Eine mitleidige Geste, die alles veränderte

Der Anruf meiner Mutter kam an einem Dienstagabend, kurz vor zehn. Ich saß im Stau auf der Stadtautobahn, die Klimaanlage war kaputt, und mein Chef hatte mir gerade eine Frist gesetzt, die ich niemals einhalten konnte. In dieser Stimmung hörte ich ihre aufgeregte Stimme aus dem Lautsprecher.

„Felix, du wirst es nicht glauben! Ich habe ein Kätzchen gefunden, direkt am Hoftor. Ganz elend und voller Räude. Es zittert, aber es hat die ganze Dose Thunfisch gefressen. Ich nenne ihn Strolch.“

Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf stieg. „Mama, du hast doch gerade erst die Reparatur der Heizung bezahlt. Das Tier muss zum Tierarzt, das kostet ein Vermögen. Und deine Rente…“

Sie ließ mich nicht ausreden. „Ich bringe ihn morgen zum Doktor Köppen in Brieselang. Der macht das für einen schmalen Preis. Das ist eine kleine Seele, Felix, die kannst du nicht einfach verhungern lassen.“

Ich stöhnte, aber sie hatte schon aufgelegt. Meine Mutter wohnte seit Papas Tod vor zwei Jahren fast das ganze Jahr über in dem kleinen Wochenendhaus am Schwielowsee. Ein windschiefes Häuschen mit einem verwilderten Garten, das mein Vater geliebt hatte. Ich kam kaum noch hin – zu weit, zu stressig, und ehrlich gesagt, zu viele Erinnerungen, die ich nicht sehen wollte.

Am Samstag fuhr ich voller düsterer Ahnungen hin. Ich hatte eine Transportbox im Kofferraum und den festen Vorsatz, das Tier ins nächste Tierheim zu bringen. Meine Frau Johanna war dagegen, aber sie hatte nicht die Nerven, mit mir zu streiten. Die beiden Kinder hörten nur das Wort „Kätzchen“ und quengelten sofort. Also ließ ich sie zu Hause und machte mich allein auf den Weg.

Als ich auf den Hof bog, sah ich meine Mutter auf der schmalen Veranda sitzen. In ihrem Schoß lag ein winziges, schmutzig-graues Bündel. Das Fell war verfilzt, an einer Flanke fehlten ganze Büschel, und das linke Auge des Katers war mit einer gelblichen Kruste verklebt. Er sah aus wie ein nasser Lappen, der in eine Pfütze gefallen ist.

„Bist du verrückt geworden?“, polterte ich, kaum dass ich ausgestiegen war. „Das ist eine halb verreckte Ratte, kein Haustier. Wir fahren den jetzt sofort weg. Ich hab die Box dabei.“

Meine Mutter zuckte nicht mal mit der Wimper. „Dann musst du über mich hinwegfahren. Der Kleine bleibt. Ich hab schon Augentropfen geholt und der Tierarzt hat gesagt, in zwei Wochen sieht er aus wie neu. Er hat halt Hunger gehabt. Und Angst.“

Sie drückte das Kätzchen noch fester an ihre verschlissene Strickjacke. Es gab ein leises, heiseres Maunzen von sich.

Ich schlug mit der flachen Hand auf die Motorhaube. Der Krach hallte über den verlassenen Garten. Mein Vater hätte mich für diesen Zorn gerügt, das spürte ich sofort. Aber der Mann war tot, und ich allein musste dafür sorgen, dass meine Mutter nicht ihr letztes Geld für einen streunenden Köter verplemperte. So dachte ich.

Den Rest des Nachmittags sprachen wir kaum miteinander. Meine Mutter kochte eine fettige Hühnerbrühe, fütterte das Tier mit einem Teelöffel und ignorierte meine genervten Blicke. Der Kater verschwand irgendwann unter der Veranda und tauchte nicht mehr auf. Gut so, hoffte ich, vielleicht verkriecht er sich und wir sehen ihn nicht wieder.

Der alte Teil des Hauses, in dem ich schlief, roch nach Moder und dem Seesand, der sich in den Dielenritzen sammelte. Ich wälzte mich auf der durchgelegenen Matratze und starrte an die Raufasertapete. Gegen Mitternacht gab ich auf und stand auf, um ein Glas Wasser zu holen.

Im Flur blieb ich wie angewurzelt stehen. Durch das schmale Fenster zur Gartenseite fiel bleiches Mondlicht auf eine Szene, die ich erst nicht begriff. Da draußen, mitten auf den ungepflegten Beeten, bewegte sich ein kleiner Schatten. Der Kater. Aber er schlenderte nicht einfach herum, er machte gezielte, lautlose Sätze. Sein kranker Körper spannte sich, der Schwanz zitterte, und dann – ein Sprung, den ich bei dem klapprigen Geschöpf niemals vermutet hätte. Er landete zwischen den vertrockneten Tomatenstauden, und als er sich umdrehte, baumelte eine dicke Feldmaus aus seinem Maul.

Ich kniff die Augen zusammen und hielt die Luft an. Das wiederholte sich. Der Kater trug die Maus an den Rand des Grundstücks, legte sie säuberlich ab und kehrte in die nächste Furche zurück. Kein hastiges Spiel, keine Unruhe – das Tier arbeitete, als hätte es nie etwas anderes getan. Innerhalb einer knappen Dreiviertelstunde zählte ich fünf Mäuse. Fünf. Die Erde um die Beete war kreuz und quer von Löchern durchsetzt, die ich tagsüber für Maulwurfshügel gehalten hatte.

