Der Anruf um Viertel vor Fünf

Als das Telefon klingelte, stand Nadja Wowk in der Maske und hatte noch Puder auf den Wangen. Kyjiw, Viertel vor fünf morgens, der 24. Februar 2022. Am anderen Ende ihre Schwester, mit einer Stimme, die sie noch nie gehört hatte: "Sie bombardieren uns. Wach auf, Nadja, sie bombardieren uns wirklich."

Nadja war zu diesem Zeitpunkt schon zehn Jahre im Geschäft. Sie hatte in einer russischen Erfolgsserie die Rolle der Ira gespielt, ein Sitcom-Format, das in Moskauer Studios produziert wurde und in dem halben postsowjetischen Raum lief. Werbeverträge, ein Apartment in München, das sie sich gerade erst gekauft hatte, eine Fortsetzung der Serie, die für den Herbst geplant war. Und dann dieser Anruf.

Sie ging nicht zurück ins Bett. Sie setzte sich auf den Boden neben ihren fünfjährigen Sohn Mykola, der schlief, und hörte die Detonationen, die näher kamen und wieder ferner wurden, wie ein Gewitter, das nicht vorbeiziehen wollte. Draußen bellte der Hofhund der Nachbarn ohne Unterbrechung, ein Geräusch, das ihr noch Monate später in den Ohren blieb, wenn sie an diesen Morgen dachte.

Am selben Tag, noch bevor sie überhaupt gefrühstückt hatte, filmte sie ein Video mit dem Handy, das Licht kam nur von der Deckenlampe im Flur, kein Studio, keine Maske, keine zweite Kameraeinstellung. Sie sagte hinein, dass Russland einen verbrecherischen Krieg gegen die Ukraine führe. Dass der Kreml-Chef ein Kriegsverbrecher sei. Dass dieser Krieg nicht an diesem Tag begonnen habe, sondern acht Jahre zuvor, im Donbass, nur habe die Welt lange weggeschaut. Sie richtete sich direkt an die Menschen in Russland und Belarus: schweigt nicht, beteiligt euch nicht.

Die Reaktion kam schneller, als sie erwartet hatte. Ein Produzent aus Moskau, mit dem sie seit Jahren zusammengearbeitet hatte, schrieb ihr eine einzige Nachricht: Sie solle sich das noch einmal überlegen, es gebe noch drei Folgen im Vertrag, danach könne sie machen, was sie wolle. Nadja druckte die Verträge aus – zwei Ordner, insgesamt vierzehn Seiten – und verbrannte sie abends auf dem Balkon in einer alten Emailleschüssel, in der sonst Kartoffeln geschält wurden. Der Rauch zog zum Nachbarhaus hinüber, jemand rief von unten, ob es brenne. Sie rief zurück, es sei nur Papier.

Drei Tage später brachte sie Mykola zur polnischen Grenze. Die Fahrt dauerte normalerweise sechs Stunden, sie brauchten siebzehn. An einer Raststätte kurz vor Lwiw kaufte sie ihm eine Waffel mit Kondensmilch, weil es das Einzige war, was der kleine Stand noch hatte, und er aß sie mit dem Rücken zu ihr, aus dem Autofenster schauend, als könne er sich so vor allem, was passierte, wegdrehen. An der Grenze übergab sie ihn ihrer Cousine, die seit Jahren in Krakau lebte. Sie selbst durfte nicht mit – Frauen mit minderjährigen Kindern durften ausreisen, aber sie war eine von denen, die blieben, um zu arbeiten, zu sammeln, zu sprechen.

Ihr Mann Wolodymyr blieb in der Ukraine. Er hatte vor dem Krieg in einer Autowerkstatt am Stadtrand von Kyjiw gearbeitet, Getriebe und Kupplungen, ein ruhiger Mann, der die Öffentlichkeit noch nie gemocht hatte. In den ersten Kriegswochen meldete er sich freiwillig. Über ihn sagt Nadja in Interviews fast nichts, seinen Namen nennt sie nicht, sein Gesicht zeigt sie nicht. Nur einmal, in einer Radiosendung, sagte sie, er sei "dort, wo er gebraucht wird", und griff nach dem Wasserglas vor sich, bevor die Moderatorin die nächste Frage stellen konnte.

In den folgenden Wochen fuhr Nadja mit einem geliehenen Kleinbus zwischen Kyjiw und Kleinstädten im Umland hin und her, lud Kartons mit Verbandszeug und Konserven ein und aus, die Finger von den Kartonkanten aufgeschürft. Zwischen den Fahrten trat sie in Berlin, Warschau und Wien auf Benefizabenden auf, weil eine befreundete Schauspielerin sie am Telefon so lange gedrängt hatte, bis sie zusagte. In einem Kulturzentrum in Berlin-Kreuzberg saß im Publikum eine ältere Frau, die während der ganzen Vorstellung ununterbrochen ihren Ehering am Finger drehte – ihr Sohn diente an der Front, wie Nadja später erfuhr. Nach der Aufführung zählte man am Einlasstisch über achtzehntausend Euro für Schutzwesten und Funkgeräte, in Scheinen und Münzen, die jemand in einen leeren Schuhkarton gelegt hatte, weil keine Spendenbox aufzutreiben gewesen war.

Ihr Konto in München löste sie in dieser Zeit auf und überwies das gesamte Guthaben, umgerechnet knapp vierzigtausend Euro, an eine Hilfsorganisation für Angehörige von Gefallenen. Auf dem Überweisungsformular ließ sie das Feld für den Verwendungszweck leer.

Es war ein Dienstagabend im Frühling 2025, als das Handy auf dem Küchentisch in ihrer Kyjiwer Wohnung aufleuchtete. Eine Nachricht über eine gemeinsame Bekannte: Der Moskauer Produzent, der ihr damals die Verträge nachgeschickt hatte, ließ fragen, ob sie nicht doch, unter einem anderen Namen, für den russischen Markt zurückkehren würde. Die Gage sei verhandelbar, stand da, mit einer Zahl dahinter, die höher war als alles, was sie je verdient hatte. Nadja saß mit nassen Haaren am Tisch, ein Handtuch noch um die Schultern, und las die Nachricht zweimal. Ihre Hand, die das Handy hielt, war ruhig. Sie stand auf, holte aus der Schublade neben dem Herd einen Kugelschreiber und einen Zettel, schrieb den Namen der Anwältin und eine Telefonnummer darauf, fotografierte die Nachricht mit dem Handy und schickte das Foto an die Anwältin, mit einem einzigen Satz: Bitte künftig alles dieser Art ungeöffnet löschen. Dann löschte sie den Chatverlauf selbst, Nachricht für Nachricht, bis das Fenster leer war, und legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch.

Wolodymyr kam eine Stunde später von seiner Schicht im rückwärtigen Dienst nach Hause, roch nach kaltem Metall und Dieselabgasen, und sie erzählte es ihm beim Abendessen, zwischen zwei Bissen, fast beiläufig. Er legte die Gabel hin, schüttelte den Kopf und aß dann weiter, ohne ein Wort dazu zu sagen.

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