Es war kurz vor Mitternacht, als das Telefon sie aus dem ersten Schlaf riss. Freitagabend, die Woche war ein Trümmerhaufen gewesen, und Kathrin hatte sich gerade mit einer Tasse Pfefferminztee und einem abgegriffenen Krimi ins Bett gekuschelt. Der schrille Klingelton ihres Festnetzanschlusses – wer zum Teufel rief auf dem Festnetz an? – fuhr ihr wie ein Stromschlag durch die Glieder.
Sie warf einen Blick auf das Display. Unbekannte Nummer, Hamburger Vorwahl. Sie kannte niemanden mehr in Hamburg. Nicht mehr.
„Ja?“, meldete sie sich zögernd.
„Kathrin Maier? Sind Sie das?“, schnarrte eine Frauenstimme, schneidend und ungeduldig, als hätte man sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf gezerrt und nicht umgekehrt.
„Ja, die bin ich. Und wer sind Sie?“
„Das tut nichts zur Sache. Ich bin Jana, die Frau Ihres Ex-Mannes. Sie kennen mich nicht. Aber Sie sollten jetzt gut zuhören. Erstens: Lars ist tot. Herzinfarkt, vorgestern. Zweitens: Kommen Sie her und holen Sie seine Mutter ab. Bis morgen Mittag. Sonst rufe ich den Sozialdienst an, und die stecken sie in ein Heim. Ich habe keine Zeit für den alten Drachen.“
Die Verbindung wurde unterbrochen, bevor Kathrin auch nur ein einziges Wort herausbringen konnte. Sie hielt den Hörer in der Hand und starrte an die Wand, auf der die Schatten der Linde vor ihrem Fenster tanzten. Lars. Tot. Und seine Mutter – diese stille, zerbrechliche Frau, die immer versucht hatte, unsichtbar zu sein, während ihr Sohn das Geld für nutzlose Börsengeschäfte verpulverte und nebenbei mit halb Hamburg schlief.
Fünfzehn Jahre. Fünfzehn Jahre war das her. Ein kurzer, schmerzhafter Irrtum. Sie war dreißig gewesen, als sie den Fehler beging, den charmanten Immobilienmakler mit den strahlend blauen Augen zu heiraten. Nach knapp zwei Jahren und einer Fehlgeburt, die er nicht einmal im Krankenhaus zur Kenntnis genommen hatte, weil er „einen wichtigen Termin“ gehabt hatte, war sie gegangen. Mit zwei Koffern und einem Trümmerhaufen in der Brust. Sie hatte ihn abgeschrieben, die Stadt gewechselt, sich in ihrer Zürcher Altbauwohnung ein neues, ruhiges Leben aufgebaut. Ein Leben ohne Männer, ohne Drama, ohne Familie. Nur sie und ihre Arbeit als Grafikdesignerin. Punkt.
Und jetzt das. Ein Anruf aus dem Nichts, der alles, was sie sorgfältig weggesperrt hatte, wieder aufriss. Sie konnte nicht schlafen. Die Worte der Frau – Jana, so hieß sie wohl – hämmerten in ihrem Schädel. „…sonst stecken sie sie in ein Heim.“ Das Bild der alten Frau Brenner, wie sie mit ihren schmalen, von Arthritis verkrümmten Händen eine Tasse hielt und sich leise entschuldigte, wenn sie den Tee verschüttete, schob sich vor ihre Augen.
Warum rief diese Frau ausgerechnet sie an? Es gab keinen Grund, absolut keinen. Und doch wusste sie, noch während sie in die Dunkelheit des Schlafzimmers starrte, dass sie hinfahren würde.
