Til war schon als Kind durchs Raster gefallen. Während andere Jungs auf dem Bolzplatz schwitzten, saß er lieber im Archiv seines Vaters und sortierte alte Fahrpläne der Hamburger Hochbahn. Dünn, blass, mit einer Brille, die eigentlich immer zwei Nummern zu groß war. Seine Mutter hatte einmal gesagt, er sei eine Seele aus Seidenpapier, und irgendwie hatte sich das wie ein Fluch über sein ganzes Leben gelegt.
In der Schule nannten sie ihn Lauch. Nicht gerade originell, aber es traf. In der Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten dann nur noch Das Gespenst. Til lächelte, wenn er musste, und ging allen aus dem Weg, wenn er konnte. Sein einziger Freund war Felix, den er noch aus der Grundschule kannte. Felix war das krasse Gegenteil: laut, breit, ein Kumpeltyp, der Til immer irgendwie mit durchschleifte.
Mit Anfang dreißig saß Til dann in einer winzigen Einzimmerwohnung in Barmbek, umgeben von Eisenbahnmagazinen und einer sterbenden Topfpflanze namens Gisela. Sein Leben war ein ruhiger, grauer See ohne Wellen. Bis Jette kam.
Jette war eine Naturgewalt. Einsachtzig groß, mit einer Stimme, die selbst durch geschlossene Türen drang, und einem Lachen, das klang, als würde jemand einen Eimer Nägel eine Treppe hinunterschütten. Sie arbeitete als Krankenpflegerin in der Notaufnahme, und als Til mit einer gerissenen Platzwunde an der Augenbraue vor ihr saß, weil er gegen eine Glastür gelaufen war, beschloss sie, sein Leben grundlegend umzukrempeln.
„Du bist ja noch hilfloser als meine Oma ohne Gebiss“, sagte sie, während sie ihm die Wunde versorgte. Aber sie lächelte dabei. Ein Lächeln, das Til das Gefühl gab, zum ersten Mal wirklich gesehen zu werden.
Keine drei Monate später waren sie verheiratet.
Die Hochzeit war klein, nur Jettes Familie, ein paar Kollegen aus dem Krankenhaus und Felix, der als Trauzeuge dastand und aussah, als würde er am liebsten die Flucht ergreifen. Jettes Mutter, eine Frau mit der Statur eines Kleiderschranks und der Wärme einer Tiefkühltruhe, musterte Til von oben bis unten und sagte nur: „Na, das wird ja ’ne lustige Ehe.“ Sie sollte recht behalten, nur anders, als sie dachte.
Anfangs war Til berauscht. Jette war überall. Sie bestellte Möbel, die er nicht mochte, sie buchte Urlaube, die er sich nicht leisten konnte, sie lud ständig Leute ein, mit denen er kein Wort zu reden wusste. Til schwamm einfach mit, nickte, trug Tabletts mit Weißweinschorle durchs Wohnzimmer und versuchte, unsichtbar zu bleiben. Aber Jette wollte keinen unsichtbaren Mann. Sie wollte einen Partner, und in ihrer Vorstellung war ein Partner jemand, den man formen konnte wie nassen Ton.
Die ersten Monate waren noch harmlos. „Til, warum läufst du so gebückt?“, „Til, deine Haare sehen aus wie ein explodiertes Sofa, mach mal was.“ Er lächelte und tat, was sie sagte. Dann wurde der Ton härter. „Til, du hast die Wäsche falsch zusammengelegt. Das macht man so nicht.“ Er legte sie neu. Falsch. Nochmal. Immer noch falsch. Irgendwann warf sie die Socken nach ihm. Ein Paar traf ihn an der Schläfe.
„Oh, jetzt heul doch nicht gleich, du Mimose. Meine Güte, du bist echt ’ne Enttäuschung, weißt du das?“
Til heulte nicht. Er zog die Schultern hoch, wie er es immer getan hatte, und dachte an das, was seine Mutter gesagt hatte. Seele aus Seidenpapier. Irgendwann würde das Papier reißen, das wusste er.
