Der Leinenbeutel mit dem goldenen Siegel

🎧 Sie können sich diese Geschichte hier anhören:

Das Weingut Schloss Weingarten war an diesem Samstagabend Ende September bis in den letzten Winkel mit Kerzenlicht und dem schweren Duft von Herbstrosen geflutet. Die hohen Fenster des Ballsaals standen offen, hinter den schweren Samtvorhängen raschelten die Weinberge des Kaiserstuhls im lauen Wind. An die zweihundert Gäste – Winzer, Investoren, Hoteliers, die Spitzen der Region – drängten sich um die langen Tafeln, und die Kristalllüster warfen gezackte Lichtflecken auf die polierten Eichenböden.

Leonie Winter trat um Viertel nach zehn durch die Flügeltür und blieb einen Moment am Treppenabsatz stehen, eine Hand um den Riemen ihres abgewetzten Leinenbeutels geklammert. Ihr schwarzes Midikleid war schlicht, an der linken Schulter aufgeribbelt, weil sie vor zwanzig Jahren als Studentin mit dem Nähen nie so recht warm geworden war. Dünne Goldreifen in den Ohren, ein flacher Ballerina am linken Fuß, an dem rechten ein notdürftig mit Sekundenkleber geflicktes Satinband. Sie sah aus wie eine, die sich in der Garderobe geirrt hatte.

Konstantin von Arenberg stand mit dem Rücken zum Fenster, das Kinn arrogant nach oben gezogen, einen Kristallkelch mit Spätburgunder in der Hand. Der dunkelblaue Samtsmoking spannte an seinen Schultern, die Manschettenknöpfe blinkten, und neben ihm lehnte seine Verlobte Anna-Katharina von Massow mit ihrem eisblauen Blick und einem Kleid aus flüssigem Champagnerseidenchiffon, das allein die Jahresmiete einer Freiburger Altbauwohnung gekostet haben musste.

Konstantin entdeckte Leonie zuerst. Sein Lachen gefror fĂĽr eine halbe Sekunde, dann schob er sich durch die Menge auf sie zu, Anna-Katharina wie einen teuren Schatten im Schlepptau.

„Leonie. Dass du dich noch hierher traust – ich dachte, der Lieferanteneingang ist hinten durch die Küche.“ Er sprach laut genug, dass die umstehenden Gäste die Köpfe hoben. Einige Männer lachten verhalten, erste Handys gingen in die Höhe.

Leonie presste die Lippen aufeinander, sagte aber nichts. Nur ihre Finger zogen den Beutelriemen fester.

Anna-Katharina legte den Kopf schief, musterte Leonies ausgefransten Saum und die billige Golduhr an ihrem Handgelenk und säuselte: „Meine Liebe, hast du dich in der Einladung vertan? Dieses Event ist geschlossen. Und ehrlich gesagt – das Outfit…“ Sie ließ den Satz mit einem winzigen Lächeln hängen, das die Diamanttropfen an ihren Ohren zum Funkeln brachte.

Konstantin machte einen halben Schritt vorwärts, hob sein Glas und tat, als wolle er einen Toast ausbringen. Dann kippte er. Eine halbe Bewegung, fast unauffällig – aber das tiefrote Spätburgunder schoss in einem breiten Fleck über Leonies Brust und sickerte sofort schwer in den Stoff ihres Beutels. Der Geruch von überreifen Kirschen stieg ihr in die Nase.

Einige Damen hinter ihnen jappten, irgendjemand rief halb belustigt „Ups, der Jahrgang 18!“, und Anna-Katharina verzog das Gesicht zu einem bedauernden Schmollmund, während sie sich mit zwei Fingern an die Schläfe tippte. Ihr Blick war blanke Selbstzufriedenheit.

Leonie hob langsam den Kopf und sah Konstantin direkt an. Keine Tränen, kein Wanken, kein Fleck auf den Wangen. Ihre tiefbraunen Augen waren still, beinahe wartend. Hinter ihrer Schulter trat ein Mann in dunkelgrüner Uniform aus der Säulennische – Herr Wagner, seit dreißig Jahren Sicherheitschef des Weinguts, die kahlen Schläfen fest an den Schädel gelegt, die Hände ruhig vor dem Leib verschränkt. Er hatte Leonie am Nachmittag durchs Tor gelassen und wusste Bescheid.

„Konstantin“, sagte sie leise, aber der Lärm um sie herum knackte schlagartig. „Dein Onkel hat mir das Gut vor elf Monaten überschrieben. Du wohnst hier, seitdem auf meiner Geduld. Heute Abend endet das.“

Die Hand, mit der sie in den Beutel griff, zitterte kein bisschen. Die Leinentasche war klatschnass, der Wein troff von unten auf das Parkett, aber sie zog eine schmale braune Ledermappe heraus und klappte sie auf. Das eingeprägte goldene Siegel des Weinguts – eine Traube mit Krone – fing das Licht des Lüsters und warf einen scharfen Reflex über Konstantins Gesicht.