Am nächsten Morgen um halb neun saß sie bereits in ihrem alten silbernen Golf und fuhr in Richtung Norden. Der Hamburger Stadtrand, eine triste Gegend aus den Siebzigern, gesichtslose Mietskasernen mit abblätternder Farbe und zugeparkten Gehsteigen. Nieselregen legte einen grauen Film über die Stadt. Vor dem Haus in der Finkenstraße 17, das sie kaum wiedererkannte, blieb sie einen Moment lang sitzen und umklammerte das Lenkrad. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen, als müsste es eine Betonwand durchschlagen.
Der Aufzug war kaputt. Sie stieg die fünf Stockwerke zu Fuß hinauf, vorbei an Graffiti und dem Geruch von kaltem Zigarettenrauch. Die Wohnungstür war nur angelehnt. Die Frau, die sie öffnete – Mitte vierzig, scharfer, dunkelrot geschminkter Mund, Leggins mit Leopardenmuster – musterte sie von oben bis unten.
„Pünktlich“, war alles, was sie sagte. Kein „Hallo“, kein „Kommen Sie herein“. Sie deutete mit dem Kinn auf den dunklen Flur hinter sich. „Sie ist da hinten, im letzten Zimmer. Ich habe ihre Sachen schon in ein paar Müllsäcke gestopft. Nehmen Sie gleich alles mit. Vor allem die verdammte Katze. Das Vieh stinkt die ganze Bude voll.“
Kathrin sagte nichts. Sie schob sich an der Frau vorbei, den stickigen Flur entlang, und öffnete die Tür zu einem winzigen Raum, der einmal eine Speisekammer gewesen sein musste. Ein beißender Geruch von Ammoniak, altem Schweiß und Verzweiflung schlug ihr entgegen. Auf einer schmalen, durchgelegenen Matratze, eingekeilt zwischen Kartons und Gerümpel, lag eine Gestalt unter einem löchrigen Laken. So zerbrechlich, so federleicht, dass sie kaum einen Abdruck auf der Matratze zu hinterlassen schien.
Es war Frau Brenner, aber auch wieder nicht. Von der rundlichen, freundlichen Person von damals war nur noch ein Schatten übrig. Die Haut lag pergamentdünn über den Wangenknochen, die Augen waren geschlossen, der Mund ein schmaler, trockener Strich. Und auf ihrer Brust, eingerollt wie ein feuerroter, atmender Handwärmer, lag ein klapperdürrer Kater. Seine Ohren waren zerfetzt, er hatte Kampfspuren im Gesicht, aber er hob den Kopf, als Kathrin näher trat, und sah sie aus großen, bernsteinfarbenen Augen an. Kein Fauchen, kein Knurren. Nur dieser unendlich müde Blick, der zu sagen schien: Da bist du ja endlich.
Etwas in Kathrins Brust, etwas, das fünfzehn Jahre lang eingefroren gewesen war, zersprang mit einem leisen, innerlichen Knall.
„Ich hole hier nur schnell alles raus“, sagte sie leise und begann, die Tüten zu greifen. Jana lehnte rauchend am Türrahmen und sah teilnahmslos zu. „Als Lars ihr vor zwei Jahren die Wohnung überschrieben hat, hätte ich sie am liebsten gleich mit rausgeschmissen. Aber er hatte ja so ein schlechtes Gewissen, der Idiot. Jetzt ist er tot, und ich muss sehen, wo ich bleibe. Die Bude gehört ja nun mir, immerhin. Und die Alte… na, viel Glück. Ich hoffe, Sie wissen, worauf Sie sich einlassen, die sabbert nämlich und macht unter sich. Wie ein Baby. Ekelhaft.“
Kathrin ging nicht darauf ein. Sie zog ihr Handy heraus und rief einen Krankenwagen. Keine Diskussion, kein Taxi. Diese Frau brauchte sofort medizinische Hilfe.
Die Sanitäter, zwei junge Männer, die beim Betreten des Zimmers beide unwillkürlich die Luft anhielten und dann einen schnellen, wütenden Blick mit Jana wechselten, hoben Frau Brenner mit unendlicher Behutsamkeit auf eine Trage. Der Kater, der die ganze Zeit nicht von der Brust der alten Dame gewichen war, krallte sich panisch in das Laken. Einer der Sanitäter bückte sich, kraulte ihn kurz hinter dem Ohr und flüsterte: „Keine Sorge, Großer, wir bringen euch hier raus.“ Er sah zu Kathrin auf. „Nehmen Sie ihn mit?“
Selbstverständlich nahm sie ihn mit.
Die erste Nacht im Krankenhaus von Zürich war die schlimmste. Die Ärzte sprachen von schwerer Mangelernährung, Dehydrierung und einer beginnenden Lungenentzündung. Kathrin blieb. Sie saß auf einem harten Plastikstuhl neben dem Bett, den roten Kater in einer Transportbox zu ihren Füßen, und hielt die Hand einer Frau, die nicht mehr ihre Schwiegermutter war und doch das Gefühl von Familie in ihr wachrief, das sie so lange verdrängt hatte. Frau Brenner, die eigentlich Ingrid hieß, erwachte nur für wenige Minuten. Ihre Augen irrten umher, fanden Kathrin und hielten inne. Ein Anflug von Erkennen? Ein Zucken der Mundwinkel.
„Alles wird gut, Frau Brenner. Sie sind in Sicherheit. Ruhen Sie sich aus.“ Mehr sagte Kathrin nicht.
Am dritten Tag kam die Oberärztin auf sie zu. Eine warmherzige Frau um die sechzig. „Sind Sie die Angehörige? Die Tochter?“
„Die… Ex-Schwiegertochter. Sozusagen.“ Es klang lächerlich, selbst in ihren Ohren.
Die Ärztin zuckte nicht mit der Wimper. „Sie hat großes Glück, dass Sie sie gefunden haben. Zwei, drei Tage später und…“ Sie sprach den Satz nicht zu Ende. „Wir haben den Sozialdienst informiert. Die suchen jetzt einen geeigneten Pflege…“
„Nein.“ Das Wort war draußen, bevor Kathrin nachdenken konnte. Die Ärztin sah sie an. „Nein, sie kommt mit zu mir. Ich kümmere mich darum. Ich habe Platz. Und Zeit. Ich arbeite von zu Hause aus.“
So einfach war das. Oder so kompliziert. Eine Woche später, Frau Brenner – Ingrid – saß, gestützt von Kissen, in Kathrins Gästezimmer und blickte auf den Zürichsee hinaus, lag der rote Kater, der auf den Namen Herr Schröder getauft worden war, zu einem rundlichen Ball zusammengerollt auf ihren Füßen und schnarchte leise.
Die Genesung war ein langer, zäher Prozess. Ingrid konnte kaum sprechen, sie schämte sich unendlich für das, was passiert war. Für die Windeln, die sie brauchte, für das Zittern ihrer Hände, wenn sie nach einer Tasse griff. Kathrin tat das Einzige, was sie tun konnte: sie normalisierte den Wahnsinn. Sie kochte Hühnersuppe, pürierte Gemüse, ging mit der Quietscheente im Bad herum, bis Ingrid zum ersten Mal lächelte.
Nach drei Wochen stand plötzlich ein Mann vor der Tür. Ende vierzig, windzerzaustes Haar, eine randlose Brille und eine Tüte mit dampfenden Zimt-Gipfeli vom Beck in der Hand. Es war Thomas, der Nachbar von gegenüber. Ein stiller, zurückhaltender Architekt, den Kathrin bisher nur vom Grüßen im Treppenhaus kannte.
