Der Hund, der die Nordsee nicht in Ruhe ließ

An der Nordseeküste bei Sankt Peter-Ording roch der Spätsommer nach Tang und nach dem Fischbrötchen-Stand, der um siebzehn Uhr schon die Theke abwischte. Malte Brenner, neunundvierzig, Rettungsschwimmer der DLRG-Station seit elf Jahren, saß auf dem Hochsitz und beobachtete, wie sein Hund Kuno unruhig am Spülsaum auf und ab lief. Kuno war kein ausgebildeter Rettungshund, nur ein Border-Collie-Mischling, den Malte vor vier Jahren aus dem Tierheim in Husum geholt hatte, weil ihn niemand wollte. Aber Kuno hatte einen Blick für das Meer, den Malte nie ganz erklären konnte.

Diesmal bellte er nicht wie sonst bei Quallen oder treibenden Plastiktüten. Er bellte in kurzen, harten Stößen, immer zur selben Stelle, etwa vierzig Meter vor der zweiten Sandbank, dort wo bei Ebbe eine Rinne blieb, die die Einheimischen die "Fresserkuhle" nannten, weil dort schon zwei Autoreifen und einmal ein ganzes Fahrrad verschwunden waren.

"Kuno, aus", rief Malte, ohne wirklich hinzusehen. Der Strand war an diesem Dienstagnachmittag im September fast leer, ein paar Kite-Surfer weiter draußen, eine Familie mit einem quietschgelben Wasserball näher am Ufer. Nichts Ungewöhnliches.

Aber Kuno gab keine Ruhe. Er lief bis zur Wasserkante, kam zurück, stupste mit der Schnauze gegen Maltes Wadenbein, lief wieder los. Das hatte er zuletzt vor drei Jahren gemacht, als tatsächlich ein Kind in der Strömung abgetrieben war. Malte kannte diesen Rhythmus inzwischen.

Er kletterte vom Hochsitz, nahm das Fernglas und suchte die Fresserkuhle ab. Nichts. Nur Wellen, die sich in dem trüben Braun der Nordsee bewegten, wie sie es immer taten. Kein Kopf, kein Arm, kein Surfboard.

"Da ist nichts, Kumpel."

Kuno bellte weiter. Und dann tat er etwas, das er noch nie getan hatte: Er sprang ins Wasser und schwamm los, direkt auf die Rinne zu.

Malte fluchte, griff nach der Rettungsboje, funkte kurz über Funk an die Kollegin Sabine Wehrmann in der Station, dass er ins Wasser gehe, und lief hinterher. Das Wasser war kalt für September, vielleicht sechzehn Grad, und die Strömung an der Sandbank zog stärker, als es von Land aus aussah. Nach zwanzig, dreißig Metern erreichte er Kuno, der bereits kreiste, mit der Schnauze knapp über der Wasseroberfläche, und darunter, vielleicht einen Meter tief, sah Malte etwas Dunkles.

Es war kein Mensch. Es war ein Neoprenanzug, leer, aufgebläht von eingeschlossener Luft, und daran befestigt ein Rucksack aus wasserdichtem Material, wie ihn Kitesurfer für ihre Handys benutzen. Malte zog beides an Land, während Kuno neben ihm paddelte, als wolle er sicherstellen, dass nichts zurück ins Meer trieb.

Am Strand öffnete er den Rucksack. Darin: ein Handy in einer Hülle, ein Ausweis auf den Namen Jonas Ahrens, zweiundzwanzig Jahre alt, wohnhaft in Tönning, und ein Zettel, handschriftlich, wasserfest in Folie eingeschweißt. "Falls ihr das findet: Ich konnte nicht mehr. Sagt meiner Mutter, es tut mir leid."

Malte spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Kein Körper. Nur ein Anzug, ein Rucksack, ein Abschiedsbrief. Das bedeutete entweder das Schlimmste, oder es bedeutete, dass jemand wollte, dass man genau das dachte.

