Sechs Straßenhunde vor der Klinik in Hagen – niemand konnte erklären, warum sie nicht wichen

Es war ein Montag Ende September, kurz nach der Mittagszeit, als die erste Krankenschwester sie bemerkte. Petra Lindgren, seit einundzwanzig Jahren im Allgemeinen Krankenhaus Hagen tätig, wollte gerade eine Zigarettenpause am Nebeneingang einlegen, als sie auf dem Vorplatz sechs Hunde entdeckte. Streuner, das war klar – struppig, unterschiedlich groß, ein schwarzer Schäferhundmischling darunter, der offensichtlich der Ranghöchste war.

Sie hatten sich einfach hingesetzt. Zwei lagen direkt an der Treppe zum Haupteingang, drei weitere kauerten näher an der Glastür, und der letzte, ein hellbrauner mit einem eingerissenen Ohr, saß ein Stück abseits und behielt die Automatiktür ununterbrochen im Auge.

„Die verschwinden gleich wieder", sagte Petra zu ihrer Kollegin Sabine Oszust, die aus der Notaufnahme kam und sich eine Bratwurst vom Imbiss gegenüber holen wollte. Der Dönerstand an der Ecke Bahnhofstraße hatte gerade sein Mittagsgeschäft, Auspuffgase mischten sich mit dem Geruch von gebratenen Zwiebeln, und irgendwo hupte die Straßenbahn Richtung Wehringhausen. Ein ganz normaler Tag eben.

Nur dass die Hunde nicht verschwanden. Eine Stunde verging, dann zwei. Als die Spätschicht begann, saßen sie noch immer auf denselben Plätzen. Am nächsten Morgen ebenfalls. Und am übernächsten Tag auch.

Was alle irritierte: Die Tiere waren vollkommen ruhig. Kein Knurren, kein Kläffen, kein Gerangel um Reviere. Sie bewegten sich kaum, fraßen nichts, tranken nichts – die Köpfe blieben zur Eingangstür gedreht.

Sabine stellte am dritten Tag zwei Plastikschüsseln hin, eine mit Wasser, eine mit Katzenfutter aus dem Automaten der Cafeteria. „Ihr Armen, ihr müsst doch Hunger haben", murmelte sie und schob die Schüsseln vorsichtig vor die Pfoten des schwarzen Rüden. Keiner der sechs rührte sich zum Futter hin.

Als sich Besucher zu beschweren begannen – eine ältere Dame war erschrocken zurückgewichen, ein Vater mit Kinderwagen hatte einen Umweg über den Parkplatz genommen –, schickte die Verwaltung den Hausmeister los. Herr Kowalczyk, ein bulliger Mann mit Schlüsselbund am Gürtel, klatschte in die Hände und scheuchte die Tiere mit einem Besen. „Los, verschwindet, hier ist kein Hundeplatz!"

Die Hunde wichen ein paar Meter zurück – und kehrten binnen Minuten exakt an dieselben Stellen zurück. Wieder mit den Köpfen zur Tür gerichtet.

So ging das fünf Tage. In der Kaffeeküche der Station 3 wurde über kaum etwas anderes mehr geredet.

„Vielleicht haben sie jemanden verloren", überlegte eine junge Pflegerin.

„Streuner haben niemanden. Die gehören keinem", widersprach ein Assistenzarzt und schob seine Kaffeetasse beiseite. „So was hab ich in fünfzehn Jahren noch nicht erlebt."

Am sechsten Tag rief die Chefärztin der Notaufnahme, Dr. Renate Wessels, schließlich das Tierheim in Hohenlimburg an. Man solle die Tiere wenigstens tierärztlich checken lassen, bevor jemand gebissen werde, so ihre Anweisung. Zwei Mitarbeiterinnen des Tierheims kamen mit Leinen und einem Transportkäfig – doch als sie näherkamen, wich keiner der Hunde aus. Sie ließen sich anfassen, ohne zu murren, was für Streuner höchst ungewöhnlich war.

Und dann fiel einer der Tierpflegerinnen etwas auf, das niemandem zuvor aufgefallen war: Der schwarze Rüde trug unter dem verfilzten Fell ein abgewetztes Halsband mit einer kleinen Metallmarke. Die Gravur war fast unleserlich, aber mit einer Taschenlampe entzifferte sie einen Namen und darunter, kaum noch lesbar, eine Adresse: eine Seniorenresidenz in der Nähe, keine acht Straßen entfernt.

