Mit fünfundsechzig in der Sackgasse

Ich war dreiundsechzig, als Dieter anfing, morgens vor dem Spiegel zu stehen wie ein Konfirmand vor dem ersten Date. Achtunddreißig Ehejahre, und plötzlich roch er nach einem Rasierwasser, das ich noch nie an ihm gerochen hatte. Im Bad lag ein neuer Kamm, so einer mit Holzgriff, den man beim Friseur in Düsseldorf an der Kö kauft. Dafür hat er sonst nie Geld ausgegeben.

Das Handy nahm er mit, wenn er nur kurz in den Keller ging, um den Zähler abzulesen. Beim Abendessen lag es mit dem Display nach unten neben dem Teller, als könnte ich durch die Rückseite seine Nachrichten lesen.

Er sagte, er wolle im Ruhestand eben gepflegter wirken. Ich habe ihm fast geglaubt.

Bis ich in seiner Jackentasche den Kassenzettel aus einem Weinlokal in der Altstadt fand. Zwei Hauptgänge, eine Flasche Grauburgunder, ein Dessert mit Goldblatt – sechsundachtzig Euro vierzig. Dazu ein Posten, den es dort nur gegen Vorbestellung gibt: ein Rosenstrauß für den Tisch.

Auf meine Frage, wo er gewesen sei, sagte er, mit einem alten Studienfreund. Ohne mit der Wimper zu zucken. Ich stand am Bügelbrett und habe die Kante des Hemdkragens dreimal nachgebügelt, damit meine Hände etwas zu tun hatten. Den Blumenzuschlag erwähnte ich nicht.

Ein paar Nächte später wachte ich auf, weil das Fenster im Wohnzimmer nicht richtig geschlossen war. Er stand auf dem Balkon, mit dem Rücken zu mir, das Handy am Ohr. Es war kurz nach elf, und unten an der Haltestelle wartete niemand mehr auf die letzte Straßenbahn der Linie 703.

Ich hörte nicht jedes Wort. Aber eines kam klar durch die Scheibe.

„Nur noch ein bisschen Geduld. Ich regel das mit dem Konto, dann sind wir frei.“

Ich ging zurück ins Bett und lag da, bis er hereinkam. Er legte sich einfach hin, als wäre nichts gewesen. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war sein Kissen schon kalt, und auf dem Küchentisch stand eine Tasse, die er nicht abgewaschen hatte.

Da habe ich angefangen, meine eigene Rechnung aufzumachen.

Nicht aus Eifersucht. Aus Mathematik.

Dreißig Jahre lang war ich bei der Stadtverwaltung in Wuppertal angestellt, zuletzt in der Kämmerei. Ich weiß, wie man mit Belegen arbeitet. Zuerst habe ich mir einen Termin bei der Sparkasse geben lassen, bei der Frau, die unser gemeinsames Konto führt. Ich brachte Kaffee mit, so einen kleinen vom Bäcker, und fragte, was man tun muss, um eine Kontovollmacht zu prüfen.

Was ich fand, war sauber gemacht. Er hatte nicht alles abgehoben. Dafür war er zu vorsichtig. Er hatte über fast zwei Jahre kleine Beträge auf ein Einzelkonto verschoben – mal dreihundert, mal sechshundert, nie mehr als die Freigrenze, ab der die Bank automatisch einen Brief an die zweite Kontoinhaberin schickt. Ich kannte den Betrag, die Kontonummer und die Bankleitzahl.

Und ich konnte rechnen.

Zweiundzwanzigtausendvierhundert Euro. Dazu das gemeinsame Sparkonto für die Eigentumswohnung, die wir vor zwölf Jahren abbezahlt hatten. Er hatte sie nicht belastet, das durfte er ohne meine Unterschrift nicht. Aber er hatte die jährlichen Kontoauszüge im Aktenschrank gesammelt und die Dinger nach Monaten sortiert, wie jemand, der bald zuschlagen will.

Das war der September.

Im Oktober fuhr er „zum Angeln an den Niederrhein“. Ich rief abends bei Freunden an, um zu fragen, ob jemand etwas von ihm gehört hätte, weil ich angeblich den Haustürschlüssel im Haus vergessen hatte. Dabei warf ich den Namen ein, den ich auf dem Kassenzettel vom Weinlokal unter einem Blumenstrich gesehen hatte. Niemand reagierte. Gut so.

