Die Jacke, die die Kamera nicht sehen wollte

Vierzig Kameras zählte Lotte Brenner auf dem Weg von ihrer Wohnung in Neukölln bis zur Kreuzung Hermannstraße. Sie hatte angefangen zu zählen, nachdem ihr Bruder ihr die App gezeigt hatte, die anzeigt, wo private Überwachungskameras hängen und in welchem Winkel sie strahlen. Vierzig. An Bäckereien, an Hauseingängen, an der Bushaltestelle, wo eigentlich nur ein Fahrplan hängen sollte.

Lotte war siebenundzwanzig, arbeitete als Näherin in einem kleinen Atelier in der Weserstraße und hatte mit Überwachung eigentlich nichts am Hut — bis ihre Nachbarin Frau Kowalski ihr eines Abends im Treppenhaus zuflüsterte, dass die neue Kamera am Späti gegenüber Gesichter speichere. Nicht nur filme. Speichere. Abgleiche mit irgendeiner Datenbank, von der niemand genau wisse, wem sie gehöre.

Lotte hätte das vielleicht als Treppenhausgerücht abgetan, wäre da nicht diese eine Sache gewesen, die ihr seit drei Wochen im Magen lag: Ihr Ex, Jonas, arbeitete inzwischen bei einer Sicherheitsfirma, die genau solche Kamerasysteme installierte. Er hatte ihr das beim letzten Streit vorgeworfen, fast beiläufig, wie eine Drohung, die er selbst nicht ernst gemeint zu haben schien: „Ich seh dich sowieso überall, Lotte. Glaub mir das ruhig."

Sie hatte darüber gelacht. Zwei Tage später nicht mehr.

Im Atelier arbeitete neben ihr eine Studentin namens Pia, die textiles Design studierte und ihr von einem Projekt erzählte, das sie an der UdK gesehen hatte: Stoffe mit aufgedruckten Mustern, die Gesichtserkennungssoftware verwirrten. Karos, die aussahen wie zufällig verteilte Pixelfehler, aber in Wahrheit exakt berechnet waren, um Kameras vorzugaukeln, sie sähen dutzende Gesichter gleichzeitig — oder gar keins.

„Adversarial Fashion", sagte Pia und drehte ihren Laptop zu Lotte. „Die Idee kommt aus den USA, aber es gibt inzwischen ein Label in Leipzig, das das für den europäischen Markt macht. Kostet 89 Euro der Hoodie."

Lotte kaufte sich keinen Hoodie. Sie kaufte den Stoff.

Drei Rollen, bedruckt mit einem Muster aus verzerrten Augenpaaren und Nasenlinien, die bei genauem Hinsehen wie kaputte Passfotos aussahen. Sie nähte sich daraus eine Jacke, an drei Abenden, auf ihrer alten Pfaff-Maschine, die noch von ihrer Großmutter stammte und beim Nähen ein Geräusch machte wie ein alter Zug, der über Weichen ruckelt. Der Fernseher lief nebenbei, irgendeine Wiederholung von „Tatort", und aus dem Hinterhof roch es nach dem Grill der Nachbarn, obwohl es schon Ende September war und eigentlich zu kalt dafür.

Als sie die Jacke zum ersten Mal trug, war es ein Dienstag, kurz nach acht, auf dem Weg zur U8. Sie ging bewusst an der Späti-Kamera vorbei, blieb sogar eine Sekunde stehen, um an ihrem Handy herumzutippen, direkt im Sichtfeld. Auf dem kleinen Monitor im Schaufenster, der normalerweise die Live-Aufnahme zeigte, flackerte plötzlich ein Raster aus grünen Kästchen — sechs, sieben Gesichtserkennungsrahmen, die wild über ihrem Kragen tanzten, keiner davon traf ihr tatsächliches Gesicht.

Der Späti-Besitzer, Herr Yilmaz, kam raus und lachte. „Was haben Sie da an? Die Kamera dreht durch."

„Kunst", sagte Lotte nur.

Zwei Wochen später stand Jonas vor ihrer Haustür. Nicht zufällig — er hatte ihre neue Adresse über einen gemeinsamen Freund bekommen, sagte er, aber Lotte glaubte ihm das nicht ganz. Er wirkte nervös, fuchtelte mit einem Aktenordner, den er unter dem Arm trug, wie mit einem Beweisstück.

„Ich hab dich in der Kartei gesehen", sagte er. „Also — fast gesehen. Das System hat einen Alarm ausgelöst, sieben verschiedene Gesichter, alle an einem Körper, an der Ecke Hermannstraße. Mein Kollege dachte, das sei ein Fehler in der Software. Ich wusste sofort, dass du das warst."

