Angefangen hat alles eigentlich mit der Gasrechnung.
Sabine Wagner fand sie auf dem Küchentisch ihrer Mutter in Görlitz, als sie kam, um sie zu sich nach Dresden zu holen — vorübergehend, für zwei Wochen, bis diese sich von der Hüftoperation erholt hatte. Die Rechnung lag unter dem Tassenuntersetzer, leicht feucht, die Summe mit rotem Kugelschreiber eingekreist: hundertvierzig Euro. Ihre Mutter zahlte sonst immer pünktlich, doch hier stand ein Rückstand — dreiundzwanzig Tage überfällig.
„Mama, warum hast du nicht bezahlt?"
„Ich zahle ja", antwortete die Mutter, ohne von ihrem Teller mit Graupenbrei aufzusehen. „Meine Hand hält den Stift einfach noch nicht richtig fest."
Sabine dachte sich damals nichts dabei. In der Wohnung roch es nach Baldriantropfen und etwas Gebratenem, draußen bellte der Nachbarshund, ein alter Bekannter namens Bello, den sie noch als Welpen kannte und der jetzt eine graue Schnauze hatte und heiser bellte, wie erkältet. Im Fernseher in der Ecke liefen die Nachrichten, der Ton war ausgeschaltet — ihre Mutter schaltete den Ton immer aus und las die Untertitel, das störe weniger, sagte sie.
Die Mutter hieß Renate Beck, war einundsiebzig Jahre alt und hatte zweiunddreißig Jahre lang als Mathematiklehrerin am Käthe-Kollwitz-Gymnasium unterrichtet. Die Hüfte hatte sie sich im Dezember auf glattem Gehweg gebrochen, auf dem Weg zur Apotheke wegen ihrer Blutdrucktabletten. Operiert wurde sie im Städtischen Klinikum, die Hüftprothese kostete um die viertausend Euro Eigenanteil — Sabine und ihr Mann hatten das Geld zusammengekratzt, indem sie den alten Opel Astra verkauften, der ohnehin nur ungenutzt in der Garage stand.
Aus zwei Wochen wurden zwei Monate. Renate kam selbst mit Rollator nur mühsam voran, und sie allein nach Görlitz zurückzuschicken war ein beängstigender Gedanke — was, wenn sie wieder stürzte und niemand in der Nähe war? Der Sohn, Matthias, wohnte ebenfalls in Görlitz, nur fünfzehn Minuten vom Elternhaus entfernt, arbeitete als Abteilungsleiter bei einer Molkerei und hatte mit seiner Frau Katrin zwei Kinder. Aber als Sabine ihn in der ersten Woche anrief, sagte er, er sei gerade eingespannt, sie renovierten die Küche, und überhaupt — Mama hätte ja sie, sie sei doch die mit dem medizinischen Hintergrund, das läge ihr sowieso mehr.
Sabine war keine Ärztin, sondern Physiotherapeutin in einer Praxis in der Neustadt. Aber sie stritt sich nicht darüber.
Sie fuhr ihre Mutter dreimal die Woche zur Reha — die Praxis lag zwanzig Minuten entfernt, unweit der Blauen Wunder-Brücke. Im Flur roch es immer nach Desinfektionsmittel und Automatenkaffee, und ihre Mutter sagte jedes Mal, wenn sie sich in den Rollstuhl setzte, denselben Satz:
„Nicht so schnell schieben, mir wird schwindlig."
Und Sabine schob langsamer.
Eines Abends, als die Mutter schon im Gästezimmer schlief, klingelte das Telefon. Katrin, die Schwiegertochter aus Görlitz.
„Sabine, hör mal", begann sie ohne Begrüßung. „Es geht um Folgendes. Wir wollen das Haus von Mama überschreiben lassen. Also, solange die Unterlagen noch… solange alles in Ordnung ist."
„Welches Haus?"
„Na, das Görlitzer, das von Mama. Matthias meint, sie wollte sowieso alles unter den Kindern gleich aufteilen, dann kann man es auch jetzt schon regeln, solange sie geschäftsfähig ist, damit es später keinen Streit vor Gericht gibt."
Sabine schwieg etwa zehn Sekunden lang und lauschte, wie hinter der Wand das Bett knarrte — ihre Mutter drehte sich im Schlaf um.
„Warum diese Eile? Mama ist doch noch nicht mal richtig gesund."
„Na eben deshalb die Eile", sagte Katrin nun schärfer. „Man weiß ja nie. Lieber gleich alles ordentlich regeln."
Sabine legte auf und saß noch lange in der Küche, den Blick auf die Gasrechnung gerichtet, die immer noch in ihrer Tasche lag — sie hatte sie nicht weggeworfen, hatte sie mit nach Dresden genommen, ohne selbst zu wissen, warum.
Am nächsten Morgen fragte sie ihre Mutter beim Frühstück direkt, während diese Haferbrei mit Heidelbeeren aß.
„Mama, hat Matthias mit dir wegen des Hauses telefoniert?"
Renate legte den Löffel beiseite.
„Hat er. Sagt, man müsse das regeln, solange ich noch bei klarem Verstand bin." Sie lächelte schief. „Nur seltsamerweise nur auf ihn allein. Sagt, dir bleibt ja die Wohnung in Dresden, dann sei es gerecht, wenn er das Haus bekommt."
„Was für eine Wohnung in Dresden, Mama? Ich habe meine eigene Wohnung, Andreas und ich haben die auf Kredit gekauft, damit hast du nichts zu tun."
„Genau das habe ich mir auch gedacht."
Sabine betrachtete ihre Mutter — die saß aufrecht, die Hände ruhig auf dem Tisch, nur die Finger zitterten leicht, wie immer seit dem kleinen Schlaganfall vor drei Jahren, von dem nur die beiden wussten.