„Frau Maier“, sagte er und wirkte auf einmal unsicher wie ein Schuljunge. „Ich hab gehört… also, die Leute reden ja. Dass Sie die alte Dame und den Kater aufgenommen haben. Das finde ich einfach großartig. Und ich dachte, vielleicht… also, vielleicht können Sie die hier gebrauchen? Für Ihre Mutter? Oder wie auch immer Sie zu ihr sagen. Und ich wollte fragen, ob ich vielleicht mal mit dem Kater… also, ob ich mal den Müll für Sie runterbringen kann? Oder den Wocheneinkauf?“
Er brachte nicht nur Gipfeli. Er brachte einen Rollstuhl, den er irgendwo aufgetrieben hatte. Er kam jeden Abend, um Ingrid und Herrn Schröder für eine Runde am See entlang abzuholen. Er brachte einen Strauß gelber Ranunkeln mit, die er schüchtern in Kathrins Hand drückte, woraufhin Ingrid, die stille Ingrid, ein wissendes, beinahe listiges Glitzern in die Augen bekam.
Eines Abends, der See lag wie flüssiges Blei in der Dämmerung, und Herr Schröder saß wie ein rotes Maskottchen auf Ingrids Schoß im Rollstuhl, sagte Thomas, ohne sie anzusehen, sondern stur auf den Horizont starrend: „Eigentlich wollte ich nie heiraten. Nach der Scheidung dachte ich, das war’s mit dem Glück. Aber ich merke jetzt, dass Glück nichts ist, das man findet. Sondern etwas, das man sich traut, einzuladen. Und ich würde Sie, also, ich würde euch alle drei, gerne für immer zum Abendessen einladen. Wenn das nicht zu verrückt klingt.“
Kathrin lachte, ein Geräusch, das sie selbst überraschte. Sie legte ihre Hand auf seine, die den Griff des Rollstuhls umklammert hielt. Es war das erste Mal, dass sie einen Mann freiwillig berührte, seit fast zwei Jahrzehnten. Sie fühlte sich nicht an wie Feuerwerk oder Herzrasen. Sie fühlte sich an wie Nachhausekommen.
Es war Ingrid, die ihnen beiden, als sie an diesem Abend vor der Tür standen, mit zittriger, aber klarer Stimme befahl: „Nun küsst euch endlich. Ihr seid doch keine zwanzig mehr, dass ihr mir noch zehn Jahre um den heißen Brei herumschleicht. Ich will noch was von dem Glück haben, verdammt noch mal!“
Sie bekam es.
Ein Jahr später trieb ein Hausboot, geschmückt mit weißen Dahlien und Girlanden aus Buchsbaum, auf dem Zürichsee. An Bord waren ein Standesbeamter, ein paar Nachbarn, eine strahlende Braut in einem schlichten, meerblauen Kleid, ein Bräutigam mit Tränen in den Augen, eine alte Dame mit einem riesigen Hut, die auf ihrem Schoß einen fetten, roten Kater festhielt und zum ersten Mal seit Jahren so lachte, dass es schallte. Und inmitten dieser kleinen, verrückten, zusammengewürfelten Familie, die nichts gemeinsam hatte außer einer großen Portion verlorener Jahre und einer noch größeren Portion Mitgefühl, spürte Kathrin ein kleines, energisches Treten in ihrem Bauch. Eine weitere Seele, die zur Tür hereinkam, ohne anzuklopfen.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Thomas, sofort alarmiert, und legte eine Hand auf ihren inzwischen unübersehbar gewölbten Bauch.
„Alles perfekt“, flüsterte sie und sah zu Ingrid hinüber, die, den Kater ans Ohr gedrückt, dem Treiben zusah. „Absolut perfekt. Ich glaube, unser Sohn will einfach nur Hallo sagen zu seiner verrückten Oma und ihrem Wollknäuel von einem Leibwächter. Ich hoffe nur, er hat den Dickkopf von uns allen geerbt. Sonst hat er’s nämlich schwer in diesem Haufen.“
Und Herr Schröder, der alte Haudegen, gähnte herzhaft und legte seine zerzauste Tatze besitzergreifend auf Ingrids Arm. Die Könige hatten ihren Frieden gefunden.