Anfang November fand ich den Umschlag.

Er lag nicht einmal besonders versteckt. Zwischen den Garantiekarten für den Bosch-Geschirrspüler im Küchenschrank, hinter der Mappe mit den Bedienungsanleitungen. Ein DIN-A4-Umschlag, darauf handschriftlich: „Für den Fall, dass ich nicht mehr bin“.

Ein Brief von seiner Rentenversicherung. Dazu eine Kopie von seinem Personalausweis, ein paar Bankvollmachten und ein Blatt, auf dem er mit Bleistift notiert hatte, an welchen Tagen ich außer Haus war. Handarbeitskreis, donnerstags, evangelisches Gemeindehaus in Elberfeld. Rückenkurs, montags, VHS. Apotheke am Samstag, wenn ich zur Physiotherapie gehe.

Er hatte meine Abwesenheiten präziser geführt als die Stadt ihre Sitzungsprotokolle.

Ich habe den Umschlag mit dem Handy fotografiert, jede Seite einzeln, und die Bilder einem Freund von früher geschickt, der in Solingen eine Kanzlei hat. Der schrieb mir nur eine Nachricht zurück: „Nicht anfassen. Alles, was du brauchst, ist schon da. Wann können wir reden?“

Die große Ansage kam drei Wochen später. Ende Februar, morgens um sieben, als ich im Flur meine Gesundheitsschuhe anzog.

Er stand in der Wohnzimmertür, die Krawatte noch vom Vorabend um den Kragen, als hätte er die Nacht in den Kleidern verbracht, und sagte:

„Ich will die Trennung. Das mit uns läuft schon lange nicht mehr. Ehrlich gesagt, ich habe jemanden, den ich liebe. Ich möchte nicht alt werden und mich jeden Abend fragen, was wäre gewesen, wenn.“

Ich zog meine Schuhe zu Ende und richtete mich auf.

„Wie stellst du dir das vor?“, fragte ich.

„Wir verkaufen die Wohnung. Das gehört sich so. Du bekommst deinen Teil, ich meinen. Ich hab mich schlau gemacht, das ist sauber zu regeln.“

Er war tatsächlich überzeugt davon, er redete wie jemand, der das alles schon mit einem Notar in Düsseldorf-Bilk durchgegangen ist.

„Und wann?“, fragte ich.

„So schnell wie möglich. Ich will im April raus. Wir haben einen Käufer, wenn du nichts dagegen hast – der Schwager von einer Kollegin. Der würde bar bezahlen, das macht es einfacher.“

Ich habe ihm nicht gesagt, dass ich wusste, wer die Kollegin ist.

Ich sagte nur: „Ich muss einen Moment nachdenken.“

Dann zog ich meine Jacke an, nahm die Handtasche und fuhr zur U-Bahn-Haltestelle, als wäre es ein Donnerstag wie jeder andere.

Dort, am Fahrkartenautomaten, kam mir kurz die Idee zu heulen. Aber es war früh, um die Uhrzeit stehen nur Leute in Schichtkleidung und Mütter mit Kinderwagen da. Ich habe stattdessen einen Espresso am Kiosk getrunken und dem Mann hinter der Theke gesagt, dass es kalt wird. Er hat genickt und mir einen Zucker mehr gegeben, als ich bezahlt hatte.

Ich kam eine Stunde später wieder.

Er saß in der Küche vor dem Laptop. Er hatte die Liste mit den Besichtigungsterminen schon geschrieben, fein säuberlich mit Kugelschreiber, und daneben stand eine Tasse von dem grünen Tee, den ich nie gekauft hatte.

Ich legte meinen Schlüssel auf den Tisch.

„Ich verkaufe nicht“, sagte ich. „Nicht im April, nicht mit deinem Bekannten. Ich bleibe hier wohnen. Die Scheidung können wir einreichen. Und jetzt erzähl mir, was du mit den zweiundzwanzigtausendvierhundert Euro gemacht hast, die du in den letzten zwei Jahren von unserem Konto auf dein eigenes verschoben hast. Ich hab hier die Auszüge. Die Sparkasse druckt sie dir auch gern noch mal aus.“

Erst wurde er ganz ruhig.

Dann lachte er. So ein Lachen, das Schuljungen aufsetzen, wenn der Rektor sie erwischt hat, aber sie noch glauben, eine zweite Version gebe es auch.