Der Riss kam an einem Dienstagabend. Til hatte Spaghetti gekocht. Die Nudeln waren zu weich. Jette klatschte den Teller in die Spüle, dass es schepperte. „Bist du zu blöd, auf die Uhr zu schauen? Nein, wirklich, ich frag das jetzt ernsthaft. Kannst du überhaupt irgendwas?“
„Jette, es sind Nudeln. Ich mach neue, ist doch nicht schlimm…“
Die Ohrfeige kam ohne Vorwarnung. Til taumelte, hielt sich die Wange, sah sie an mit dieser Mischung aus Schock und Ungläubigkeit, die er viel zu gut kannte. Jettes Augen flackerten kurz, aber dann presste sie nur die Lippen zusammen und zischte: „Dann mach halt neue. Aber diesmal al dente, du Versager.“
In dieser Nacht schlief Til auf dem Sofa. Er starrte an die Decke und dachte an die Jungs in der Umkleidekabine der Sporthalle, an die hochgezogenen Augenbrauen auf dem Amt, an das ewige Gefühl, nicht zu genügen. Er hatte eine unsichtbare Schwelle überschritten. Es war vorbei.
Die Scheidung war ein kurzer, schmutziger Krieg. Jette warf mit Worten um sich wie mit Skalpellen und traf immer den wundesten Punkt. Als die Papiere endlich unterschrieben waren, zog Til zurück in eine noch kleinere Wohnung in Wilhelmsburg, diesmal ohne Pflanzen, ohne Bilder, ohne irgendwas.
Sechs Monate lang sprach er kaum mit jemand anderem als dem Dönermann um die Ecke. Bis Felix anrief und ihn zu sich nach Hause einlud. Er müsse mit ihm reden, es sei dringend.
In Felix’ Wohnzimmer in Eimsbüttel roch es nach nassem Hund und billigem Raumspray. Der Grund für beides lag auf dem Teppich: ein langer, schwarzer Dackel, der auf den Namen Hedi hörte und Til mit der Skepsis eines alternden Zollbeamten musterte.
„Das Biest muss weg“, sagte Felix unverblümt. „Sie frisst meine Schuhe, sie bellt wie verrückt, und sie hat Leonies Stoffhasen geköpft. Meine Frau dreht durch. Entweder ich finde jemanden, oder der Tierheimtransporter steht morgen früh vor der Tür.“
Hedi gähnte. Ein langer, rosa Zungenroller, irgendwo zwischen Provokation und tief empfundener Gleichgültigkeit.
Til wusste selbst nicht genau, warum er den Mund aufmachte. Vielleicht war es die Art, wie der Hund dalag, irgendwie deplatziert in dieser durchgestylten Wohnung mit den Ikea-Regalen und der „Live, Laugh, Love“-Wanddeko. Vielleicht war es diese spezielle Form von übrig geblieben sein, die ihm so vertraut vorkam.
„Ich nehm sie.“
Felix starrte ihn an. „Du? Hast du überhaupt ’nen Hundeführerschein?“
„Nein. Aber ich brauche keinen Führerschein für einen Hund. Und die Wohnung ist zwar klein, aber der Park ist um die Ecke. Das kriegen wir hin.“
Hedi hob den Kopf, leicht schief, als würde sie diese Information verarbeiten. Dann klopfte ihr Schwanz zweimal auf den Teppich. Kein stürmisches Gewedel, eher ein zustimmendes Nicken auf Dackelart.
In der ersten Nacht zuhause lag Hedi auf Tils Füßen, die Schnauze auf seine Knöchel gelegt, und atmete leise. Til wagte kaum, sich zu bewegen. Er hatte vergessen, wie sich Wärme anfühlte, die keine Forderungen stellte.
