Ich habe den Fehler gemacht, meiner Frau von der Prämie zu erzählen. Das war im Mai, an einem Donnerstag. Draußen roch es nach Flieder und nassem Asphalt, und ich dachte, es wäre ein guter Moment für eine ehrliche Ansage: Schatz, die Firma hat die Quartalsboni diesmal anders verteilt. Bei mir ist es weniger geworden. Sie hat nicht einmal von ihrem Teller aufgeschaut.
Drei Tage später wusste ich, dass sie es längst gewusst hatte. Natürlich. Ihre Freundin arbeitet in der Buchhaltung unseres Logistikzentrums in Köln. Die hatte ihr schon Ende April gesteckt, dass die Teamleiter-Prämien um fast die Hälfte gekürzt werden. Ich saß also am Küchentisch und erklärte meiner Frau eine Finanzlage, die sie längst kannte — und sie ließ mich reden. Das ist typisch Sonja. Sie wartet, bis du dich selbst eingemauert hast, und dann kommt sie mit einer einzigen Frage, die alles einreißt.
Aber ich greife vor.
Meine Mutter Hildegard hat seit dem Tod meines Vaters vor sechs Jahren gesundheitliche Probleme. Das Herz, die Gelenke, der Kreislauf — jedes Quartal kommt irgendetwas Neues dazu. Die Ärzte in der Uniklinik Aachen sagen, sie braucht dringend eine Kur. Nicht irgendeine: eine richtige Reha mit Solebad, Lymphdrainage, Physiotherapie, das volle Programm. Bad Füssing wäre ideal, aber die Warteliste für Kassenpatienten beträgt elf Monate. Die private Klinik dort kostet viertausendachthundert Euro für drei Wochen. Das habe ich alles recherchiert, ausgedruckt, in eine Mappe gelegt.
Dazu kommt meine Schwester Anja. Ihr Haus in Eschweiler ist aus den Siebzigern, die Fenster sind undicht, im Winter zieht es durch die Rahmen wie durch ein Sieb. Sie arbeitet halbtags in einer Bäckerei, ihr Mann ist auf Montage. Sieben Fenster, mit Einbau, neue Rollläden — der Kostenvoranschlag lag bei sechstausendzweihundert Euro.
Macht zusammen elf Tausend. Und Sonjas Frühjahrsprämie bei der Versicherung, für die sie arbeitet, betrug in diesem Jahr vierzehntausendachthundert Euro netto. Sie hatte es mir im März erzählt, beim Abendessen, mit einem Lächeln, das ich zu diesem Zeitpunkt noch für Stolz hielt.
Sie verdient mehr als ich. Schon seit Jahren. Ich bin nie gut darin gewesen, das wegzustecken, aber ich habe es versucht. Wirklich. Als wir geheiratet haben, vor acht Jahren, da lagen wir ungefähr gleichauf. Dann hat sie die Zusatzqualifikation zur Schadensreguliererin gemacht, dann kam die Beförderung, dann kam die Prämie für die Umstrukturierung. Und ich? Ich bin vom Disponenten zum stellvertretenden Teamleiter aufgestiegen. Hört sich nach etwas an, ist aber vor allem: mehr Verantwortung, mehr Überstunden, dreihundert Euro brutto mehr.
Irgendwann habe ich angefangen, die Dinge anders zu sehen. Meine Mutter, die seit dem Tod meines Vaters allein in der alten Wohnung in Düren sitzt und deren Rente nach Abzug der Medikamente kaum für den Wocheneinkauf reicht. Meine Schwester, die sich krumm macht, damit ihre zwei Kinder vernünftig aufwachsen. Und dann sehe ich uns: Wir haben keine Kinder, keine Schulden, wir fahren einen vier Jahre alten Skoda Superb, wir waren zuletzt vor drei Jahren auf Kreta. Sonja legt jeden Monat etwas über tausend Euro auf ein Sparkonto, von dem sie sagt, es sei für „später mal“.
