Melanie stieg aus dem silbernen Passat, strich ihren Mantel glatt und schaute kurz zu ihrem Mann hinüber, der den Motor laufen ließ. Sie kam nicht zur Haustür. Sie ging erst zur Garage, drückte die Nase an das kleine Fenster, dann kam sie den Weg entlang. Ich zählte ihre Schritte auf dem Pflaster, das ich letzten Sommer mit eigenen Händen hatte neu setzen lassen. Jeder Stein hatte zweihundertzwanzig Euro gekostet — ich weiß das noch, weil ich die Rechnung dreimal gelesen habe, bevor ich sie bezahlte.
Als es klingelte, ließ ich den Kaffee in die Tasse laufen, die schon auf dem Tresen stand. Die Tasse hatte einen Sprung, den ich seit drei Monaten nicht reparieren lassen wollte. Ich öffnete die Tür und Melanie stand da, das Handy in der Hand wie einen kleinen Schild.
„Mama, warum verkaufst du das Haus?“, fragte sie.
Nicht „wie geht es dir“. Nicht „wir haben lange nicht geredet“. Sie hatte den Satz offenbar schon im Auto geübt, er kam zu schnell und zu laut.
Ich ließ die Tür zu, ging zurück in die Küche. Sie folgte mir, und ich hörte, wie ihre Absätze auf den Fliesen klackten. Die Fliesen hatten wir aus einer Manufaktur in der Nähe von Zwickau besorgt, blau mit einem grauen Muster, mein Mann hatte sie selbst gelegt. Das war im Oktober vor achtzehn Jahren, kurz bevor er krank wurde.
„Setz dich“, sagte ich und nahm den Kaffee. „Möchtest du auch einen?“
„Nein. Mama, ich will wissen, was das soll. Der Nachbar hat Jork erzählt, du hättest einen Makler im Haus gehabt. Und beim Notar warst du auch.“
Ich trank einen Schluck. Der Kaffee war lauwarm, ich hatte die Maschine nicht richtig entkalkt.
„Woher weißt du, dass ich beim Notar war?“, fragte ich.
Melanie drehte das Handy in der Hand. „Das ist doch egal. Warum? Das Haus gehört doch uns allen.“
Ich stellte die Tasse auf den Tresen und schaute aus dem Fenster. Vor dem Haus stand eine Linde, die mein Mann am Tag nach der Geburt unseres Sohnes gepflanzt hatte. Sie warf einen Schatten auf den Rasen, und der Rasen war braun, weil ich im August nicht gegossen hatte. Das hatte früher mein Mann gemacht, jeden zweiten Abend, mit dem grünen Schlauch aus dem Keller.
„Das Haus“, sagte ich, „gehört mir.“
Melanie zog die Augenbrauen hoch. „Das ist nicht dein Ernst. Papa hat es für uns alle gebaut.“
„Papa hat es gebaut, ja. Mit seinen Händen. Ich habe die Rechnungen bezahlt, als er krank war. Ich habe die Hypothek abbezahlt, als er nicht mehr arbeiten konnte. Und ich habe euch nie gebeten, darin zu wohnen. Ich habe euch nur gebeten, anzurufen.“
„Das ist unfair. Ich arbeite vierzig Stunden die Woche. Jork hat Schichten. Und die Kinder, die Schule, der ganze Stress. Du weißt doch, wie das ist.“
Ich wusste nicht, wie das ist. Ich wusste nur, dass ich sieben Mal angerufen hatte und zweimal zurückgekommen war, einmal mit der Nachricht, dass sie im Stress sei, einmal mit der Frage, ob ich am Sonntag den Hund nehmen könne. Ich hatte keinen Hund.
„Ich verkaufe das Haus nicht“, sagte ich.
Melanie atmete aus. „Na also. Dann hat der Nachbar wohl Unsinn geredet.“
Ich ging an die Tür, an der meine Handtasche hing. Ich holte den Ordner heraus, dick und blau, mit der Aufschrift „Vermögen“. Ich legte ihn auf den Küchentisch, der aus Eichenholz war und den ich seit zwanzig Jahren mit einem feuchten Tuch abwische, immer im Kreis, nie wild.
„Ich habe es verschenkt“, sagte ich.
Sie starrte mich an. Dann lachte sie, aber es klang wie ein Husten.
