Vierzig Quadratmeter Erker in der Karl-Marx-Straße

Marlene sah es schon beim ersten Besuch der Schwiegermutter. Renate Brandt trat über die Schwelle, und ihr Blick wanderte sofort durch die Wohnung – die hohen Stuckdecken, den breiten Flur, die drei Türen zu den drei Zimmern. Kein Gästeblick. Eher der einer Maklerin, die im Kopf schon Quadratmeter multipliziert. Marlene dachte sich damals nichts weiter dabei. Man schaut sich eben um, wenn man zum ersten Mal irgendwo ist.

Aber es blieb nicht bei dem einen Mal. Ein Jahr verging, und die Besuche wiederholten sich, immer mit demselben Rundgang, immer mit demselben Satz am Ende.

„Großzügig habt ihr's hier", zog Renate die Worte in die Länge, während sie sich im Wohnzimmer niederließ. „Richtig großzügig. Und das dritte Zimmer, seh ich, steht leer bei dir, Marlene. Nutzt du das überhaupt?"

„Das ist mein Arbeitszimmer", erklärte Marlene ruhig. „Ich sitze da, wenn ich für die Kanzlei was vorbereite. Manchmal übernachtet auch jemand drin."

„Arbeits-zimmer", wiederholte die Schwiegermutter, als wäre das Wort etwas Anrüchiges. „Muss man sich mal vorstellen. Ein Zimmer zum Arbeiten, eins zum Schlafen, eins zum Wohnen. Für zwei Leute. Findest du das nicht ein bisschen viel?"

Marlene schwieg lieber. Sie war keine, die sich sofort auf einen Streit einließ. Als Syndikusanwältin bei einer Bausparkasse in Leipzig hatte sie gelernt, hinter Sätzen die eigentliche Absicht zu suchen – und die Absicht ihrer Schwiegermutter wurde von Monat zu Monat deutlicher.

Die Wohnung in der Karl-Marx-Straße, im Leipziger Süden, hatte Marlene sich selbst erarbeitet. Fünf Jahre hatte sie gespart, nebenbei Vertragsprüfungen für kleinere Firmen übernommen, auf Urlaube verzichtet, auf neue Möbel, auf fast alles. Mit vierunddreißig zog sie ein in eine sanierte Altbauwohnung mit Erker, Blick auf den kleinen Park gegenüber, wo im Herbst die Kastanien auf den Gehweg fielen und der Hausmeister sie mit dem Laubbläser wegpustete, bis der ganze Hof nach nassem Holz roch. Neunundvierzigtausend Euro Restschuld hatte sie in gut vier Jahren abbezahlt, weil sie es nicht ertrug, irgendjemandem etwas zu schulden.

Torben lernte sie erst danach kennen, auf dem Geburtstag einer gemeinsamen Freundin. Ein Jahr später heirateten sie. Er arbeitete als Verkaufsberater bei einem Autohaus am Stadtrand, hatte selbst nie eine eigene Wohnung besessen, war vorher zur Miete gewohnt und zog nach der Hochzeit bei Marlene ein. Er wusste genau, wem die Wohnung gehörte, und machte sich darüber nie etwas vor. Am Anfang lief es gut. Torben war unkompliziert, half im Haushalt, keine Reibereien.

Das Problem kam, wie so oft, von der Seite, mit der niemand gerechnet hatte. Torbens jüngere Schwester Franziska, achtundzwanzig, hatte einen fünfjährigen Sohn namens Ben. Früh verheiratet, schnell wieder geschieden, wohnte sie jetzt mit dem Jungen zur Miete in Grünau, in einer Einzimmerwohnung, für die sie monatlich mehr zahlte, als ihr eigentlich blieb. Der Unterhalt vom Ex kam unregelmäßig. Und Renate litt mit ihrer Tochter, das war nachvollziehbar. Nur dass sie das Heilmittel für Franziskas Nöte ausgerechnet in einer fremden Tasche suchte. Genauer: in Marlenes Wohnung.

Erst waren es vorsichtige Andeutungen. Dann wurden sie deutlicher.

„Franzi mit dem Kleinen muss sich in dieser Bruchbude zusammenquetschen", seufzte Renate beim gemeinsamen Abendessen. „Und bei euch stehen die Zimmer leer. Ist das gerecht? Die eine hat alles, die andere nichts."

