Die Klingel über der Tür des kleinen Reisebüros in der Kölner Südstadt schlug an, und ein warmer Föhnwind wehte einen Stapel Prospekte vom Tresen. Silke drückte die Tür mit der Hüfte zu und hielt den Atem an. Siebenhundertsiebzehn Euro. Alles, was in drei Jahren ohne Urlaub, ohne neue Winterjacke und ohne Restaurantbesuche auf dem Sparkonto gelandet war. Dafür gab es jetzt vierzehn Tage Pension Amselblick in Binz, ein Einzelzimmer mit Gemeinschaftsbad und den ersten Ostseeurlaub ihres Lebens.
Der Zug hatte Verspätung, die Pension lag hinter dem Netto-Markt und nicht, wie im Prospekt, mit direktem Meerblick, und das Zimmer roch nach kaltem Rauch, obwohl es angeblich Nichtraucher war. Silke warf die Reisetasche auf die karierte Tagesdecke, schob das Fenster auf und ließ die salzige Luft herein. Neununddreißig. Pflegekraft in der Geriatrie. Ledig. Keine Kinder. Die Kolleginnen hatten gelästert, als sie die Urlaubsvertretung eingetragen hatte. „Alleine an die Ostsee, das hältst du doch keine drei Tage aus.“ Silke hatte den Dienstplan kommentarlos unterschrieben und sich innerlich geschworen, jeden einzelnen Sonnenuntergang zu zählen.
Am dritten Morgen lag sie um kurz nach acht auf dem Strandkorb, den sie sich für den gesamten Aufenthalt reserviert hatte. Der Himmel war milchig, das Wasser noch kalt, und eine Möwe stritt sich mit einem kleinen Jungen um ein Brötchen. Die Ruhe war bleiern und wunderbar.
Bis eine Stimme hinter ihr sagte: „Entschuldigung, der Strandkorb gehört doch mir. Ich hab den gestern reserviert, die Frau von der Vermietung meinte, ich soll einfach kommen und mich setzen, weil der letzte Mieter nicht verlängert hat. Steht doch auf dem Zettel. Silke, oder? Silke Baumann?“
Sie drehte sich nicht sofort um. Dreizehn Jahre lösten sich in einer einzigen Sekunde von ihrem Brustbein und blieben ihr im Hals stecken. Die Stimme war rauer geworden, an den Rändern brüchig vom Rauchen, aber der Tonfall, dieses leicht näselnde Schwäbisch, das er nie ganz abgelegt hatte, war unverkennbar. Marian.
Der Mann, der drei Wochen vor der geplanten Trauung seine Koffer gepackt, das gemeinsame Sparbuch leergeräumt und einen handgeschriebenen Zettel auf die Ablage in der Diele gelegt hatte. „Es geht nicht. Such mich bitte nicht. M.“
Sie hatte ihn gesucht. Natürlich hatte sie das. In Stuttgart, wo seine Eltern wohnten und wo seine Mutter ihr die Tür vor der Nase zugezogen hatte. In Freiburg, wo ein alter Kommilitone wohnte, der nichts wusste oder nichts sagen wollte. Auf dem Standesamt, wo sie die Trauung stornierte und die Standesbeamtin mit einem Blick ansah, der sagte: Das passiert hier ständig, stellen Sie sich nicht so an. Das geblümte Kleid, das im Schrank hing, hatte sie erst bei einem Flohmarkt sechs Jahre später verkauft, an ein blutjunges Mädchen, das strahlte und gar nicht verstand, warum die Verkäuferin beim Einpacken nicht lächelte.
Jetzt stand er da. Leinenhemd, teure Sandalen, ein silbernes Armband am Handgelenk. Die Haare an den Schläfen grau, die Wangen eingefallen, aber die Augen, diese bernsteinfarbenen Augen, dieselben.
„Silke? Bist du das wirklich?“
Sie stand auf, das ausgebleichte Handtuch in der Faust. „Der Strandkorb ist für die ganze Woche bezahlt. Beleg liegt bei der Vermietung. Guten Tag.“ Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich anfühlte. Jedes Wort saß präzise wie eine Injektion.