Petra, die inzwischen dazugekommen war, erinnerte sich plötzlich an etwas. Vor knapp zwei Wochen war ein alter Mann in die Notaufnahme eingeliefert worden – ein Herzinfarkt, mitten auf der Straße zusammengebrochen, von Passanten gefunden. Karl-Heinz Brenner, dreiundachtzig Jahre alt, alleinstehend, seit dem Tod seiner Frau vor elf Jahren nur noch mit seinen Hunden unterwegs. Er hatte draußen auf einer Bank gesessen, als es passierte – die Hunde waren dabei gewesen und dann, in der Verwirrung des Rettungseinsatzes, einfach zurückgeblieben, während der Krankenwagen mit ihrem Herrchen davonfuhr.

Herr Brenner lag seither auf der Intensivstation im dritten Stock, im Koma, an Maschinen angeschlossen. Kein Angehöriger hatte sich gemeldet – seine einzige Tochter lebte seit Jahren in Kanada und die Betreuungsstelle hatte noch keinen gesetzlichen Vertreter bestellt. Die Hunde hatten ihn seit jenem Tag jeden Morgen zur Bank vor dem Haus begleitet. Und als er nicht zurückkam, waren sie ihm gefolgt – bis zum Krankenhaus, dessen Tür sie seither nicht aus den Augen gelassen hatten.

Die Nachricht ging durch das ganze Haus wie ein Lauffeuer. Dr. Wessels stand mit der Akte in der Hand am Empfang und ließ sich die Chronologie noch einmal bestätigen: Datum der Einlieferung, Adresse, das Halsband. Es passte alles zusammen.

Man brachte die Hunde – mit Genehmigung der Klinikleitung, was in der Verwaltung für einige hitzige Diskussionen sorgte – in den Innenhof hinter der Cafeteria, wo ein Pflegepraktikant, Yusuf, sich anbot, sie täglich zu füttern und zu versorgen, bis sich etwas klärte. Erst dort, geschützt und mit Blick auf einen Seiteneingang der Station, begannen sie endlich zu fressen.

Zwei Wochen später wachte Karl-Heinz Brenner auf. Schwach, desorientiert, aber ansprechbar. Als ihm eine Krankenschwester erzählte, dass seine Hunde die ganze Zeit vor dem Haupteingang gewartet hatten, griff er nach ihrer Hand und sagte nichts – er weinte einfach, tonlos, während seine Finger sich in die Bettdecke krallten.

Die Tochter, Claudia Brenner-Tremblay, kam schließlich aus Toronto angereist, nachdem das Sozialamt sie kontaktiert hatte. Sie stand im Flur der Station 3, den braunen Aktenordner mit der Vorsorgevollmacht ihres Vaters unter dem Arm, und drückte minutenlang die Klinke der Zimmertür herunter, ohne sie zu öffnen. Als sie schließlich am Bett saß, war es nicht das Papier, das sie zum Weinen brachte, sondern der Anblick seiner Hände auf der Bettdecke – dieselben Hände, die ihr als Kind das Fahrradfahren beigebracht hatten und die sie seit Jahren nur noch von Fotos kannte. Sie legte ihre Finger vorsichtig um seine, als müsste sie sich erst wieder daran gewöhnen, wie sich sein Griff anfühlte.

„Ich hätte öfter anrufen sollen", sagte sie leise, mehr zu sich selbst als zu ihm.

Er drückte ihre Hand, so fest es seine Kraft zuließ. „Du bist ja jetzt da."

In den folgenden Tagen kümmerte sie sich um das Nötigste – die Vollmacht, ein paar überfällige Rechnungen, ein Telefonat mit der Hausverwaltung wegen der Miete für sein Häuschen in Boele. Doch die meiste Zeit verbrachte sie einfach an seinem Bett, hörte ihm zu, wenn er von den Hunden erzählte, von ihren Namen, ihren Eigenheiten, davon, wie der schwarze Rüde immer als erster aufstand, wenn er morgens die Kaffeemaschine anschaltete.

Herr Brenner blieb noch drei weitere Wochen zur Reha, dann durfte er nach Hause. Seine sechs Hunde erwarteten ihn im Hof des Krankenhauses, als er im Rollstuhl zur Tür herausgeschoben wurde. Der schwarze Rüde legte den Kopf auf seine Knie, ganz ruhig, als hätte er die ganze Zeit gewusst, dass dieser Moment kommen würde.

Claudia blieb noch zwei Wochen bei ihm in Boele, bevor sie zurück nach Toronto musste. Am letzten Abend saßen sie gemeinsam auf der Bank vor dem Haus, auf der alles begonnen hatte, die sechs Hunde zu ihren Füßen verteilt. Sie versprach, nun jeden Sonntag anzurufen – und hielt sich, wie ihr Vater seither jedem erzählt, der es hören wollte, bis heute daran.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: