Sibylle Brandner sah ihn erst gar nicht wegen des Himmels. Sie war an diesem Morgen nur wegen der Regentonne draußen, die seit dem Vorabend unter der Dachrinne stand und schon überlief. Es regnete seit drei Tagen ununterbrochen. Dann hob sie den Kopf. Auf dem alten Strommast am Ortsrand, dort, wo seit über dreißig Jahren ein Storchennest saß, stand er. Klatschnass, das Gefieder klebte so am Körper, dass man sah, wie schmal er unter all dem Weiß eigentlich war. Die Flügel leicht gespreizt, wie jemand, der einen Schirm über etwas hält und sich nicht zu rühren traut.
„Um Himmels willen“, sagte sie halblaut zu sich selbst, „du bist ja durchgefroren.“
Der Storch rührte sich nicht.
Kallmünz liegt im Naabtal, in einer Senke, in der der Mai jedes Jahr etwas anderes im Schilde führt. Mal Hitze schon ab Mitte des Monats, dass die Kirschblüte in zwei Wochen durch ist. Mal eben das hier: eine Kaltfront aus Nordwesten, drei Tage Dauerregen, der nicht fällt, sondern rieselt, als hätte oben jemand den Hahn nicht richtig zugedreht.
Das Nest auf dem Mast gehörte zum Dorf, solange Sibylle denken konnte. Schon ihre Schwiegermutter hatte gesagt: Solange die Störche kommen, ist die Welt in Ordnung. Jedes Jahr kehrte dasselbe Paar Ende März zurück, und jedes Jahr stand ein halbes Dutzend Nachbarn im Garten und schaute zu, wie sie über die Felder kreisten, bevor sie sich niederließen.
Dieses Jahr kamen sie später als sonst. Sibylle hatte sich schon Sorgen gemacht, war sogar zu ihrer Nachbarin Erika rüber, um zu fragen, ob die was gesehen hätte. Erika hatte nur abgewinkt: „Die kommen schon, wo sollen sie sonst hin.“
Sie kamen am achten April. Sibylle war gerade dabei, die Tomatensetzlinge zum Abhärten rauszustellen, als sie über sich dieses trockene, klappernde Geräusch hörte, als würde jemand mit Holzlöffeln schnell aneinanderschlagen. Mitte Mai piepte es schon im Nest.
Der Regen setzte am Dienstagabend ein. Erst normal, sogar angenehm — der Garten trank sich voll, und Sibylle dachte, jetzt kann ich eine Woche das Gießen sein lassen. Mittwoch hörte es nicht auf. Donnerstag wurde es so kalt, dass sie den alten Fleecepulli aus dem Schrank holte, den sie eigentlich schon für den Herbst weggelegt hatte. Und am Freitagmorgen, als sie zur Regentonne ging, sah sie den Storch.
Er stand mittig im Nest. Die Beine weit gespreizt wie ein Zirkel, den Kopf gesenkt, der lange rote Schnabel fast an der Brust. Und die Flügel — nicht angelegt wie sonst, sondern leicht seitlich und nach unten gestreckt, als würde er etwas darunter zudecken. Sie sah lange hin. Dann erkannte sie es: unter ihm, zwischen seinen Beinen, drängte sich ein grauer Klumpen aus drei Jungvögeln zusammen. Klein, noch im Daunenkleid. Sie bewegten sich nicht.
Sie ging ins Haus, holte ihr Handy und rief ihren Sohn in Regensburg an.
„Tobias, hast du kurz Zeit?“
„Mama, ich bin auf der Arbeit. Was ist los?“
„Nichts Schlimmes. Nur — unser Storch steht seit drei Tagen im Regen. Geht nicht runter.“
Eine Pause. „Mama. Du rufst mich wegen eines Storchs auf der Arbeit an?“
„Er ist völlig durchnässt“, sagte sie. „Ich hab noch nie einen so nassen Vogel gesehen.“
Tobias seufzte in den Hörer — dieses spezielle Seufzen, mit dem erwachsene Kinder seufzen, wenn die Mutter mit etwas anruft, das für sie wichtig ist und für ihn nicht. „Mama, das ist ein Wildtier, der weiß, was er tut. Klettere bloß nicht da hoch, sonst stürzt du noch vom Mast, und dann fahr ich dich durch alle Notaufnahmen von Regensburg bis Kelheim.“
„Ich wollte da nicht hoch.“
„Gut so. Ich ruf heute Abend nochmal an.“
Sie legte das Handy aufs Fensterbrett und blieb noch lange am Fenster stehen.
Gegen Mittag kam Erika vorbei, um sich Salz zu leihen, obwohl sie natürlich welches hatte — bei Dauerregen im Dorf bleibt eben nur der Weg zur Nachbarin. „Schon gesehen, deinen?“, fragte sie und nickte zum Mast.
„Gesehen.“
„Steht immer noch.“
„Steht immer noch.“
Sie gingen beide auf die Veranda und schauten hinüber. „Und wo ist die Zweite?“, fragte Erika plötzlich. „Die sind doch immer zu zweit.“
Sibylle antwortete nicht. Daran hatte sie schon am Morgen gedacht, es aber nicht laut ausgesprochen — als würde es dadurch nicht wahr werden. Das Storchenweibchen war seit über einem Tag nicht mehr aufgetaucht.
