Der Mann mit der Fliege ließ die Speisekarte sinken

Das blaue Kleid am Fenstertisch

Ich arbeite seit elf Jahren im „Rosmarin" am Gärtnerplatz. In den ersten zwei Jahren habe ich geglaubt, ich hätte schon alles gesehen. Verliebte, die sich über den Tisch hinweg an den Händen hielten. Paare, die ein ganzes Abendessen lang kein einziges Wort wechselten. Männer, die zum Heiratsantrag ansetzten und Frauen, die vor dem Dessert gegangen sind. Aber diese eine Sache, die an einem Donnerstag im April passiert ist — die habe ich so noch nicht erlebt.

Die Reservierung war für halb acht. Name: Hansen. Tisch am Fenster, mit Blick auf die Kastanien, die gerade anfingen, ihre Kerzen aufzustellen.

Er kam zehn Minuten zu spät, sie pünktlich. Sie trug ein blaues Kleid — so ein tiefes, kräftiges Blau, wie man es in München selten sieht. Meistens tragen die Frauen hier Beige, Grau, vielleicht ein dunkles Grün. Aber dieses Kleid war eine Entscheidung. Ich habe es gemerkt, weil meine Kollegin Leni an der Garderobe extra zweimal hinschauen musste.

Er half ihr nicht aus dem Mantel. Das passiert oft, nichts Besonderes. Aber mir fiel auf, dass er beim Hinsetzen sofort sein Handy auf den Tisch legte, mit dem Display nach oben. Manche machen das aus Gewohnheit. Andere, weil sie eigentlich nicht da sein wollen.

Sie bestellte die Ravioli mit Trüffeln. Das weiß ich noch genau, weil wir die an dem Abend nur noch zweimal hatten und sie sofort entschieden hat, ohne groß zu überlegen, als hätte sie die Karte zu Hause auswendig gelernt.

„Und für den Herrn?"

„Ein Wasser. Still."

Mehr nicht. Kein Wein, keine Vorspeise. Er hat nicht einmal gefragt, ob sie einen Aperitif möchte.

Der Abend war nicht voll. Vielleicht sechs, sieben Tische. Ich hatte Zeit, ein bisschen hinzuschauen, während ich die Flaschen am Tresen sortierte. Sie redete, er antwortete knapp. Sie lachte einmal kurz auf, aber es blieb so ein Laut, der nicht lange trägt. Er schaute zwischendurch aufs Handy, nicht heimlich. Ganz offen, als wäre sie eine Radiosendung, die man leiser stellt, wenn Wichtigeres kommt.

Um zwanzig nach acht klingelte sein Handy. Nicht vibrieren — klingeln. Ein scharfer Ton, so ein altmodisches Klingeln wie von einem Festnetztelefon, nur eben aus der Hosentasche.

Er nahm ab und lauschte. Dann: „Ja, ich bin gleich da. Nein, nein, mach dir keine Sorgen, ich komm jetzt." Er legte auf, stand auf und griff nach seinem Jackett über der Stuhllehne.

„Ich muss weg."

Ich hörte es, weil ich gerade den Brotkorb an den Nachbartisch brachte. Sie saß da, mit der Gabel schon in der Hand, die Serviette ordentlich auf den Knien. Das Gericht war gerade angerichtet worden. Der Dampf stieg noch auf.

„Ist was passiert?", fragte sie. Ihre Stimme war leise, aber nicht flüsternd. Einfach leise, so wie man fragt, wenn man die Antwort schon ahnt.

„Meiner Mutter geht's nicht gut. Ich fahr zu ihr."

„Soll ich mitkommen?"

„Nein. Bleib, iss in Ruhe. Ich melde mich morgen."

Und dann ging er. Einfach so. Ohne sich umzudrehen, ohne ihre Hand zu nehmen. Auf dem Tisch lag kein Geld, nicht einmal ein Zwanziger — er verließ das Lokal, ohne an die Rechnung auch nur zu denken, als wäre das selbstverständlich, als hätte er es schon oft so gemacht.

