Das Notizbuch von Frau Brandt

An diesem Dienstagmorgen roch der ganze Salon nach Ammoniak und frisch gemahlenem Kaffee aus der Espressomaschine an der Rezeption. Ich arbeitete seit drei Jahren im "Blondine" in der Maximilianstraße, einem der teuersten Beautysalons in München, und hatte schon einiges gesehen. Aber diesen Vormittag werde ich nicht vergessen.

Die Glastür ging auf, und herein kam eine alte Frau. Vielleicht fünfundachtzig, vielleicht älter. Ihr grauer Mantel hatte an den Ärmeln Fäden, die sich lösten, ihre Schuhe waren an der Sohle mit Klebeband geflickt. In der Hand trug sie eine abgewetzte Ledertasche, die Ecken glänzten vom vielen Anfassen. Draußen fuhr gerade die Straßenbahn Linie 19 vorbei, man hörte das Quietschen durch die Fensterscheibe.

Meine Kollegin Jasmin, siebenundzwanzig, blondierte Strähnchen, Nasenpiercing, stand am Empfangstresen und musterte die Frau von oben bis unten. Sie verzog kaum merklich den Mundwinkel.

„Entschuldigung — sind Sie sicher, dass Sie hier richtig sind?", fragte sie, die Stimme zuckersüß und trotzdem spitz. „Das hier ist ein Premium-Salon."

Die alte Frau setzte sich auf einen der Ledersessel im Wartebereich, stellte die Tasche auf den Schoß und faltete die Hände darüber.

„Ich möchte nur einen einfachen Schnitt", sagte sie. Ruhig. Keine Spur von Kränkung in der Stimme.

Jasmin warf noch einen Blick auf das dünne, graue Haar der Frau und sagte halb im Scherz zu mir: „Wunder machen wir hier leider keine."

Ein paar Kundinnen unter den Trockenhauben kicherten. Ich stand mit dem Handtuchkorb in der Hand da und merkte, wie mir die Sache unangenehm wurde. Irgendwas an der Art, wie die alte Frau dasaß — kerzengerade, die Finger ruhig gefaltet —, passte nicht zu jemandem, der sich einschüchtern lässt.

Sie hob den Kopf.

„Sie wissen nicht, wer ich bin."

Kein Vorwurf. Eher eine Feststellung, wie man das Wetter ansagt.

Im Salon wurde es still. Nur der Fön an Platz vier lief noch, bis auch der ausgeschaltet wurde. Und dann sah ich, wie unsere Chefin, Frau Brandt, aus dem Hinterzimmer kam, wo sie sonst die Termine plante. Sie blieb mitten im Raum stehen. Ihr Gesicht wurde blass, richtig blass, als hätte sie gerade eine Rechnung bekommen, die sie nicht bezahlen kann.

„Kennen Sie die Dame?", fragte ich sie leise.

Frau Brandt antwortete nicht. Sie ging langsam auf die alte Frau zu, die Absätze klapperten auf dem Fliesenboden, jeder Schritt lauter als der davor.

Die alte Frau öffnete inzwischen ihre Tasche und zog ein kleines, abgegriffenes Notizbuch heraus, gebunden mit einem Gummiband, das schon halb ausgeleiert war. Sie legte es auf die Ablage neben sich, ohne es aufzuschlagen.

„Ich heiße Hildegard Vollmer", sagte sie. „Vor achtunddreißig Jahren habe ich dieses Ladenlokal gekauft. Es war eine Änderungsschneiderei, bevor es ein Salon wurde. Ich habe es 2003 an einen jungen Friseurmeister verkauft, unter der Bedingung, dass er es mir jederzeit zeigen lässt, wenn ich vorbeikomme. Das stand im Vertrag, Paragraph vier."

Frau Brandt schluckte. „Das — das war mein Vater. Er hat den Salon von Ihnen übernommen. Er ist vor sechs Jahren gestorben, ich führe das Geschäft jetzt."

„Ich weiß", sagte Hildegard. „Ich habe es in der Zeitung gelesen. Deshalb bin ich heute gekommen. Nicht wegen der Frisur."

Sie klopfte mit zwei Fingern auf das Notizbuch. „Hier drin stehen alle Zahlen. Was Ihr Vater mir monatlich für die Immobilie überwiesen hat, bis die letzte Rate 2019 fällig war. Und die letzten sieben Monate — seit März — ist nichts mehr gekommen. Meine Steuerberaterin hat mich letzte Woche angerufen. Sie sagte, die Firma, die das Geschäft heute führt, hätte einen neuen Namen. Nicht mehr Vollmer-Immobilien als Eigentümerin im Grundbuch, sondern eine GmbH, die ich nicht kenne."

Es war so still, dass man die Klimaanlage an der Decke summen hörte. Jasmin stand mit offenem Mund an der Rezeption, die Terminliste noch in der Hand.

