Die Umarmung in Box 14

Mein Name ist Bernd Kessler, ich bin 58 und arbeite seit vier Jahren als Pfleger im Tierheim am Stadtrand von Krefeld, gleich hinter dem alten Güterbahnhof, wo im Winter der Wind durch die Zwinger pfeift und die Heizung im Aufenthaltsraum immer erst ab November angeht, egal wie kalt es schon im Oktober ist.

Ich habe viele Hunde kommen und gehen sehen. Manche zittern so, dass ihr Halsband klappert. Manche starren tagelang zur Eingangstür, als würde gleich der Mensch zurückkommen, der sie hier abgegeben hat. Aber was ich bei Rosa und Anton erlebt habe, das hatte ich vorher noch nicht gesehen.

Die beiden kamen zusammen zu uns, vor sieben Monaten, im Februar. Rosa war ungefähr sechs, eine kräftige Schäferhund-Mischlingshündin mit grauer Schnauze, die sie älter wirken ließ, als sie war. Anton war jünger, dünn, ein Nervenbündel. Ein umgekippter Napf, und er zuckte zusammen. Ein Bellen zwei Zwinger weiter, und er presste sich gegen die Rückwand. Kam ein Fremder zu nah, versteckte er sich immer hinter Rosa.

Und Rosa ließ es zu. Jedes Mal.

Sieben Monate lang haben wir versucht, für die beiden gemeinsam ein Zuhause zu finden. Rosa gefiel den Leuten. Anton auch. Nur zusammen wollte sie niemand. Zwei Hunde heißt doppeltes Futter, doppelte Tierarztrechnung, doppelte Verantwortung. Ich konnte das verstehen. Aber jedes Mal, wenn jemand fragte: „Könnte ich nicht einfach die Ruhigere nehmen?", zog sich in mir etwas zusammen. Denn ich wusste, was die Leute nicht wussten: Rosa war für Anton nicht nur die Zwingernachbarin. Sie war seine Sicherheit.

An dem Dienstag, um den es hier geht, sagte mir unsere Leiterin Frau Wendland beim Frühstück in der Teeküche, dass Anton am Nachmittag in ein Heim nach Mönchengladbach verlegt werden müsse, aus Platzgründen. Rosa würde bleiben. Niemand war grausam. Niemand hat die beiden im Stich gelassen. Aber nach sieben Monaten miteinander sollten sie sich verlieren.

Ich habe mir dreimal vor dem ersten Kaffee gesagt: Hunde gewöhnen sich um. Geglaubt habe ich es kein einziges Mal.

Gegen neun trug ich die Näpfe in Box 14. Anton fraß nicht. Er stand mit dem Rücken an der Wand und zitterte am ganzen Körper. Dann ging Rosa zu ihm hinüber, setzte sich neben ihn – und legte ihm die Vorderpfote über die Schulter. Anton lehnte sich in sie hinein. Sie zog ihn näher an sich. So blieben sie. Zwei Hunde auf kaltem Beton, aneinandergelehnt.

Ich stand da mit den Näpfen in der Hand und konnte mich nicht rühren. Also holte ich mein Handy raus und machte ein Foto. Kein schönes Foto – das Licht in der Box ist immer trüb, mein Daumen war halb im Bild. Aber es zeigte etwas, wofür ich keine Worte hatte.

Es erinnerte mich an meine Frau Ingrid. Sie ist vor zwei Jahren gestorben, nach langer Krankheit. Gegen Ende gab es Nächte, in denen ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Ich konnte nichts reparieren, sie nicht gesund machen. Ich konnte nur neben ihrem Bett sitzen und ihre Hand halten, stundenlang, bis meine Finger taub wurden und ihr Atem ruhiger ging als meiner.

Ich lud das Foto auf die Facebook-Seite unseres Tierheims hoch und schrieb dazu: „Rosa und Anton sind seit Monaten unzertrennlich. Heute Nachmittag müssen sie vielleicht getrennt werden. Wir hoffen noch, dass jemand Platz für beide hat."

Dann steckte ich das Handy weg. Zwanzig Minuten später fing es an zu vibrieren. Das Foto wurde geteilt, immer wieder. Telefonanrufe kamen rein. Für einen Moment dachte ich: Vielleicht schaffen wir das.

Aber ein Anruf nach dem anderen endete gleich. „Ich könnte Rosa nehmen." – „Wir haben schon zwei Hunde." – „In unserer Wohnung ist nur ein Tier erlaubt." – „Es tut uns wirklich leid."

Um halb zwei hatte sich nichts geändert. Der Transporter nach Mönchengladbach sollte um halb vier kommen.

Um zwei ging ich mit Antons Leine zurück in die Box. Kaum sah er sie, wich er hinter Rosa zurück. Rosa stellte sich vor ihn. Kein Knurren, kein Bellen. Sie stand einfach nur da und schützte ihn.

Ich setzte mich auf den Boden. „Tut mir leid, Kumpel", murmelte ich. Rosa kam herüber und legte mir den Kopf aufs Knie. Das hat mir fast den Rest gegeben.

Um 14:17 Uhr klingelte mein Handy. Eine Frauenstimme, und ihre erste Frage war nicht, welcher Hund pflegeleichter sei, nicht das Gewicht, nicht das Alter. Sie fragte: „Können die beiden zusammenbleiben?"

Ich setzte mich aufrecht hin. Sie hieß Marlies Brandt, wohnte mit ihrer langjährigen Freundin Ute zusammen in einem Haus mit eingezäuntem Garten in Uerdingen, hatten eigentlich nur einen Hund adoptieren wollen. Dann sahen sie das Foto. Zehn Minuten Gespräch, dann die Entscheidung: Wenn sich diese beiden sieben Monate lang füreinander entschieden hatten, würden sie nicht diejenigen sein, die sie auseinanderreißen.

Die Zusage kam durch. Der Transport wurde storniert. Ich ging zurück zu Box 14, nahm den Zettel mit dem Transportvermerk von der Tür und sah die beiden an. „Ihr bleibt zusammen." Sie konnten meine Worte natürlich nicht verstehen. Aber Rosas Schwanz fing an zu wedeln, zum ersten Mal an diesem ganzen Tag.

Ein paar Monate später bekam ich ein Foto zugeschickt. Rosa lag ausgestreckt auf einem Teppich in ihrem neuen Zuhause, Anton neben ihr. Aber etwas hatte sich verändert: Jetzt lag seine Vorderpfote über ihrem Rücken. Im Tierheim war sie es gewesen, die ihn gehalten hatte. Jetzt hielt er sie.

Ich habe beide Fotos ausgedruckt. Sie stehen bei mir zu Hause auf der Fensterbank in der Küche, direkt neben dem alten Radio, das noch von Ingrid war.

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