Torben blickte in solchen Momenten nur auf seinen Teller, den Löffel in der Suppe drehend, ohne zu essen. Marlene spürte, wie das Gespräch auf etwas zusteuerte, sagte aber nichts. Sie wartete lieber, bis jemand seinen Gedanken zu Ende gebracht hatte – dann erst antwortete sie.

Und Renate brachte ihn zu Ende. Bei einem der Besuche, die Kaffeetasse schon beiseitegestellt, kam sie ohne Umschweife zur Sache.

„Marlene, ich hab mir das überlegt", begann sie, so beiläufig, als wäre die Sache längst beschlossen. „Dein Arbeitszimmer steht doch leer. Und Franzi zieht mit dem Kind von einer Bude in die nächste, gibt ihr letztes Geld für Miete aus. Also lasst sie doch bei euch einziehen. Ins Arbeitszimmer. Steht ja sowieso nur rum. Familie muss zusammenhalten. Ihr rückt ein Stück zusammen, das tut euch nicht weh."

Es klang so beiläufig, dass Marlene einen Moment brauchte, um überhaupt zu antworten. Als würde man einen Stuhl verrücken, nicht eine fremde Frau mit Kind auf unbestimmte Zeit einquartieren.

„Renate", sagte Marlene, den Kaffeebecher von sich schiebend, „diese Wohnung habe ich selbst gekauft. Noch bevor ich Torben kennengelernt habe. Von meinem eigenen Geld, das ich mir über Jahre zusammengespart habe. Ich habe wirklich Mitgefühl für Franziska. Aber ich werde niemanden bei mir einziehen lassen. Das ist mein Eigentum, und ich entscheide, was damit passiert."

Am Tisch wurde es einen Moment lang so still, dass man die Heizung ticken hörte. Renates Gesicht wurde lang, dann hart.

„Ach so ist das", presste die Schwiegermutter kalt hervor. „Geiz also. Der eigenen Schwägerin ein Zimmer verweigern. Nicht mal ein leeres Zimmer gönnst du ihr."

„Es geht nicht um Geiz", antwortete Marlene unbeirrt. „Es geht darum, dass das mein Eigentum ist, und nur ich darüber entscheide."

„Eigentum, Eigentum!", schnaubte Renate. „Familie ist wichtig, nicht deine Quadratmeter. Aber dir sind die Meter wohl wichtiger als Menschen."

Marlene stritt nicht weiter. Es hätte nichts gebracht. Sie sah, dass Renate die Absage nicht als das Recht einer Eigentümerin verstand, sondern als persönliche Kränkung. Und ihr war klar: Das war noch nicht das Ende.

Von diesem Abend an begann Renate, was Marlene in der Kanzlei einen „Zermürbungsantrag" genannt hätte. Nur richtete sie den Druck nicht mehr an Marlene, sondern an ihren Sohn.

„Torben, wo bleibst du eigentlich?", fing sie ihn ab, sobald Marlene nicht in der Nähe war. „Deine Schwester mit dem Kind zieht von Miete zu Miete, und deine Frau lebt hier wie im Schlaraffenland. Schämst du dich nicht? Du bist der Mann im Haus. Sag ihr mal ein Wort."

„Mama, das ist Marlenes Wohnung", murmelte Torben. „Was soll ich ihr sagen…"

„Eben das sollst du sagen! Eine Frau soll auf ihren Mann hören! Was ist das für eine Ordnung – sie entscheidet alles allein, und du stehst nur daneben? Die eigene Schwester auf der Straße lassen – ist das menschlich, oder was meinst du?"

Anfangs hielt Torben stand, wollte sich aus dem Streit heraushalten. Er liebte Marlene, hatte Mitleid mit seiner Schwester, fürchtete zugleich, seine Mutter zu kränken. Aber Wasser höhlt Stein, und die Anrufe dreimal täglich, die immer gleichen Gespräche bei jedem Treffen, in denen Franziskas Elend in immer düstereren Farben ausgemalt wurde, zeigten Wirkung. Torben begann nachzugeben.

Eines Abends, vorsichtig, wie Worte abwägend, fing er an: „Marlene, vielleicht sollten wir wirklich… na ja, Franzi eine Zeit lang bei uns wohnen lassen. Bis sie wieder auf den Beinen ist. Mama macht sich solche Sorgen."