„Das ist nicht witzig.“
Ich schlug den Ordner auf. Die Urkunde lag obenauf, eine Kopie, gestempelt und unterschrieben. Sie war auf der ersten Seite, und ich hatte die Ecke mit einem gelben Klebezettel markiert, auf dem stand: „Für den Fall, dass sie fragen“.
Melanie zog das Blatt zu sich herüber. Ich sah, wie ihre Augen die Wörter entlangfuhren, schnell, zu schnell, um etwas zu verstehen. Dann blieb sie hängen. An dem Wort.
„Auszubildendenwerk Leipzig?“, fragte sie. „Was ist das?“
„Eine Stiftung. Die jungen Leuten aus schwierigen Familien eine Bleibe gibt. Wer eine Ausbildung macht und keine Wohnung findet, weil er kein Geld hat, kann dort ein Zimmer bekommen. Ich habe das Haus vor drei Jahren überschrieben. Es war die beste Idee, die ich hatte, seit euer Vater gestorben ist.“
Melanie schnappte nach Luft. „Vor drei Jahren? Und du hast uns nichts gesagt?“
„Ich habe angerufen. Aber du hattest keine Zeit. Ich habe angeboten, dass wir reden. Du hattest Kopfschmerzen. Ich habe eine Nachricht geschickt. Deine Mailbox war voll.“
Sie presste die Lippen aufeinander. Ich sah, wie ihre Hände den Rand der Urkunde hielten, so fest, dass das Papier knickte. Der Knick würde bleiben. Mitten in der Tinte.
„Das ist unser Erbe“, sagte sie. „Du kannst nicht einfach unser Erbe verschenken. Das ist rechtlich anfechtbar. Jork sagt, das ist ein klarer Fall.“
Ich nahm meine Kaffeetasse und trank sie leer. Der Kaffee war jetzt kalt, ich spürte den Satz am Boden der Tasse, der sich von der Maschine gelöst hatte. Ich schluckte und stellte die Tasse in die Spüle.
„Ihr bekommt den Pflichtteil“, sagte ich. „Das ist gesetzlich geregelt. Dein Bruder auch. Zusammen sind das dreiundsiebzigtausendfünfhundert Euro. Der Rest geht an die Stiftung. Der Notar hat mir das bestätigt, und zwar am zwölften April, vor drei Jahren und zwei Monaten. Die Frist ist vorbei. Du kannst klagen, aber die Gerichtskosten zahlst du selbst.“
Melanie legte die Urkunde auf den Tisch, als hätte sie sich daran verbrannt.
„Du hast uns enterbt“, sagte sie.
„Nein. Ich habe euch nicht enterbt. Ich habe nur aufgehört, auf etwas zu warten, das nie gekommen ist.“
Jetzt kam ihr Mann zur Tür. Er hatte das Fenster vom Auto heruntergelassen und gerufen, aber ich hatte ihn nicht gehört. Er stand im Flur und sah aus wie ein Fremder, der sich in die falsche Wohnung verlaufen hatte.
„Alles in Ordnung?“, fragte er.
„Nein“, sagte Melanie. „Meine Mutter schenkt unser Haus an irgendwelche Fremden.“
Jork kam in die Küche und schaute auf den Ordner. Er hielt die Hände in den Jackentaschen, als hätte er Angst, etwas anzufassen.
„Frau Bergmann“, sagte er, „das haben Sie sich gut überlegt?“
Ich antwortete nicht. Ich öffnete die Schublade neben dem Herd und holte das Messer heraus, mit dem ich morgens das Brot schneide. Es war ein altes Brotmesser mit Holzgriff, und ich legte es auf das Schneidebrett. Nicht weil ich etwas schneiden wollte. Weil ich etwas in der Hand halten wollte, das ich kannte.
„Ich habe mich elf Jahre lang gefragt, ob ich für euch nur die Frau bin, die das Haus verwaltet“, sagte ich. „Dann habe ich gemerkt, dass ich nicht einmal das bin. Ich bin die Frau, die die Heizung bezahlt, wenn ihr im Winter zu Besuch kommt. Ich bin die Frau, die am Telefon wartet, wenn ihr es nicht abnehmt. Ich bin die Frau, die einmal im Jahr eine Karte zu Weihnachten schreibt, auf die nie eine Antwort kommt.“
Ich zog den Ordner zu mir heran und blätterte zu einer Seite, die ich mit einem blauen Reiter markiert hatte. Da war eine Tabelle, die ich von Hand gezeichnet hatte, mit meinen Anrufen auf der einen Seite und ihren Antworten auf der anderen. Ich hatte die Tabelle nie jemandem gezeigt, weil ich mich dafür geschämt habe. Jetzt schämte ich mich nicht mehr.
