Annegret und der gelbe Mantel

„Wozu brauchst du das denn jetzt noch, Mama?“

Kaum war ich aus den USA zurück, hörte ich diesen Satz. Morgens beim Frühstück, nachmittags im Garten, abends, wenn wir zusammensaßen. Er hing im Flur wie ein altes, vergilbtes Gardinenstück.

Meine Tochter Kathrin meinte es nicht böse. Dachte ich. Sie ist Anwältin in Hannover, hat einen klaren Blick, einen schnellen Verstand. Sie weiß, was sich gehört und was nicht. Dass eine Frau mit achtundsechzig bitte zur Ruhe kommen soll.

Zwanzig Jahre habe ich in Boston als OP-Schwester gearbeitet. Nach der Wende war ich rüber, der Mann schon tot, die kleine Kathrin bei meiner Schwester in Hameln geblieben. Ich stand nachts im Massachusetts General, hielt Skalpelle, saugte Blut ab, während hier in Deutschland das Kind schlief. Jeden Monat ein Brief mit Dollar-Schecks. Jedes Jahr ein Anruf zu Weihnachten, die Stimme fremder und erwachsener.

Dann starb Mark. Mark mit den grauen Schläfen und dem leisen Lachen, der Mann, mit dem ich in Boston zehn Jahre Tisch und Bett geteilt hatte. Seine Kinder aus erster Ehe bekamen das Reihenhaus in Brookline, ich bekam einen Abschied und den Entschluss: Heimkehr.

Ich kaufte ein Grundstück am Stadtrand von Stade, ließ ein Haus bauen. Helle Räume, große Fenster, eine Küche mit Kochinsel. Kathrin bekam die Anzahlung für die Kanzlei, ihrem Mann Sven den Ford Ranger, den er sich immer gewünscht hatte, der Enkelin Charlotte das Auslandsjahr in London. Nie habe ich gefragt: „Wozu braucht ihr das?“ Ich habe unterschrieben.

An einem Donnerstag im April saß ich mit Kathrin auf meiner Terrasse. Der Raps blühte, irgendwo summte ein Traktor.

„Ich werde Saxofon lernen“, sagte ich.

Kathrin stellte ihre Kaffeetasse ab. Langsam, ganz langsam.

„Bitte?“

„Saxofon. In Stade gibt es einen Kurs an der Musikschule. Immer montags. Ein Lehrer aus New Orleans, der jetzt in Buxtehude lebt, stellt euch das vor. Ich hab schon angerufen, er hat noch einen Platz frei in der Erwachsenengruppe.“

Kathrin lachte. Hell und glockenklar.

„Wozu brauchst du das denn jetzt noch, Mama? Du hast doch nie ein Instrument gespielt. Mit achtundsechzig fängt man kein Saxofon mehr an. Der Mundwinkel, die Lunge, der Rücken — außerdem, die Nachbarn. Was sollen die Leute denken, wenn du da Terrasse und Saxofon…“

Sie redete weiter. Von Ruhestand, von Vernunft, von Hobbys, die dem Alter angemessen waren. Aquagymnastik. Volkshochschule. Stricken. Ich saß da und starrte auf meine Finger, die tausend Spritzen aufgezogen hatten und jetzt eine Kaffeetasse hielten, während jemand anders entschied, was sie noch lernen durften.

Ich rief am nächsten Tag in der Musikschule an und sagte ab.

Ein paar Wochen später kam meine Freundin Birgit vorbei. Wir kennen uns seit der Krankenpflegeschule in Celle, sie ist Patin von Kathrin.

„Mensch, Annegret, ich hab zwei Karten für Föhr. Nächsten Monat, eine Woche. Mutter-Kind-Kurheim, aber die nehmen auch Singles. Strand, Wellen, Rotwein auf der Promenade. Komm mit!“

Föhr. Ich roch Salz und sah Möwen. Ich hatte seit zwanzig Jahren keinen Nordsee-Urlaub gemacht, immer nur gearbeitet und Dollar geschickt.

„Ich komm mit“, sagte ich.

Kathrin kam am Abend vorbei, um mir ihren neuen Dyson-Staubsauger vorzuführen. Ich erzählte ihr von Föhr.