Marlene klappte ihr Buch zu und sah ihn an. „Torben, weißt du, was ‚eine Zeit lang' bedeutet?", fragte sie. „Es bedeutet für immer. Franziska wird nirgendwo hinziehen, solange es sich bequem lebt umsonst. Und deine Mutter wird das als ersten Sieg verstehen und sich das nächste Zimmer vornehmen."

„Ach, du übertreibst…", versuchte Torben zu widersprechen.

„Ich übertreibe nicht", entgegnete Marlene ruhig. „Ich hab genug solcher Fälle in der Kanzlei gesehen. Heute ein Zimmer ‚für eine Weile', morgen ein Meldezettel, übermorgen ein Miteigentumsanteil. Ich weiß ziemlich genau, wie so was abläuft."

Torben verstummte, die Stirn in Falten. Aber Marlene sah deutlich: Die Worte seiner Mutter hatten sich tiefer in ihn gegraben als all ihre nüchternen Argumente.

Inzwischen schaltete sich auch Franziska selbst ein. Sie rief Marlene an, angeblich nur zum Plaudern, ganz familiär. Und in jedem Gespräch, wie nebenbei, kam sie auf ihre Lage zu sprechen.

„Marlene, stell dir vor, die Vermieterin hat schon wieder die Miete erhöht", seufzte Franziska ins Telefon. „Ich weiß echt nicht mehr weiter. Ben geht jetzt in die Kita, allein für die Ausflüge und die Bastelsachen geht so viel Geld drauf. Wenn ich nur ein eigenes Zimmer hätte, egal welches – ich würde aufatmen. So geb ich alles an fremde Leute, wie in ein Loch ohne Boden."

Marlene hörte zu, empfand Mitgefühl. Es tat ihr wirklich leid um Franziska und den kleinen Ben. Aber hinter diesem Mitgefühl erkannte sie eine klare Regie. Zu perfekt passten Franziskas Anrufe in Renates Gesamtstrategie.

„Franziska, ich versteh dich wirklich gut", antwortete Marlene. „Und wenn du Hilfe brauchst, kann ich was wegen der Kita vorschlagen oder mich nach Arbeit für dich umhören – ich kenn da Leute. Aber ein Zimmer – nein. Tut mir leid. Das steht nicht zur Debatte."

Franziska war gekränkt, legte auf. Am nächsten Tag rief sie wieder an, als wäre nichts gewesen.

Die Entscheidung fiel an Torbens Geburtstag, den sie zu Hause feierten, im Wohnzimmer mit dem Erker, an dem langen Tisch, den Marlene von ihrer Großmutter geerbt hatte. Marlene und Torben, Renate, Franziska mit dem kleinen Ben. Gegen Mitte des Abends, als schon der zweite Sekt eingeschenkt war, hielt Renate offenbar den Moment für gekommen, die Schwiegertochter vor allen in die Enge zu treiben, damit sie nirgendwo mehr ausweichen konnte.

„Na, Marlene", begann Renate, das Glas beiseiteschiebend. „Hast du dir das mit Franzi überlegt? Wie lange soll das Mädchen noch leiden? Räum dein Arbeitszimmer, lass sie einziehen. Genug jetzt mit der feinen Dame."

„Renate", Marlene legte ruhig die Gabel hin. „Wir hatten das schon besprochen. Meine Antwort hat sich nicht geändert."

„Nun schaut sie euch an!", Renates Stimme wurde lauter, sie wandte sich an Sohn und Tochter, als wollte sie Zeugen aufrufen. „Sitzt hier und zickt! Drei Zimmer hat sie, und meine Tochter zahlt Miete! Wo bleibt da die Gerechtigkeit?!" Rote Flecken zogen sich über ihr Gesicht.

Am Tisch wurde es beklemmend ruhig. Franziska starrte auf ihren Teller, aber in ihren Mundwinkeln sah Marlene einen kaum sichtbaren Schatten von Genugtuung – die Mutter erledigte für sie die schmutzige Arbeit. Der kleine Ben, der die Spannung spürte, hörte auf, mit den Beinen zu baumeln.