„Und was hast du ihm gesagt?"
„Ich hab gesagt, ich überlege es mir."
Drei weitere Wochen vergingen. Die Mutter ging inzwischen mit Gehstock, langsam, aber allein, ohne Rollator. An einem Samstag, als Andreas seine Schwiegermutter in den Großen Garten zum Spazierengehen fuhr — sie fütterte dort gern die Tauben mit Brotstücken —, klingelte es an der Tür. Vor der Tür stand Matthias, mit einer großen Tüte Äpfel und einer Mappe in der Hand.
„Hallo. Ich bin wegen Mama hier."
„Sie ist nicht da, sie ist spazieren", sagte Sabine, ohne ihn hereinzubitten.
„Macht nichts, ich warte."
Er kam trotzdem herein, setzte sich in die Küche, legte die Mappe auf den Tisch. Sabine sah die Überschrift oben: „Schenkungsvertrag". Sie nahm das Blatt, ohne zu fragen.
„Was soll das sein?"
„Ich hab doch Katrin gesagt, sie soll es dir weitergeben. Mama hat zugestimmt, das Haus auf mich zu überschreiben. Man braucht nur ihre Unterschrift und den Notar, ich hab schon einen Termin für Dienstag gemacht."
„Mama hat dir gesagt, dass sie zugestimmt hat?"
„Na wer sonst? Sie ist doch bei vollem Verstand."
Die Tür ging auf, und Renate kam herein, gestützt auf Andreas' Arm, mit einem geblümten Kopftuch, von dem ein trockenes Blatt fiel — der September war dieses Jahr warm ausgefallen, und im Park hatte sich noch kaum etwas verfärbt. Als sie ihren Sohn am Tisch sitzen sah, blieb sie im Flur stehen.
„Matthias. Warum bist du hier?"
„Mama, ich hab's doch gesagt — es muss unterschrieben werden. Dienstag, zehn Uhr, beim Notar in der Wilsdruffer Straße, ich hab das schon vereinbart."
Renate nahm das Kopftuch ab, hängte es langsam an den Haken, als würde sie sich Zeit zum Nachdenken verschaffen. Dann ging sie in die Küche und setzte sich ihrem Sohn gegenüber.
„Ich hab mich noch nicht entschieden, Matthias."
„Mama, du hast doch selbst gesagt…"
„Ich hab gesagt, ich überlege es mir. Und du hast schon einen Notartermin gemacht."
Er wurde rot, warf einen Blick auf die Mappe, dann auf Sabine, als suchte er eine Verbündete.
„Sabine, sag du ihr das, es ist doch auch für sie besser, weniger Ärger später."
„Deine Fürsorge kenne ich zur Genüge", sagte Renate leise. „Du bist zwei Monate lang nicht gekommen, während ich im Krankenhaus lag. Katrin hat einmal angerufen und gefragt, wann ich wohl wieder allein im Haus zurechtkomme, weil ihr, stell dir vor, die Renovierungsplanung dadurch gestört wird."
Matthias öffnete den Mund, schloss ihn wieder.
„Wir sind auch nicht unbegrenzt belastbar, wir haben Kinder, einen Kredit für die Küche…"
„Und ich hab eine Titanprothese in der Hüfte", sagte die Mutter. „Viertausend Euro hat das gekostet. Hast du auch nur einen Euro dazugegeben?"
Es wurde so still in der Küche, dass man die Uhr über dem Herd ticken hörte — eine alte Uhr, die noch der Vater einst aus dem Betrieb mitgebracht hatte.
„Ich nehm die Äpfel wieder mit", sagte Matthias plötzlich und schaute auf die Tüte. „Nein, lasst sie hier, zum Teufel damit."
Er stand auf, nahm die Mappe und ging, ohne Sabine noch einmal anzusehen.
Eine Woche später bat Renate Andreas, sie zu einem Notar in der Altstadt zu fahren. Sabine dachte, ihre Mutter hätte es sich anders überlegt und würde doch der Überschreibung an Matthias zustimmen — sie schwieg die ganze Fahrt über. Doch im Büro holte die Notarin, eine Frau um die fünfzig mit Brille an einer Kette, ein ganz anderes Dokument hervor.
Ein Testament. Das Haus in Görlitz — zu gleichen Teilen an Sabine und Matthias, mit einer Bedingung: Sollte einer der Erben sich in den letzten fünf Jahren ohne triftigen Grund nicht um die Mutter gekümmert haben, geht sein Anteil vollständig an den anderen Erben über.
„Bist du sicher, Mama?", fragte Sabine im Flur, als sie hinausgingen.
„Ich hab einundsiebzig Jahre gelebt, mein Kind. Wird Zeit, dass ich mir wenigstens bei irgendetwas sicher bin."
Matthias erfuhr erst zwei Monate später vom Testament, als die Mutter ihn selbst anrief und es ihm ohne Umschweife sagte. Am Telefon blieb er lange still, murmelte dann etwas von Anwalt, von Anfechtung. Die Mutter antwortete ruhig:
„Fecht doch an. Bei mir sind alle Unterlagen in Ordnung, alle Daten festgehalten — wann du angerufen hast, wann nicht, wie oft du vorbeigekommen bist. Mein Arzt bestätigt meine Geschäftsfähigkeit vor jedem Gericht."
Er rief nicht mehr zurück.
Renate kehrte im Herbst nach Görlitz zurück, als der Oktober die Ahornbäume entlang der Berliner Straße schon golden färbte. Sabine fuhr sie an den Wochenenden dorthin, brachte Medikamente mit und dasselbe Brot für die Tauben im Park. Die Gasrechnung bezahlte sie nun selbst, pünktlich auf den Tag, mit einem Kalender am Kühlschrank, damit sie es nicht vergaß.