„Letztes Jahr“, sagte ich, „habe ich vierzehn Mal angerufen. Dein Bruder hat dreimal abgenommen. Du hast zweimal zurückgerufen. Einmal davon warst du in der S-Bahn und hast gesagt, die Verbindung breche ab. Einmal warst du im Supermarkt und wolltest wissen, ob ich Milch kaufen soll, weil du am Sonntag vorbeikommen wolltest. Du bist nicht gekommen. Die Milch ist sauer geworden.“
Melanie schaute auf die Tabelle. Ihr Gesicht war rot, und ich dachte, sie würde gleich weinen. Aber sie weinte nicht. Sie nahm ihr Handy und tippte etwas, als würde sie eine Nachricht schreiben.
„Ich nehme mir einen Anwalt“, sagte sie.
„Ich wünsche dir einen guten“, sagte ich.
Jork legte ihr eine Hand auf die Schulter, aber sie schüttelte sie ab. Dann ging sie zur Tür, und ich hörte, wie ihre Absätze auf den Fliesen im Flur klackten, schneller als vorhin.
Ich blieb in der Küche sitzen, bis der Motor des Passats verklungen war. Dann stand ich auf und öffnete das Fenster. Von der Straße roch es nach Lindenblüten und Abgas. Ich füllte die Gießkanne aus dem Schrank unter dem Waschbecken und trug sie nach draußen. Ich goss den Rasen vor dem Haus, jeden Abend, in gleichmäßigen Kreisen. Der Schlauch lag noch im Keller, wo mein Mann ihn immer aufgehängt hatte.
Am Nachmittag rief der Notar an. Er sagte, dass alles ordnungsgemäß sei, dass die Stiftung die Unterlagen erhalten habe und dass im Grundbuch bereits die Umschreibung eingetragen worden war, vor drei Jahren, am zwölften April.
„Haben Sie Fragen, Frau Bergmann?“, fragte er.
„Nein“, sagte ich. „Ich wollte nur sichergehen, dass niemand etwas rückgängig machen kann.“
„Das ist rechtssicher“, sagte er. „Ihre Kinder haben Anspruch auf den Pflichtteil. Alles Weitere entscheidet die Stiftung. Und Sie haben ein lebenslanges Wohnrecht. Das Haus gehört Ihnen, solange Sie leben. Es gehört danach nicht mehr Ihren Kindern. Genau das steht in der Urkunde.“
„Gut“, sagte ich.
Dann legte ich auf und ging ins Wohnzimmer. Auf dem Fensterbrett lag eine blaue Blechdose, die mein Mann früher für seine Schrauben benutzt hatte. Ich öffnete den Deckel und warf die getrocknete Linde hinein, die ich im Juni gepresst hatte. Ich wusste selbst nicht genau, warum.
Sechseinhalb Monate später stand ein Brief der Stiftung im Briefkasten. Der erste Auszubildende war eingezogen. Ein Junge aus Magdeburg, der eine Lehrstelle als Elektriker bekommen hatte und vorher im Auto geschlafen hatte. Der Brief war unterschrieben von einer Frau namens Regina Töpfer, und er endete mit einem Satz, den ich mir auf die Innenseite des Küchenschranks geklebt habe, neben den Zettel mit den Notrufnummern: „Wenn Sie möchten, können Sie vorbeikommen und ihm ein Brot backen. Er hat erzählt, dass er seit zwei Jahren keins mehr gegessen hat, das nicht aus der Packung kommt.“
Ich habe Brot gebacken. Und ich habe den Rest des Kaffeesatzes auf den Kompost hinter dem Haus geworfen, zusammen mit dem Filter, und dabei gedacht: Man muss nicht auf Menschen warten, die nicht kommen. Man kann den Teig kneten, den Ofen vorheizen und die Kruste riechen, wenn sie aufgeht. Das ist auch eine Art Antwort.
