Es war einer dieser Augusttage in Bad Salzig, an denen die Hitze selbst die Fachwerkhäuser am Marktplatz weich werden ließ. Inga stand seit einer halben Stunde vor dem geschlossenen Schalter der Regionalbahn und starrte auf die Anzeigetafel. „Zug fällt aus wegen Personalmangel" stand da in wackeligen Buchstaben. Draußen vor dem Bahnhofsgebäude warteten vielleicht zwanzig Leute. Alle zu müde, um sich richtig aufzuregen.
Ihre Freundin Bettina fächelte sich mit einem Prospekt vom Thermenbad Luft zu. „Der nächste kommt in fünfundvierzig Minuten. Wenn er überhaupt kommt. Lass uns rüber zum Markt gehen, da gibt's diesen kleinen Laden mit den italienischen Sachen."
„Ich brauch nichts", sagte Inga sofort. Das war ihre Standardantwort. Seit Jahren schon. Brauchte ich nicht, hab ich schon, lohnt sich nicht mehr, in meinem Alter.
„Klar brauchst du nichts. Aber der Laden hat eine Klimaanlage. Und vielleicht ein Kleid, das nicht aussieht wie eine Betriebsversammlung."
Inga warf ihr einen Blick zu. Sie trug ein Leinenhemd in einem Farblos, das sie selber immer „Schlamm mit guten Vorsätzen" nannte. Sie war vierundsechzig. Vierundsechzig Jahre alt, verwitwet seit sieben Jahren, mit einer Tochter in Köln, die sie zweimal im Jahr besuchte, und einem Kleiderschrank voller Dinge, die nie jemandem auffielen. Das war auch der Sinn der Sache.
Der Laden hieß „Sole e Mare" und war eigentlich eine Übertreibung für das, was er war: ein schmaler Raum zwischen dem Backshop und dem Schreibwarenladen, vollgestopft mit bunten Tüchern, Blusen, Röcken und einer einzigen Umkleidekabine, deren Vorhang nie ganz zuzog. Die Verkäuferin war eine Frau mit kurzgeschnittenen grauen Haaren und dem Gesichtsausdruck einer Person, die schon tausend Kundinnen hatte sagen hören, sie schauten nur mal.
Die Klimaanlage summte wie ein alter Kühlschrank, aber es war tatsächlich kühler als draußen. Bettina verschwand sofort im hinteren Teil des Ladens und rief nach einer Minute: „Die Röcke hier sind ein Traum. Wenn man noch einen Po hätte."
Inga ging langsam zwischen den Ständern hindurch. Nichts zog sie an. Das tat Kleidung selten. Sie kaufte nach Prinzipien: praktisch, nicht zu auffällig, altersgemäß, der Nachbarin nicht zu viel Stoff zum Reden gebend. Sie zog ein dunkelblaues Shirt aus dem Regal, hielt es hoch und legte es sofort wieder zurück. Zu dunkel für den Hochsommer, zu hell für alles andere.
Und dann blieb sie stehen.
An der letzten Stange hing ein Kleid. Knallgelb. Mit Sonnenblumen drauf. Nicht so klein und dezent gemustert, wie man es in ihrer Altersklasse vielleicht noch durchgehen lassen konnte. Sondern große, protzige, in die Sonne strahlende Sonnenblumen auf dünnem Stoff mit Trägern und einem Rock, der beim kleinsten Windstoß bauschen würde. Das Kleid sah aus, als wäre es versehentlich in diesen Laden geraten. Aus einem Südfrankreich-Film vielleicht, oder aus dem Schrank einer Frau, die mit sechzig noch einen Segelkurs in Kroatien machte.
„Huch." Bettina trat hinter sie und betrachtete das Kleid mit wissenschaftlichem Ernst. „Das ist… mutig."
„Das ist grässlich", sagte Inga. Aber sie konnte nicht wegsehen.
Die Verkäuferin trat näher, so geräuschlos, wie nur Verkäuferinnen in kleinen Läden es tun. Ohne den Blick von dem Kleid zu nehmen, sagte sie: „Manche Dinge muss man anprobieren, gerade wenn sie grässlich sind."
„Ich probiere gar nichts an. Ich bin nur wegen der Freundin mitgekommen."
Die Verkäuferin nickte bedächtig. Sie holte das Kleid vom Ständer und hielt es Inga hin.
„Dann probieren Sie es wenigstens für Ihre Freundin an. Damit sie sieht, wie es an einer echten Frau aussieht."
„Ach, ich bin also das Anschauungsobjekt?"
„Besser als eine Schneiderpuppe."
Inga schnappte sich das Kleid. Sie fühlte sich, als ob sie eine Mutprobe bestehen müsste, auf die sie überhaupt keine Lust hatte. Der Vorhang der Kabine raschelte unangenehm. Sie zog ihr Leinenhemd aus, faltete es ordentlich zusammen, dann streifte sie das Sonnenblumenkleid über.
Es passte. Als wäre es für sie genäht worden. Das allein war schon ein Verrat. Der Stoff legte sich weich um ihre Schultern, die Träger saßen richtig, ohne einzuschneiden, die Taille war da, wo ihre Taille sein sollte, und nicht irgendwo bei den Hüften. Sie drehte sich zum Spiegel. Eine Vierundsechzigjährige mit Oberarmen, die man nicht mehr straff nennen konnte, mit Lachfältchen, mit grauen Haaransätzen unter dem Färbemittel vom letzten Friseurbesuch, mit einem Körper, den sie jahrelang unter weiten Tuniken und praktischen Hosen versteckt hatte.
In dem Kleid sah sie aus wie die Hauptrolle in einem Film, den sie nie gedreht hatte. Sie sah nicht jünger aus. Überhaupt nicht. Sie sah nur irgendwie… unverschämt lebendig aus. Als hätte jemand die Helligkeit hochgeregelt.
„Inga? Liegst du da drin auf den Fliesen oder was?" Bettinas Stimme drang durch den Vorhang.
„Weder noch." Inga öffnete den Vorhang einen Spalt. Mehr nicht. Bettina schob ihren Kopf durch die Lücke, und ihre Augen weiteten sich.
„Oh. Oh, wow."
„Sag nicht wow."
„Doch, wow. Wenn du das nicht kaufst, kaufe ich es. Und mir steht es nicht. Aber ich würde es trotzdem kaufen, nur um zu verhindern, dass es hier versauert."
Die Verkäuferin lehnte lässig an der Kasse, als sie die Reaktion hörte. Sie lächelte auf diese stille, zufriedene Art, die Inga in diesem Moment gleichzeitig wütend und dankbar machte.
„Steht es wenigstens? Oder sehe ich aus wie eine Werbung für eine Seniorenresidenz am Meer?"
Die Verkäuferin kam langsam näher und blieb einen Meter vor der Kabine stehen. Sie sah Inga an, nicht das Kleid.
„Sie sehen aus", sagte sie, „wie jemand, der normalerweise nur zusieht und jetzt aus Versehen selbst zum Zusehen ist. Das ist ein Unterschied, der mehr kostet als neunundsiebzig neunzig."
Neunundsiebzig Euro neunzig. Das war kein Spontankauf. Das war eine Entscheidung, die man rechtfertigen musste. Vor sich selbst, vor der Tochter, vor dem Kontostand. Inga versuchte, das Kleid mit Vernunft zu betrachten. Die Farben würden beim Waschen ausbluten. Der Stoff würde knittern. Sie hatte keine passenden Schuhe. Sie würde nirgendwo hingehen können, ohne dass Leute sie anstarrten.
„Ich weiß nicht", murmelte sie und zupfte am Saum.
„Ich weiß", sagte Bettina und verschränkte die Arme. „Aber ich will dich was fragen: Wann hast du das letzte Mal etwas gekauft, bei dem du nicht wusstest, ob du das richtige Alter dafür hast?"
Inga dachte nach. Sie kam auf nichts. Nicht auf eine Bluse, nicht auf Schuhe, nicht mal auf einen Lippenstift. Alles war abgewogen, geprüft, mit dem unsichtbaren Genehmigungsstempel des Alters versehen.
Sie drehte sich noch einmal zum Spiegel. Die Sonnenblumen leuchteten. Sie sahen nicht nach „jünger machen" aus, nicht nach „peinlich", nicht nach „Frau will nicht altern". Sie sahen einfach nach Sonnenblumen aus.
„Okay."
„Okay was?" Bettina stellte sich neben sie.
„Okay, ich nehm's."
Die Verkäuferin nickte, als hätte sie nie daran gezweifelt. Sie griff nach dem Preisschild, um es abzutrennen, aber Inga hielt sie zurück.
„Warten Sie. Ich zieh's gleich an."
Bettina klatschte in die Hände. „Die Hitze hat ihren Verstand geschmolzen. Endlich."
Als sie auf den Marktplatz hinaustrat, knallte die Sonne sofort auf ihre nackten Schultern. Das war das erste Ungewohnte. Überall nackte Haut. Ihre eigenen Sandalen klapperten auf dem Kopfsteinpflaster. Ein paar Tauben flogen erschrocken auf. Oder vielleicht bildete sie es sich auch nur ein.
Auf dem Weg zum Bahnhof kamen sie an den Tischen des Straßencafés vorbei. Ein kleiner Junge, der ein Eis aß, zeigte mit dem Finger auf Inga und rief: „Mama, guck mal, die Frau leuchtet wie eine Blumenwiese."
Inga spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Aber seine Mutter lachte und sagte: „Stimmt. Schön, oder?" Der Junge nickte eifrig.
Am Bahnhofseingang stand eine Gruppe Jugendlicher mit Skateboards. Einer von ihnen, mit einer Basecap verkehrt herum, sah Inga an und grinste breit. Sie rechnete mit einem blöden Spruch. Irgendwas mit Oma und Karneval. Aber er sagte nur:
„Geiles Kleid."
Und dann rollte er davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Inga stand da, die Tasche mit ihrer alten Bluse in der Hand, und spürte, wie sich etwas in ihrer Brust lockerte. Ein Knoten vielleicht, den sie zugezogen hatte, ohne es zu merken, und der jetzt langsam aufging. Nicht spektakulär. Einfach nur ein wenig mehr Platz zum Atmen.
Der Zug hatte noch immer Verspätung, als sie den Bahnsteig betraten. Die Anzeigetafel sprang von „30 Minuten" auf „40 Minuten". Ein paar Fahrgäste seufzten, andere telefonierten hektisch, eine Frau mit Kinderwagen schimpfte leise vor sich hin.
Inga setzte sich auf eine Bank, rückte die Träger des Kleides zurecht und sah den Leuten zu. Sie fiel auf. Natürlich fiel sie auf. Zwischen all den beigen Shorts und weißen Hemden und pastellfarbenen Shirts war sie der gelbe Fleck im Bild. Aber die Blicke waren nicht böse. Ein älterer Mann mit Stock nickte ihr zu. Eine junge Frau mit Kopfhörern lächelte kurz.
Der Schaffner, ein kräftiger Mann mit schneeweißem Bart, blieb auf seinem Kontrollgang direkt vor ihr stehen.
„Na, Sie haben sich aber den richtigen Tag ausgesucht für das Kleid." Er zeigte in den Himmel bei fast fünfunddreißig Grad. „Ohne Sonne wär's verschwendet."
Inga lachte. Ein echtes, tiefes Lachen, das sie selbst überraschte.
Endlich rollte der Zug ein. Die Türen öffneten sich zischend, und eine Welle von abgestandener Luft schlug ihnen entgegen. Inga und Bettina fanden zwei Plätze am Fenster. Die Fahrt war ruckelig, die Landschaft zog in gleißenden Hitzestreifen vorbei. Weinberge, ein stillgelegter Steinbruch, endlose Felder.
Bettina holte eine Tüte Bonbons aus ihrer Tasche. „Na, fühlst du dich jetzt wie ein Popstar?"
„Ich fühle mich, als hätte ich eine neue Identität angenommen. Ingrid Schröder jetzt offiziell Betreiberin einer Sonnenblumenplantage."
„Klingt besser als Buchhalterin in Rente."
„Alles klingt besser als das."
Sie lachten, und dann schwiegen sie. Inga starrte aus dem Fenster, ihr Spiegelbild leicht über die Landschaft gelegt. Eine Frau im gelben Kleid, die durch ein Weizenfeld zu schweben schien, während der Zug vorbeirauschte. Vielleicht war es doch das, was sie wollte. Nicht auffallen. Sondern einfach so aussehen, als hätte sie etwas zu erzählen.
Am späten Nachmittag erreichten sie ihr Dorf. Es war noch heiß, die Bürgersteige flirrten, aber unter den Linden am Dorfplatz war es erträglich. Vor dem Tante-Emma-Laden stand wie jeden Tag der alte Herr Kuhnert mit seinem Dackel und beobachtete die Welt. Als Inga vorbeiging, klappte sein Unterkiefer ein Stück nach unten.
„Frau Schröder? Sind Sie's?"
„Die einzig Wahre, Herr Kuhnert."
Er starrte das Kleid an. „Waren Sie bei einem Fest?"
„Nein, beim Einkaufen."
„Aha." Er nickte langsam. „Also, mir gefällt's. Meine Martha hätte so was auch mal tragen sollen, bevor sie… naja." Er wedelte mit der Hand, als wollte er die Erinnerung verscheuchen. „Schönen Tag noch."
Dackel Waldi kläffte einmal kurz und trottete dann weiter. Inga spürte, wie Bettina sie von der Seite musterte.
„Du hast dich kein einziges Mal entschuldigt."
„Wofür?"
