Ich arbeite seit vierzehn Jahren als Anmeldeschwester in der Notaufnahme des St.-Elisabeth-Krankenhauses in Wuppertal. Man sieht dort Dinge, die man nicht vergisst, auch wenn keiner blutet. Manchmal ist das Schlimmste, was in unserem Wartebereich passiert, gar keine Verletzung, sondern ein Satz.
Es war ein Dienstagabend im März, kurz vor Schichtwechsel, ich wollte eigentlich nur noch die letzten Akten sortieren und nach Hause. Meine Ablösung kam erst um zweiundzwanzig Uhr, und ich hatte Hunger, ich erinnere mich noch, dass ich an das kalte Schnitzel im Pausenraum dachte. Dann kam Frau Renate Brockmann herein, allein, ohne Termin, und sagte nur, sie brauche jemanden, mit dem sie reden könne, weil ihr Herz raste. Wir haben natürlich EKG gemacht, alles unauffällig. Aber sie blieb sitzen. Sprach mich einfach an, während ich Kaffee aus dem Automaten holte.
Sie war zweiundfünfzig, Verwaltungsangestellte bei der Stadt, seit einunddreißig Jahren mit ihrem Mann Klaus-Dieter verheiratet. Zwei erwachsene Kinder, ein Reihenhaus in Barmen, das sie über zwanzig Jahre abbezahlt hatten. Sie erzählte, wie beiläufig, dass sie sein Handy auf der Küchenanrichte gesehen hatte, während die Kartoffelsuppe auf dem Herd köchelte. Der Bildschirm war aufgeleuchtet. Eine Nachricht von einer Kollegin aus seiner Firma: „Ich vermisse deine Hände. Wann kannst du dich wieder von ihr losreißen?"
Sie sagte, sie habe zuerst den Wasserkocher ausgeschaltet, ganz automatisch, obwohl der noch gar nicht gepfiffen hatte. Diese Kleinigkeit erzählte sie mir zweimal. Als hinge daran irgendetwas Wichtiges.
Den Code kannte sie, das Geburtsdatum der Tochter. Und dann las sie, wie sie sagte, Dinge, die keine Frau lesen sollte. Fotos. Wochenendpläne. Und Sätze über sie selbst — „immer erschöpft", „berechenbar", „mit Renate kann man nicht mehr reden". Renate. So beschrieb sie der Mann, dem sie sechsundzwanzig Jahre lang den Rücken freigehalten hatte, mit dem sie drei Nächte im Herzzentrum Köln durchgesessen hatte, als er den Stent bekam.
Er kam eine Stunde später von der Arbeit, sagte sie, und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Das Telefon lag auf dem Tisch. Er setzte sich nur hin. Sie fragte ihn, seit wann. Er sagte, es habe sich „so ergeben". Und dann den Satz, den sie mir im Wartebereich der Notaufnahme wortwörtlich wiederholte, mit derselben Stimme, mit der man einen Zahn zieht: „Ich war schon lange nicht mehr glücklich mit dir."
Ich hörte zu, weil das mein Job ist in solchen Nächten, auch wenn er nicht im Ausbildungsplan steht. Ich sagte nichts Kluges. Ich holte ihr Wasser, aus dem Plastikbecher, der immer nach Chlor schmeckt, und setzte mich für zehn Minuten neben sie, bis meine Kollegin Meltem mir winkte, dass ein Patient mit Brustschmerzen kam und ich zurück musste.
Was ich in den folgenden Wochen erfuhr, kam stückweise, weil Frau Brockmann noch zweimal wiederkam — einmal wegen Schwindel, einmal ohne erkennbaren Grund, nur um an der Anmeldung stehen zu bleiben und zu reden, während ich Formulare stempelte. Die andere Frau war die Buchhalterin aus Klaus-Dieters Firma, siebzehn Jahre jünger, eigene Wohnung in Elberfeld, eigenes Leben. Trotzdem war sie in ein fremdes Haus eingezogen, ohne anzuklopfen.
Frau Brockmann zog nicht sofort aus. Das erzählte sie mir mit einer Art Scham, als müsste sie sich dafür entschuldigen, dass sie noch drei Monate im selben Haus geblieben war. Sie sagte, sie habe erst einmal funktionieren müssen — arbeiten, kochen, schlafen, aufwachen. Aber sie ging zu einem Anwalt in der Friedrich-Ebert-Straße, das erzählte sie mir beim dritten Mal, während sie auf ihre Blutwerte wartete. Sie hatte einen Ordner dabei, roten Rücken, Aufkleber „Scheidung — Unterlagen". Grundbuchauszug, Kontoauszüge, die Bausparverträge.
Das Reihenhaus stand auf beide Namen, das war ihr Glück, oder vielleicht auch kein Glück, sondern dreißig Jahre Vorsicht. Sie erzählte, wie ruhig sie am Ende gewesen sei, als sie mit Klaus-Dieter am Küchentisch saß, an dem alles angefangen hatte, mit dem Anwaltsschreiben zwischen ihnen. Kein Geschrei mehr. Sie sagte ihm, sie werde ihren Anteil am Haus auszahlen lassen oder verkaufen, einundneunzigtausend Euro stünden ihr zu nach der Berechnung des Anwalts, und dass sie das Gemeinschaftskonto, auf dem noch die letzte Kreditrate lag, zum Monatsende auflösen werde. Sie sagte, sie habe ihm die Kontokarte einfach auf den Tisch gelegt, zusammen mit dem Kündigungsschreiben für die Zusatzversicherung, die sie all die Jahre für ihn mitbezahlt hatte.
Ich habe Klaus-Dieter nie kennengelernt. Aber einmal, im Mai, kam ein Mann in die Notaufnahme, weil er sich beim Rasenmähen den Finger aufgeschnitten hatte, und als er seinen Namen nannte, hielt ich kurz inne. Brockmann. Ich sagte nichts, das ist nicht meine Aufgabe, ich desinfizierte die Wunde und schrieb den Namen auf das Formular. Er wirkte müde, unrasiert, redete mit niemandem. Ich weiß nicht, ob es derselbe Klaus-Dieter war. Aber ich dachte an den roten Ordner.
Frau Brockmann kam noch einmal, im Juli, fast ein Jahr nach dem ersten Abend. Sie brauchte keine Behandlung. Sie wollte mir nur sagen, dass die Scheidung durch sei, dass sie in eine kleine Wohnung in der Nähe des Nordparks gezogen war, zweieinhalb Zimmer, Balkon nach Süden. Sie hatte eine Topfpflanze dabei, die sie umtopfen wollte, sagte sie, deshalb der Erdgeruch an ihren Händen, den ich noch bemerkte, als sie sich verabschiedete. Sie sagte nicht, dass sie ihm verziehen habe. Sie sagte auch nicht, dass sie glücklich sei. Sie sagte nur, dass die letzte Rate für das Haus jetzt von ihrem Konto allein abging, auf ihren Namen, für ihre eigene Wohnung, und dass sie den Wasserkocher, den alten, aus dem Reihenhaus mitgenommen habe — den, den sie damals ausgeschaltet hatte, bevor sie überhaupt wusste, warum.
