Das siebzehnte Jahr seiner Ehe

Ich hatte nicht vor, mich zu verlieben. Schon gar nicht in einen verheirateten Mann mit zwei Kindern und einer Ehe, die länger hielt als meine gesamte Berufslaufbahn. Als ich die Stelle in der Münchner Anwaltskanzlei antrat, wusste ich genau: Der Abteilungsleiter ist vergeben, glücklich, unantastbar. Ich würde mich auf meine Arbeit konzentrieren und gut sein lassen.

Die ersten Monate liefen wie geplant. Ich nannte ihn „Herr Doktor Brandt“ und er mich „Frau Sommerfeld“, und dazwischen lag ein Schreibtisch aus Nussbaumholz, auf dem eine Familienfotografie stand. Ehefrau, zwei Buben im Teenageralter, ein Foto vom Chiemsee-Urlaub. Eine vollständige Welt.

Dann kam das Mandat.

Ein Übernahmefall, der uns beide in denselben Verhandlungsraum zwang. Plötzlich war er nicht mehr der Mann hinter der Tür, sondern jemand, der mir gegenübersaß, Kaffee nachschenkte und über Aktenvermerke trockene Bemerkungen machte, über die ich wider Willen lachen musste. Er löste Probleme ohne Aufhebens, hörte zu, bevor er sprach, und hatte die Angewohnheit, den Kugelschreiber zwischen den Fingern zu drehen, während er nachdachte. Ich bemerkte diese Kleinigkeit irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Verhandlungstermin. Das war der Anfang vom Ende meiner Ruhe.

Es geschah in Etappen. Zuerst freute ich mich auf die Termine. Dann zählte ich die Stunden bis zu den Besprechungen. Dann lag ich nachts wach und stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich ihn berühren dürfte. Nur die Hand auf seinen Ärmel. Nur einmal.

Ich schämte mich.

Vier Monate nach dem ersten gemeinsamen Termin blieben wir abends allein im Konferenzraum. Draußen zog ein Novemberregen über die Leopoldstraße, und die Computerlüfter summten, und auf dem Tisch lagen Vertragsentwürfe, die keiner von uns mehr las. Er schaute mich an, und irgendetwas in seinem Gesicht hatte sich verändert.

„Sagen Sie es nicht“, bat ich. Meine Stimme klang fremd, als hätte jemand anderes sie benutzt.

Er sagte es trotzdem: „Sie bedeuten mir zu viel. Und das ist falsch.“

Ich starrte auf den Kugelschreiber, der nicht mehr stillhielt.

„Sie haben eine Familie“, brachte ich heraus.

„Ich weiß.“ Er legte den Stift hin, endlich. „Deshalb darf nichts geschehen. Nicht ein einziges Mal.“

„Ich weiß.“

Mehr fiel mir nicht ein. Wir saßen da, während die Heizung knackte und irgendwo im oberen Stockwerk eine Putzfrau den Eimer über den Fliesen schob. Dann stand er auf, rückte seinen Stuhl an den Tisch, als müsste die Ordnung wiederhergestellt werden.

„Ich gehe jetzt. Sonst tue ich etwas, das ich bereuen würde.“

Die Tür fiel ins Schloss. Ich blieb sitzen, bis das Licht im Flur ausging, und weinte zum ersten Mal seit Jahren.

Danach begann der Alltag, der schlimmer war als der Abend im Konferenzraum.

Wir begegneten uns täglich, und täglich spielten wir zwei Rollen. Er nannte mich wieder „Frau Sommerfeld“, ich antwortete im Tonfall einer Sachbearbeiterin, die nichts von ihm wollte. Wir besprachen Fristen, Vertragsklauseln, Verhandlungsstrategien. Wenn sich unsere Hände über einem Aktenordner begegneten, zogen wir sie weg, als läge Feuer zwischen uns. Ich glaube, wir beide wussten, dass es brannte.

Eines Tages, in der Kaffeeküche, hörte ich zwei Kolleginnen über seine Ehe reden. „Sie sind seit der Schulzeit zusammen. Siebzehn Jahre, stell dir vor. Ohne einen einzigen Skandal. Die führen die perfekte Ehe.“ Ich stand am Wasserkocher und hielt meine Tasse so fest, dass die Finger weiß wurden. Perfekt. Siebzehn Jahre. Und ich war nichts anderes als eine Unterbrechung, die nicht stattfinden durfte.

Ich schrieb die Kündigung noch am selben Abend.

Am nächsten Morgen legte ich den Briefumschlag der Personalabteilung hin. Drei Stunden später stand er in meinem Büro, die Tür nur angelehnt, die Stimme leise.

„Warum?“

„Persönliche Gründe.“

„Wegen mir.“

Es war keine Frage. Ich antwortete nichts. Draußen klingelte ein Telefon, jemand lachte auf dem Flur.

„Bleiben Sie“, sagte er. „Sie sind gut in dem, was Sie tun. Die Kanzlei braucht Sie. Sie brauchen diesen Job.“

„Ich kann nicht.“ Ich zwang mich, den Satz zu Ende zu bringen. „Ich kann Sie nicht jeden Tag sehen und wissen, dass nie etwas passieren wird. Und dass es nie hätte anfangen dürfen.“

Er setzte sich auf den Stuhl gegenüber von mir, ohne gefragt zu haben. Der Kugelschreiber lag auf dem Schreibtisch. Er nahm ihn nicht.

„Es ist für mich auch schwer“, bekannte er. „Aber ich habe mich für meine Familie entschieden. Schon lange bevor ich Sie kennengelernt habe. Diese Entscheidung wird sich nicht ändern, nur weil ich … etwas fühle. Gefühle vergehen. Ehe nicht.“

„Und wenn diese Gefühle nicht vergehen?“

„Dann muss ich lernen, damit zu leben. Aber ich werde nicht siebzehn Jahre, zwei Kinder und eine Frau wegwerfen. Das habe ich ihr versprochen, und das verspreche ich jetzt mir selbst.“

Er war so ruhig, dass es fast unbarmherzig wirkte. Und ich wusste, dass er recht hatte. Etwas in mir zog sich zusammen, und es fühlte sich an wie ein Muskel, der endgültig nachgab.

„Es tut mir leid“, brachte ich hervor. „Ich habe das nicht gesucht. Es ist einfach passiert.“

„Es tut mir auch leid. Ich hätte von Anfang an mehr Distanz wahren müssen. Das war mein Fehler, nicht Ihrer.“

Zum Abschied reichte er mir die Hand. Kein Händedruck war jemals schwerer als dieser. An der Tür drehte er sich nicht um.

Zwei Wochen später arbeitete ich in einer Kanzlei in Köln. Neue Stadt, neue Kollegen, neue Wohnung im dritten Stock mit Blick auf den Gürtel und die Klagen über die KVB, die morgens nie pünktlich fuhr. Ich legte mir die Hektik als Schutzwall zu: Termine, Pendeln, Einkäufe, der Duft von frischem Backwerk aus der Bäckerei auf der Venloer Straße. Nach ein paar Monaten merkte ich, dass ich seltener an ihn dachte. Dann seltener. Dann nur noch, wenn mir ein Lied von damals im Radio entgegenschlug oder jemand einen Kugelschreiber auf die Schreibtischplatte legte.

Zwei Jahre später traf ich Johannes. Er war Architekt, geschieden, mit zwei Katzen und der Angewohnheit, abends am Rheinufer Wildgänse zu beobachten. Es war nicht die Hitze von damals, sondern etwas Ruhiges, Sicheres. Und genau darin lag die Befreiung: keine verschlossenen Türen, keine Blicke, die sich wegduckten, keine Scham.

Vor drei Wochen sah ich ihn wieder. Er stand mit seiner Familie vor der Frauenkirche in Dresden, wohin ich zu einem Mandantentermin gereist war. Touristengruppen schoben sich vorbei, hinter dem Glockenspiel lachte ein Kind. Er hielt die Hand seiner Frau. Sein jüngerer Sohn, der damals auf dem Foto noch ein Halbwüchsiger war, trug inzwischen einen Aktenkoffer, als wolle er seinem Vater nacheifern.

Ich blieb auf dem Platz stehen, nur kurz. Er sah auf, erkannte mich, nickte. Ich hob die Hand. Ein Gruß von zwei Menschen, die sich fast zerstört hätten und es nicht taten. Dann drehte ich mich um und trat in die Menge.

Der Schmerz war nicht mehr da. Nur eine klare Gewissheit, ruhig wie das Licht am Abend: Ich hatte mich entschieden, nicht zu zerstören. Und damit hatte ich mir selbst die einzige Tür offen gehalten, durch die ich heute gehen konnte.

Vier Wochen nach der Begegnung in Dresden räumte ich meine Wohnung in Köln auf. Zwischen alten Akten und einem Stapel Konzertkarten fand ich den Briefumschlag, den ich nie abgeschickt hatte: eine kurze Nachricht an ihn, geschrieben an jenem Novemberabend, voller Sätze, die ich nie hätte sagen dürfen. Ich setzte mich auf den Boden und las sie. Dann nahm ich ein Feuerzeug aus der Küchenschublade und verbrannte das Papier im Ausguss, bis nur noch graue Krümel durch das Sieb sickerten. Am Montag darauf fragte Johannes, ob ich mit ihm nach Rotterdam fahren wolle, um ein Bauprojekt anzusehen. Ich sagte zu. Im Zug drückte ich meine Hand auf seine, und zum ersten Mal seit langer Zeit wünschte ich mir, die Fahrt würde nicht so schnell enden.

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Uniad
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