Er informierte die Wasserschutzpolizei in Husum, die noch am selben Abend mit einem Boot ausrückte und die Fresserkuhle sowie die angrenzende Rinne bis zur Dunkelheit absuchte. Kein Jonas Ahrens. Auch am nächsten Morgen nicht, als ein Team mit Tauchern aus Cuxhaven anrückte.

Sabine, die seit zwanzig Jahren an dieser Küste Dienst tat, war die Erste, die laut aussprach, was alle dachten. "Der Anzug war zu sauber abgelegt. Kein Riss, kein Zeichen von Panik. Wer ertrinkt, reißt sich den Neoprenanzug nicht ordentlich vom Leib und packt seinen Ausweis mit dazu. Weißt du, was ich glaube? Das ist keine erste Nummer dieser Art hier oben. Ich hab schon mal was Ähnliches gehört, von der Kollegin aus Cuxhaven."

Die Kripo Husum übernahm den Fall am Donnerstag. Kommissarin Ines Dallmann, eine drahtige Frau Mitte vierzig, die sich am Automaten der Dienststelle schon den dritten viel zu starken Kaffee gezogen hatte, fuhr nach Tönning zur Mutter des vermissten jungen Mannes.

Die Wohnung von Karin Ahrens lag im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses nahe dem Hafen, mit Blick auf die Eider. Auf dem Küchentisch stand noch das Frühstücksgeschirr von zwei Personen, eine Tasse mit abgeplatztem Rand, die zweite unberührt, als hätte jemand sie hingestellt und dann doch nicht gebraucht. Karin öffnete mit rot verweinten Augen, aber ihre Hände zitterten nicht auf die Art, wie Hände einer Mutter zittern, die um ihren toten Sohn trauert.

"Wann haben Sie zuletzt mit Ihrem Sohn gesprochen?"

"Vor drei Tagen. Er hat gesagt, er fährt zum Kitesurfen nach St. Peter."

"Frau Ahrens." Dallmann legte die durchsichtige Beweismittelhülle mit dem Abschiedsbrief auf den Tisch, neben die unberührte Tasse. "Warum steht hier 'sagt meiner Mutter', wenn er wusste, dass Sie es sind, die den Zettel findet? Warum nicht einfach: Mama, es tut mir leid?"

Karin schwieg lange. Sie schob die Tasse ein Stück zur Seite, als störe sie der Anblick, presste dann die Finger um den kalten Henkel, ohne die Tasse anzuheben.

"Er hat mir das Geschäft von seinem Vater übernommen, wissen Sie. Die Fahrrad- und E-Bike-Werkstatt. Läuft seit zwei Jahren schlecht." Sie erzählte stockend, mit langen Pausen: von einem Kredit über achtundvierzigtausend Euro bei der Sparkasse Husum-Eiderstedt, von Schulden bei einem Bekannten, der über einen Immobilienmakler namens Peter Kruse Kontakte zu Leuten hatte, die man besser nicht Bekannte nannte. Jonas hatte sich Geld geliehen, um die Werkstatt zu retten, und konnte nicht mehr zahlen. Vor zwei Wochen hatte Kruse ihm gedroht, nicht mit Fäusten, sondern mit etwas, das für Jonas schlimmer war: Er werde dafür sorgen, dass Karins Namen als Bürgin bei der Sparkasse auftauche, dass sie ihre Wohnung verliere, wenn Jonas nicht zahle.

"Er wollte verschwinden", sagte Karin schließlich, und ihr Daumen fuhr immer wieder über den Riss im Henkel der Tasse. "Er dachte, wenn alle glauben, er sei tot, dann würde die Schuld… ich weiß nicht, ob er dachte, sie erlischt, oder ob er einfach nur weg wollte von allem. Er hat mich angerufen, kurz bevor er ins Wasser ging. Er hat gesagt, ich soll nicht zur Polizei gehen, wenn sie mich fragen. Er ist bei einem Kumpel in Husum untergetaucht. Die zweite Tasse", sagte sie plötzlich, "die stand noch von Sonntag da. Ich konnt sie nicht wegräumen."