In dieser Nacht schlief ich nicht mehr. Stattdessen zog ich mir den alten Parka meines Vaters über und setzte mich auf die Verandatreppe. Irgendwann kam der Kater, das schmutzige Fell vom Tau verklebt, und setzte sich eine Armlänge entfernt hin. Sein gesundes Auge funkelte im Silberlicht, das kranke sah schon viel klarer aus. Er musterte mich, als wollte er sagen: Du hast doch keine Ahnung gehabt, oder?

Am nächsten Morgen trat ich barfuß in den Garten. Ich grub mit dem Finger in dem sandigen Boden und legte ein ganzes Gangsystem frei. Überall Nagespuren, abgenagte Wurzelballen und der strenge Geruch von Mäuseurin. Der ganze Grund war unterhöhlt, ein einziges Nagetierbauprojekt. Das war der Grund, warum Papas prächtige Gemüsebeete seit Jahren nichts mehr trugen – nicht die Vernachlässigung, nicht das Wetter, sondern eine stille Plage, die sich ungestört vermehrt hatte.

Meine Mutter goss auf der Veranda Kaffee auf. „Guten Morgen, mein Sohn. Hast du schon gefrühstückt?“

Ich trat näher, den Dreck unter den Fingernägeln. „Mama, hast du gesehen, was Strolch nachts macht?“

Sie lächelte, ohne aufzublicken. „Schon in der ersten Nacht. Er ist ein Schatz. Dein Vater hätte ihn geliebt. Damals hat er immer gesagt, uns fehlt eine ordentliche Hofkatze, aber ich wollte nie eine, wegen der Vögel.“ Sie hob die Kanne. „Milch?“

Ich setzte mich zu ihr und ließ mir einschenken. Meine Stimme war auf einmal rau. „Es tut mir leid. Wegen gestern. Ich hab wieder nur Zahlen und Stress im Kopf gehabt, anstatt hinzusehen. Du hast recht behalten. Und der Kater ist mehr wert als zehn teure Mausefallen.“

Sie tätschelte meine Hand. Eine vertraute Geste, die mich sofort um dreißig Jahre zurückwarf.

In den folgenden Wochen kam ich jeden Samstag her. Zuerst allein, dann mit Johanna und den Kindern. Wir machten den Kater zum Projekt. Meine Frau, eine pragmatische Tierärztin aus der Kleintierpraxis, besorgte ein hochwertiges Aufbaufutter und erklärte uns, wie man die Ohrmilben behandelt. Meine Tochter Emmy pinselte dem Tier mit einem Wattepad die Krusten vom Auge, und mein Sohn Lasse baute aus einem alten Obstkorb ein Schlafnest für die Veranda. Der Name „Strolch“ blieb, weil er nachts so unermüdlich durch die Beete streunte, als wäre der ganze Garten sein persönlicher Wachposten.

Nach und nach wich das schüttere Fell einem dichten, aschgrauen Pelz mit feinen schwarzen Tigerstreifen. Das kranke Auge heilte vollständig ab, und die Rippen, die ich beim ersten Anblick noch einzeln zählen konnte, verschwanden unter einer leichten Speckschicht. Er wurde kein Schoßtiger, aber er duldete es, wenn meine Mutter abends auf der Bank saß und ihm unter dem Kinn kraulte. Dabei schnurrte er so laut, dass man es bis zum Seeufer hören konnte.

Eines Samstags brachte ich Farbe mit. Nicht irgendeine, sondern das hellblaue Fensterlack, das mein Vater vor zwanzig Jahren für die Holzläden ausgesucht hatte. Meine Mutter stand mit offenem Mund daneben, als ich die rostigen Beschläge abschliff. Wir sprachen nicht viel, aber ihre Augen glänzten verdächtig. An dem Tag brach ich zum ersten Mal seit der Beerdigung wieder in den Geräteschuppen ein, holte die verstaubten Werkzeuge und begann, die morschen Zaunlatten auszutauschen. Strolch thronte auf dem Komposthaufen und sah mir mit königlicher Geduld zu.

Vier Monate später, an einem lauen Augustabend, saß die ganze Familie auf der Wiese, die inzwischen wieder gemäht und gesäumt war. Der Grill qualmte, die Kinder jagten hinter Strolch her, der eine Stoffmaus durch den Klee schleifte. Meine Mutter hatte einen riesigen Pflaumenkuchen gebacken, und der Duft hing noch in der Luft. Ich lehnte mich im Liegestuhl zurück und sah zu, wie der Kater mit einem plötzlichen Satz eine echte Maus aus dem hohen Gras fischte, sie stolz präsentierte und dann achselzuckend fallen ließ – er war schließlich satt.

Da sagte meine Mutter leise, während sie mir eine zweite Portion Kuchen zuschob: „Weißt du, Felix, seit Papa fort ist, war ich so gut wie jeden Abend ganz allein. Die Stille war das Schlimmste. Und dann kam dieser zerzauste Kerl, und auf einmal hatte ich morgens wieder einen Grund, aufzustehen. Jemand, der auf mich wartet. Klingt albern, oder?“

Ich schüttelte den Kopf. „Klingt nach dem besten Grund der Welt, Mama.“ Ich griff nach ihrer Hand und drückte sie kurz. Kein großes Geständnis, nur ein kleines Zeichen.

Strolch sprang auf die Verandabrüstung, putzte sich eine Pfote und gähnte ausgiebig, als wäre all das nie in Frage gestanden. Der See glitzerte durch die Zweige der alten Weide, und ich wusste, dass ich nie wieder einen Anruf meiner Mutter verpassen würde.

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