Und in dieser bedrückenden Ruhe wurde Marlene mit einem Mal etwas klar, etwas sehr Unangenehmes. Diese Menschen hatten längst alles unter sich aufgeteilt. In ihren Köpfen hatten sie Marlenes Wohnung – ihre Festung, ihre Jahre harter Arbeit – bereits verplant. Das Arbeitszimmer für Franziska. Vielleicht später noch mehr. Sie saßen an ihrem Tisch, aßen von ihrem Geschirr und besprachen ganz selbstverständlich, wie man sich ein Stück von fremdem Eigentum abschneiden könnte. Als wäre ihr Besitz ein gemeinsamer Kuchen und sie selbst nur ein lästiges Hindernis.

„Gerechtigkeit?", Marlene ließ ihre Augen über die Runde gleiten, von einem Gesicht zum nächsten. „Gut, reden wir über Gerechtigkeit. Ich habe fünf Jahre auf diese Wohnung gespart. Hab nachts Verträge geprüft, bis mir der Kopf brummte, hab auf Urlaub verzichtet, auf neue Kleidung, auf fast alles. Hab die Restschuld vorzeitig getilgt, weil ich es nicht ausgehalten hab, jemandem was zu schulden. Das ist meine Gerechtigkeit, Renate. Ich hab sie mir verdient. Allein."

„Dann soll Franzi sich das auch verdienen!", warf Renate ein.

„Eben", sagte Marlene. „Soll sie. Genau wie ich. Und nicht in etwas Fertiges einziehen, das mit fremdem Schweiß erarbeitet wurde. Ich hab wirklich Mitgefühl mit Franziska. Aber warum sollen meine fünf Jahre Arbeit ihr Wohnungsproblem lösen?"

„Weil wir Familie sind!", explodierte Renate.

„Familie bedeutet, dass man hilft – nicht, dass man verlangt, das Eigene herzugeben", entgegnete Marlene ohne Nachsicht.

Marlene hatte gerade einen Schlusspunkt gesetzt, aber die Ruhe am Tisch war noch nicht endgültig. In der Luft hing die Erwartung: Was würde Torben sagen? Jetzt wäre der Moment gewesen, seine Frau zu unterstützen, sich klar auf ihre Seite zu stellen. Doch er schwieg, rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum, den Kopf zwischen Mutter und Ehefrau wendend. Und als er endlich den Mund öffnete, trafen seine Worte schlimmer als jeder Streit vorher.

„Marlene, vielleicht sollten wir wirklich… sie eine Weile bei uns wohnen lassen? Nur damit Mama Ruhe gibt. Ist ja nur vorübergehend…"

Diese leisen, versöhnlichen Worte waren schlimmer als alles Geschrei von Renate. Bei der Schwiegermutter war klar – fremde Interessen, ihr eigenes Spiel. Aber Torben! Ihr Ehemann! Er wusste besser als jeder andere, wie viel Kraft, wie viele durchgearbeitete Nächte und Nerven Marlene in diese Wohnung gesteckt hatte. Er selbst war in ein fertiges Zuhause eingezogen, ohne einen Cent beizusteuern. Und jetzt, statt ihr Rückhalt zu sein, war er bereit, die Tür zu ihrem Zuhause weit aufzureißen, nur damit seine Mutter aufhörte zu nörgeln. Nur damit er selbst seine Ruhe hatte.

Marlene sah ihren Mann einen langen Moment an, ohne ein Wort. Franziska und Renate verstummten schlagartig, spürten, dass das Gespräch jetzt eine andere Richtung nahm.

„Torben", sagte Marlene leise, aber bestimmt. „Komm mal mit in die Küche. Wir müssen reden."

Sie gingen hinaus, Marlene zog die Tür fest hinter sich zu.

„Ist dir eigentlich klar, was du gerade gesagt hast?", fragte sie.

Torben breitete die Arme aus, verstand nicht. „Was hab ich denn schon gesagt? Ich wollte doch nur, dass alle sich vertragen. Franzi zieht ein, Mama gibt endlich Ruhe, und wir leben in Frieden…"

„In Frieden?", Marlene lachte bitter auf. „Torben, hör mir jetzt sehr genau zu. Deine Mutter ist nicht gekommen, um um Hilfe zu bitten. Um Hilfe bittet man. Sie fordert. Sie fordert, dass ich ein Stück meines Zuhauses hergebe – eines Zuhauses, das ich mir SELBST erarbeitet habe, lange bevor ich dich kannte. Und du, mein Ehemann, sagst ihr nicht klipp und klar: ‚Das ist Marlenes Wohnung, Punkt.' Stattdessen schlägst du vor, dass ich nachgebe. Nur für deinen Seelenfrieden. Ist dir klar, was das bedeutet?"

