Stille Jahre und die Rechnung kam nach zehn Jahren

In Neukölln roch es an diesem Dienstagabend nach Regen und Döner. Ich stand an der Bushaltestelle Herrmannplatz, die Tüte von Karstadt in der Hand, und starrte auf mein Handy. Einundzwanzig Uhr vierzig. Der 314er kam in sechs Minuten, und mein Akku hatte noch drei Prozent.

Also schrieb ich die Nachricht ohne lange nachzudenken:

„Mama, mir geht's gut. Komme am Wochenende vorbei. Kuss, Pia."

Drei Nachrichten in einer Woche. Am Montag, am Mittwoch, am Freitag. Seit elf Jahren. Seit meinem sechzehnten Geburtstag, um genau zu sein, als ich aus Görlitz nach Berlin gezogen war. Damals sagte meine Mutter beim Abschied am Bahnhof: „Ruf mich jeden Tag an. Ich will wissen, dass du lebst." Und ich tat es. Erst aus Pflichtgefühl, dann aus Gewohnheit. Ein kurzer Satz pro Tag, mehr nicht.

Der Mann neben mir an der Haltestelle rührte in seinem Kaffee, der schon kalt sein musste. Die Anzeigetafel sprang auf 21:44. Der Bus war zu spät. Ich steckte das Handy in die Manteltasche und dachte an meinen Bruder Oliver, der in Leipzig wohnt und es in den letzten drei Jahren auf zwei Anrufe gebracht hat. Zu Weihnachten und zu Mamas Geburtstag.

Am Freitag fuhr ich also nach Görlitz. Zwei Stunden mit dem RE2, Umstieg in Cottbus, dann noch eine Stunde Regionalbahn. Meine Mutter wohnt in der vierten Etage eines Plattenbaus am Stadtrand. Der Fahrstuhl war wieder kaputt, und im Treppenhaus roch es nach Sauerkraut und Bohnerwachs.

„Da bist du ja", sagte sie und hielt mir die Wange hin. Kein Kuss. So war das bei uns. Wir saßen in ihrer Küche, tranken Tee aus den Bechern, die ich ihr vor fünf Jahren von Tschibo mitgebracht hatte, und redeten über den Nachbarn aus dem dritten Stock, der jetzt Schulden hat. Um siebzehn Uhr dreißig stand ich an der Haltestelle zurück.

Zwei Wochen nichts. Dann eine Karte im Briefkasten, handschriftlich, mit Briefmarke. Mein Name in ihrer geschwungenen Schrift, die ich so gut kannte, dass ich sie im Schlaf nachzeichnen konnte.

„Liebe Pia, ich war zehn Tage im Krankenhaus. Du hast nicht angerufen. Dein Bruder hat jeden Tag angerufen. Ich habe meine Wohnung auf ihn überschreiben lassen. Deine Mutter, Regina."

Ich las die Karte dreimal. Dann stellte ich mir eine Dose Ravioli warm. Die Soße spritzte auf die Karte, genau auf das Wort „überschreiben". Ich wischte sie nicht ab.

Meine Mutter war krank gewesen. Und ich hatte nicht angerufen. Nicht aus Bosheit — ich hatte einfach an diesem Montag keine Nachricht geschickt, und dann am Mittwoch auch nicht, und dann war eine Woche vergangen, und ich hatte mir gesagt: Du rufst am Wochenende an. Wie immer. Vielleicht ein bisschen später als sonst.

Am nächsten Morgen rief ich meinen Bruder an. Zum ersten Mal seit zwei Jahren, glaube ich. Er hob beim vierten Klingeln ab, und im Hintergrund lief „Tagesschau".

„Oliver, hier ist Pia. Was ist mit Mamas Wohnung?"

„Na, sie gehört jetzt mir. Hat sie dir nicht geschrieben? Sie war echt sauer, dass du dich null gemeldet hast. Dabei hattet ihr doch dieses Ding, jeden Tag zu telefonieren."

„Oliver, du hast in drei Jahren zweimal angerufen. Das weiß sie."

Seine Stimme wurde fester, so wie früher, wenn er beim Mensch-ärgere-dich-nicht schummelte. „Tja, jetzt bin ich halt derjenige, der sich kümmert. Um sie. Und um die Wohnung. Der Notartermin war gestern. Alles sauber, alles rechtens. Mach dir keinen Kopf."

Ich legte auf und schaute durch das Fenster auf den Hof. Unten im Hinterhaus zog jemand eine Wäscheleine über den Balkon. Ein gelbes Laken blähte sich im Wind.

„Alles sauber." Oliver hatte meine täglichen Anrufe nie ernst genommen. „Stell dich nicht so an", hatte er beim letzten Familientreffen gesagt. „Mama ist erwachsen. Die braucht keinen täglichen Scheck vom lieben Töchterlein."

Aber jetzt hatte er die Wohnung. Vierundsiebzig Quadratmeter in Görlitz, vielleicht nicht viel wert, aber es war der einzige Vermögenswert, den meine Mutter besaß. Und der einzige Ort, an dem ich aufgewachsen war.

Ich telefonierte mit einer Anwältin in Görlitz. Frau Doktor Brandt, Fachanwältin für Erbrecht. Die Nummer hatte mir Elke aus der Buchhaltung gegeben. Das Telefonat dauerte siebzehn Minuten.

„Ist die Übertragung anfechtbar?" fragte ich.

„Kommt darauf an. Wurde sie über den Wert der Immobilie getäuscht? Stand sie unter Druck? Gab es ein Pflegeversprechen? War es eine Schenkung oder ein Kaufvertrag?"

Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass meine Mutter auf einer Krankenhausliege gelegen hatte, während mein Bruder und seine Frau mit einem Notar in ihr Wohnzimmer gefahren waren.

Zwei Tage später rief meine Mutter an. Nicht schriftlich — sie rief an. Ihre Stimme klang dünn und müde, aber ich kannte den Ton. Es war der Ton, mit dem sie meinem Vater früher klargemacht hatte, dass der Sonntagbraten um zwölf auf dem Tisch zu stehen hat.

„Oliver hat mir alles erklärt. Du musst jetzt nicht mehr jeden Tag schreiben. Er wohnt ja näher. Er wird sich um mich kümmern."

„Mama, du warst im Krankenhaus. Warum hast du mir nicht gesagt, dass es dir schlecht geht? Ich wäre sofort gekommen."

„Du musst nicht kommen. Oliver holt mich nächste Woche ab. Ich ziehe zu ihm und Natalie. Die haben ein schönes Zimmer für mich frei gemacht. Mit Blick in den Garten."

Sie klang zufrieden. Wie eine Frau, die mit sich und der Welt im Reinen ist. Und ich stand in meiner Einzimmerwohnung in Berlin, siebenundzwanzig Jahre alt, das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt, und schaute auf die Karte auf meinem Küchentisch. Das Wort „überschreiben" war jetzt getrocknet und hatte einen hellroten Fleck hinterlassen.

„Mama", sagte ich. „Du musst mir keine Wohnung schenken. Ich habe nie etwas von dir verlangt. Aber Oliver erzählt dir was von Fürsorge, und dann überschreibst du ihm die Wohnung, ohne mit mir zu reden. Das ist doch kein Versehen. Das ist Plan."

„Er ist dein Bruder. Sei nicht so misstrauisch."

„Er hat dich aus dem Krankenhaus geholt und dir einen Notartermin vorgesetzt. Weißt du das noch? Warst du da bei klarem Verstand?"

Jetzt war sie beleidigt. „Ich bin keine alte Frau, die nicht weiß, was sie tut. Ich habe die Übertragung unterschrieben, weil Oliver jeden Tag da war. Und du — du hast nicht mal geschrieben. Also erzähl mir nichts über Plan."

Damit legte sie auf.

