— Anja hat gesagt, du sollst meiner Schwester helfen, weil sie mit den zwei Kindern total am Limit ist — verkündete Jonas, noch bevor er auch nur die Schuhe auszog. Seine Frau Marlene stand mit dem Föhn in der Hand im Schlafzimmer der kleinen Wohnung in Leipzig-Connewitz, und zum ersten Mal seit Jahren war sie nicht bereit, einfach wieder alles zu übernehmen.
Jonas lehnte im Türrahmen, Arme verschränkt, und unter seinen Sneakern zeichneten sich zwei dunkle Flecken auf dem hellen Teppichboden ab — draußen hatte es seit dem Vormittag genieselt, dieser typische Leipziger Nieselregen, der nie ganz aufhört und nie ganz anfängt. Aus der Küche roch es nach dem Kartoffelauflauf, den Marlene für den Sonntag vorbereitet hatte. Der Nachbarshund im dritten Stock kläffte wie jeden Abend um diese Zeit gegen den Postboten.
Marlene stellte den Föhn ab. Das Brummen in ihrem Ohr klang noch nach, aber jedes Wort ihres Mannes hatte sie glasklar verstanden.
— Hallo erstmal — sagte sie leise und sah sein Spiegelbild an. — Warum ruft Steffi nicht mich an?
— Vielleicht, weil sie keine Lust hat, sich schon wieder deine Kommentare anzuhören — konterte Jonas und trat weiter ins Zimmer, die Stirn in Falten. — Sie weiß, wie du zu ihr stehst. Mama hat mich angerufen. Sie sagt, Steffi steht kurz vorm Zusammenbruch. Zwei Kleinkinder allein zu Hause, Robert ist mal wieder auf Geschäftsreise. Sie will einfach nur mal ausschlafen und in die Mall in der Nova Eventis vorbeischauen, sich ein paar Klamotten holen.
— Und deshalb streiche ich mein Wochenende? — Marlene drehte sich zu ihm um.
— Ach komm, Marlene, was für Pläne denn? Samstags hockst du doch eh nur zu Hause. Höchstens verpasst du eine Folge von deiner Serie. Ist es wirklich so schwer, meiner Familie mal auszuhelfen?
— Ich wollte keine Serie gucken, Jonas. Ich warte seit drei Monaten auf diesen Samstag. Ich hab mich für den Kurs "Gartengestaltung und Landschaftsplanung" an der Volkshochschule angemeldet und im Voraus bezahlt. Hundertneunzig Euro. Die erste Einheit ist morgen früh um zehn.
Er winkte ab, als hätte sie irgendeinen belanglosen Unsinn erzählt.
— Ach, komm schon! Gras, Büsche, Blumenbeete. Geh halt zum nächsten Durchgang. Steffi hat seit drei Tagen kein Auge zugemacht. Gönnst du ihr die paar Stunden nicht? Du hast doch die Neffen gern.
— Ich hab sie gern, wenn ich sie an Feiertagen für zwei Stunden sehe — antwortete Marlene, und sie spürte, wie eine altbekannte, lange unterdrückte Wut in ihr hochkroch. — Aber ich hab mich nicht als Gratis-Babysitterin für deine Schwester verpflichtet. Wieso ist es eigentlich so, dass ihr Mann zur Arbeit fahren darf, und ich mit den Kindern sitzen bleibe? Warum helfen nicht Roberts Eltern? Oder deine Mutter?
— Mama ist alt, sie hat Bluthochdruck! — Jonas' Stimme wurde lauter. — Roberts Eltern wohnen in Dresden, das weißt du genau. Ich hab Steffi übrigens schon gesagt, dass du morgen um neun bei ihr bist. Mach jetzt kein Drama wegen so einer Kleinigkeit.
Er drehte sich um, ging Richtung Flur — die Unterhaltung war für ihn erledigt.
Marlene blieb stehen. Irgendwo tief in ihr kippte etwas um, ein Schalter, den sie fünf Jahre lang nicht angerührt hatte. Fünf Jahre lang war sie die ständige Rettung für Jonas' ganze Familie gewesen. Neue Tapete bei seiner Mutter Katrin? Marlene hat doch Geschmack, die hilft schon. Steffi fährt weg und braucht jemanden für die Katze? Marlene arbeitet doch im Homeoffice, kein Problem für sie. Jetzt sollten ihr auch noch selbstverständlich die zwei Kinder aufgehalst werden.
Sie ging ihm in den Flur nach. Jonas saß schon auf der kleinen Bank und schnürte seine Turnschuhe auf.
— Ruf Steffi an und sag ihr, ich komme nicht — sagte Marlene bestimmt.
Seine Hand hielt inne an den Schnürsenkeln. Er hob den Kopf, im Gesicht echtes Erstaunen.
— Was hast du gesagt?
— Dass ich morgen nirgendwo hingehe. Ich hab eigene Pläne. Ich hab dir vor zwei Wochen gesagt, dieses Wochenende ist verplant. Hast du das vergessen?
— Marlene, spinnst du komplett? — Er stand auf, baute sich vor ihr auf. — Ich hab's denen schon versprochen. Mama beruhigt gerade Steffi und sagt ihr, dass morgen Marlene kommt und sich um alles kümmert. Soll ich die jetzt anrufen und uns beide als Egoisten hinstellen?
— Nicht uns, Jonas. Dich selbst. Du hast was versprochen, was gar nicht dein Job ist. Geh du morgen zu deiner Schwester. Pass auf die Neffen auf, wechsel Windeln, geh mit ihnen spazieren. So hilfst du Steffi wirklich.
— Hast du sie noch alle? Ich bin ein Mann, was soll ich mit einem Baby anfangen? Außerdem hab ich mich morgen mit den Jungs in der Werkstatt verabredet, wir wollen den Golf durchchecken.
Marlene konnte ein bitteres Lächeln nicht unterdrücken.
— Verstehe. Dein Auto und deine Kumpels sind also wichtige Pläne. Mein Kurs, den ich von meinem eigenen Geld bezahlt hab, ist bloß Gras und Büsche. Und bei fremden Kindern soll ich sitzen, nur weil deine Mutter das so entschieden hat?
— Das sind nicht fremde Kinder, das sind meine Neffen! — Jonas' Stimme kippte fast ins Schreien. — Was ist bloß mit dir los? Woher kommt auf einmal diese Boshaftigkeit, dieser Egoismus? Früher warst du normal, hast immer geholfen.
— Früher war ich naiv, Jonas. Ich wollte um jeden Preis bei deiner Mutter und deiner Schwester gut dastehen. Jetzt bin ich einfach nur erschöpft.
Er starrte sie an, zog sein Handy raus, wählte hastig.
— Hi Mama — sagte er extra laut ins Telefon. — Ja, sieht so aus, als würd's doch nicht klappen. Marlene stellt sich stur. Sagt, sie hätte irgendeinen wichtigen Kurs und es wäre ihr völlig egal, wie fertig Steffi ist. Ja… ich bin auch total fassungslos. Anscheinend hab ich so eine Frau. Okay, ich meld mich später.
Er legte auf, sah Marlene mit eisiger Verachtung an.
— Zufrieden jetzt? Mama ist den Tränen nah. Sagt, sie hätte nie gedacht, dass du so herzlos sein kannst.
— Ist mir egal, Jonas.
— Dann bist du bescheuert — schnauzte er, schnappte sich die Jacke, stürmte aus der Wohnung und knallte die Tür so zu, dass die Mäntel am Haken im Flur zitterten.
Marlene stand allein im leeren Flur. Ihr Herz raste, die Hände zitterten leicht — aber das gewohnte, schwere Schuldgefühl, das sie nach jedem solchen Streit sonst überkam, blieb aus. Stattdessen breitete sich eine seltsame, fast klingende Leichtigkeit in ihr aus. Sie hatte es endlich ausgesprochen.
Der Abend verging in dickem Schweigen. Jonas kam spät heim und legte sich demonstrativ beleidigt auf die Couch im Wohnzimmer. Marlene suchte kein Gespräch, bettelte nicht um Versöhnung. Sie stellte den Wecker auf acht, legte ihre Sachen für morgen bereit und schlief, zu ihrer eigenen Überraschung, tief und ruhig.
Der Morgen begann mit Handygeklingel. Auf dem Display erschien der Name der Schwiegermutter: "Katrin". Marlene seufzte, wischte über den Bildschirm.
— Hallo, Katrin. Guten Morgen.
— Guten Morgen, Marlenchen — meldete sich die Schwiegermutter in ungewohnt honigsüßem Ton, keine Spur von den Tränen, von denen Jonas erzählt hatte. — Marlenchen, Schatz, warum streitet ihr euch wegen so einer Kleinigkeit? Sei nicht böse auf ihn, er macht sich nur Sorgen um seine Schwester.
— Ich bin nicht böse auf ihn, Katrin. Aber meine Pläne ändere ich nicht.
— Hör auf eine ältere, erfahrenere Frau — fuhr Katrin in belehrendem, sanftem Ton fort. — Männer sind wie Kinder, die brauchen Stabilität und Ruhe. Was soll das überhaupt für ein Kurs sein, Marlene? Du bist zweiunddreißig, was willst du mit Landschaftsplanung anfangen? Ihr habt doch den Schrebergarten in Markkleeberg, übe da nach Herzenslust. Steffi geht's aber wirklich schlecht. Sie weint, ist völlig aufgelöst, und bei dem Stress versiegt ihr noch die Milch. Ist es wirklich so schwer, drei Stunden auf die Kinder aufzupassen? Die Kleinen mögen dich doch so gern.
— Katrin, ich hab meine Entscheidung getroffen — antwortete Marlene ruhig, aber bestimmt. — Wenn es Steffi wirklich so schlecht geht, warum fahren nicht Sie zu ihr? Sie sind in Rente, Ihr Samstag ist doch auch frei.
Am anderen Ende blieb es für einen Moment still. Dann kam, kühler jetzt: — Ich bin sechzig-fünf, Marlene, meine Knie machen so was nicht mehr mit. Außerdem — das ist deine Aufgabe als Ehefrau, dich um die Familie zu kümmern.
— Meine Aufgabe ist es, mich um meine Familie zu kümmern. Steffi hat einen Ehemann. Sie hat Eltern. Sie hat sogar eine Schwiegermutter in Dresden. Ich bin niemandem etwas schuldig, Katrin, außer mir selbst — und einem Kurs, für den ich schon bezahlt habe.
Sie legte auf, bevor Katrin antworten konnte. Aus der Küche kam Jonas, verschlafen, mit zerdrückten Haaren, das Handy schon in der Hand — er hatte offenbar mitgehört.
— Du hast einfach aufgelegt? Bei meiner Mutter?
— Ja. — Marlene zog ihre Jacke an, nahm die Kursunterlagen vom Küchentisch, wo sie neben der halbvollen Teetasse von gestern Abend lagen. — Ich geh jetzt. Der Kurs fängt um zehn an, ich will vorher noch beim Bäcker in der Karl-Liebknecht-Straße was holen.
— Und Steffi? — Jonas' Stimme war jetzt eher hilflos als wütend.
— Steffi hat deine Nummer. Und Mamas. Und Roberts. Es gibt genug Erwachsene in dieser Familie, Jonas, die heute Zeit haben könnten. Ich bin nur die Einzige, die nie gefragt wurde, ob sie will.
Sie ging. Draußen war der Nieselregen einer schwachen Herbstsonne gewichen, die Blätter auf dem Gehweg klebten nass am Asphalt. Im Kursraum der VHS, einem hellen Zimmer im ersten Stock mit Blick auf einen Innenhof, saßen schon sieben andere Teilnehmer, die meisten Frauen um die vierzig, fünfzig. Die Dozentin, eine drahtige Frau mit Gartenschere-Anstecker am Blazer, verteilte Grundrisspapier und Bleistifte. Marlene setzte sich ans Fenster, spürte zum ersten Mal seit Wochen, wie ihre Schultern locker wurden.
Ihr Handy vibrierte den ganzen Vormittag: erst Jonas, dann Steffi mit einer Sprachnachricht voller Schluchzer, dann noch mal Katrin. Marlene stellte es stumm und ließ es in der Tasche.
Als sie am Nachmittag heimkam, saß Jonas am Küchentisch, vor sich eine kalte Tasse Kaffee. Er sah müde aus — nicht wütend, eher wie jemand, der einen ungewohnten Tag hinter sich hatte.
— Ich war bei Steffi — sagte er, ohne aufzublicken. — Drei Stunden mit den Kindern. Der Kleine hat mir auf die Hose gekotzt.
Marlene stellte ihre Tasche ab, sagte nichts.
— Es war anstrengend — gab er zu. — Ich hab nicht gewusst, dass es so anstrengend ist. Steffi hat sich hingelegt, ich hab die zwei allein gehabt, und ich… ich hab nicht mal gewusst, wo die Windeln liegen.
— Jetzt weißt du's.
Er sah sie an, zum ersten Mal an diesem Tag richtig. — Mama ist sauer. Sagt, du hättest sie einfach so aufgelegt.
— Stimmt. Das hab ich.
— Und das war's? Kein schlechtes Gewissen?
Marlene setzte sich ihm gegenüber, holte den Ordner mit dem Kursmaterial aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch — Grundrisse, Skizzen, die Anmeldebestätigung mit dem Stempel der VHS Leipzig obenauf.
— Ich hab fünf Jahre lang für eure Familie eingesprungen, Jonas. Ohne dass mich einer gefragt hat, ob ich das will. Das ist vorbei. Nicht, weil ich Steffi oder deine Mutter nicht mag — sondern weil ich aufgehört hab, für etwas zu bezahlen, das nie meine Rechnung war.
Sie schlug den Ordner auf, zeigte ihm den ersten Entwurf, den sie heute gezeichnet hatte: ein Staudenbeet, ein Weg aus Natursteinplatten, eine Bank unter einer Kastanie — der Grundriss für ihren eigenen Schrebergarten in Markkleeberg, den sie fünf Jahre lang immer nur "irgendwann mal" gemacht hatte.
— Das mach ich jetzt für mich. Wenn du Steffi helfen willst, helfe ihr. Aber trag es nicht mehr in meinen Namen ein.
Jonas schwieg lange. Dann nickte er einmal, langsam, und schob seine kalte Kaffeetasse zur Seite.
— Nächsten Samstag komm ich mit zum Kurs. Als Fahrer. Vielleicht lern ich auch was über Büsche.
Marlene lachte zum ersten Mal seit Tagen — kurz, echt. Draußen bellte der Nachbarshund wieder, diesmal ohne Grund. Sie ließ den Ordner offen auf dem Tisch liegen, mit dem Grundriss nach oben, und machte sich Tee.
