Eine Katze, sechs Kätzchen und eine zerbrochene Einsamkeit

Als Friedrich das rostige Gartentürchen zum alten Schuppen aufdrückte, blieb er auf der Türschwelle stehen. Auf einem Sack Blumenerde, den er seit drei Jahren nicht mehr angerührt hatte, lag eine grau getigerte Katze. An ihrem Bauch nuckelten blinde, kaum faustgroße Fellknäuel. Fünf Stück. Die Katze hob den Kopf, die grünen Augen wachsam, aber nicht feindselig. Sie fauchte nicht. Sie wartete einfach ab, was dieser große Mensch mit dem karierten Hemd tun würde.

Friedrich schloss die Tür leise wieder und lehnte sich an die Hauswand. Vor zwei Jahren war Hilde gestorben. Seitdem aß er allein, trank allein seinen Filterkaffee und hörte dem Ticken der Standuhr zu. Die Kinder riefen pünktlich sonntags an. Jakob aus Hamburg, Anke aus Stuttgart. Die Enkel sah er auf dem Bildschirm, wenn das Internet mitspielte. Der Schuppen war eigentlich nur noch ein Abstellort für Sachen, die keiner mehr brauchte.

Er holte eine Untertasse aus der Küche, goss Milch hinein und schnitt von der gestrigen Hähnchenbrust ein paar Streifen ab. Vorsichtig stellte er alles in die Ecke des Schuppens, ohne der Katze zu nahe zu kommen. Am nächsten Morgen war die Untertasse leer, und die Katze musterte ihn mit einem Ausdruck, der fast wie Dankbarkeit aussah. So begann es.

Friedrich nannte sie Mina. Warum? Einfach so. Er kaufte richtiges Katzenfutter, richtete eine alte Wolldecke her. Die Kätzchen öffneten nach einer Woche die Augen – graugetigert wie die Mutter, plus ein schwarzes mit weißer Brust. Friedrich erwischte sich dabei, dass er jeden Tag zweimal in den Schuppen ging, manchmal einfach nur, um das leise Knurpsen der Kleinen zu hören. Jemand war da, der ihn brauchte. Nicht sonntags um elf. Sondern jetzt.

Am zehnten Tag war Mina weg. Nur die Kätzchen lagen in der Ecke und piepsten kläglich. Die Futterschale vom Morgen war unberührt. Friedrich suchte im Garten, hinter der Hecke, unter dem Auto. Nichts. Die Kleinen wurden zusehends schwächer. Mit feuchten, zitternden Fingern kramte er in den Schränken, bis er irgendwo eine alte Pipette fand. Er wärmte Milch, tupfte Tropfen in winzige, rosige Mäuler. So hatte er früher das Lamm aufgezogen, damals auf dem Hof der Großeltern. Er war kein Bauer, aber er vergaß das nicht.

Nachbarin Frau Kuhnert, die über den Zaun spähte, sagte: „Herr Bergmann, geben Sie die doch ins Tierheim. Sie machen sich doch nur Arbeit.“ Friedrich brummte etwas von „mal sehen“. Er brachte es nicht übers Herz. Drei Wochen lang päppelte er die fünf Kätzchen, stellte sie in eine große Kiste im Wintergarten. Das schwarze mit dem weißen Latz schlief abends oft auf seinem Schoß, während die Tagesschau lief. Es war das erste Mal seit Hildes Tod, dass er nicht allein auf dem Sofa saß.

Eines Morgens, der Himmel war noch milchig, hörte er ein Kratzen an der Terrassentür. Da saß Mina. Dreckig, das Fell strähnig, die Rippen deutlich zu sehen. Und neben ihr, halb hinter ihren Flanken versteckt, drängte sich ein Katerchen. Vielleicht drei Monate alt, schmutzig-rot, das linke Ohr eingerissen, eine Hinterpfote geschwollen und eitrig. Das Tier humpelte, zitterte und drückte den Kopf gegen Minas Schulter.

Friedrich öffnete die Tür. „Du lebst ja“, murmelte er. Mina miaute kurz, drängend, und schob den roten Kater förmlich in den Raum hinein. Dann drehte sie sich um, lief drei Schritte in Richtung Zaun, blieb stehen, blickte zurück. Die Botschaft war glasklar: Komm mit.