Aber wann ist später? Und für wen?
Ich habe mir das in den letzten Monaten oft vorgebetet, wie eine Rechtfertigung, die ich irgendwann selbst glauben wollte: Es ist nur fair, wenn von dem Geld, das in dieser Ehe verdient wird, auch die etwas haben, die sonst nicht so viel Glück hatten. Meine Mutter hat meinen Vater drei Jahre lang gepflegt, bevor er gestorben ist. Das hat sie die Gesundheit gekostet, die ihr jetzt fehlt. Meine Schwester hat mir als Jugendlicher oft Geld geliehen, von ihrem Konfirmationsgeschenk, von ihrem ersten Gehalt. Ich schulde den beiden etwas. Wir schulden den beiden etwas.
So stand es in meiner Rechnung.
Am besagten Donnerstag also — ich war nervös, aber entschlossen — habe ich die Mappe mit den Kostenvoranschlägen auf den Küchentisch gelegt. Ich hatte die Zahlen im Kopf. Ich hatte Argumente vorbereitet, eine Reihenfolge, einen Tonfall. Ich wollte sagen: Sonja, ich weiß, dass es dein Geld ist. Aber es ist auch unser Leben. Und wir leben nicht allein auf dieser Welt.
Sie hat mich ausreden lassen. Dann hat sie die Mappe aufgeschlagen, die Seiten einzeln angeschaut, mit dem Zeigefinger die Endsummen nachgefahren. Dann hat sie die Mappe wieder zugeklappt, zurück über den Tisch geschoben und gesagt: „Und was genau liegt dir auf dem Herzen, David?“
Anja war an diesem Abend zufällig auch da. Sie hatte Käsekuchen mitgebracht, den sie am Morgen in der Bäckerei extra für uns eingepackt hatte. „Zufällig“ — ich hatte sie gebeten, vorbeizukommen. Meine Mutter war krank zu Bett gegangen, deshalb saßen nur Sonja, Anja und ich am Tisch. Das Abendessen hatte Sonja gemacht: Sauerbraten mit Rotkohl und Kartoffelklößen, ein Rezept, das sie von ihrer Großmutter hat. Sie kocht wie ein Profi, aber an diesem Abend hat sie gekocht wie jemand, der eine Bühne bereitet.
Ich habe also gesagt, was ich zu sagen hatte. Dass die Prämie bei mir dieses Jahr ausfällt. Dass Mutters Kur nicht warten kann bis zur Rente oder bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Dass Anjas Fenster ein Gesundheitsproblem sind, kein Luxus. Dass wir doch eine Familie sind. Dass wir helfen können, wenn wir wollen. Dass elf Tausend Euro auf unserem Sparkonto weniger nicht unser Ruin wären, sondern ein Beitrag.
Anja hat genickt, bei jedem Satz fast, ihre Teetasse mit beiden Händen umklammert. Sie hat mich angeschaut mit diesem Blick, den ich aus der Kindheit kenne: als ob der große Bruder schon wieder die Lösung hätte. Ich habe mich gut gefühlt in dem Moment. Nicht großartig, aber richtig. Ich habe das Gefühl gemocht, endlich einmal der zu sein, der die Richtung vorgibt.
Sonja hat ihr Messer neben den Teller gelegt. Sorgfältig, parallel zur Gabel. Dann hat sie mich angeschaut und gesagt: „David, welche Schwierigkeiten hast du auf der Arbeit?“
Ich verstehe bis heute, wenn ich nachts wach liege, nicht ganz, wie ein einziger Satz so viel verändern kann. Sie wusste es. Natürlich wusste sie es. Ihre Freundin Bettina aus der Buchhaltung hatte ihr im April gesagt, dass mit den Boni für das zweite Quartal etwas nicht stimmt. Statt siebentausendachthundert Euro, die es letztes Jahr gegeben hatte, wurden für die Stellvertreter nur dreitausendvierhundert ausgezahlt. Das habe ich gewusst, seit Anfang Mai. Ich hatte es ihr nicht gesagt, weil ich dachte, ich könnte es ihr irgendwann beichten, nachdem die Sache mit Mutter und Anja geregelt ist. Dummerweise hat sie nie nachgefragt.
Und als sie dann am Donnerstagabend die Mappe aufschlug und die Zahlen sah — die Mappe, die ich vorbereitet hatte wie ein Geschäftsmann, der einem Investor ein Projekt präsentiert —, da hat sie, glaube ich, innerhalb von einer Sekunde die ganze Rechnung gelesen: Der Mann, der seit drei Wochen von seiner Gehaltskürzung wusste, sitzt am Esstisch seiner Frau, seiner Schwester gegenüber, seiner kranken Mutter im Hintergrund, und verteilt Geld, das nicht seins ist.
Ich habe versucht, es zu erklären. Dein Geld ist unser Geld, und wenn wir es für deine Mutter brauchen würden, würde ich sofort mitzahlen, wir sind doch Familie. Ich habe gesagt: „Schatz, es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis du wieder eine Prämie bekommst. Und dann sparen wir es wieder an. Es ist nicht weg, es ist nur woanders.“ Ich habe gesagt: „Meine Mutter kann nicht elf Monate auf einen Kassenplatz warten. Elf Monate, verstehst du das? Das ist fast ein Jahr. Was, wenn in der Zeit etwas passiert?“ Ich habe gesagt: „Anja muss im Winter nicht im Wohnzimmer sitzen mit einer Decke und einem Heizlüfter. Das ist doch kein Zustand.“
Sonja hat mir zugehört, von Anfang bis Ende, ohne mich zu unterbrechen. Dann hat sie aufgestanden und ist zum Fenster gegangen. Es war kurz nach acht, die Sonne hing rot über den Garagen im Hof. Ein Nachbarsjunge hat im Innenhof Fußball gegen die Mülltonne geschossen, dumpfes Pochen, das bis in die Küche zitterte.
Sie hat gesagt: „David, ich habe dir nie gesagt, wie viel ich verdiene, damit du eine Ausgabenliste daraus machst. Aber gut. Es ist deine Art. Jetzt hör mir zu, was ich mit meinem Geld mache.“
Dann hat sie ihr Telefon aus der Hosentasche gezogen. Entschuldigt: aus der Schürzentasche. Sie hatte ihre Schürze noch an, die blaue mit den kleinen weißen Blüten, die ihr meine Mutter zum Umzug geschenkt hat. Und auf dem Telefon hat sie die Banking-App geöffnet und den Bildschirm umgedreht und mir vor die Nase gehalten. Und ich habe auf ihr Tagesgeldkonto geschaut. Der Stand war: sechsundfünfzigtausendeinhundertvierzig Euro und dreiundachtzig Cent. Ich kannte mein eigenes Konto besser als ihres, und ich hätte schwören können, dass dieser Stand nicht stimmt.
Sie hat gesagt: „Das habe ich in dreieinhalb Jahren zur Seite gelegt. Und du weißt auch, wofür.“ Ja. Ich wusste wofür. Wir hatten es einmal besprochen, vor zwei Jahren, am Küchentisch in unserer alten Wohnung, mit einer Flasche Riesling und einem Prospekt für ein Haus außerhalb. Sie hat gesagt: „Bevor wir Kinder kriegen, will ich ein Haus mit Garten. Oder wenigstens genug Eigenkapital, dass die Bank uns ernst nimmt.“ Ich hatte das als Traum abgetan. Sie hatte es als Plan weiterverfolgt. Ohne mich.
Dann hat sie die App geschlossen, das Handy auf den Tisch gelegt und gesagt: „Ich bin schwanger, David. Zwölfte Woche. Ich wollte es dir am Sonntag sagen, zum Jahrestag. Aber es passt wohl besser jetzt.“ Da hat es in meinem Kopf einen Riss gegeben, der nicht mehr zuzugehen scheint. Der Nachbarsjunge im Hof hat einen Elfmeter ins linke untere Eck gesetzt, der Ball ist an der Holzwand der Müllbox explodiert, ich weiß das noch, weil der Knall so plötzlich kam, dass Anja zusammengezuckt ist.
Ich habe gesagt: „Schwanger?“ Und dann, weil ich nicht wusste, wohin mit der Nachricht: „Warum hast du das Geld nie auf unser gemeinsames Konto gelegt?“ Und sie hat geantwortet, ganz ruhig: „Weil ich geahnt habe, dass es so kommt.“
Sie hat die Mappe genommen, meine schöne Leitz-Mappe mit den Kostenvoranschlägen, und hat sie ins Küchenregal gelegt, hinter das Gewürzregal, wo wir die alten Betriebsanleitungen aufheben. Nicht theatralisch. Eher wie jemand, der eine Sache aussortiert. Und dann hat sie zu mir gesagt: „Ich habe die Kündigung für das Appartement in der Jakobstraße heute unterschrieben. Ich ziehe da nächsten Monat ein.“ Das Appartement gehört der Versicherungsgesellschaft, sie kriegen es als Übergangslösung, wenn Angestellte in einer anderen Filiale gebraucht werden. Sie hat es mir erzählt, beiläufig, wie man von einem Parkplatz in der Innenstadt erzählt.
Ab da erinnere ich die Dinge nur noch als Bilder, ohne Ton: Anja, die ihren Tee kalt werden lässt und auf die Tischdecke starrt, die Hand vor dem Mund. Meine Mutter, die — nein, meine Mutter war schon im Bett. Gut, dass sie im Bett war. Besser so. Anja, die irgendwann sagt: „Ich wusste es, ich wusste, dass du uns das nicht gönnst.“ Ob sie es zu mir gesagt hat oder zu Sonja? Ich weiß es nicht mehr. Ich glaube zu Sonja. Und Sonja, die ihr nicht antwortet, sondern nur den Teller beiseite räumt, den fast vollen Teller, und das Silberbesteck in die Spülmaschine ordnet, so ruhig, dass ich den Verdacht nicht loswerde: Sie hat diesen Abend geplant, Zug um Zug, wie eine Partie Schach, die man im Kopf längst gewonnen hat, bevor man sich überhaupt an das Brett setzt.
Die entscheidende Sache kam am Montag. Nein, sie kam nicht: Ich habe sie herbeigerufen. Ich habe Montag bei der Bank angerufen und nach dem Stand unseres Gemeinschaftskontos gefragt, auf das wir beide einzahlen. Wissen Sie, was darauf war? Neunhundertsechsunddreißig Euro. Und die hat Sonja am selben Morgen — dem Montag, an dem sie eigentlich, wie ich gehofft hatte, zur Bank gehen und das Geld für die Kur abheben würde — überwiesen: als ersten Abschlag an den Immobilienmakler für die Eigentumswohnung in der Jakobstraße, die sie kauft. Allein. Mit ihrem Geld. Mit ihrem Namen im Kaufvertrag.
Ich hätte das niemals erwartet. Das ist die Wahrheit, und es ist keine angenehme Wahrheit: Ich habe meine Frau offenbar acht Jahre lang angeschaut und nicht gesehen. Für mich war sie immer die, die nicht gern streitet, die für Ausgewogenheit sorgt, die den Druck aushält, ohne zurückzuschlagen. Und dann saß ich da, am Montagnachmittag, vor ihrer Banking-App, die sie im Kontoauszug — nein, im Verwendungszweck der Überweisung, das war es — offen hatte stehen lassen: „1. Abschlag Kauf NK Wohnung Jakobstraße 12“. Ich habe sie darauf angesprochen, nein, ich habe sie angeschrien, ich habe gesagt: „Willst du mir erklären, was das soll?“ Und sie hat mit ihrer Zahnbürste auf mich gezeigt — sie stand im Badezimmer, wir waren beide nach Hause gekommen, keiner hatte ein Wort gesagt beim Abendessen, Anja saß nicht mit am Tisch an diesem Abend, sie war aus gutem Grund zu Hause geblieben — und hat gesagt: „Ich will dir nichts erklären, David. Ich habe dir acht Jahre lang Dinge erklärt. Sie haben dich nicht interessiert. Du hast zugehört, aber du hast nie etwas verstanden.“ Sie hat Zahnpasta auf die Bürste gedrückt, als wäre das Ausführen eines ganz gewöhnlichen Abendrituals die eigentliche Botschaft des Satzes. Und vielleicht war sie das auch.