„Das ist mein Geld“, sagte er. „Ich hab ja wohl ein Recht auf einen Notgroschen. Willst du mir jetzt wirklich jeden Euro vorrechnen?“

„Nein“, sagte ich. „Das macht mein Anwalt in Solingen.“

Da hat er zum ersten Mal den Blick von mir genommen und zu dem Umschlag geschaut, der in meiner Handtasche steckte. Er wusste, was drin war, weil er den gleichen Aktenordner auf dem Schrank hatte.

Am nächsten Morgen stand eine Spedition vor der Tür.

Seine Klamotten waren in Umzugskartons gepackt, die er offenbar über Nacht besorgt hatte. Er nahm die Stereoanlage mit, den alten Schaukelstuhl aus dem Wohnkeller und den Druck von der Brücke über der Wupper, der im Flur hing. Ich saß am Küchentisch und trank Kaffee mit Hafermilch, während zwei Männer die Sachen durch den Hausflur trugen.

Beim Rausgehen blieb er noch einmal stehen.

„Wenn du so weitermachst, endest du allein“, sagte er.

„Das bin ich doch schon“, sagte ich. „Das ist es ja gerade, was ich die letzten zwei Jahre geübt habe. Ich bin nur noch nicht umgezogen wie du. Aber ich habe die Sicherung rausgedreht und mir aufgeschrieben, wann die Straßenbahn fährt.“

Er verstand es nicht. Macht nichts. Ich habe es für mich gesagt.

Vierzehn Tage später kam ein Anruf von seiner Anwältin, einer jungen Frau mit sehr freundlicher Stimme. Sie schlug eine Vermittlung vor, ein „faires Angebot“, wie sie sagte. Ich habe ihr die Nummer meiner Kanzlei gegeben und gebeten, alles Weitere schriftlich zu schicken.

Das taten sie.

Der Rest ist jetzt Verwaltung.

Ich habe die Eigentumswohnung auf meinen Namen umschreiben lassen, den Antrag auf Aufteilung eingereicht und die Bankvollmacht widerrufen. Der Brief, in dem steht, dass künftig jeder Zugriff auf das Tagesgeldkonto meine persönliche Unterschrift braucht, liegt in einer Klarsichthülle im Wohnzimmer. Nicht wegen der Rührung. Ich will ihn nur sofort greifen können, falls Dieter noch einmal vor der Tür steht.

Vergangene Woche kam noch einmal ein eingeschriebener Brief. Von der Versicherung. Die Lebensversicherung mit der Ablaufleistung, neunzehntausendfünfhundert Euro, war fällig, weil der Vertrag auf seinen Namen lief, aber die Bezugsberechtigung auf meinen. Er hatte offenbar vergessen, das zu ändern, so wie man einen Termin verpasst, wenn man zu viele Dinge gleichzeitig geheim halten muss.

Bei der Sparkasse sagte die Frau am Schalter, das sei gar nicht so selten, dass manche Menschen beim Schlussmachen die Kleingedruckten übersehen.

Ich habe sie gebeten, die Summe von dem Konto zu nehmen, auf das er die zweiundzwanzigtausend Euro verschoben hatte. Sie tippte dreißig Sekunden in ihren Rechner und schob mir einen Ausdruck über den Tresen. Der Saldo stand da in schwarzen Ziffern: minus viertausendsechshundertachtzig.

Wegen der laufenden Kosten, die weiter abbuchten. Handyvertrag, die Versicherung von dem Auto, das er behalten hat, und ein Kredit, von dem ich nie gewusst hatte.

Ich bin nach Hause.

Die Küche roch nach dem Zitronenreiniger, den ich am Morgen benutzt hatte. Auf dem Balkon stand der kleine Holztisch, an dem er immer seinen Tee getrunken hat, und die Rankhilfe für den Wein, den wir vor Jahren gepflanzt hatten, war kahl.

Ich setzte mich dorthin, wo jetzt der freie Platz war, und trank ein Glas Wasser.

Dann nahm ich mein Handy, öffnete die Notiz-App und tippte einen neuen Eintrag. Kein langer Text. Nur ein Satz.

„Zuerst denken. Dann fühlen.“

Am Abend fuhr unten die 703 vorbei. Ich stand auf, machte das Küchenlicht aus und ging schlafen.

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Uniad
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