„Silke, warte. Mensch, lass uns doch reden. Dreizehn Jahre. Ich kann das erklären, wirklich. Das war alles ein Riesenmissverständnis damals, ich war in einer Krise, ich hatte Schulden bei völlig falschen Leuten, ich musste einfach weg, sonst hätten die dich auch noch mit reingezogen. Ich dachte, ich schütze dich. War doch alles nur, weil ich dich geliebt habe, verstehst du das nicht?“
Der Mann am Nebenkorb raschelte mit seiner Bildzeitung. Eine dicke Frau mit Badehaube drehte sich im Wasser um und starrte herüber. Silke spürte die Blicke wie Nadelstiche auf der Haut. Sie zwang sich, nicht die Arme vor der Brust zu verschränken.
„Du hast mich geschützt. Indem du neunundvierzigtausend Mark vom gemeinsamen Konto abgehoben hast und einfach verschwunden bist. Weißt du, was die Bankberaterin gesagt hat? Dass ich das allein nie hätte abheben dürfen, weil ich als zweite Kontoinhaberin eine Mitzeichnungspflicht hatte. Aber du warst ja der Hauptinhaber. Alles ganz legal. Da hat die nette Frau von der Volksbank dann noch gefragt, ob ich gewusst hätte, dass du seit acht Monaten nichts mehr aufs Konto eingezahlt hast, sondern jeden Monat nur abgehoben. Fünfzehnhundert, zweitausend, dreitausend. Bis nichts mehr da war. Ich hab geweint, und sie hat mir ein Taschentuch gegeben, und das war mein finanzieller Ruin.“ Silke lachte kurz auf, aber das Lachen klang falsch, wie ein Schluckauf.
Marian zuckte zusammen, aber nur für einen Moment. Dann zog er einen Stuhl von einem verwaisten Nachbarkorb heran und setzte sich ungefragt. Zu nah. Er roch nach Aftershave und Chardonnay, obwohl es noch nicht einmal Mittag war.
„Das mit dem Geld tut mir leid. Echt, das war scheiße, das weiß ich. Aber ich hatte keine Wahl. Die haben mir gedroht. Richtige Knochenbrecher aus dem Stuttgarter Rotlichtmilieu. Ich hab alles verloren, Silke. Die Firma, die Wohnung, dich. Glaubst du, ich bin stolz drauf, dass ich abgehauen bin? Ich hab jahrelang in Buenos Aires gelebt, unter falschem Namen, ganz unten. Bis ich dann vor vier Jahren zurückgekommen bin und alles neu aufgebaut hab. Jetzt läuft’s. Logistikbranche, fünfundzwanzig Angestellte, Haus in Sindelfingen mit Pool. Und ich bin geschieden, keine Kinder. Verstehst du, was das heißt? Ich bin wieder frei, und ich suche seit Monaten nach dir. Deine alte Nummer existiert nicht mehr, deine Mutter hat mich am Telefon beschimpft und aufgelegt. Dass ich dich hier finde, in so einem popeligen Urlaubsort am Arsch der Welt, das ist Schicksal.“ Er griff impulsiv nach ihrer Hand, aber Silke zog sie weg.
Die Mittagssonne brannte auf ihren Scheitel, und in ihrem Inneren wurde es ganz still. Kein Zorn. Keine Genugtuung. Nur die Erkenntnis, dass neben ihr ein Mann saß, der die Begriffe „Schuld“ und „Schicksal“ nach Belieben verbog wie warmes Wachs.
Am Abend klopfte es. Nicht an die Tür des Zimmers zur Pension, sondern an die halbhohe Holztür der kleinen Terrasse, die zu ihrem Appartement im Souterrain gehörte. Marian hatte eine Flasche Rotwein in der Hand und eine Packung Merci, die noch in Cellophan eingeschweißt war. Das Etikett klebte schief, Zweiunddreißig Prozent reduziert wegen beschädigter Verpackung. Ein Detail, das sie sich nicht entgehen ließ.