„Dass du das Kleid anhast. Früher hättest du jedem, der guckt, sofort erklärt, warum das jetzt so ist. Dass es ein Versehen war, dass der Zug ausgefallen ist, dass du es eigentlich nur für zu Hause gekauft hast."
Inga dachte darüber nach. Sie hatte wirklich nichts erklärt. Kein Wort der Rechtfertigung. Nicht einmal vor Herrn Kuhnert.
„Ich hab's einfach nicht mehr eingesehen", sagte sie.
„Genau", sagte Bettina und hakte sich bei ihr unter. „Ab jetzt wird nicht mehr eingesehen."
Das letzte Stück bis zu Ingas Haus ging sie allein. Ihr kleines Reihenhaus am Ende der Kastanienallee, mit dem wilden Wein an der Fassade und den Geranien auf dem Fensterbrett. Sie schloss die Tür auf, trat in den kühlen Flur und stellte die Tasche mit der alten Bluse auf die Kommode. Dann ging sie ins Wohnzimmer zu dem großen Spiegel neben der Garderobe.
Die Frau im Spiegel war immer noch sie. Kein Wunder geschehen, keine Verjüngung, keine Verwandlung in eine andere Person. Aber die Frau im Spiegel hatte geweitete Pupillen und einen fast schelmischen Ausdruck. So einen Ausdruck hatte Inga das letzte Mal vor vierzig Jahren auf einem Foto von sich gesehen, als sie mit ihrem Mann beim Tanzen erwischt wurden, auf einem Fest, von dem alle dachten, sie wären zu alt dafür.
Sie öffnete den Kleiderschrank im Schlafzimmer und schob ihre Blusen und Hosen beiseite. Ganz hinten hingen noch vier Kleider, die sie seit Jahren nicht mehr getragen hatte. Zwei davon waren schwarz, für Beerdigungen. Eins war marineblau, für Geburtstage. Das vierte war ein hellblaues Sommerkleid mit weißen Punkten, das sie einmal für eine Hochzeit gekauft hatte. Sie hatte es nur an dem einen Tag getragen und dann nie wieder, weil es zu auffällig war.
Jetzt holte sie es hervor und hängte es neben das Sonnenblumenkleid. Das Blau und das Gelb stachen sich gegenseitig ab, und zusammen sahen sie aus wie ein Versprechen.
Ihr Telefon klingelte. Videoanruf von ihrer Tochter Lisa.
Sie zögerte kurz. Normalerweise nahm sie Videoanrufe immer als Sprachanruf entgegen, weil sie nicht wollte, dass Lisa die Wohnung im Hintergrund sah. Die Unordnung, das geplatzte Sofakissen, die Sache, die man immer erklären musste. Diesmal drückte sie auf grün.
Lisas Gesicht erschien auf dem Display, umrahmt von ihrer modernen Kölner Altbauwohnung. Sie trug ein schwarzes Top und hatte eine Hand an der Kaffeetasse.
„Hi Mama, ich wollte nur mal…"
Sie hielt inne. Ihre Miene wechselte von Routine zu völliger Überraschung.
„Mama? Was hast du denn an?"
„Ein Kleid. Mit Sonnenblumen."
„Das seh ich." Lisa brachte den Kopf näher an die Kamera. „Seit wann trägst du gelb?"
„Seit heute. Gegen Mittag, um genau zu sein."
Lisa war sprachlos. Das kam selten vor. Dann brach sie in Gelächter aus.
„Oh Gott, Mama, du siehst fantastisch aus. Wirklich. Ich bin total verwirrt, aber fantastisch."
„Ich bin auch verwirrt", gab Inga zu. Sie setzte sich aufs Sofa. „Ich hab's in einem kleinen Laden in Bad Salzig gekauft. Weil der Zug ausgefallen ist und Bettina mich in die Umkleidekabine geschubst hat."
„Dann muss ich mich bei Bettina bedanken."
„Oder du buchst einen Termin beim Psychiater für mich."
Lisa schüttelte energisch den Kopf. „Nein, nein. Hör auf damit. Weißt du, ich warte schon ewig darauf, dass du aufhörst, dich in diesen Rentnereinheitslook zu zwängen."
„So schlimm war's nicht."
„Doch, Mama. Du hast seit Papas Tod nur noch gedeckte Farben getragen. Immer. Als ob du Trauer tragen würdest, ohne es Trauer zu nennen."
Das traf eine Stelle, die Inga nicht vorbereitet hatte. Sie schluckte und strich den Rock des Kleides glatt.
„Vielleicht ist es jetzt genug", sagte sie leise.
Lisa nickte. Ihre Augen glänzten ein bisschen, aber sie verzog keine Miene.
