»Dein Sohn? Ein prima Lückenfüller. Solang nix Besseres nachkommt.«
Den Satz hatte Gisela am Münsterplatz aufgeschnappt, zwischen französischem Käse und selbstgemachter Marmelade, und er hing ihr noch in den Ohren, als sie jetzt, Tage später, in der kleinen Küche ihres Freiburger Fachwerkhauses stand und Geldscheine auf die Arbeitsplatte zählte. Der Duft von Zimt und frisch gebackenem Apfelkuchen zog durchs Haus, während draußen der wild wuchernde Garten im Nieselregen stand.
»Für Lina, zum Geburtstag«, sagte sie und schob ihrem Sohn die Scheine hin. Zwei Fünfziger, ein Zwanziger, ein verknitterter Zehner. »Zwanzig wird sie, das muss man feiern. Fährst du mit ihr nach Heidelberg?«
Felix nickte und stopfte das Geld in seine Jeans. Drittes Semester Architektur, wohnhaft Zimmer über der Küche, und Gisela, Bibliothekarin an der UB, stützte ihn, wo sie nur konnte. Lina war seine Freundin, kirschrot gefärbte Haare, eine Lache, die man drei Straßen weiter hörte. Sie jobbte bei »Brot und Rosen« in der Salzstraße und hatte die Gabe, jeden Raum mit ihrer Energie zu fluten. Felix war ruhiger, bedächtiger. Er zeichnete gern, hörte ihr zu und dachte, das sei Liebe.
Der Flixbus nach Heidelberg war stickig und hatte vierzig Minuten Verspätung. Lina trug ein zitronengelbes Sommerkleid und zog alle Blicke auf sich. Sie hatte sich eine Limousine gewünscht, ein Abendessen im »Hirsch« und eine Fahrt durch die Altstadt. Stattdessen gab es Bustickets für 18,90 das Stück, einen Tisch im »Vapiano« unter den Arkaden und einen Spaziergang am Neckar entlang. Felix hatte 87 Euro für eine Kette mit einem winzigen Anhänger in Form eines Schmetterlings hingelegt – »Sterling Silber« stand auf dem Etikett, aber der Verschluss klemmte beim zweiten Öffnen. Lina hielt sie ins Licht der Straßenlaterne.
»Süß«, sagte sie, ließ die Kette in ihrer Handtasche verschwinden und zog ihn weiter zum Alten Brückentor. Sie machte ein Selfie nach dem anderen, postete sie sofort und las die Kommentare vor, während Felix ihren Rucksack trug.
Trotzdem war der Abend schön, irgendwie. Sie aßen Eis für 4,60 die Kugel, sahen den Touristenbooten nach und erwischten den letzten Bus zurück. Gisela erwartete sie mit Kerzenschein und einer Flasche Rotkäppchen-Sekt vom Angebotstisch im Edeka. Sie prosteten sich zu, und Linas Augen glitzerten.
»Wenn das Studium durch ist, baue ich uns ein Haus«, sagte Felix später, als sie auf seinem Bett saßen und den Verkehrslärm der Habsburgerstraße mit einem lauwarmen Kissen dämpften. »Mit einem riesigen Atelier für mich und einem Wintergarten für dich.«
Lina legte ihren Kopf schief und lächelte. Aber es war ein Lächeln, bei dem ihre Mundwinkel schneller fielen, als sie sich hoben. »Träumer«, flüsterte sie und küsste ihn auf die Wange, aber ihre Augen waren schon beim Display ihres Handys.
Drei Tage später war Markttag auf dem Münsterplatz. Gisela schob ihren Einkaufstrolley am Stand mit dem französischen Käse vorbei, als eine Stimme sie aufhielt.
»Frau Krämer! Gisela!«
Susanne, Linas Tante, kurze Haare, Marmeladenstand, Hände voller Aprikosenkonfitüre. Sie kannten sich flüchtig vom letzten Stadtteilfest.