„Ich will nicht aufdringlich sein, aber ich kann nicht schlafen, wenn das so zwischen uns steht. Ich hab unten im ‚Strandläufer‘ einen Tisch für morgen Abend reserviert. Acht Uhr. Mach mir die Freude. Ich schulde dir so viel mehr als ein Abendessen, aber lass uns wenigstens damit anfangen. Bitte. Wir sind doch nicht mehr zwanzig. Wir sollten das klären wie Erwachsene.“
„Gute Nacht, Marian. Und bitte komm nicht wieder her. Die Vermieterin findet das nicht gut, und ich auch nicht.“ Sie schloss die Tür, lehnte sich von innen dagegen und atmete langsam durch. Das Klicken seiner Schritte auf dem Kies entfernte sich und wurde von der Brandung verschluckt.
Am nächsten Morgen war der Himmel tiefblau. Silke frühstückte im Ort, ein Milchkaffee und ein Croissant für fünf Euro zwanzig, und ignorierte die WhatsApp-Nachricht, die von einer unbekannten Nummer kam: „Vermisst du mich nicht, wenigstens ein bisschen? M.“.
Am Strand traf sie Frau Kühn, die nebenan in Zimmer sieben wohnte, eine resolute Achtundsechzigjährige aus Erfurt mit lila Dauerwelle und scharfer Beobachtungsgabe. „Na, Ihre Bekanntschaft von gestern sitzt schon wieder am Strandcafé. Hat mich ausgefragt, wie lange Sie bleiben und ob Sie alleine sind. Ich hab gesagt, Sie hätten einen großen, kräftigen Mann mitgebracht, der nur leider unsichtbar ist. Da hat er komisch geguckt.“ Frau Kühn kicherte und rückte ihren Bademantel zurecht. „Schmierlappen gibt’s überall. Hab meinem Herbert damals auch den Laufpass gegeben, und das war die beste Entscheidung meines Lebens. Lassen Sie den nicht an sich ran, Mädchen. Der will was, und das sind nicht Ihre wunderschönen Augen, sondern Ihr Einfühlungsvermögen. Merk ich sofort. Mein Herbert war genauso. Konnte nicht allein sein, das war sein Problem. Nicht meins. Hab ich ihm gesagt: dein Problem, nicht meins. Ciao, Herbert! So muss das.“ Sie lachte, dass ihre Locken wackelten.
Ein schwerer grauer Mercedes, der mit laufendem Motor unten an der Strandpromenade parkte, fiel Silke gegen Mittag auf. Das Fenster war halb heruntergelassen, und Marian saß am Steuer und telefonierte. Alle paar Sekunden blickte er zu ihr herüber. Als sie das Handtuch ausschüttelte, stieg er aus und kam die Treppe zum Strand hoch. Diesmal kein Lächeln, kein Charme. Die Maske war verrutscht.
„Kannst du bitte mit dem Theater aufhören? Ich geb mir hier alle Mühe, und du behandelst mich, als wär ich der letzte Idiot. Was soll das? Ich hab dir ein Angebot gemacht, Silke. Ein echtes Angebot. Ich hol dich hier raus, ich zeig dir, was du in den letzten Jahren verpasst hast. Das hier“, er wedelte mit dem Arm in Richtung der abblätternden Fassade der Pension und dem Müllcontainer am Straßenrand, „das hier ist doch kein Leben. Ich hab mir deinen Job sagen lassen. Pflegekraft. Alte Leute waschen, für zwölf Euro die Stunde. Du könntest alles haben. Ein Haus, ein Auto, Reisen. Ich mein das ernst. Ich mach einen Fehler von damals wieder gut, und du willst es nicht mal versuchen?“
Silke legte das Buch aus der Hand, in dem sie keine einzige Zeile gelesen hatte. Sie stand auf, und die Sonne stand genau hinter ihrem Kopf, sodass Marians Gesicht im Schatten lag und sie ihn klar sehen konnte. Die leichte Verfärbung an seinem linken Nasenflügel, die sie früher so niedlich gefunden hatte. Das nervöse Zucken des Mundwinkels. Die Vergangenheit war keine Schnulze mit versöhnlichem Ende. Vergangenheit war ein teures Auto, das jemand vor deiner Tür parkt, um dir zu zeigen, was du niemals hattest.