Torben schwieg, sein Gesicht ratlos.

„Es bedeutet", fuhr Marlene fort, ihre Stimme jetzt ruhiger, aber unnachgiebig, „dass du bereit bist, über mein Eigentum zu verfügen, damit deine Familie Ruhe hat. Dass meine Grenzen, meine Arbeit, mein Besitz dir weniger bedeuten als das schlechte Gefühl deiner Mutter. Das bedeutet es."

„Ich…", Torben stockte, suchte nach Worten. „Ich hab das nicht so gemeint…"

„Dann denk jetzt darüber nach. Sofort", Marlene sah ihm direkt in die Augen. „Denn ich muss wissen, wen ich geheiratet habe. Einen Mann, der neben mir steht? Oder Mamas Sohn, der bei jedem Konflikt meine Position preisgibt, nur damit man ihn selbst in Ruhe lässt?"

Torben stand mit hängenden Schultern da. Zum ersten Mal seit Wochen schien er wirklich nachzudenken – nicht darüber, wie er es allen recht machen konnte, sondern darüber, wohin sein Zögern geführt hatte. Ihm wurde klar: Er hatte seine Frau fast verraten. Nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Feigheit, aus der Scheu vor dem offenen Konflikt. Das machte es nicht leichter, sondern schwerer.

„Marlene", sagte er schließlich und hob den Kopf. „Verzeih mir. Ich hab mich benommen wie ein Waschlappen. Ich hatte Angst vor Streit mit Mama und hätte dich beinahe fallen gelassen. Du hast recht. Das ist deine Wohnung. Und ich hab hier kein Recht, irgendwas zu entscheiden."

„Es geht nicht darum, wer entscheidet", sagte Marlene weicher. „Es geht darum, auf wessen Seite du stehst, wenn es drauf ankommt. Ich verlange nicht, dass du dich mit deiner Mutter überwirfst. Ich verlange nur eines – dass du mein Mann bist. Nicht der ewige Vermittler, der fremde Ansprüche an mich weiterreicht."

Torben atmete tief durch. Und zum ersten Mal an diesem Abend richtete er sich auf, als hätte er eine schwere Last abgeworfen.

„Komm", sagte er. „Ich rede jetzt selbst mit Mama."

Sie kehrten ins Wohnzimmer zurück. Renate stürzte sich sofort auf sie, ihr Gesicht voller Ungeduld: „Na, habt ihr euch entschieden? Ich sag doch, rückt zusammen, dann sind alle zufrieden…"

„Mama", unterbrach Torben sie. Und etwas in seiner Stimme, eine unerwartete Festigkeit, ließ Renate mitten im Satz verstummen. „Schluss jetzt. Franzi zieht nicht bei uns ein. Das ist Marlenes Wohnung, sie hat sie sich selbst erarbeitet, bevor sie mich kannte. Und wer hier wohnt, entscheidet allein sie. Ich hab dich lieb, Mama, und ich will Franzi auch helfen – mit Geld, mit Unterstützung bei der Arbeitssuche, mit allem. Aber nicht mit einem Zimmer in einer Wohnung, die im Grunde für dich fremd ist. Das war's. Thema beendet."

Renate presste die Lippen zusammen. Man sah ihr an, dass sie das von ihrem sonst so nachgiebigen Sohn nicht erwartet hatte.

„Die hat dich aufgehetzt!", fuhr sie auf und zeigte mit dem Finger auf Marlene. „Hat dich gegen deine eigene Mutter aufgebracht!"

„Niemand hat mich aufgehetzt, Mama", antwortete Torben müde, aber bestimmt. „Ich hab endlich angefangen, selbst zu denken. Hätte ich schon früher tun sollen."

Der Abend endete unbeholfen. Renate packte ihre Sachen zusammen und nahm die verstummte Franziska mit dem Enkel mit. Zum Abschied warf sie der Schwiegertochter noch einen schweren, kränkungsvollen Blick zu – sagte aber nichts mehr.