Er folgte ihr. Die Katze lief zielstrebig über den Rasen, durch die Lücke im Zaun, den Feldweg entlang, vorbei an der alten Linde, bis zu dem verlassenen Gehöft der Familie Gerlach. Seit Jahren stand der Hof leer, die Fensterläden morsch, die Einfahrt zugewuchert. Unter der halb eingestürzten Veranda raschelte etwas. Friedrich bückte sich, leuchtete mit der Taschenlampe seines Handys. Da lagen noch zwei Kätzchen. Genauso abgemagert, die Augen verklebt, der Atem flach. Mina strich um seine Beine und sah zu ihm auf. Nicht bettelnd. Eher fordernd. Hier. Hol sie. Du hast mich gefüttert. Jetzt tu das für sie.

„Ich schaff das nicht“, flüsterte Friedrich heiser. Aber seine Hände griffen schon nach den beiden mageren Körpern. Sie waren leicht wie Vogelfedern. Er bettete sie in seine Jacke. Mina und der rote Kater folgten ihm zurück. Zu Hause gab es plötzlich neun Katzen – die fünf aus dem Schuppen, den roten Findling und die zwei aus dem Verlies.

Frau Kuhnert brachte einen Eintopf vorbei und stieß einen spitzen Schrei aus, als sie die Gesellschaft sah. „Sind Sie noch zu retten, Herr Bergmann? Neun Stück! Das ist doch kein Tierheim hier!“ Friedrich wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Nur vorübergehend. Ich päpple sie auf, dann such ich Plätze.“ Sie schüttelte den Kopf, aber in ihrem Blick lag etwas Weiches.

Der rote Kater bekam Antibiotika und eine Schiene. Die zwei Versteck-Kätzchen schliefen drei Tage lang fast durch, erwachten dann mit glasklaren Augen und einem unbändigen Hunger. Friedrich lernte, welche Sorte Futter sie vertrugen, wie man Wunden säubert und was es bedeutet, wenn eine Katze laut schnurrt und dabei die Krallen in deine Cordhose bohrt.

Zwei Kätzchen holte eine nette junge Frau aus der nächsten Kleinstadt. Das schwarze mit dem weißen Brustfleck adoptierte der Postbote, der sich heimlich schon verliebt hatte. Drei weitere fanden über die Facebook-Gruppe, die Friedrichs Enkelin Laura eingerichtet hatte, ein Zuhause. Aber dann blieben vier: Mina, der rote Kater, dem er den Namen Oskar gab, und zwei der ursprünglichen grauen Geschwister.

Friedrich brachte es nicht fertig, auch für sie noch Inserate zu schalten. Eines Abends saß er auf der Terrasse, die vier Katzen als warme Knäuel um ihn herum, und sah zu, wie Mina Oskars verheiltes Ohr putzte. Die Tigermutter leckte den Fremden mit derselben Fürsorge, die sie ihren eigenen Jungen gab. Kein Unterschied. Für sie war Oskar einfach ein Kind, das Hilfe brauchte.

Vier Wochen später kam Anke aus Stuttgart zu Besuch. Sie betrat den Wintergarten, der inzwischen voller Kratzbäume und Liegekissen stand, und blieb mit offenem Mund stehen. „Papa… vier Katzen? Im Ernst?“ Friedrich nickte und schenkte ihr Kaffee ein. Anke sah ihm lange zu, wie er mit ruhigen Händen eine Dose öffnete und jeder Katze eine Portion hinstellte, ohne Hektik, ohne das Gefühl, etwas beweisen zu müssen. „Du lachst wieder“, sagte sie leise, und ihre Stimme klang brüchig. „Das hast du lange nicht mehr.“ Friedrich zuckte mit den Schultern, aber unter dem Schnauzbart breitete sich ein Lächeln aus. „Sie haben mir den Garten wieder gezeigt“, sagte er.

An diesem Abend blieb das Telefon stumm, aber das Haus war voller Leben. Oskar lag auf dem Kratzbrett und jagte im Traum Mäuse. Mina thronte auf der Fensterbank, die grünen Augen halb geschlossen. Und Friedrich blätterte in Hildes altem Kochbuch, suchte ein Rezept für Rinderbrühe – nicht für sich, sondern für den roten Kater, der immer noch ein bisschen zu dünn war. Die Uhr tickte, aber sie klang nicht mehr einsam.

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