Die Probleme begannen am nächsten Morgen. Hedi hatte einen ausgeprägten Jagdtrieb und eine eingebaute Verschwörungstheorie gegenüber allem, was auf vier Rädern fuhr. Spaziergänge waren wie ein Hindernislauf, nur dass der Hindernisparcours aus wildfremden Hunden, Mülltonnen und einem explodierenden Laubbläser bestand. Innerhalb der ersten Woche hatte Til gelernt, dass Dackel eine beunruhigend hohe Zugkraft für ihre Körpergröße entwickeln können und dass die Hamburger Stadtreinigung keine besonders große Geduld mit Hunden hat, die in frisch geharktes Laub springen.
Aber er lernte auch noch etwas anderes. Er lernte, morgens vor sieben aufzustehen, weil Hedi an der Tür kratzte. Er lernte, mit fester Stimme „Nein“ zu sagen, und es auch zu meinen. Er lernte, dass es keinen Sinn hatte, ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man klare Regeln aufstellte – Hedi hielt sich daran oder sie tat es nicht, aber sie nahm es ihm nicht übel. Sie war der uneitelste Hund, den man sich vorstellen konnte.
Und er lernte Astrid kennen.
Astrid war knapp fünfzig, groß, mit grauen Strähnen in den roten Haaren und einem Labrador namens Bruno, der so schwer war wie eine volle Waschmaschine und ungefähr genauso intelligent. Sie trafen sich auf der Hundeauslauffläche am Kanal. Bruno walzte über Hedi hinweg wie eine Dampfwalze, Hedi quiekte empört, und Til und Astrid mussten beide lachen.
„Deiner ist ja ’ne richtige kleine Diva“, sagte Astrid.
„Sie hat ’ne Vergangenheit“, antwortete Til. „Ich auch. Wir arbeiten dran.“
Astrid hob eine Augenbraue. „Das tun wir doch alle.“
Von da an sahen sie sich öfter. Astrid war geschieden, hatte zwei erwachsene Söhne und arbeitete als Lehrerin an einer Berufsschule. Sie war der erste Mensch seit Jahren, der Til nicht als Mitleidsobjekt behandelte. Sie hörte zu, wenn er redete, und sie lachte über seine trockenen Witze, die sonst immer im Raum verpufften. Sie fragte nie nach Jette. Nur einmal, als sie beim Kaffee saßen und den Hunden beim Spielen zusahen, sagte sie: „Weißt du, was ich an Hunden am meisten mag?“
„Was?“
„Sie jagen dich nicht durch die Gegend für das, was du nicht bist. Sie nehmen das, was da ist. Den Rest interessiert sie nicht. Sollten wir Menschen uns öfter mal abschauen.“
An dem Tag, an dem Jette vor seiner Tür stand, war Til gerade dabei, Hedi nach einem missglückten Taubenzwischenfall abzutrocknen. Das Klingeln überraschte ihn, Besuch kam selten, und Astrid hatte ihren eigenen Schlüssel.
Als er öffnete, stand sie da, in ihrem hellblauen Kasack mit dem Krankenhauslogo, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Jette. Til spürte, wie sein Magen sich zusammenzog, dieser alte, dumpfe Reflex, kleiner zu werden. Aber bevor er auch nur ein Wort sagen konnte, schoss ein schwarzer, nasser Blitz an ihm vorbei und stellte sich bellend vor Jettes Füße.
„Was ist das denn für ’ne Missgeburt?“, fragte Jette und machte einen Schritt zurück.
Hedi bellte lauter. Dackelbellen ist kein Scherz, es kommt von unten, aus einem tiefen, archaischen Resonanzraum, den man diesen kurzen Beinen niemals zutrauen würde.