»Haben Sie den Geburtstag gut überstanden?«, rief Susanne und wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Felix ist ja so ein netter Kerl. Meine Nichte hat mir alles erzählt, das mit dem Abendessen und dem Schmuck. Echt großzügig von dem Jungen.«
Gisela winkte ab. »Ach, wissen Sie, wenn der Sohn glücklich ist. Hauptsache, die beiden verstehen sich. Er ist ja ganz verrückt nach ihr, malt ständig ihre Porträts in seine Entwurfsblöcke.«
Susanne zog eine Augenbraue hoch, beugte sich über die Theke und senkte die Stimme. »Na ja, unter uns, Gisela. Die Lina, die sucht was anderes. Sie hat nach dem Abendessen zu meiner Schwester gesagt, der Felix sei ja ganz lieb, aber irgendwie langweilig. Sie wartet noch ab, hat sie g’sagt, ob da nicht noch ein bisschen mehr Pep kommt. Und wenn nicht, na dann war’s das halt. Solang nix Besseres nachkommt, ist er ein prima Lückenfüller. Sorry, aber ich finde, das muss man wissen. Sie sind ja seine Mutter.«
Die Worte prasselten auf Gisela herab wie der kalte Nieselregen. Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, aber nicht für sich selbst – für ihren Sohn. Für seine nächtelangen Zeichnungen, für die gesparten 87 Euro, für den Traum vom Wintergarten. »Lückenfüller«. Sie zahlte wortlos den Käse, 6,40, nickte Susanne zu und ging.
Zu Hause schloss sie die Tür zu Felix’ Zimmer auf. Auf dem Schreibtisch lagen die Skizzen von Lina – ihr Lachen mit Tusche eingefangen, ihr wirbelndes Kleid mit Kohle aufs Papier geworfen. Gisela legte eine Hand auf die Zeichnungen und atmete tief durch. Ihre Finger krallten sich kurz um die Kante des Entwurfsblocks, bevor sie die Hand wieder löste. Dann räumte sie die leeren Kaffeetassen vom Tisch und stellte eine Vase mit frischen Astern daneben.
Felix kam gegen sechs, die Haare nass vom Regen. Er war blass. Er hatte Lina am Nachmittag in der Stadt getroffen, und sie hatte abweisend gewirkt, hatte gesagt, sie müsse mit Freundinnen weg. Aber ein Bekannter aus der Mensa war auf ihn zugekommen und hatte ihm brühwarm erzählt, was Lina über ihn sagte. Dass er eine Übergangslösung sei. Warm, sicher, praktisch – aber auf Dauer zu fade.
Gisela machte ihm eine heiße Zitrone mit Honig, wie damals, als er klein war, und setzte sich zu ihm aufs Sofa.
»Sie hat’s nicht so gemeint, vielleicht«, begann Gisela ohne große Überzeugung.
Felix starrte an die Decke. »Mama, ich hab sie angerufen. Ich hab sie direkt gefragt. Und weißt du, was sie gesagt hat? Sie hat eine volle Minute geschwiegen, und dann hat sie rausgehauen: ›Na und, du bist doch echt nicht der Bringer, Felix. Du studierst noch, du hast kaum Kohle, und im Bett ist bei dir auch nicht gerade der Rock’n’Roll los. Warum soll ich mich nicht umschauen? Ich bin jung, ich will Spaß. Du bist für den Moment okay. Aber mehr halt auch nicht.‹«
Gisela schloss die Augen. Ihre Hand, die die Tasse hielt, begann zu zittern. Der Satz hing schwer im Raum, wie ein chemischer Geruch, der nicht weichen wollte.
»Sie ist eine Idiotin«, sagte Gisela leise.
Felix stand auf, ging zum Fenster und sah auf die Regentropfen, die an der Scheibe herunterliefen. »Ich lasse nicht zu, dass man mich hinhält. Nicht dafür, wie viel ich fühle. Wenn ich nicht genug bin, kann sie gehen. Ich bin raus.«
Zwei Tage später stand Lina vor der Tür. Sie hatte geweint, das Make-up war verschmiert. Durch die Milchglasscheibe sah Gisela ihren zitternden Schemen.