In den nächsten Wochen hörte ich von Freunden der Familie, wie es lief. Natalie hatte das Zimmer für meine Mutter eingerichtet, mit geblümtem Bettzeug und einem kleinen Fernseher. Oliver erzählte herum, er habe die Wohnung gekauft und seiner Mutter ein Zuhause gegeben. „Zum Glück ist Pia in Berlin, die kümmert sich ja nicht", soll er bei einem Grillfest gesagt haben. Mir erzählte das Lena, die Tochter von Mamas ehemaliger Arbeitskollegin. Sie wohnt jetzt in Dresden und studiert soziale Arbeit. Wir schrieben uns manchmal über Instagram.

Dann eine Nachricht von Elke aus der Buchhaltung, per WhatsApp, an einem Freitagabend im November:

„Pia, sorry für die Meldung, aber in der Görlitzer Lokalzeitung steht was über ein Bauvorhaben in der Melanchthonstraße. Sieht aus wie die Ecke, wo deine Mutter gewohnt hat. Schau mal rein."

Ich googelte es sofort. Stadt Görlitz, Stadtratssitzung vom 14. November, Beschlussvorlage 138b: Sanierungsgebiet „Melanchthonstraße Ost". Vier Mehrfamilienhäuser, darunter das mit der Hausnummer 24. Das Haus meiner Mutter. Vorgeschlagene Übernahme durch die Städtische Wohnungsbaugesellschaft zum Zweck der Umwandlung in Mietwohnungen mit Modernisierung. Kaufpreis pro Einheit: je nach Zustand zwischen vierundsechzigtausend und achtundvierzigtausend Euro.

Ich schloss die Seite. Draußen prasselte Regen gegen das Fenster. Auf dem Balkon gegenüber blinkte die Lichterkette des Nachbarn, die seit dem Sommer hing.

Meine Mutter hatte ihre Wohnung an meinen Bruder überschrieben. Wenn er sie jetzt an die Stadt verkauft, sind es mindestens sechzigtausend Euro. Und meine Mutter wohnt bei ihm in Leipzig, gut versorgt, mit Blick in den Garten.

Und was mache ich? Ich sitze in Berlin in meiner Einzimmerwohnung mit Aussicht auf den Hof und schreibe seit elf Jahren jeden Tag eine Nachricht an eine Frau, die meine Fürsorge mit einer Immobilienübertragung an meinen Bruder belohnt hat.

Ich nahm die Karte vom Küchentisch und steckte sie in die Innentasche meiner Jacke.

Am nächsten Morgen fuhr ich nach Görlitz. Ohne Anruf, ohne Ankündigung. Ich stand um zehn Uhr dreißig vor dem Haus in der Melanchthonstraße 24 und schaute an der Fassade hoch. Der Putz blätterte über dem dritten Stock, und aus dem Fenster meiner Mutter hing kein Blumenkasten mehr. Aber im Briefkasten steckte ein Zettel.

„Falls Sie Interesse an der Wohnung haben, melden Sie sich bei der GWG Görlitz. Besichtigungstermine ab Januar."

Dann ging ich zu dem kleinen Schreibwarenladen an der Ecke. Ich kaufte einen dicken braunen Umschlag, eine Rolle Paketband und einen schwarzen Edding.

Ich setzte mich in das Café gegenüber, bestellte einen Kaffee, der 2,80 Euro kostete, und schrieb auf den Umschlag:

„An die Geschäftsstelle der Stadt Görlitz. Betrifft: Sanierungsgebiet Melanchthonstraße Ost. Einspruch gegen den Verkauf der Einheit 24/3."

Ich hatte keinen Einspruch. Ich hatte nichts Schriftliches in der Hand außer einer handschriftlichen Karte. Aber ich hatte eine Idee.

Ich zog mein Handy aus der Tasche und holte die Nummer von Frau Doktor Brandt hervor. Es klingelte viermal.

„Frau Brandt, hier ist Pia Berger. Ich brauche den Grundbucheintrag für die Melanchthonstraße 24, Einheit 3. Meine Mutter hat mir gesagt, ich soll mich darum kümmern. Sie ist im Krankenhaus gewesen, und ich soll alles in Ordnung bringen, bevor die Stadt das Haus übernimmt."

„Haben Sie eine Vollmacht?"

„Ja. Sie liegt mir vor. Ich faxe sie Ihnen."

Ich hatte keine Vollmacht. Aber ich wusste, dass der Grundbucheintrag auch ohne Vollmacht eingesehen werden kann. Jeder kann beim Amtsgericht in Görlitz einen Grundbuchauszug beantragen, wenn ein berechtigtes Interesse vorliegt. Und mein berechtigtes Interesse war: Das ist die Wohnung meiner Mutter, und ich stehe im Testamentsregister.

Frau Brandt zögerte. Dann sagte sie: „Ich schaue es mir an. Aber ohne Vollmacht bekommen Sie höchstens eine mündliche Auskunft."

„Das genügt erstmal."

Drei Tage später hatte ich die Information. Die Übertragung war keine Schenkung gewesen, sondern ein Kaufvertrag. Kaufpreis: sechzigtausend Euro. Bezahlt in zwei Raten. Aber die zweite Rate, dreißigtausend Euro, war mit einem Rücktrittsrecht versehen. Wenn der Käufer — Oliver — nicht innerhalb von zwölf Monaten die Pflege und Versorgung der Verkäuferin sicherstellt, kann die Verkäuferin vom Vertrag zurücktreten.

Ich wusste nicht, ob meine Mutter das wusste. Aber plötzlich hatte ich einen Hebel.

Ich rief sie an. Es war ein Donnerstag, kurz vor zwölf.

„Mama, ich habe den Kaufvertrag gesehen. Weißt du, dass Oliver dir noch dreißigtausend Euro schuldet?"

„Ach, hör auf mit dem Geld. Oliver sagt, das ist alles nur Papierkram. Die Rate zahlt er, wenn die Wohnung verkauft wird."

„Und wenn er sie nie verkauft? Dann bekommst du nichts."

„Dann habe ich wenigstens ihn, der sich um mich kümmert. Und nicht nur leere Worte."

Ich biss mir auf die Zunge. „Mama, wenn er dich rauswirft, stehst du da. Mit einer unterschriebenen Urkunde, die ihn zum Eigentümer macht. Und du hast keine Wohnung mehr und kein Geld."

„Oliver würde nie —"

„Oliver hat dir die Unterschrift abgenommen, während du auf Medikamenten warst. Weißt du noch, was du unterschrieben hast?"

Sie schwieg. Dann sagte sie leise: „Ich weiß, dass ich einen Vertrag unterschrieben habe. Was drinsteht, weiß ich nicht genau. Aber Oliver hat gesagt, es ist für meine Sicherheit."

„Mama, es ist für seine Sicherheit. Ich schicke dir eine Kopie. Lies sie. Und dann ruf mich an."

Sie sagte nichts mehr. Aber sie legte auch nicht auf. Ich hörte ihr Atmen, dann ein Knacken in der Leitung.

„Mama?"

„Ich rufe dich nie wieder an. Aber die Papiere kannst du mir schicken. Auf Papier. Nicht auf diese Computerdinger."

Sie legte auf.

Ich schickte ihr die Unterlagen per Einschreiben. Drei Tage später kam ein Anruf. Nicht von meiner Mutter. Von Oliver.

„Pia, was fällt dir ein, Mama so zu verunsichern? Sie war total aufgelöst. Ich musste ihr eine Tablette geben, damit sie schläft. Du spielst mit ihrer Angst."

„Ich habe dir nie etwas getan, Oliver. Aber du hast Mamas Wohnung für sechzigtausend Euro an dich gerissen, und jetzt willst du sie wahrscheinlich für mehr Geld an die Stadt verkaufen. Oder hast du es schon getan?"

„Das geht dich nichts an. Die Wohnung gehört mir. Ich habe sie gekauft. Und die Stadtsanierung interessiert mich nicht. Ich bin kein Immobilienhai."

„Aber du hast den Vertrag mit Rücktrittsrecht. Was passiert, wenn Mama innerhalb von zwölf Monaten stirbt? Dann musst du nichts mehr zahlen. Dann gehört dir die Wohnung einfach so."

Er schwieg. Dann sagte er leise: „Woher weißt du das?"

„Ich kann lesen. Und Mama hat mir die Papiere gezeigt. Sie wollte wissen, was sie unterschrieben hat."

„Das ist eine Unverschämtheit!"

„Nein, Oliver. Das ist die Wahrheit. Und wenn du glaubst, ich lasse zu, dass du Mamas alte Wohnung verscherbelst, während sie bei dir in einem Fünfzehnquadratmeterzimmer sitzt, dann irrst du dich. Ich werde jedes einzelne Papier anfechten, das du ihr vorgelegt hast. Und wenn ich gewinne, gehört die Wohnung wieder Mama. Und dann verkaufe ich sie nicht. Ich lasse sie leer stehen, bis du jeden Tag von Leipzig nach Görlitz fährst, um zu lüften."

„Du bist krank."

„Ich bin nur klar. Und du schuldest Mama dreißigtausend Euro. Also: Zahl die Rate. Oder gib die Wohnung zurück. Deine Entscheidung."

Ich musste nicht mehr telefonieren. Ich musste nach Görlitz fahren.

Am 14. Dezember, einem Samstag, saß ich in der Stadtverordnetenversammlung. Auf der Tagesordnung: Beschluss über das Sanierungsgebiet Melanchthonstraße Ost. Punkt 138b.

Ich saß hinten, im Zuschauerbereich. Die Stühle waren aus rotem Samt, und der Saal war nicht mal halb voll. Ein paar Rentner, eine Journalistin der Lokalzeitung, ein Mann mit Laptop.

Als der Punkt aufgerufen wurde, meldete sich Frau Brandt. Sie war als Vertreterin der Anwohnerin Regina Berger erschienen, mit einer notariell beglaubigten Vorsorgevollmacht, die meine Mutter am 5. Dezember unterschrieben hatte. Ich hatte sie am Vortag im Krankenhaus besucht, wohin sie wegen erhöhten Blutdrucks noch einmal eingeliefert worden war. Und ich hatte sie gebeten, mir zu vertrauen.

Mama hatte mir die Hand auf die Wange gelegt. „Ich vertraue dir", sagte sie. „Mehr als Oliver. Weil du jeden Tag angerufen hast. Und ich habe es nicht verstanden."

Jetzt stand Frau Brandt auf und legte Einspruch ein. Nicht gegen die Sanierung — gegen den Verkauf der Einheit 24/3. Sie stellte den Antrag auf eine Denkmalschutzprüfung, weil das Haus aus dem Jahre 1908 stamme und in seiner Fassade einzigartig sei für das Quartier. Einstweilige Aussetzung des Verkaufs bis zur Klärung.

Die Stadtverordneten diskutierten eine Stunde lang. Am Ende wurde der Antrag mit neun zu elf Stimmen abgelehnt. Aber die Verkaufsverhandlungen für die Einheit 24/3 wurden bis zum Abschluss der Prüfung ausgesetzt.

Oliver fand das nicht lustig. Er stand am 20. Dezember vor meiner Tür in Berlin. Ich hatte nicht geöffnet. Ich stand hinter der Tür und hörte, wie er atmete. Dann klemmte er einen Zettel in den Türspalt.

„Zieh das zurück oder ich verklage dich."

Ich rief die Polizei. Wegen Nachstellung. Die Beamten kamen, nahmen seine Personalien auf und schrieben einen Bericht. Oliver stand auf der Treppe und rief: „Das ist meine Schwester! Die zerstört unsere Familie!"

Ich machte die Tür einen Spalt auf. „Du hast die Familie zerstört, Oliver. Als du Mamas Wohnung an dich genommen hast. Nicht ich."

Im Januar zogen meine Mutter und ich vor Gericht. Oliver verklagte meine Mutter auf Zustimmung zum Verkauf. Meine Mutter verklagte Oliver auf Rückabwicklung des Kaufvertrags. Beide Klagen wurden verbunden.