„Wozu brauchst du das denn jetzt noch, Mama? Föhr ist so teuer. Und die Autofähre, die Übernachtung in Niebüll, das ganze Brimborium. Sven meint, wir müssten demnächst das Dach neu decken lassen. Da könntest du uns eigentlich… Aber du willst ja auf Inselurlaub fahren. Wie die feinen Leute.“

Ich dachte an Birgit. Deren Rente reichte kaum für die Miete. Deren Kinder ihr trotzdem die Reise geschenkt hatten.

Ich blieb zu Hause. Sagte Birgit, mein Ischias sei schuld.

Die endgültige Erkenntnis kam an einem verregneten Dienstag. Ich war in Hamburg, Eppendorfer Baum, schlenderte durch die kleinen Läden. Da hing er im Fenster von „Tonia‘s Träume“: ein Mantel.

Gelb. Nicht dieses fade Senfgelb, sondern ein tiefes, warmes Sonnengelb, fast orange im Licht. Leichter Sommerwollstoff, ein taillierter Schnitt, der unten in einen weiten Schwing auslief. Große Knöpfe aus Horn. Gefüttert mit Seide.

Ich stand zehn Minuten davor.

Dann ging ich rein.

„Den in Gelb, bitte. Größe 42“, sagte ich zu der Verkäuferin, einer jungen Frau mit rotem Lippenstift.

Der Stoff glitt über meine Schultern wie Wasser. Ich drehte mich vor dem Spiegel. Meine grauen Haare leuchteten plötzlich silbern, meine Augen bekamen Farbe. Ich sah aus wie eine Frau, die mittwochs ins Konzerthaus geht und sonntags auf den Fischmarkt.

„Dreihundertfünfzig“, sagte die Verkäuferin. „Reine Schurwolle, entworfen von einer jungen Schneiderin in Ottensen. Jedes Stück ein Unikat. Der Mantel wartet seit Januar auf die richtige Frau. Sie sind es, sehen Sie doch.“

Ich griff nach meinem Portemonnaie.

„Mama!“

Kathrin stand plötzlich neben mir. Sie war in der Stadt gewesen, hatte mein Auto vor dem Laden gesehen, war reingekommen.

„Was machst du denn hier? Dreihundertfünfzig Euro?“ Sie zog die Augenbraue hoch. „Für einen Mantel? In Gelb? Den trägst du doch nie. Und wohin überhaupt? Wozu brauchst du das denn jetzt noch? Komm, Mama, hier um die Ecke ist ein C&A, da kriegst du was Praktisches in Beige, für fünfundsiebzig, das tut es auch.“

Sie griff nach meinem Arm. Die Verkäuferin hielt den Mantel in der Hand, stumm, mit diesem Gesicht, das ich kannte. Das Gesicht der Frauen, die zusehen, wie eine andere Frau sich wieder wegduckt.

Ich duckte mich nicht.

Ich drehte mich zu meiner Tochter um. Ganz ruhig. Ich spürte, wie mein Rücken gerade wurde, wie meine Schultern sich ausbreiteten unter dem gelben Stoff.

„Weißt du was, Kathrin? Du hast recht. Er ist teuer. Und unpraktisch. Und gelb. Aber ich nehme ihn. Ich nehme ihn genau so.“

Kathrins Mund öffnete sich. Ihre Hand fiel von meinem Arm.

„Ich habe zwanzig Jahre lang Nierensteine aus Fremdkörperfängern geholt, Gallenblasen in Nierenschalen aufgefangen und nachts in zwölften Stockwerken Sehnsucht nach deiner Stimme gehabt“, sagte ich, und meine Stimme war jetzt leise, aber sie trug. „Ich habe jeden einzelnen Cent für dein Studium, für Svens Autos, für Charlottes Reitunterricht und für das ganze schöne Leben hier rübergeschickt. Hunderttausende, Kathrin. Hunderttausende Dollar. Und nie habe ich gesagt: Wozu brauchst du das? Nie.