„Sie heißt Hedi. Und sie ist bei mir zuhause. Anders als du. Was willst du, Jette?“
Sie lachte. Dieses Lachen, das Til früher immer so eingeschüchtert hatte. „Immer noch so charmant, unser Mäuschen, was? Ich wollte nur was abholen. Meine Ohrringe, die in der alten Wohnung noch in der Schublade lagen. Hast du doch sicher noch, oder?“
„Nein, hab ich nicht. Ich hab alles abgegeben, als ich ausgezogen bin. Da war nichts mehr von dir. Das weißt du auch. Also, was willst du wirklich?“
Jettes Lächeln verrutschte. Sie war es nicht gewohnt, dass Til Fragen stellte, schon gar nicht in diesem Ton. „Ich hab gehört, du hast jetzt ’ne Neue. Die Lehrerin, stimmt’s? Du, also ehrlich, die kann doch nix mit dir meinen. Du weißt doch, wie du bist. Die wird dich nur benutzen, und was dann? Dann stehst du wieder da und heulst in dein Kopfkissen. Ich mein’s doch nur gut mit dir, Til. Ich war immer die Einzige, die dich wirklich ertragen hat. Das solltest du nicht vergessen.“
Til spürte das vertraute Ziehen in der Magengrube. Die Worte waren alt, sie kamen auf vertrauten Trampelpfaden, aber der Boden darunter trug nicht mehr. Er war einfach nicht mehr derselbe. Er hatte einen Dackel erzogen. Er hatte eine Frau kennengelernt, die keinen Anspruch auf ihn erhob, sondern einfach nur bei ihm sein wollte. Er hatte dreiundzwanzig Nächte lang auf dem Sofa geschlafen, jede einzelne ein stiller Sieg über die Angst, morgens aufzuwachen und wieder in die alte Rolle zu schlüpfen.
„Weißt du, Jette“, sagte er ruhig, „dass du mich geschlagen hast, ist eine Sache. Aber dass du wirklich glaubst, das wäre das Beste gewesen, was mir passieren konnte – das ist das Traurigste daran. Geh jetzt bitte. Und komm nicht wieder. Hedi mag keine Fremden an der Tür. Und ehrlich gesagt, ich auch nicht mehr.“
Jette starrte ihn an. Ihr Mund öffnete sich, schloss sich wieder. Sie war wie ein Schauspieler, dem mitten in der Vorstellung einfällt, dass er den Text nicht mehr beherrscht. Dann fuhr sie herum und stapfte die Treppe hinunter. Das letzte Geräusch war das Zuschlagen der Haustür, ein Knall, der durchs Treppenhaus hallte.
Hedi hörte auf zu bellen. Sie setzte sich, hob langsam den Kopf und sah Til mit diesem unergründlichen Dackelblick an, der zu sagen schien: Na bitte, geht doch. Til bückte sich und kraulte sie hinter den Ohren. Draußen rumpelte ein Müllwagen vorbei, in der Nachbarwohnung lief derselbe Radiosender wie jeden Morgen, und irgendwo über Hamburg riss die Wolkendecke auf und ließ ein paar Sonnenstrahlen durch.
Als Astrid eine halbe Stunde später mit Brötchen und frischem Aufschnitt vor der Tür stand, erzählte er ihr von dem Besuch. Sie hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen, strich Hedi über den Rücken und nickte nur. „Dackel sind die besseren Türsteher. Weiß doch jeder.“ Mehr sagte sie nicht. Sie musste auch nichts sagen.
Am Nachmittag gingen sie alle drei am Kanal spazieren. Hedi lief vorneweg, mit der Eleganz eines tapferen kleinen Seehunds, und scheuchte eine Taube, die es wirklich verdient hatte. Til blieb einen Moment stehen, sah auf das graue Wasser, auf die fernen Kräne des Hafens, und atmete tief ein. Die Luft war kühl und roch ein bisschen nach Fisch und Benzin und dem unverwechselbaren Geruch dieser Stadt, die er nie verlassen hatte und die plötzlich nicht mehr beengend war, sondern einfach nur offen.
„Weißt du was“, sagte er zu Astrid. „Ich glaube, ich melde mich für den Hundeführerschein an. Nur so, offiziell. Damit sie mal stolz auf mich sein kann.“
Hedi, als hätte sie ihn verstanden, blieb stehen, drehte sich um und wedelte. Ein langes, kräftiges Wedeln, das den ganzen Körper erfasste. Da stand sie, eine sogenannte Fehlzüchtung, eine Dackel-Basset-Mix-Dame ohne Manieren, und war das beste, was Til je passiert war. Er grinste, nahm Astrids Hand, und dann gingen sie weiter, den Kanal entlang, Richtung Süden.