Das ist der Punkt, an dem ich normalerweise denke: Das arme Ding. Jetzt sitzt sie da, vor einem Teller, der kalt wird, in diesem wunderschönen blauen Kleid, und stochert in den Ravioli herum, bis sie aufgibt.

Aber es kam anders.

Sie saß eine ganze Minute still. Dann griff sie in ihre Handtasche, holte eine Karte heraus — so eine kleine, hellgraue mit geprägtem Rand. Sie drehte sie einmal zwischen den Fingern, als überlegte sie, ob sie sie zerreißen sollte. Dann legte sie die Karte neben ihren Teller, mitten auf die weiße Tischdecke.

Ich wollte die Rechnung bringen, aber sie winkte mich heran und sagte: „Können Sie mir einen Moment bringen?"

„Natürlich. Gerne noch etwas zu essen?"

„Nein. Nur einen Moment."

Ich bin stehen geblieben. Sie blickte zu dem leeren Stuhl gegenüber. Sie war nicht wütend. Das Merkwürdige war: Sie wirkte fast erleichtert. So wie man aussieht, wenn man eine lange Diskussion hinter sich hat und endlich allein im Wartezimmer sitzt.

Dann fischte sie ihr Handy aus der Tasche und tippte etwas. Ich sah drei Wörter auf dem Display aufblitzen, als sie es zur Seite legte. „Es reicht. Ende."

Nach einer Weile nahm sie die Gabel und aß. Nicht hastig, nicht unglücklich. Sie aß diese Ravioli, bei denen ich wusste, dass sie auf der Karte neunzehn Euro kosteten, mit einer Ruhe, die man nicht spielt. Sie kaute in kleinen, bedächtigen Bissen, schaute zwischendurch auf die Kastanien vor dem Fenster und trank dazu ein Glas Weißwein, das sie sich selbst bestellt hatte, einen trockenen Grauburgunder aus der Pfalz, wenn ich mich recht erinnere.

Sie hat nicht aufs Handy gesehen. Einmal nicht.

Als sie fertig war, legte sie die Karte zurück in ihre Handtasche und rief mich heran. „Zahlen, bitte. Alles zusammen, auch das vom Herrn."

Ich brachte ihr die Rechnung in einer kleinen Ledermappe. 84 Euro 60. Sie legte einen Hunderter hinein und sagte: „Stimmt so."

Dann stand sie auf, zog sich den Mantel selbst an, während Leni noch mit einer anderen Dame beschäftigt war, und ging hinaus. Die Karte mit dem geprägten Rand ließ sie auf dem Tisch liegen. Ich habe sie später an mich genommen, weil ich dachte, sie käme noch zurück.

Sie kam nicht zurück.

Auf der Karte stand, mit blauer Tinte geschrieben, in einer sauberen, fast schüchternen Handschrift:

„Sieben Jahre. Ich dachte, wir würden sie zusammen feiern. Heute weiß ich: Es war nur mein Warten, das gezählt hat."

Unterschrieben war sie nicht. Ich habe die Karte an dem Abend nicht weggeworfen. Ich habe sie in die Tasche meiner Schürze gesteckt, neben den Bleistift und den Notizblock, und dort ist sie geblieben, bis meine Schicht zu Ende war.

Der Mann kam übrigens nie wieder. Kein Anruf, keine Beschwerde, nichts. Nur sein halb leeres Wasserglas blieb stehen, bis Leni es irgendwann abgeräumt hat.

Die Kerze auf dem Tisch brannte noch eine ganze Weile weiter, auch nachdem beide gegangen waren. Ich habe sie erst gelöscht, als der letzte Gast an dem Abend bezahlt hatte. Das Wachs war bis auf einen kleinen Rest heruntergebrannt, und der Docht kippte zur Seite, als die Flamme kleiner wurde und schließlich erlosch, ohne dass ich sie hätte anpusten müssen.

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