Dallmann ließ sich die Adresse geben. Es war eine WG in der Osterstraße, dritter Stock, wo Jonas seit zwei Tagen auf einer Isomatte im Wohnzimmer eines ehemaligen Schulfreundes schlief, das Handy ausgeschaltet, in der vagen Hoffnung, dass die Sache sich irgendwie "beruhigen" würde, wie er es später in der Vernehmung formulierte.

Als Dallmann und zwei Streifenbeamte am Freitagvormittag klingelten, öffnete Jonas selbst, unrasiert, in einem Trainingsanzug, der nicht ihm gehörte. Er brach nicht zusammen, er wirkte fast erleichtert, wie jemand, der tagelang die Luft angehalten hat.

"Ich wollte niemandem schaden", sagte er im Vernehmungszimmer der Kripo Husum, die Hände flach auf die Tischplatte gepresst, als müsse er sie festhalten. "Ich wollte nur, dass Kruse mich in Ruhe lässt, wenn ich tot bin. Ich dachte nicht daran, dass Rettungshunde und Menschen dafür losgeschickt werden."

Als Dallmann ihm sagte, dass er sich damit strafbar gemacht habe, weil er einen Unglücksfall vorgetäuscht und Beamte auf falsche Fährte geschickt habe, wurde ihm die Kehle eng, und er presste die Handflächen fester auf den Tisch, bis die Knöchel weiß wurden. "Das tut mir leid", sagte er noch einmal, leiser diesmal, und mehr brachte er nicht heraus.

Das kostete ihn eine Anzeige und, wie sich später herausstellte, den Verlust jeglicher Sympathie bei der Sparkasse, die ihm ohnehin schon misstraute. Aber es öffnete auch etwas anderes: Weil der Fall nun aktenkundig war, weil Dallmann bei ihren Ermittlungen zur angeblichen Bürgschaft nachfragte, stieß sie auf zwei weitere Anzeigen gegen Peter Kruse wegen Nötigung, beide in der Schublade liegen geblieben, weil die Opfer sich nicht getraut hatten, weiterzumachen. Mit Jonas' Aussage und den bereits vorhandenen Akten reichte es diesmal für eine Anklage.

Drei Tage später saß Karin Ahrens am Schalter der Sparkasse Husum-Eiderstedt, den Ordner mit dem Kreditvertrag, ihrem Ausweis und dem Schreiben ihres neuen Anwalts vor sich auf der Ablage. Ihre Hände, die den Ordner die ganze Zeit festgehalten hatten, öffneten ihn erst, als die Sachbearbeiterin fragte: "Sie möchten also den bestehenden Vertrag ablösen und neu ordnen lassen?" Karin nickte, schob die Papiere durch den Schlitz und sagte nur: "Mein Name steht in keinem Bürgschaftspapier. Das will ich schriftlich." Die Bürgschaft, mit der Kruse gedroht hatte, hatte es nie gegeben, eine Lüge, mit der er Jonas gefügig halten wollte. Am Ende unterschrieb Karin gemeinsam mit ihrem Sohn einen neuen, deutlich günstigeren Ratenkredit über die verbliebenen einunddreißigtausend Euro, ohne jede Verbindung zu Kruse oder seinen Mittelsmännern.

Die Werkstatt in Tönning ist seit letztem Winter wieder geöffnet, jeden Vormittag außer sonntags. An diesem Vormittag stand Jonas an der Werkbank und ölte eine Kette, als Malte mit Kuno an der Leine hereinkam. Jonas griff, ohne ein Wort zu sagen, in die unterste Schublade, holte ein Stück getrocknete Rinderhaut heraus, das er dort extra für den Hund aufbewahrte, und hielt es ihm hin. Kuno setzte sich sofort vor ihn, den Blick auf die Schublade gerichtet, als wisse er genau, was als Nächstes kam.

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