Ich arbeite seit zwölf Jahren als Tierpsychologin in Bremen. Die meisten Fälle gleichen sich: Katzen, die aufs Sofa machen, Hunde, die nachts jaulen, Papageien, die sich Federn rupfen. Aber vor zwei Jahren kam eine Frau in meine Praxis, deren Geschichte ich bis heute nicht vergessen habe.
Sie hieß Sabine, Mitte vierzig, müde Augen, unter dem Arm eine Stofftasche voller Fotos. „Sie müssen mir helfen“, sagte sie, noch bevor sie richtig Platz genommen hatte. „Unsere Katze dreht durch. Sie versteckt ihre Jungen in den Schuhen meines Mannes. Immer nur in seine. Wir haben wirklich alles probiert – Körbe, Höhlen, Kartons. Nichts hilft.“
Auf den Fotos sah man eine dreifarbige Katze, vielleicht drei Jahre alt, und vier winzige Kätzchen, die wie Ölsardinen in zwei klobigen Arbeitsschuhen lagen. Ein Paar Meindl-Schuhe, Größe 46, halb zerbeult, mit dunklen Flecken von Maschinenöl. Die Katze hieß Feli. Und die Schuhe gehörten Thomas, Sabines Mann, Kfz-Meister, ein ruhiger Typ, der, wie Sabine mir erzählte, „nie etwas mit Katzen am Hut hatte“.
Alles fing an einem Dienstagmorgen an. Feli hatte über Nacht in einer gepolsterten Wurfkiste im Schlafzimmer ihre Jungen bekommen – vier Stück, kerngesund. Sabine hatte sich wochenlang vorbereitet, extra eine Kiste mit niedrigen Rändern und weicher Decke besorgt. Doch als sie um halb sieben in die Diele kam, war die Kiste leer. Die Kleinen lagen in Thomas’ Schuhen, fein säuberlich verteilt, jedes in seinem eigenen Schuh. Feli saß daneben und leckte sich die Pfote, als wäre das das Normalste der Welt.
„Ich hab sie zurück in die Kiste gelegt“, erzählte Sabine. „Eine Stunde später – wieder in den Schuhen. Und sie hat mich angeschaut, als wollte sie sagen: Lass das, ich weiß es besser.“
Die Familie versuchte alles. Kisten mit hohen Rändern, Kisten mit niedrigen. Dunkle Ecken, warme Plätze. Ein geschlossenes Katzenbett aus Filz, das Sabine online für siebzig Euro bestellt hatte. Nichts half. Feli trug die Jungen zurück in die Schuhe. Sperrte man die Schuhe in den Schrank, saß sie davor und jaulte, bis sie heiser war. Sie fraß schlechter, das Säugen stockte. Sabine gab nach. Die Schuhe kamen zurück in die Diele.
Als ich Sabine zuhörte, fiel mir eine Sache auf. Ich fragte: „Wessen Schuhe genau? Stehen da nicht auch Ihre? Oder andere?“
„Natürlich“, sagte Sabine. „Meine Stiefel, die Turnschuhe von unserem Sohn, seine Pantoffeln. Aber sie nimmt nur die Arbeitsschuhe von Thomas. Und die riechen nach Öl und Schweiß. Das ist doch unappetitlich.“
Dann stellte ich die entscheidende Frage: „Zu wem geht Feli, wenn sie Angst hat? Wer füttert sie morgens? Auf wessen Schoß schläft sie abends?“
Sabine zögerte keine Sekunde. „Zu Thomas. Immer zu Thomas. Obwohl er so tut, als würde er sie nicht beachten. Er brummt ständig, dass er nie eine Katze wollte. Aber Feli schläft nachts auf seiner Brust. Und wenn er von der Arbeit kommt, rennt sie ihm entgegen wie ein Hund. Er war es auch, der sie vor drei Jahren aus einer Mülltonne hinter der Werkstatt gezogen hat – in genau den Schuhen, die er heute noch trägt.“ Sie stockte. „Meinen Sie, das hängt zusammen?“
Ich schüttelte den Kopf und erklärte es so: „Für eine Katze ist Geruch keine Nebensache. Es ist ihre Landkarte. Der intensivste Geruch eines Menschen haftet in getragenen Schuhen – dort sammeln sich Schweiß, Hautschuppen, Wärme. Thomas’ Arbeitsschuhe riechen am stärksten nach ihm. Und Thomas ist für Feli der Beschützer. Sie legt ihre Babys dorthin, wo sein Geruch am dichtesten ist. Das ist ihr sicherster Ort. Sie vertraut ihm ihre Jungen an. Mehr Vertrauen kann eine Katze nicht zeigen.“