Ich bin dann raus, ich bin den Rhein entlanggelaufen, die Poller Wiesen runter, bis die Lichter von Deutz auf dem Wasser gezittert haben, und ich habe versucht, eine einzige, lange, gerade Linie in dieses Knäuel zu ziehen: Meine Mutter braucht eine Kur, meine Schwester braucht Fenster, meine Frau kauft sich eine Festung, und ich — ich verdiene seit dem zweiten Quartal dreitausendvierhundert Euro weniger als erwartet und weiß nicht, wie ich das Haushaltskonto im nächsten Monat ausgleichen soll, wenn sie wirklich auszieht.
Sie ist wirklich ausgezogen. Am fünfzehnten Juli. Nicht in das Appartement der Versicherung, sondern in die Wohnung in der Jakobstraße, den Kaufvertrag hatte sie da schon unterschrieben. Nicht ich. Ich habe die Treppe beobachtet, von oben, aus dem Fenster des Schlafzimmers, als die Möbelpacker kamen. Drei Männer, drei Stunden, ich habe die Kisten gezählt: vierundzwanzig Stück. Sie haben meine Mutter nicht angerufen, um mit ihr zu feiern, nichts dergleichen. Sie hat nur ihre zwei Koffer gepackt und ist gegangen.
Und jetzt? Jetzt sitze ich hier in der Küche meiner Wohnung, die plötzlich halb leer ist, und überlege mir jeden Morgen beim Kaffeekochen, wem ich es als Erstes sagen muss, wenn das Kind kommt. Meiner Mutter, die seit der Trennung kein Wort mehr mit mir über Sonja gesprochen hat und nur noch über die nachlassende Kraft in ihren Beinen klagt. Meiner Schwester, die mir neulich — ich übertreibe nicht — bei ihrem Geburtstagskaffee gesagt hat: „Du, David, ich und Stefan, wir haben beschlossen, im nächsten Frühjahr vielleicht einen Kredit aufzunehmen. Wegen der Fenster. Du musst dir keine Gedanken machen. Wir schaffen das.“ Der Kreditvertrag, dreißig Jahre Laufzeit, sechskommafünf Prozent Zinsen, liegt seither auf meinem Schreibtisch. Ich soll ihn durchlesen, sagt Anja, ich kenne mich ja besser aus mit so Sachen. Sie wechselt nicht, nicht mit mir, nicht über die Fenster.
Und meine Frau? Meine Frau braucht mich nicht mehr, das ist die Wahrheit, die ich jeden Morgen beim Blick in den leeren Kleiderschrank neu buchstabiere. Sie hat ein Kind im Bauch, eine Wohnung gekauft, ein Sparkonto, das laut Kontoauszug, den ich im April noch einmal zu sehen bekam, als sie mir die Unterlagen für die Steuererklärung hinlegte, neunzigtausend Euro Eigenkapital hat. Nein, nicht neunzigtausend. Neunzigtausendsiebenhundertundzweiundzwanzig Euro. Ich habe die Zahl nicht vergessen. Ich habe keine einzige Zahl vergessen in dieser ganzen Sache, und das ist ja vielleicht das eigentliche Problem: Ich habe die ganze Zeit über Zahlen nachgedacht, Rechnungen, Posten, Positionen, und darüber vergessen, dass das Geld auf Sonjas Konto kein Haushaltsposten ist, sondern ihr Plan für ein Leben, in dem sie nicht mehr ständig die Prämien von jemand anderem verteilen muss.
Mein Fehler. Mein einziger Fehler. So oft ich es auch anders erzählt habe, für mich selbst und vor dem Spiegel: Es war nicht ihr Gehalt, das ich verteilt habe, sondern die Geschichte, die ich mir erzählt habe, um es mir zu erlauben. Die Geschichte vom guten Sohn, der seiner kranken Mutter die Kur ermöglicht, und vom guten Bruder, der seiner Schwester aus der Klemme hilft — nur dass der Held der Geschichte mit falschem Geld bezahlt. Das ist keine Großzügigkeit, das ist Buchungsbetrug zu Hause. Und Sonja, die nie gerne streitet, hat mir den Gefallen getan, es nicht einmal auszusprechen. Sie hat einfach die Kontoauszüge gedruckt, ihre Koffer gepackt, die Tür geschlossen. Sie hat mir nie gesagt, was ich hätte anders machen sollen. Sie hat es einfach ausgeführt.
Vor zwei Wochen kam ein Brief von ihrem Anwalt. Unterhaltsvorschuss für das Kind, sobald es geboren ist, nach Düsseldorfer Tabelle, ich kenne die Formulare, ich hätte wahrscheinlich selbst nicht so ordentlich arbeiten können. Die Zahl steht da schwarz auf weiß: vierhundertzehn Euro im Monat. Bei meinem Einkommen, steht in dem Brief, dem der Anwalt eine Lohnabrechnung beigelegt hat, die ich ihm hatte zuschicken müssen, sei das angemessen. Mir ist, als ich den Brief gelesen habe, kurz eingefallen, dass ich meiner Schwester Anja vor drei Monaten noch etwas anderes versprochen hatte: Wir zahlen beide die Fenster, ich und Sonja, ihr müsst euch nicht verschulden. Versprochen haben wir es nur ich. Ich habe es versprochen. Sonja wusste nichts davon.
Ich habe den Brief in die Schublade gelegt, zu den anderen Sachen, die ich jetzt sammle: dem Kostenvoranschlag für sieben Fenster, der Bescheinigung über die gestrichene Prämie, meinem aufgelösten Sparbuch, das ich vor sechs Jahren für meine Mutter begonnen hatte und das jetzt zweihundertneunzig Euro wert ist. Eine seltsame Sammlung. Als könnte man ein Leben aus allem machen, was man nicht geschafft hat.
Gestern Abend hat meine Mutter angerufen. Nicht um mir Vorwürfe zu machen. Sie sprach von der Hitze, von den Nachbarn, von einem Dackel namens Gustav, der ihr fast vors Rad gelaufen sei, als sie vom Einkaufen kam. Erst ganz am Ende, schon während sie sich verabschieden wollte, sagte sie: „Weißt du, David, vielleicht hätte ich die Kur gar nicht gebraucht. Vielleicht wäre es besser gewesen, du hättest gar nicht erst gefragt.“ Ich habe nichts geantwortet. Ich habe am Fenster gestanden und auf den Hof geschaut, auf die Mülltonne, an der immer noch der schwarze Abdruck des Fußballs klebt, und ich wusste plötzlich, dass sie Recht hat. Hätte ich nie gefragt, hätte Sonjas Bankkarte niemals die Rolle des stillen Spenders gespielt, hätte diese perverse Rechnung, bei der mein guter Ruf mit dem Geld meiner Frau bezahlt wird, nie aufgemacht werden müssen. Hätte ich es nicht getan, hätte ich jetzt vielleicht eine Frau, die mir vertraut.
Aber das ist die gerechte Strafe für Leute wie mich: Diejenigen, die mich am längsten kennen, fragen jetzt, ob es wirklich wahr ist, dass Sonja schwanger sitzt und ich im Sommer in einer leeren Wohnung sitze und die nächste Rate für den Umzugskredit bezahle. Meine Schwester fragt mich beim zweiten Kaffee, ob ich sicher bin, dass ich die Dinge nicht doch „zu einfach sehe“. Meine Mutter sagt, ich soll auf mich aufpassen, aber sie sagt es ohne diesen besorgten Unterton, stattdessen mit der Vorsicht, mit der man einen Menschen anspricht, der etwas verliert, das man selbst nicht mehr hat.
Der Brief vom Anwalt liegt noch in der Schublade, aber heute Morgen habe ich die Mappe genommen — die Leitz-Mappe mit den Kostenvoranschlägen, die Sonja hinter das Gewürzregal gelegt hat — und habe sie geöffnet. Die Papiere sind noch da, ordentlich abgeheftet, die Summen unterstrichen. Viertausendachthundert für Bad Füssing. Sechstausendzweihundert für die Fenster. Und dann habe ich, zum ersten Mal seit vier Wochen, den Kugelschreiber in die Hand genommen und daruntergeschrieben, auf die letzte Seite, in meine eigene Schrift, quer über den leeren Rand: „Von wem?“ Es ist keine Frage an sie, nicht wirklich. Es ist die Frage, die ich meiner eigenen Großzügigkeit hätte stellen müssen, bevor ich sie in den Ring geschickt habe: Wo kommt das Geld her, David? Wer bezahlt, wenn du dich selbst zum Wohltäter ausrufst?
Ich habe die Mappe zugeklappt, sie neben den Brief gelegt, und dann habe ich das Telefon genommen und die Nummer der privaten Klinik in Bad Füssing herausgesucht. Ich will nicht, dass meine Mutter im Winter wieder in der kalten Wohnung sitzt und die Tage zählt, bis die Städtische Klinik endlich anruft. Ich will nicht, dass Anja und Stefan in einem Kredit versinken, den sie in ihrem Alter niemals loswerden. Ich habe acht Jahre lang von Sonjas Vermögen gelebt, bequem und selbstgerecht, und ich bin damit durchgekommen, weil sie es zugelassen hat. Aber jetzt, wo sie weg ist und ich allein vor der Küchenzeile stehe, sehe ich, was ich ihr nie geglaubt habe: Großzügigkeit, die man sich selbst nicht weh tun lässt, ist keine. Sie ist nur ein Buchungsbefehl an ein fremdes Konto.
Ich werde die Fenster bezahlen. Ich werde die Kur bezahlen. Nicht, weil ich ein guter Sohn oder ein guter Bruder bin, das habe ich lange genug geglaubt, um daran zu ersticken. Sondern weil ich nicht will, dass irgendjemand anderes noch einmal für mein Bedürfnis, als Retter dazustehen, die Rechnung kriegt. Ich habe bei der Bank einen Umschuldungstermin vereinbart. Das ist ein hässliches Wort, Umschuldung, es klingt nach Scheitern und kalten Sälen, und ich verdiene gerade genug, um es zu schaffen, wenn ich die Sonderzahlung der Firma im November dazurechne. Die ist inzwischen offiziell: zweitausendeinhundert Euro netto, nicht viel, aber ein Anfang. Ich habe es durchgerechnet. Und während ich die Zahlen untereinander geschrieben habe, habe ich an Sonja gedacht, an ihr Gesicht am Fenster, als sie auf ihr Telefon schaute, und mir ist eingefallen, was sie in jenem Moment nicht gesagt hat: „Ich habe dir nie misstraut, David. Du hast nur immer schon so getan, als wäre dein Vertrauen das einzige, das zählt.“
Sie hat also keine Kur bekommen, meine Mutter, nicht die große, die ich ihr versprochen habe, als ich noch den Geldbeutel meiner Frau dazu benutzen wollte. Aber sie bekommt sie, bald, wenn ich die Raten aufgebracht habe, und ich bin froh, dass sie nicht mehr weiß, dass ich sie zuerst mit dem Geld meiner Frau bezahlen wollte. Ein Teil von mir fragt sich, ob das in dieser Geschichte überhaupt eine Rolle spielt, am Ende: Was du für andere tust, zählt doch, egal, wessen Geld im Hintergrund fließt. Aber dann erinnere ich mich an Sonjas Gesicht, als sie mir den Kontoauszug gezeigt hat, und ich weiß, dass es darauf ankommt. Es kommt immer darauf an, dass du bezahlst, was du versprichst. Mit deinem eigenen Konto.
Anja hat mir heute eine Nachricht geschickt, als ich nach Hause kam. Ein Foto vom Fenster im Wohnzimmer, das Neue, weißes Profil, außen die Folie noch dran, das Reflexionslicht im Abendrot. Darunter nur: „Danke, Bruder. Ich schreib dir.“ Ich habe auf die Antwort getippt, aber dann gemerkt, dass ich nichts zu sagen habe, außer dass ich froh bin, dass sie nicht warten musste. Also habe ich nur ein Häkchen hinter die Nachricht gesetzt, blau, gelesen.
Ich habe heute Abend den Mietvertrag für die Wohnung in der Jakobstraße gekündigt. Nicht die Wohnung, die Sonja gekauft hat — meinen alten Mietvertrag in der Wohnung, die ich allein bewohne, seit sie ausgezogen ist. Ich bin zu Fuß gegangen, habe den Königsforst genommen, den Weg durch Birken und Gestrüpp, und im Vorbeigehen gedacht, dass dieser Geruch nach nasser Erde und jungem Grün immer derselbe bleiben wird, egal, wer gerade welche Rechnungen bezahlt und wer auf welcher Seite der Tür steht. Ich habe die Kündigung fristgerecht zum Monatsende eingereicht, ich habe mir eine Wohnung in Düren genommen, näher bei meiner Mutter, kleiner, billiger, ohne diese leeren Zimmer, in denen kein Kleiderschrank mehr steht. Es fühlt sich nicht an wie Aufgeben. Es fühlt sich an wie die erste ehrliche Inventur seit Jahren.
Sonjas Anwalt hat vorhin angerufen, er wolle noch etwas klären, die Frist für die Unterhaltserklärung laufe ab. Während er telefonierte, zog ich den Brief aus der Schublade, und ich sah die Zahl noch einmal. Vierhundertzehn Euro im Monat. Ein kleines Land, in dem ich nicht regiere, aber für das ich zahle. Das Witzige ist: Nachdem ich das dem Anwalt gesagt habe, war da das erste Mal seit Monaten so etwas wie Erleichterung. Nicht Stolz. Nur das Gefühl, dass endlich ein Betrag in diesem Haushalt mit meiner Unterschrift bezahlt wird, der nicht von jemand anderem kommt. Meine Mutter hat recht gehabt, damals schon, als sie sagte, ich solle nicht so viele Pläne machen. Sie meinte damit sich selbst. Aber ich verstehe jetzt, dass dies die einzige großzügige Regung war, zu der ich je wirklich berechtigt war: aufzuhören, anderer Leute Geld zu versprechen, und anzufangen, selber zu bezahlen. Sieben Fenster. Drei Wochen Bad Füssing. Vierhundertzehn Euro im Monat. Ich habe es zu Fuß nach Hause geschafft, und im Briefkasten lag ein gelber Zettel von der Bank: Der Termin für das Umschuldungsgespräch ist bestätigt, Donnerstag, 9 Uhr. Unten hatte jemand mit Kugelschreiber dazugeschrieben: „Falls Sie eine Bescheinigung der letzten drei Gehaltsabrechnungen mitbringen können, bringt uns das schneller durch.“ Ich werde sie mitbringen. Alle drei. Auch die, in der die Prämie fehlt.