Aber jetzt bin ich wieder hier. Und ich lass mir nicht mehr erklären, wie ich zu leben habe. Ich lass mir nicht einreden, dass meine Träume lächerlich sind, nur weil ich achtundsechzig bin. Ich lass mich nicht mehr in Beige stecken, nur damit dein Mann sein Dach neu decken kann. Verstehst du?“

Kathrin stand da. Eisern. Der rote Lippenstift der Verkäuferin bewegte sich zu einem kaum sichtbaren Lächeln.

„Mama, ich wollte doch nur…“, setzte meine Tochter an.

„Ich weiß, was du wolltest. Du wolltest, dass ich funktioniere. Dass ich spare. Dass ich euch nichts koste. Aber ich funktioniere nicht mehr, Kathrin. Ich lebe jetzt. Für mich. Mit gelben Mänteln, Saxofon-Stunden und Nordsee-Urlaub. Und das wirst du aushalten müssen. Genau wie ich zwanzig Jahre Heimweh ausgehalten habe, während dein Sparbuch voller wurde.“

Ich drehte mich um, gab der Verkäuferin die Karte, lächelte sie an.

„Ich nehme ihn mit. Und bitte schneiden Sie das Etikett ab. Ich trage ihn direkt.“

Kathrin sagte nichts mehr. Ihre Absätze klackerten auf dem Parkett, dann fiel die Ladentür ins Schloss.

Ich stand vor dem Spiegel. Die Frau in Gelb sah mich an. Sie hatte Falten um die Augen, ja. Aber sie hatte auch Feuer.

Drei Tage später rief ich Birgit an.

„Pack die Koffer. Wir fahren nach Föhr. Und auf dem Rückweg, in Niebüll, melde ich mich für den Saxofon-Kurs an. Ich hab den Katalog schon bestellt. Es gibt ein Einsteigermodell von Yamaha, das hat gute Kritiken. In Gelbgold, stell dir vor. Wie mein Mantel.“

Birgit lachte ihr tiefes, kehliges Lachen. „Wurde aber auch Zeit, Annegret. Wurde aber auch verdammt noch mal Zeit.“

Eine Stunde später klingelte es. Kathrin. Mit einem Strauß gelber Ranunkeln.

„Mama… ich… Es tut mir leid. Das mit dem Mantel. Und das mit Föhr. Und das mit dem Saxofon.“ Sie schluckte. „Ich hatte einfach Angst. Dass du alt wirst. Dass du stirbst. Dass ich dich verliere, jetzt, wo du endlich wieder da bist. Und ich hab das Falsche getan. Ich hab dich festgehalten, statt dich zu begleiten. Verzeih mir.“

Ich nahm die Ranunkeln. Stellte sie in die Vase auf der Kochinsel. Gelb auf Weiß, wie Sonne auf Schnee.

„Komm mit nach Föhr“, sagte ich. „Eine Woche. Wir machen einen Mutter-Tochter-Urlaub. Aber ich warne dich: Ich trage nur Gelb. Und ich werde jeden Morgen bei Ebbe ein Ständchen mit meiner Luftgitarre geben, bis ich das Saxofon habe. Bist du dabei?“

Kathrin lachte. Ein bisschen zittrig, aber echt.

„Ich bin dabei, Mama. Aber sag Bescheid, bevor du das Saxofon auspackst. Ich bring Oropax mit. Und eine Kamera. Dieses Gesicht von Sven, wenn er das erste Video kriegt, das will ich festhalten.“

Wir fuhren am Dienstag. Die Fähre war pünktlich, die Möwen kreischten, der Wind zerrte an unseren Haaren. Ich stand an der Reling, und mein gelber Mantel blähte sich wie ein Segel. Kathrin machte ein Foto. Dann steckte sie ihr Handy ein, stellte sich neben mich und hakte sich unter.

„Weißt du was, Mama?“, sagte sie. „Das mit dem Saxofon… ich finde, du solltest auf die Straße gehen und es spielen. Im Hellen. Alle sollen es hören. Die Nachbarn, Sven, die ganze Siedlung.“

Ich sah sie von der Seite an.

„Ach ja? Wozu brauche ich das denn jetzt noch?“, fragte ich.

Wir sahen uns an. Dann lachten wir. Beide. Und das Lachen trug der Wind wahrscheinlich bis nach Amrum.

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