Sabine saß da, die Hand auf den Mund gepresst. „Das muss ich Thomas erzählen.“
Ich riet ihr, ihn nicht einfach mit Worten zu überzeugen, sondern ihn in die Diele zu holen und ihm zu zeigen, was Feli tut, während sie es ihm erklärt. „Er soll es selbst sehen. Vielleicht versteht er es dann.“
Zwei Tage später rief Sabine an. Ihre Stimme war leise. „Er hat es gesehen. Er stand in der Diele, die Schuhe in der Hand, und hat lange nichts gesagt. Dann hat er die Kätzchen aus den Schuhen genommen, eins nach dem anderen, und sie auf seine Brust gelegt, direkt unter sein Hemd. Die Feli ist ihm hinterhergelaufen und hat an seinen Hosenbeinen geschnuppert. Dann hat er sich auf den Boden gesetzt und gesagt: ‚Wenn sie mir das zutraut, dann bin ich wohl verantwortlich.‘“ Sabine schniefte. „Er hat geweint, glaube ich. Er hat sich weggedreht, aber ich hab’s gesehen.“
Und dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Thomas machte ernst. Am Samstag fuhr er in den Baumarkt, kaufte eine große Holzkiste aus unbehandeltem Fichtenholz, zwei Packungen Schrauben und eine Tube Leinöl. Er schliff die Kanten ab, ölte die Kiste, legte eine alte Wolldecke hinein. Dann nahm er seine zwei Paar getragene Arbeitsschuhe, stopfte sie mit Zeitungspapier aus und legte sie in die Kiste – als Sockel sozusagen. „Die Schuhe gehören jetzt der Familie“, sagte er zu Sabine. „Ich kaufe mir neue. Aber die hier bleiben drin. Immer wenn ich ein altes Paar aussortiere, kommt das nächste rein. Damit der Geruch bleibt.“ Er kaufte sich im Schuhgeschäft gegenüber neue Meindl-Schuhe für 139 Euro. „Das ist der Preis“, sagte er, als Sabine fragte, ob das wirklich nötig sei. „Wenn die Katze mir ihre Kinder anvertraut, muss der Beschützer auch wie einer riechen. Und wenn das alle sechs Monate hundertvierzig Euro kostet, dann ist das eben so.“
Feli beschnupperte die Kiste, die nach Thomas roch, weil er die Schuhe vorher noch einmal zwei Tage getragen hatte. Dann trug sie ein Kätzchen nach dem anderen hinein. Es dauerte keine zehn Minuten. Sabine schickte mir später ein Foto: Die Kiste stand in der Diele, darin die vier Kätzchen, auf den Schuhen, und darüber, an der Wand, ein kleines Schild, das Thomas aus einem Stück Holz gesägt und mit dem Brennstab beschriftet hatte: „Felis Kinderstube – Zutritt nur für Beschützer“.
Ich besuchte die Familie ein halbes Jahr später. Die Kätzchen waren inzwischen fast erwachsen und hatten alle ein neues Zuhause gefunden, nur eines, ein getigerter Kater namens Paul, war geblieben. Thomas saß im Wohnzimmer, Paul auf dem Schoß, und kraulte ihn hinter den Ohren. „Ich wollte nie Katzen“, sagte er zu mir, ohne den Kopf zu heben. „Jetzt hab ich zwei. Und jeden Abend kontrolliere ich, ob die Schuhe in der Kiste noch richtig riechen.“ Er grinste schief. „Nächsten Monat kauf ich mir wieder neue. Die alten kommen in die Kiste. Kostet wieder hundertdreißig. Aber das ist in Ordnung. Die Kleine hat’s mir anvertraut. Da kann ich nicht einfach aufhören, wie ein Beschützer zu riechen.“
Postskriptum: Ein Jahr später erfuhr Sabine bei einem Abendessen von Thomas, dass er seit jenem Tag heimlich ein Sparkonto für die Katzen angelegt hatte – „Felis Notgroschen“ nannte er es. Er zahlte jeden Monat fünfzig Euro ein. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er nur: „Für den Tierarzt. Und für den Fall, dass ich mal nicht mehr da bin. Dann soll sie sich keine Sorgen machen.“ Auf dem Konto waren bis dahin achthundertzehn Euro. Er zeigte mir den Kontoauszug, stolz wie ein Vater. Feli saß derweil in der Kiste, auf seinen abgetragenen Schuhen, und schnurrte so laut, dass man es im ganzen Haus hörte.
