Die Prinzessin, die keine sein wollte

Am Morgen des 29. Mai 1982, kurz nach acht, fand die Haushälterin Mireille Oberhoff die Tür zur Wohnung in der Rue Barbet-de-Jouy nur angelehnt. Die Luft draußen war noch kühl, ein später Frühlingsmorgen, zwölf Grad, Nebel über der Seine. Kein Kaffeegeruch aus der Küche, kein Radio. Auf dem Schreibtisch lag ein Brief, mitten im Satz abgebrochen. Die Frau, die ganz Europa als Kaiserin Sisi kannte, war 43 Jahre alt geworden.

Ihre Geschichte begann in Wien, 1938, unter dem Namen Rosemarie Albach – Tochter zweier bekannter Bühnenschauspieler, hineingeboren in eine Welt aus Kulissen und Applaus. Mit siebzehn stand sie zum ersten Mal für die Sisi-Trilogie vor der Kamera, und über Nacht kannte sie jedes Kino von Salzburg bis Hamburg. Kinder trugen ihr Gesicht auf Butterdosen, Frauen ließen sich die Frisur der jungen Kaiserin schneiden. Für Millionen war sie das Mädchen im Krinolinenkleid, das nie erwachsen werden durfte.

Genau daran erstickte sie fast. Mit Mitte zwanzig zog Romy nach Paris, mietete eine kleine Wohnung im 7. Arrondissement und begann, sich von der Rolle loszureißen, die ihr Gesicht und ihren Namen gefressen hatte. Sie wollte keine Operettenprinzessin mehr sein. Für einen einzigen Film verlangte sie später mehr Gage als für die gesamte Sisi-Trilogie zusammen – ein Satz, den sie einem Journalisten gegenüber fast beiläufig hinwarf, während sie sich eine Gitanes anzündete. Sie wollte Regisseure, die ihr etwas zutrauten, Drehbücher mit Rissen und Schatten, Figuren, die tranken, logen, scheiterten.

In dieser Pariser Zeit lernte sie Alain Delon kennen, sechsundzwanzig, gerade aus dem Militärdienst in Indochina zurück, ohne Geld, aber mit einem Blick, der jeden Raum für sich einnahm. Fotografen liebten sie als Paar: er am Steuer eines Citroën DS, sie im Beifahrersitz mit Sonnenbrille, beide lachend vor den Blitzlichtern. Die Zeitschriften nannten sie das schönste Paar Frankreichs. Was hinter den geschlossenen Fensterläden ihrer gemeinsamen Wohnung geschah, wusste niemand genau – nur, dass es am Ende zerbrach. Die Verlobung wurde gelöst, ein Brief kam per Post statt eines Gesprächs. Und doch blieb zwischen den beiden über Jahrzehnte etwas bestehen, das sich weder Freundschaft noch Liebe nennen ließ, sondern eher: gemeinsame Erinnerung, die niemand sonst teilen konnte.

Romy blieb in Frankreich, drehte mit Luchino Visconti, mit Claude Sautet, mit Joseph Losey, ließ sich von deutschen Regisseuren zurückholen für Rollen, die so gar nichts mit Wien zu tun hatten – Frauen, die betrogen, die verzweifelten, die sich selbst nicht mehr erkannten im Spiegel. Für „Die Dinge des Lebens" bekam sie 1970 den ersten großen Kritikerpreis ihrer französischen Karriere, für „Die Spaziergängerin von Sans-Souci" sollte sie später den César erhalten. Die Kritiker, die sie einst belächelt hatten, schrieben nun über eine der bedeutendsten Schauspielerinnen ihrer Generation.

Der Preis dafür zeigte sich erst später, in Etappen. Zwei Ehen, zwei Scheidungen. Ein Sohn, David, aus der ersten Ehe. Im Juli 1981 verbrachte der Vierzehnjährige die Ferien bei seinem Großvater in Süddeutschland. Beim Spielen versuchte er, über einen schmiedeeisernen Gartenzaun zu klettern. Eine Eisenspitze durchbohrte ihn. Er starb noch am selben Tag im Krankenhaus.

Wer Romy danach traf, beschrieb eine Frau, die weiterhin zu Drehterminen erschien, pünktlich, geschminkt, die Zeilen auswendig gelernt. Eine Kollegin erzählte später, Romy habe während einer Drehpause stundenlang eine kleine Kinderjacke in den Händen gedreht, den Reißverschluss auf und zu, auf und zu, ohne ein Wort zu sagen, bis man sie zum nächsten Take rief. Sie rauchte jetzt zwei Schachteln Gitanes am Tag statt einer, aß auf den Drehsets kaum mehr als eine Suppe, ließ nachts das Licht im Flur brennen. Im Frühjahr 1982 unterzog sie sich noch einer Nierenoperation; zwei Wochen später stand sie schon wieder vor der Kamera für einen Fernsehfilm.

In der Nacht zum 29. Mai setzte sie sich an ihren Schreibtisch und begann, einen Brief zu schreiben. Die Handschrift wurde gegen Ende unruhiger, ein Satz brach mitten im Wort ab. Am Morgen war ihr Herz stehen geblieben – die Ärzte stellten später ein Herzversagen fest, begünstigt durch die Erschöpfung der letzten Monate.

Die Nachricht erreichte Paris, Wien, Berlin und München noch am selben Tag. Zeitungen druckten Sonderausgaben, Kinos zeigten spontan alte Sisi-Filme, vor ihrer Wohnungstür lagen bald Blumen bis auf die Straße hinaus. Unter den ersten, die reagierten, war Alain Delon. Wenige Tage nach der Beerdigung veröffentlichte er einen offenen Brief mit dem Titel „Adieu, ma Puppelé" – ein Kosename aus ihrer gemeinsamen Zeit, den außer ihm niemand mehr benutzt hatte. Der Text war kein Nachruf im üblichen Sinn, sondern ein privates Gespräch, das er absichtlich öffentlich führte, als hätte er begriffen, dass er ihr sonst nie mehr etwas sagen könnte.

Jahre später betrat Sarah, Romys Tochter, an einem Nachmittag im Pariser Filmarchiv einen kühlen Kellerraum voller Metallregale. Sie trug einen Aktenkoffer, in dem die Papiere zu den Verwertungsrechten lagen, und stellte ihn auf den einzigen Tisch im Raum. Der Archivar reichte ihr eine Liste. Sie strich die Sisi-Trilogie durch, ohne zu zögern. Dann tippte sie mit dem Finger auf zwei Titel: „César et Rosalie" und „Die Spaziergängerin von Sans-Souci". „Diese hier", sagte sie. „Restaurieren, neu abziehen, ins Kino bringen." Der Archivar nickte, machte sich eine Notiz. Sarah schloss den Aktenkoffer, ließ die Schlösser einschnappen, und ging.

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