Frau Brandt presste die Lippen zusammen. „Das war mein Mann. Er hat die Umschreibung veranlasst, als ich nach der Geburt unserer Tochter im Krankenhaus lag. Er sagte, es sei nur eine steuerliche Formsache."

„Steuerliche Formsache", wiederholte Hildegard langsam, „bei der mein Name aus dem Grundbuch verschwindet und meine monatliche Rate von neunhundertzwanzig Euro einfach aufhört zu kommen? Ich bin dreiundachtzig. Ich lebe von dieser Rate und von meiner kleinen Rente, sechshundertfünfzig Euro im Monat. Im Juli konnte ich meine Heizkostenabrechnung nicht bezahlen. Meine Nachbarin, Frau Özkan aus dem dritten Stock, hat mir hundert Euro geliehen, damit die Kasse nicht gesperrt wird."

Eine der Kundinnen unter der Trockenhaube — eine Frau mit Lockenwicklern und Klatschzeitschrift auf dem Schoß — hatte inzwischen ganz vergessen zu blättern.

Frau Brandt griff sich mit beiden Händen an den Kopf. „Das wusste ich nicht. Ich schwöre, das wusste ich nicht. Er hat mir gesagt, alles läuft wie vereinbart."

„Dann rufen wir ihn jetzt an", sagte Hildegard und schob ihr Notizbuch ein Stück zu Frau Brandt hinüber, so wie man jemandem eine Rechnung reicht.

Frau Brandt zog ihr Handy aus der Kitteltasche, die Hand zitterte, während sie die Nummer wählte. Sie stellte laut, damit alle es hören konnten — vielleicht aus Scham, vielleicht damit niemand später sagen konnte, sie hätte etwas vertuscht.

„Markus", sagte sie, die Stimme fest, „Frau Vollmer sitzt hier im Salon. Sie sagt, seit März ist keine Zahlung mehr auf ihrem Konto eingegangen. Erklär mir das."

Eine Pause. Man hörte ihn atmen, bevor er antwortete. „Ich — die Firma hatte Liquiditätsprobleme, ich wollte erst das Geschäft stabilisieren, dann —"

„Dann was, Markus? Sie hat ihre Heizung im Juli nicht bezahlen können."

Stille am anderen Ende.

Frau Brandt legte auf, ohne sich zu verabschieden. Sie sah Hildegard an, dann sich selbst im großen Wandspiegel gegenüber, mit dem Fön noch in der linken Hand.

„Was möchten Sie, dass ich tue?", fragte sie.

Hildegard nahm ihr Notizbuch zurück und steckte es in die Tasche. „Ich möchte mein Geld. Rückwirkend, mit den vereinbarten Zinsen aus dem Vertrag — vier Prozent, Paragraph sieben. Das macht, mit den sieben ausstehenden Monaten, sechstausend vierhundertvierzig Euro. Und ich möchte, dass mein Notar, Herr Dr. Weidmann in der Sonnenstraße, den Grundbucheintrag wieder überprüft. Wenn die Umschreibung ohne meine Unterschrift erfolgt ist, war sie nicht gültig."

Frau Brandt nickte, ihre Hände hörten nicht auf, den Fön zu drehen, bis sie ihn schließlich auf die Ablage legte.

„Ich rufe heute noch meinen Anwalt an. Und ich zahle Ihnen die sechstausendvierhundertvierzig Euro aus meinem eigenen Konto, noch diese Woche. Egal was Markus dazu sagt."

Hildegard stand auf, glättete ihren alten Mantel und sah zu mir herüber. „Junge Frau", sagte sie, „ich hätte trotzdem gern diesen einfachen Haarschnitt. Wenn es keine Umstände macht."

Ich führte sie zu Platz drei, dem besten Stuhl im Raum, mit Blick auf die Straße. Während ich ihr die Umhängung anlegte, sah ich draußen, wie ein Mann in einem grauen Anzug — es musste Markus sein — sein Auto vor dem Salon parkte, ausstieg und durch die Scheibe schaute. Er blieb auf dem Gehweg stehen. Kam nicht rein.

Frau Brandt ging selbst zur Tür, öffnete sie einen Spaltbreit und sagte nur: „Nicht jetzt. Wir reden zu Hause." Dann schloss sie die Tür wieder, drehte sich um und band sich, als wäre nichts gewesen, die Schürze um die Hüfte.

Ich schnitt Hildegard Vollmer die Haare, ganz einfach, wie sie es sich gewünscht hatte. Als sie ging, drückte sie mir zwei Euro Trinkgeld in die Hand — mehr hatte sie nicht dabei, sagte sie, aber sie würde nächste Woche wiederkommen, mit dem Geld vom Notar. Jasmin räumte wortlos den Kamm weg und sah ihr nach, bis die Straßenbahn um die Ecke bog.

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