»Felix, bitte! Es war alles nur Gerede, ich war betrunken, die Tante spinnt doch, die hat alles verdreht!«
Felix ging zur Tür, öffnete sie einen Spaltbreit und lehnte sich mit dem Arm gegen den Rahmen. Er sah sie an, aus einer ruhigen, inneren Distanz, die neu an ihm war. »Du warst nüchtern, Lina. So nüchtern, dass du jeden meiner Fehler genau aufzählen konntest. Deine Tante hat nur wiederholt, was deine Meinung ist. Es tut mir leid, aber du wirst schon das Richtige finden. Nur nicht hier. Nicht mehr bei mir.«
Er schloss die Tür. Durch das Holz hörte er ihr Schluchzen, ihre wütenden Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Dann wurde es still, und nur die Standuhr im Flur tickte. Gisela kam aus der Küche, legte ihren Kopf an seine Schulter und sagte nichts. Sie standen so eine Weile, während die Uhr die Sekunden ins Leere tickte.
Die Monate danach waren wie ein langsames Durchatmen. Felix vergrub sich in seine Semesterarbeit: den Entwurf für eine ökologische Wohnsiedlung am Kaiserstuhl. Er zeichnete nicht mehr Lina, sondern klare Fassadenlinien, begrünte Dächer, lichte Räume. Gisela beobachtete, wie er sich veränderte – er skizzierte jetzt abends am Küchentisch und vergaß dabei manchmal zu essen, was früher nie vorkam.
Im Oktober, bei einer Exkursion zu einer Baustelle im Industriegebiet Colmar-Nord, traf er auf Miriam. Sie war Bauingenieurin aus dem Elsass, sprach ein charmantes Mischmasch aus Deutsch und Französisch und trug Sicherheitsschuhe von Engelbert Strauss, Größe 39, die aussahen, als hätten sie schon drei Baustellen überlebt. Ihre Haare waren lang, dunkel und zu einem praktischen Knoten gebunden. An diesem Tag regnete es Bindfäden, und alle Studenten standen frierend unter einem Vordach, während Miriam seelenruhig den Bauplan erklärte und dabei den strömenden Regen ignorierte. Ein Student fluchte leise über die Kälte, sie knallte ihm einen Helm auf den Kopf und sagte, echte Baustellen seien nun mal keine Hörsäle.
Felix stand da, völlig durchnässt, und merkte, dass er grinste.
Als sie eine Pause machte, reichte er ihr, ohne lange zu überlegen, seine Thermoskanne mit Kaffee.
Miriam nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. »Der ist ja kalt. Und bitter. Genau richtig.« Sie lachte und gab die Kanne zurück. »Architekt?«
»Im dritten Semester«, gab er zu.
»Dann sollten wir uns den Rohbau mal von innen ansehen. Kommen Sie, ich zeig’ Ihnen, wo die Bewehrung falsch gebogen wurde und der Beton zu schnell abgebunden hat. Da lernt man mehr als im Hörsaal.«
Sie nahm ihn mit in den halbfertigen Bau, erklärte ihm Stahlträger und die Haarrisse in der Bodenplatte, und irgendwann, in einer künftigen Tiefgarage voller Pfützen, wo an der Wand eine vergessene Kabeltrommel lag und es nach nassem Zement roch, küsste er sie zum ersten Mal. Sie hatte einen Fleck Bauschaum am Ärmel und ihre Hände waren rau, und als sie sich voneinander lösten, sagte sie: »Du hast da noch Betonstaub an der Nase.« Er rieb sich mit dem Handrücken übers Gesicht und erwischte die falsche Stelle. Sie lachte und wischte den Staub mit ihrem Daumen weg.
Ein Jahr später zog er zu ihr in eine Altbauwohnung in der Wiehre, mit knarrenden Dielen und einer Spülmaschine, die nur lief, wenn man mit der flachen Hand gegen die Tür schlug. Sie übernahm die Bauleitung für ein Wohnprojekt mit 68 Einheiten in der Vauban, er schrieb seine Bachelorarbeit und half am Wochenende ehrenamtlich bei der Renovierung eines alten Hofguts in Opfingen mit. Miriam kam einmal mit und stellte in der ersten halben Stunde fest, dass der Dachstuhl um 3,5 Grad aus dem Lot war. Der Hofbesitzer bot ihr sofort einen Job an, den sie lachend ablehnte.