„Hör zu, Marian. Du hast mich vor dreizehn Jahren sitzen lassen. Du hast unser Geld genommen und bist abgehauen. Ich hatte die Wahl zwischen Privatinsolvenz und zwei Doppelschichten im Monat extra. Ich hab mich für die Doppelschichten entschieden. Meine Mutter hat in dem Jahr ihren ersten Schlaganfall gehabt, und das Einzige, was mich aufrecht gehalten hat, war, dass ich morgens um fünf aus dem Krankenhaus kam und wusste, dass ich es auch ohne dich schaffe. Du warst nie die Rettung. Du warst die Karambolage.“ Ihre Stimme zitterte kein bisschen.
„Das ist jetzt aber starker Tobak. Ich war jung, verdammt noch mal! Wer macht denn keine Fehler? Wir hätten doch zusammen alt werden können. Dafür ist es noch nicht zu spät. Du und ich, wir versauen uns das nicht nochmal. Komm schon, Silke. Sei nicht so nachtragend.“ Seine Stimme war eine Mischung aus Trotz und Werbefilm.
Silke bückte sich, hob ihre Tasche auf und schulterte sie. „Weißt du, was ich hier wirklich genieße? Das Alleinsein. Das hab ich mir verdient. Ganz allein. Ohne jemanden, der behauptet, mir was Gutes zu tun und am Ende nur sein eigenes Spiegelbild sucht. Find dich selbst, Marian. Aber tu es woanders. Und sag der Vermieterin nicht nochmal, du wärst ein alter Freund von mir und würdest nur kurz was abgeben wollen. Das hab ich ihr nämlich erzählt, mit deinem vollständigen Namen und dem Autokennzeichen. Sie hat ein sehr gutes Gedächtnis und duldet keinen Ärger im Haus. Sie sagt, sie ruft gern die Polizei, wenn jemand Hausfriedensbruch begeht. Das ist kein Scherz vom Land. Die meint das, wie sie es sagt. Ich hab sie gefragt.“
Marians Gesicht lief dunkelrot an. Er ballte die Faust, schlug aber nicht, sondern stieß mit dem Fuß gegen die hölzerne Umrandung des Strandkorbs. Ein Splitter brach ab und fiel in den Sand. „Du blöde, undankbare Kuh“, zischte er, so leise, dass nur sie es hörte. „Du wirst schon sehen, was du davon hast. Das war deine letzte Chance auf ein anständiges Leben.“ Dann drehte er sich um und stapfte mit schnellen Schritten die Strandtreppe hoch. Der schwere Motor des Mercedes heulte auf, und das Auto zog eine kleine Staubwolke hinter sich her, als es in Richtung B 196 davonfuhr.
Silke blieb noch einen Moment stehen, sah dem Auto nach und spürte etwas, das sie seit Wochen nicht mehr gespürt hatte: jugendliche Leichtigkeit. Als hätte sich eine alte, hartnäckige Schraube in ihrer Brust endlich gelöst und wäre irgendwo unter die Bodendielen gerollt.
Zurück in der Pension machte sie sich einen Pfefferminztee, setzte sich im Schneidersitz auf das quietschende Bett und blätterte in der Broschüre für den Rest der Woche. Eine Schiffstour zu den Kreidefelsen. Ein Naturkundemuseum in Sassnitz. Ein Abendvortrag über Seevögel. Oder einfach weiter nichts tun. Die Zeit war ihr endlich gleichgültig.
Frau Kühn klopfte später an ihre Tür und hielt eine Thermoskanne hoch. „Ich hab zu viel Kaffee gekocht. Wollen wir auf die Bank am Strand gehen und so tun, als würden wir den Leuten hinterherschauen? Ich hab auch Plätzchen, die schmecken nach nichts, aber sie trösten trotzdem.“ Silke lächelte, nahm ihre Jacke vom Haken und folgte der alten Dame nach draußen. Die Ostsee lag da, glitzernd und unbeeindruckt, ein riesiges, kühles Tuch, das sich bis zum Horizont spannte. Zwei Möwen stritten sich um eine Muschel. Frau Kühn sagte nichts, und das war das Beste an der ganzen Woche.