Was ein Storch tut, wenn er allein bleibt, weiß man auf dem Land besser als in der Stadt. Störche brüten und füttern gemeinsam, im strikten Wechsel: einer bleibt am Nest, der andere fliegt los und sucht Frösche, Eidechsen, Feldmäuse, große Insekten. Dann wird getauscht. Das läuft wie ein Uhrwerk, fast ohne Ausfall. Fällt aber einer der beiden aus, gerät das Uhrwerk ins Stocken. Jungstörche im Mai haben noch kein richtiges Federkleid, nur Daunen. Und Daunen wärmen nicht, wenn sie nass sind — genauso wenig wie ein durchnässter Pullover einen Menschen wärmt. Drei Tage Kälte und Regen sind für sie die äußerste Grenze. Also tut der Altvogel das Einzige, was ihm bleibt: Er stellt sich über sie, breitet die Flügel aus und macht aus dem eigenen Körper ein Dach. Und geht nicht runter. Nicht zum Fressen, nicht zum Trinken. Schüttelt sich nicht — denn sich zu schütteln hieße, die darunter für eine Sekunde freizulegen.
Am Samstag ließ der Regen endlich nach. Nicht ganz — er ging in Nieselregen über, durch den sich etwas wie Sonne kämpfte. Sibylle kam um sechs Uhr morgens raus in den Garten. Sie hatte kaum geschlafen. Der Storch stand noch immer so da. Nur sah sie jetzt, dass er schwankte. Kaum merklich, vor und zurück, wie jemand, der im vollen Bus im Stehen einschläft.
Sie ging ins Haus, holte aus der Gefriertruhe eine Tüte kleine Rotaugen, die Tobias im April vom Angeln mitgebracht hatte. Taute sie unter warmem Wasser auf, nahm eine Schüssel, stellte sie draußen etwa drei Meter vom Mastfuß entfernt auf den Boden. Dann zog sie sich zum Apfelbaum zurück und wartete.
Eine Stunde tat sich nichts. Dann drehte der Storch den Kopf. Als würde ihm der Hals nicht gehorchen. Sah nach unten. Und blieb stehen.
Gegen Mittag brach richtige Sonne durch. Sibylle hängte gerade Wäsche auf — nicht weil es nötig war, sondern weil ihre Hände irgendetwas zu tun brauchten. Da hörte sie das Klappern. Nicht vom Nest. Vom Himmel.
Ihr fiel die Wäscheklammer aus der Hand. Über dem Feld, tief und schwerfällig, kam die zweite Störchin zum Landeanflug. Auch sie war nass. Den linken Flügel hielt sie merkwürdig, nicht gerade, sondern etwas tiefer, als würde er ihr Schwierigkeiten machen. Sie setzte sich auf den Nestrand.
Und dann tat der, der drei Tage lang ausgeharrt hatte, etwas, das Sibylle bis an ihr Lebensende nicht vergessen würde: Er warf den Kopf zurück, so weit, dass der Schnabel gen Himmel zeigte, und klapperte. Laut. Lange. Über das ganze Dorf hinweg. Erika erzählte später, sie hätte es bis in ihren eigenen Hof gehört und im ersten Moment gedacht, jemand schlage mit einem Hammer auf ein Blechdach.
Die Störchin antwortete auf dieselbe Weise. Sie standen einander gegenüber und klapperten, die Schnäbel hoch erhoben, gut zwei Minuten lang. Dann erst legte er die Flügel an. Darunter regte sich etwas. Ein Jungvogel. Der zweite. Der dritte. Alle drei.
Er flog nicht sofort los. Erst trat er lange am Nestrand herum, streckte die steifen Beine. Dann stieß er sich schwerfällig ab und flog Richtung Wiese am Ortsausgang — tief, unsicher, zum ersten Mal seit drei Tagen. Sibylle sah ihm nach, bis er hinter dem Feldgehölz verschwand.
Die Schüssel mit den Rotaugen blieb unter dem Mast stehen. Er rührte sie weder an diesem noch am nächsten Tag an. Am Abend fraß der Kater vom Nachbarhof den Fisch, und Sibylle schimpfte nicht einmal mit ihm.
Zwei Wochen später standen die Jungvögel schon allein da, streckten die Hälse über den Nestrand. Noch einen Monat später waren sie von Weitem zu erkennen — langbeinig, ungelenk, mit denselben roten Schnäbeln, nur blasser. Im August flogen sie fort. Alle fünf.
Im nächsten Frühjahr wartete Sibylle schon ab Ende März auf sie. Ging jeden Morgen in den Garten und schaute in den Himmel — „wie eine Verrückte“, sagte sie selbst über sich. Sie kamen am dritten April. Sie stand mitten im Garten, die Setzlinge noch in der Hand, und sah zu, wie das Paar über dem Mast kreiste. Zu zweit. Wie jedes Jahr.
Dann ging sie ins Haus und rief ihren Sohn an.
„Tobias.“
„Mama, hi. Was gibt's?“
„Sie sind da.“
Er schwieg kurz. Sie war schon auf das übliche „Mama, na und“ gefasst.
„Beide?“, fragte er.
Sibylle lächelte in den Hörer. „Beide.“
Erst im Herbst darauf, als der Storchenmast bei einer Leitungserneuerung der Bayernwerk kurz abgeschaltet werden musste, erfuhr Sibylle von einem Techniker, dass genau dieser Mast schon vor Jahren wegen Baufälligkeit hätte ersetzt werden sollen — nur eine Bürgerinitiative aus dem Dorf hatte das jedes Mal verhindert, aus Rücksicht auf das Nest. Sie hatte davon nie etwas gewusst. Tobias kommt seither jedes Jahr Anfang April für ein Wochenende heim, ohne dass sie ihn extra anrufen müsste.