Gisela mochte Miriam vom ersten Abend an, als sie zum Essen kam und zum Nachtisch drei Sorten selbstgemachtes Sorbet mitbrachte – Mango, Himbeere, Basilikum – und sich von Gisela die Handkäs’-Rezepte erklären ließ, als säße sie schon immer an diesem Küchentisch. Nach dem Essen, beim Abwasch, sagte Miriam plötzlich: »Ihre Fugen im Bad müssten mal neu gemacht werden. Die sind an der Dusche komplett porös. Soll ich das am Samstag machen?« Gisela starrte sie an, dann lachte sie und sagte: »Kind, du bist nicht zufällig adoptiert?«
Die Hochzeit war klein, nur Familie und die engsten Freunde, 38 Leute. Sie feierten in einer Scheune am Waldrand mit Lichterketten und einer Jazzband aus Straßburg, die 820 Euro gekostet und jeden Cent wert war. Felix trug einen Leinenanzug, Miriam ein elfenbeinfarbenes Kleid, unter dem sie immer noch ihre Stahlkappenschuhe trug, bis ihre Mutter sie zwang, wenigstens zum Tanz die Sandalen anzuziehen. Gisela saß neben ihrer alten Nachbarin Frau Schöller und als Felix und Miriam sich zur langsamen Nummer drehten, sagte sie nichts, sondern drückte nur Frau Schöllers Hand und nahm noch ein Stück von der Hochzeitstorte.
Knapp drei Jahre später, an einem Dienstag im Mai, trug Felix die kleine Emma durch den Garten. Gisela kauerte neben dem Sandkasten und baute eine klobige Sandburg, während die Kleine mit ernstem Gesicht eine Plastikschaufel schwang und dabei »Ba-ba-ba« vor sich hin brabbelte.
Felix sah seiner Mutter beim Buddeln zu. Der Kirschbaum warf gesprenkelte Schatten, und irgendwo hinter dem Haus surrte ein Rasenmäher. Miriam kam mit einer vollen Gießkanne aus dem Schuppen, und Emma streckte sofort beide Arme aus.
»Mama?«, sagte Felix.
Gisela blickte auf, die Hände voller Sand.
»Manchmal frage ich mich, was gewesen wäre, wenn ich damals weich geworden wäre. Wenn ich ihr die Entschuldigung abgekauft hätte.«
Gisela antwortete nicht gleich. Sie klopfte sich umständlich den Sand von der Hose – einmal, zweimal, als müsste sie den richtigen Moment abwarten. Dann richtete sie sich langsam auf und sah zu Miriam, die mit der Gießkanne die Sandburg binnen Sekunden in eine Matschlandschaft verwandelte. Emma stieß ein Kreischen aus, das lauter war als jedes Vogelgezwitscher.
Miriam lachte, stellte die Kanne ab und hob Emma aus dem Sandkasten, wobei sie sich einen nassen Handabdruck auf die Bluse holte. »So, junge Dame«, sagte sie auf Deutsch mit dem rollenden elsässischen R, »und jetzt gibt es Abendessen. Dein Vater hat vorhin schon wieder vergessen zu essen, und wenn wir nicht aufpassen, verhungert er uns noch über seinen Bauplänen.«
Sie zwinkerte Felix zu, und Felix spürte, wie sich etwas in seiner Brust löste, das er schon vergessen hatte.
Gisela sah ihrem Sohn beim Atmen zu. Dann bückte sie sich, hob Emmas heruntergefallene Schaufel auf und drückte sie ihm in die Hand.
»Komm«, sagte sie, »bevor das Essen kalt wird. Deine Frau macht übrigens die beste Zitronenbutter diesseits des Rheins. Und die habe ich ihr nicht beigebracht.«