„Ich muss Schluss machen, die Arbeit ruft. Aber Mama? Versprich mir was."
„Was denn?"
„Zieh das Kleid auch morgen an. Und übermorgen. Und wenn es dir gefällt, geh wieder in diesen Laden. Ich schick dir Geld, wenn's sein muss."
„Du schickst mir gar nichts."
„Dann kauf es dir selbst. Du hast genug auf dem Konto. Glaub mir, ich hab neulich die Steuererklärung für dich gemacht."
Inga lachte und winkte ab. „Pass auf dich auf, mein Mädchen."
„Du auch. Und grüß die Sonnenblumen."
Das Display wurde schwarz. Inga blieb noch sitzen, das Telefon in der Hand, während draußen die ersten Dämmerung durch die Kastanienblätter sickerte.
Nach einer Weile stand sie auf, holte die Gießkanne aus der Küche und trat auf den kleinen Balkon, der zum Garten hinausging. Von unten wehte der Geruch von frisch gemähtem Gras herauf. Zwei Häuser weiter stand Frau Krüger, die notorische Beobachterin der Nachbarschaft, und schnitt verblühte Rosen von ihren Stöcken. Sie hob den Kopf und sah Inga in dem Kleid.
Frau Krüger kniff die Augen zusammen, wie sie es immer tat, wenn sie abwog, ob sie etwas missbilligen oder ignorieren sollte. Sie steckte die Gartenschere in die Schürzentasche und rief über den Zaun: „Frau Schröder! Waren Sie im Urlaub?"
„Nur in Bad Salzig."
„Ah." Frau Krüger überlegte. „Ein bisschen bunt für den Alltag, finden Sie nicht?"
„Ja", sagte Inga und goss das Wasser über die Geranien. „Genau richtig."
Frau Krügers Mund öffnete sich und schloss sich wieder. Sie fand keine passende Antwort und wandte sich schließlich wieder ihren Rosen zu.
Bettinas Kopf tauchte über dem Zaun auf, als hätte sie nur darauf gewartet. Sie hielt eine Flasche Weißwein hoch.
„Ich dachte, wir könnten das Kleid heute Abend einweihen."
Inga lächelte und öffnete die Balkontür von der Küche aus. „Komm rüber. Ich hab Pflaumenkuchen vom Bäcker."
Eine Viertelstunde später saßen sie in der Abendsonne mit zwei Gläsern Wein und einem halben Kuchen, während die Grillen in den Büschen zu zirpen begannen. Inga hatte keine Strumpfhose an und keine Jacke übergeworfen. Nur das Kleid, die warme Luft und das Gefühl, etwas begonnen zu haben.
„Weißt du, was das Komische ist?", sagte sie nach einer Weile. „Ich hab gedacht, die Leute würden lachen. Oder tuscheln. Oder denken, ich bin nicht ganz dicht."
„Und?"
„Die meisten fanden es schön. Sogar Herr Kuhnert. Und Lisa hat fast geweint vor Freude."
Bettina nippte an ihrem Wein. „Die Leute lachen viel seltener, als man denkt. Meistens freuen sie sich einfach, wenn jemand Farbe zeigt."
„Vielleicht."
„Nicht vielleicht. Ich hab vierzig Jahre lang neben dir gesessen und gesehen, wie du dich kleiner machst, als du bist. Wird Zeit, dass du aufhörst damit."
Inga lehnte sich zurück und sah in den Himmel, der jetzt von Rosa zu Violett wechselte. Die letzte Fledermaus des Tages kurvte über den Kirchturm. Aus einem offenen Fenster wehte Musik herüber, ein alter Chanson, zu leise, um ihn zu erkennen.
Sie trug immer noch das Sonnenblumenkleid. Der Stoff war mittlerweile ein bisschen zerknittert, die Träger hatten sich minimal gedehnt. Aber das machte nichts.
„Morgen", sagte sie plötzlich, „gehe ich in den Laden zurück. Der hatte auch noch ein rotes Kleid. Mit Mohnblumen."
Bettina lachte und hob ihr Glas. „Auf den Mohn, meine Liebe."
„Auf den Mohn", sagte Inga.
Und irgendwo in der lauen Nacht von Rheinhessen, während die Lichter im Dorf eines nach dem anderen ausgingen, blieben auf dem Balkon zwei Frauen und eine Flasche Wein noch lange wach. Die eine erzählte, die andere hörte zu, und das gelbe Kleid flüsterte im Wind Versprechen, die noch keine Falte und keine Zahl und kein ungelesenes Urteil dieser Welt widerlegen konnten.