Herr Wagner trat einen Schritt vor, exakt eine Schulterbreite neben Leonie, und neigte respektvoll den Kopf. Die Phalanx der Handys um sie herum sank nach unten, Bildschirme erloschen, die plötzliche Stille fraß sich durch den Saal. Irgendwo klirrte ein Tablett.

Konstantins erhobenes Glas hing jetzt schlaff in seiner Hand, die Röte wich aus seinen Wangen, der arrogante Mund öffnete sich ein Stück und blieb hängen. „Das… das Ding ist gefälscht. Mein Onkel würde nie…“

„Dein Onkel hatte nie vor, es dir zu überschreiben“, sagte Leonie, und es klang nicht grausam – es klang endgültig. „Die Urkunde liegt im Grundbuchamt von Freiburg, Aktenzeichen 217/IV, falls du es nachprüfen willst. Ich habe ihm den Kaufpreis vor einem Jahr in einer Summe bezahlt. Seitdem warte ich auf eine Gelegenheit, dich mit Anstand vor die Tür zu setzen. Du hast mir den Anstand gerade abgenommen.“

Anna-Katharina ließ mit einem dünnen Klicken ihrer Fingernägel die silberne Clutch fallen. Ihr Gesicht war nicht mehr arrogant, es war eingefroren, der als Kussmund geplante Mund ein dünner Strich, die Farbe ihrer Wangen wie abgelöschtes Porzellan.

Konstantin holte Luft, wollte etwas erwidern, aber Wagner räusperte sich nur leicht, und das genügte. Ein zweites Räuspern, diesmal von Leonies linker Seite, wo zwei junge Männer vom Sicherheitsdienst unauffällig zwischen den Gästen hindurch an die Flügeltür getreten waren. Sie trugen dieselbe Uniform, ihre Gesichter waren freundlich, aber undurchdringlich.

„Herr von Arenberg, Fräulein von Massow – ich darf Sie bitten, Ihre persönlichen Gegenstände aus dem Gästehaus bis morgen Mittag räumen zu lassen. Herr Wagner wird Sie diskret durch den Wappensaal nach draußen begleiten.“ Leonie hatte die Mappe wieder geschlossen und in den Beutel gleiten lassen. Sie blickte sich kurz im Saal um, und irgendwo hinten, im Kreis der älteren Winzer, brummte einer anerkennend in seinen Bart.

Konstantin rührte sich nicht. Sein Arm mit dem Glas zitterte, und dann knirschte es, als der Kelch zwischen seinen Fingern zersprang – ein hauchdünner Riss im Kristall, kein Blut, nur ein spitzes Geräusch wie ein falscher Ton. Anna-Katharina packte ihren Rocksaum und zischte ihm etwas zu, zu leise, um es zu verstehen. Ohne einen weiteren Blick ins Publikum, nur mit einer steifen Drehung, stakste sie auf die Tür zu, das helle Seidenkleid rauschte über den Marmor. Konstantin blieb noch zwei Atemzüge stehen, die Augen auf Leonie gerichtet, als sähe er zum ersten Mal nicht das Mädchen von damals, sondern eine Fremde, vor der er sich nie verneigt hatte.

Dann folgte er seiner Verlobten, und Wagner schloss sich mit einem kaum hörbaren Klick der Schuhsohlen an.

Leonie sah ihnen nach, bis die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel. Dann zog sie eine Papierserviette aus dem Stapel auf der Bar, tupfte bedächtig ihren Beutel ab und winkte dem jungen Kellner mit dem geöffneten Mineralwasser. Der kam sofort, die Augen noch riesengroß.

„Einen trockenen Riesling, bitte“, sagte Leonie und wischte sich mit der trockenen Seite der Serviette einen fiktiven Fussel vom Ärmel. „Kein Spätburgunder heute Abend. Ich mag den Geruch nicht mehr.“ Sie ließ sich auf einen der freien Barhocker gleiten und stützte die Ellbogen auf die polierte Theke.

Hinter ihr surrte die Menge wieder an, die Musik setzte neu ein, die ersten Gläser hoben sich zögernd. Draußen, im dunklen Park, hupte ein Taxi und verschluckte das Paar im Fond. Der Kellner stellte ihr ein frisches Glas hin, goldgelber Riesling, der in der Wärme der Lüster winzige Lichtfunken fing. Leonie drehte es einmal gegen das Licht und trank einen kleinen Schluck. Dann lehnte sie sich zurück, die nasse Tasche auf dem Schoß, und sah durch die hohen Fenster auf die Reihen der Reben, die im Wind leise knisterten.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: