du hast keinen Fehler gemacht. Du hast eine Entscheidung getroffen. Und das war okay.« Ihre Stimme zitterte nicht. Sie fühlte sich klar und fest, wie noch nie bei ihm. »Der einzige Fehler war meiner. Dass ich jahrelang zugelassen habe, dass mein Leben nur aus dir besteht. Das hier«, sie deutete auf sich, Eddie und die Wohnung, »ist jetzt mein Leben, und es ist besser als vorher. Hier ist niemand mehr, der nur nimmt. Also geh. Bitte.«

Robert starrte sie fassungslos an, dann wich sein Blick dem unverändert knurrenden Hund aus. Er murmelte etwas, das wie »Verrückt geworden« klang, drehte sich um und polterte die Treppe hinunter.

Klara schloss die Tür, ging in die Hocke und vergrub ihr Gesicht in Eddies Fell. Er hörte auf zu knurren, wedelte sacht und leckte ihr mit seiner rauen Zunge über das Ohr.

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