Es war ein kalter Morgen, als der Richter die Entscheidung verkündete. Ich hatte eine Perlenkette um, die Mama mir zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Die Perlen waren abgenutzt, weil ich so oft daran gezogen hatte.

Der Richter erklärte den Kaufvertrag für nichtig. Die Übertragung sei formunwirksam, weil Oliver seine Mutter bei der Unterschriftsleistung nachweislich über den Umfang der Pflegeverpflichtungen getäuscht habe. Außerdem habe er die zweite Rate, die er als „Pflegeversprechen" bezeichnet habe, nie bezahlt. Die Wohnung sei an Regina Berger zurückzuübertragen.

Oliver rief: „Das ist eine Farce!"

Der Richter bat um Ruhe. Dann fügte er hinzu: „Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der Beklagte ein Rechtsgeschäft unter Ausnutzung der gesundheitlichen Verfassung seiner Mutter geschlossen hat. Der Klägerin steht Schadensersatz zu."

Mama weinte. Es waren stille Tränen, die in die Falten an ihren Augen liefen. Sie saß da und hielt meinen Arm mit beiden Händen fest, so wie man sich an einem Treppengeländer festhält.

Draußen vor dem Fenster fiel der Schnee wie immer im Januar. Und der Mann mit dem Laptop von der Stadtverordnetenversammlung schrieb etwas in sein Notizbuch.

Ich fuhr mit Mama nach Hause. Nach Görlitz. In die Wohnung in der vierten Etage, wo der Fahrstuhl wieder funktionierte. Sie setzte sich auf ihren alten Sessel am Fenster, schaute auf die Straße hinunter und sagte:

„Du musst nicht jeden Tag schreiben. Aber wenn du willst, kannst du ab jetzt wieder schreiben. Ich freue mich darüber."

Ich zog mein Handy aus der Tasche. Der Akku war voll. Es war 17:43.

„Mama, ich schreibe dir jetzt jeden Tag. Und wenn ich es mal vergesse, rufst du mich an. Nicht Oliver, sondern mich. Abgemacht?"

Sie drückte meine Hand so fest, wie ich es seit dem Tod meines Vaters nicht mehr gespürt hatte, und hielt sie eine ganze Weile so, während draußen ein Auto vorbeifuhr und die Scheiben kurz aufleuchten ließ.

Ein Jahr später, im April, kam die amtliche Nachricht: Das Haus in der Melanchthonstraße 24 ist nun als Einzeldenkmal im Flächennutzungsplan der Stadt Görlitz eingetragen. Die Stadt hat das Sanierungsgebiet neu zugeschnitten — ohne das Haus meiner Mutter. Die Kaufangebote der GWG wurden zurückgezogen.

Ich ging an jenem Abend mit Mama auf dem Neißeufer spazieren. Die Sonne stand tief über der Altstadt, und von der Brücke rief jemand: „Schönen Feierabend!" Meine Mutter blieb einen Augenblick stehen, schaute auf das Wasser und sagte: „Eigentlich wollte ich dir die Wohnung schenken. Schon vor Jahren. Aber Oliver hat gesagt, du würdest sie verkommen lassen, weil du in Berlin lebst. Also habe ich ihm geglaubt."

Sie drückte mir einen Zettel in die Hand. Ein gefaltetes Blatt Papier, an den Kanten schon weich vom vielen Anfassen. Ich schlug es auf.

Zwei Tage nach dem Gerichtstermin hatte Mama ein neues Testament aufgesetzt. Und darin stand, dass ich, Pia Berger, das Nutzungsrecht an der Wohnung Melanchthonstraße 24 auf Lebenszeit bekomme. Und die Verkaufsvollmacht dazu.

„Behalte es", sagte sie. „Für später."

Ich faltete den Zettel wieder zusammen und steckte ihn in die Innentasche meiner Jacke, direkt neben die Karte mit dem Fleck. Die Karte mit dem Wort „überschreiben". Das Papier hatte sich an den Rändern gewellt, aber der rote Fleck war noch da, unter meinen Fingern, als ich beide Zettel nebeneinander in die Tasche schob und den Reißverschluss zuzog.

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Uniad
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