Die Schuhschachtel von Herrn Brandt

Ich bin derjenige, der die Schecks nie eingelöst hat. Drei Jahre lang. Und ich würde es wieder tun.

Als Kathrin zum ersten Mal vor meiner Tür stand, hatte sie ein Kind an der Hand und einen Autositz unter dem Arm. Mehr brachte sie nicht mit. Der Wagen, ein alter silberner Opel Astra mit abblätterndem Lack am Kofferraum, stand halb auf dem Gehweg. Sie fragte nicht nach einem Mietvertrag. Sie fragte nur, ob die Wohnung trocken sei.

Ich bin zweiundsiebzig. Ich wohne seit achtundvierzig Jahren in diesem Haus in der Cranachstraße in Wuppertal, und der Anbau, den ich vermiete, war früher die Werkstatt meines Bruders. Er ist vor zwölf Jahren gestorben. Lungenkrebs. Seitdem steht der Raum leer, bis auf die Werkbank, die ich nicht übers Herz gebracht habe rauszutragen.

Kathrin hieß eigentlich anders, aber das erwähne ich später. Sie war achtundzwanzig, geschieden, mit einer Tochter namens Mia. Das erfuhr ich erst nach und nach, weil sie nie viel redete. Sie wirkte wie jemand, der gelernt hat, dass jedes unnötige Wort etwas kosten kann.

Ich verlangte vierhundertachtzig Euro im Monat. Das war ein Witz, das wusste ich. Aber ich brauchte das Geld nicht. Meine Rente reicht, das Haus ist abbezahlt, und mein Bruder hat mir ein Sparbuch hinterlassen, das ich nicht anfassen will.

Sie gab mir jeden Monat einen Scheck. Ich nahm ihn, steckte ihn in die Schuhschachtel und ging wieder rüber.

Die ersten drei Monate dachte ich noch, ich würde sie einlösen. Dann sah ich, wie Kathrin jeden Morgen um halb sechs das Haus verließ: Erzieherin in einer Kindertagesstätte, Schichtbeginn um sechs. Sie fuhr nicht mit dem Bus. Sie ging zu Fuß, auch im Regen, auch im Januar, wenn der Schneematsch auf der Cranachstraße knöcheltief stand. Einmal zählte ich die Tage, an denen der Astra bewegt wurde: viermal im Monat. Der Rest war Stillstand.

Sie hatte immer den gleichen dunkelblauen Mantel an. Und jedes Mal, wenn sie zurückkam, trug sie eine Plastiktüte vom Netto am Eckbusch.

Ich bin kein guter Mensch. Ich bin nur ein alter Mann, der gesehen hat, was passiert, wenn man jemandem im falschen Moment zu viel wegnimmt. Meine Schwägerin hat das getan. Bei ihrem eigenen Sohn. Er hat mit neunzehn aufgehört, sie anzurufen. Jetzt lebt er in Neuseeland, und sie bekommt einmal im Jahr eine Karte, die sie mir zeigt, als wäre das ein Sieg. Es ist keiner.

Also ließ ich die Schecks liegen.

Das Dumme ist, dass Kathrin das nicht verstanden hat. Nicht, weil sie undankbar war, sondern weil sie ehrlich ist. Nach dem dritten Monat klopfte sie an meine Tür, den Kontoauszug in der Hand, und sagte: „Herr Brandt, Sie haben den Scheck nicht eingelöst. Ich kann das überweisen, wenn Ihnen das lieber ist. Oder bar zahlen. Sagen Sie mir, wie Sie es brauchen.“

Ich sah sie an. Dann sagte ich: „Passt schon.“ Und schloss die Tür.

Das war kein gutes Gespräch, das weiß ich. Aber was hätte ich sagen sollen? Dass ich ihr Geld nicht will, weil ich nachts wachliege und an ihre Heizkosten denke? Dass ich einmal gesehen habe, wie sie im Rewe die günstigste Milch genommen hat und dabei das Haltbarkeitsdatum geprüft hat, als hinge ihr Leben davon ab?

Nach sechs Monaten hätte ich es auflösen können. Habe ich nicht. Nach zwölf auch nicht. Der Stapel in der Schuhschachtel wurde dicker: ein alter Karton von Wanderschuhen, Größe 46, den ich 1998 gekauft habe und nie getragen. Jeden Monat legte ich einen Scheck dazu, und die Schachtel stand auf dem Regal im Flur, neben dem Ölgemälde von der Wupper, das meine Mutter gemalt hat.

Ich weiß, dass Kathrin jeden Ersten auf ihr Konto geschaut hat. Sie hat es mir nie gesagt, aber ich habe es gemerkt: Sie wirkte an diesen Tagen immer besonders angespannt, als würde sie auf einen Anruf warten, der nie kam. Ich war dieser Anruf. Und ich kam nicht.

Das ging bis letzten Dienstag so. Da klopfte sie wieder. Diesmal ohne Mia. Sie hatte einen kleinen Notizblock in der Hand, auf den sie etwas geschrieben hatte. Sie zitterte leicht, aber ihre Stimme war ruhig. Sie sagte: „Herr Brandt, ich habe ausgerechnet, dass inzwischen über siebzehntausend Euro aufgelaufen sind. Ich kann nicht mehr schlafen. Sie müssen mir sagen, warum Sie das tun. Oder ich höre auf, Schecks auszustellen, und überweise auf ein Konto, das Sie mir nennen. So geht das nicht weiter.“

Ich bat sie herein. Das hatte ich in drei Jahren nicht getan. Sie setzte sich auf die Kante des Sessels, als hätte sie Angst, etwas schmutzig zu machen. Ich holte die Schuhschachtel.

„Mach auf“, sagte ich.

Sie hob den Deckel ab. Darin lagen sechsunddreißig Schecks, ordentlich nach Monaten sortiert, von April bis März. Und ganz unten etwas anderes: ein gefaltetes Blatt Papier, vergilbt, mit einer Notiz in der Handschrift meines Bruders.

Kathrin nahm den Zettel. Sie las die Worte laut vor: „Wenn du jemandem wirklich helfen willst, nimm nichts dafür. Sonst war es keine Hilfe, sondern ein Geschäft.“

Sie saß lange still. Dann fragte sie: „Ist das von Ihnen?“

„Von meinem Bruder“, sagte ich. „Er hat mir diese Werkstatt hinterlassen. Und diese Worte.“

Ich erklärte ihr, dass ich die Miete nie angenommen habe, weil ich von Anfang an gesehen hatte, wofür sie jeden Cent brauchte. Nicht aus Mitleid. Sondern weil ich mich an etwas erinnere, das ich mit siebzehn gesehen habe: Meine Mutter hat damals die Heizung abgestellt, um die Schulbücher meines Bruders zu bezahlen. Er hat es nie erfahren. Sie hat nie darüber gesprochen. Aber ich habe es gesehen.

„Ich will das Geld trotzdem zahlen“, sagte Kathrin. „Ich will keine Schulden bei Ihnen haben.“

„Dann kauf deiner Tochter die Winterstiefel, die sie braucht“, antwortete ich. „Das zahlst du zurück. Bei ihr.“

Am nächsten Morgen fand ich einen Umschlag vor meiner Tür. Darin war eine Karte mit einem gemalten Bild von Mia: ein gelbes Haus, ein großer Baum, und zwei Figuren, die an den Händen hielten. Daneben stand mit Kinderhandschrift: „Für Herrn Brandt. Weil Sie uns sehen.“

Ich habe die Karte in die Schuhschachtel gelegt. Zu den Schecks. Und ich habe beschlossen, die Schachtel nicht mehr anzufassen, bis ich sie eines Tages meiner Nichte gebe. Zusammen mit dem Sparbuch meines Bruders. Damit sie versteht, dass Geld allein nichts ist.

Aber zuerst habe ich noch etwas getan, wovon niemand weiß: Ich bin am selben Tag zur Bank gegangen und habe siebzehntausend Euro auf ein Konto eingezahlt, das ich nie eröffnen wollte. Ein Tagesgeldkonto. Für Mia. Abrufbar, wenn sie achtzehn ist. Ohne dass Kathrin davon weiß.

Sie soll nie das Gefühl haben, dass sie mir etwas schuldet. Denn das ist das Einzige, was ich ihr nicht geben will: eine Schuld, die man nicht tragen kann.

Als ich zurückkam, parkte der Opel Astra vor dem Haus. Die Motorhaube war warm. Kathrin stand an der Tür, in der Hand einen Topf mit Kohlsuppe. Sie sagte nur: „Zum Ersten. Ohne Scheck.“

Ich habe genickt. Und zum ersten Mal seit zwölf Jahren habe ich meinen Bruder nicht am Grab besucht, sondern in meiner Küche. Mit einer Frau, die nicht meine Tochter ist, und einem Kind, das mich sieht.

Und ich habe die Kohlsuppe gegessen, als wäre sie das Beste, das ich je gekocht habe.

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