Danach brach Renate den Kontakt zu Marlene fast vollständig ab. Sie rief nur noch ihren Sohn an, und das seltener als früher. Die Schuld am „Familienzerfall" schob sie ganz auf die Schwiegertochter – geizig sei sie, und habe ihren Sohn von der eigenen Mutter entfremdet. Marlene machte sich darüber wenig Gedanken. Sie wusste: Renates Respekt würde sie sowieso nie bekommen, aber der war ihr auch nicht den Preis der eigenen Wohnung wert.

Franziska wohnte weiterhin zur Miete. Anfangs schmollte sie, fand sich dann aber offenbar mit der Lage ab. Nach einiger Zeit half Marlene ihrer Schwägerin, wie versprochen, auf andere Weise – sie vermittelte ihr über eine Bekannte eine Stelle mit fester Anstellung und geregelten Arbeitszeiten in einer Kita in Grünau. Franziskas Situation besserte sich langsam, und die Miete wurde nicht mehr zur untragbaren Last. Die Hilfe, die Marlene aus freien Stücken gab, erwies sich als weit wertvoller als ein unter Druck erpresstes Zimmer.

Die eigentliche Veränderung aber vollzog sich zwischen Marlene und Torben. Seit jenem Abend war er wie ausgewechselt. Er hörte auf, nur noch der Übermittler von Renates Forderungen zu sein. Wenn seine Mutter am Telefon wieder mit dem alten Lied vom Zusammenrücken anfing, unterbrach er sie ruhig, aber bestimmt.

An einem Winterabend saßen die beiden in eben jenem dritten Zimmer, das einmal Streitpunkt gewesen war. Draußen fielen dicke Flocken auf den kleinen Park, ein Nachbar kam mit seinem Terrier vorbei, der Hund blieb kurz am Laternenmast stehen und schnupperte am gefrorenen Schnee. Torben saß im Sessel mit einem Buch, Marlene arbeitete am Schreibtisch, eine Tasse Pfefferminztee neben sich, längst kalt geworden.

Torben legte das Buch beiseite. „Weißt du", sagte er, „wie gut, dass wir uns dieses Zimmer erkämpft haben. Hier ist es so gemütlich."

Marlene hob den Kopf von ihren Unterlagen. „Wir?", fragte sie.

Er wurde ein bisschen verlegen. „Na ja… du, natürlich. Du hast es durchgesetzt. Ich hab höchstens am Ende nicht im Weg gestanden."

Marlene schüttelte den Kopf. „Nein", widersprach sie, jetzt ernst. „Am Ende hast du wirklich geholfen. Wirklich. Und weißt du, das war für mich wertvoller als jeder Quadratmeter."

Torben grinste kurz und vertiefte sich wieder in sein Buch. Marlene sah ihn noch einen Moment an, dann den verschneiten Park hinter dem Erkerfenster, dann die Wände dieses Zimmers. Ihr wurde klar: Damals hatte sie nicht bloß eine Wohnung verteidigt. Sie hatte etwas viel Wichtigeres erkämpft – das Recht, über ihr eigenes Leben und ihre eigenen Entscheidungen zu bestimmen. Und daneben stand jetzt ein Mann, der es, wenn auch mit Verzögerung und einem Fehltritt, geschafft hatte, genau dort zu stehen, wo er hingehörte.

Fast zwei Jahre später, im vergangenen Sommer, rief Franziska Marlene unerwartet an – diesmal ohne Klage in der Stimme. Sie erzählte, dass sie zusammen mit ihrem neuen Partner eine kleine Zweizimmerwohnung in Paunsdorf gekauft hatte, mit Hilfe eines KfW-Förderkredits, den ihr eine Kollegin aus der Kita empfohlen hatte – dieselbe Stelle, die Marlene ihr damals vermittelt hatte. Am Telefon sagte sie beiläufig, fast wie ein Geständnis: Sie sei froh, dass Marlene ihr damals nicht das Zimmer gegeben, sondern die Arbeit vermittelt habe. Sonst, meinte sie, würde sie heute vermutlich immer noch in einem fremden Arbeitszimmer wohnen, statt in ihren eigenen vier Wänden.

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