„Und deshalb stehst du hier?"

„Weil das nicht witzig ist, Lotte. Das ist Sachbeschädigung an öffentlicher Infrastruktur, im Prinzip. Die können dich dafür—"

„Für eine Jacke?" Sie hielt die Tür nur einen Spalt offen, den Fuß dahinter, wie man das tut, wenn man niemanden reinlassen will, aber auch nicht schreien möchte, damit die Nachbarn nichts mitbekommen. „Zeig mir das Gesetz, Jonas. Zeig mir den Paragrafen, der verbietet, ein Muster zu tragen."

Er hatte keinen Paragrafen. Er hatte nur den Ordner, den er ihr entgegenhielt — Ausdrucke von Kamerabildern, auf denen ihre verpixelte, mehrfach erkannte Silhouette zu sehen war, dazu eine interne Mitteilung seiner Firma, in der stand, dass man „auffällige Bekleidungsmuster im Überwachungsbereich Neukölln-Nord" beobachte und dass man erwäge, betroffene Kunden — sprich: Ladenbesitzer mit Kameraverträgen — auf „mögliche Umgehungsversuche" hinzuweisen.

Lotte nahm den Ordner nicht. Sie fotografierte die oberste Seite mit ihrem Handy, durch den Türspalt, und sagte: „Danke. Das brauch ich für meinen Anwalt."

Jonas war jetzt sichtlich baff. „Welchen Anwalt?"

Es gab noch keinen. Aber Pia kannte eine Doktorandin an der Humboldt-Uni, die zum Thema Persönlichkeitsrecht und automatisierte Gesichtserkennung promovierte, und die wusste wiederum, dass die Datenschutzbeauftragte von Berlin seit Monaten Beschwerden gegen genau solche privaten Kamerasysteme sammelte, die angeblich nur „den Eingangsbereich" filmten, tatsächlich aber den halben Gehweg erfassten.

Lotte ging am folgenden Montag persönlich zur Aufsichtsbehörde in der Friedrichstraße, mit einem Ordner, den sie sich extra dafür gekauft hatte — grau, unscheinbar, mit einer laminierten Titelseite, auf der „Beschwerde Videoüberwachung Weserstraße/Hermannstraße" stand. Darin: Fotos der Kamera, die Reichweite geschätzt nach Augenmaß und mit einem Maßband nachgemessen, dazu der Screenshot der internen Mitteilung von Jonas' Firma.

Die Sachbearbeiterin, eine ruhige Frau mit randloser Brille, blätterte lange, ohne etwas zu sagen. Dann sagte sie nur: „Das mit der Firmenmitteilung ist interessant. Das reichen wir weiter."

Es dauerte sechs Wochen. Sechs Wochen, in denen Lotte fünf weitere Jacken nähte und über Pias Kontakte an drei andere Frauen aus der Nachbarschaft verkaufte, für jeweils 65 Euro das Stück, Materialkosten plus ein bisschen für die Nächte an der Pfaff-Maschine. Sechs Wochen, in denen Jonas nicht wieder auftauchte, aber zweimal anrief, ohne dass Lotte ranging.

Dann kam der Bescheid. Die Kamera am Späti musste umgebaut werden — der Erfassungswinkel eingeschränkt auf den unmittelbaren Eingangsbereich, keine zwei Meter Gehweg mehr. Herr Yilmaz beschwerte sich zuerst, ließ es aber sein, als die Datenschutzbeauftragte ihm erklärte, dass die Alternative ein Bußgeld von 2.400 Euro gewesen wäre.

Jonas' Firma bekam eine Anfrage der Behörde bezüglich ihrer internen Praxis, „Umgehungsversuche" zu dokumentieren und an Kunden weiterzugeben — was datenschutzrechtlich selbst ein Problem war, weil dabei ja wieder Gesichts- und Bewegungsdaten von Passanten verarbeitet wurden, die nie zugestimmt hatten.

Lotte erfuhr das alles nicht von Jonas. Sie erfuhr es von der Sachbearbeiterin, in einer kurzen E-Mail, die mit „Ihre Beschwerde hat zu folgenden Maßnahmen geführt" begann.

Sie druckte die E-Mail aus, steckte sie zu den anderen Papieren in den grauen Ordner und legte ihn ins Regal, zwischen alte Schnittmuster und eine Keksdose, die noch ihrer Großmutter gehört hatte.

Im November stand Jonas ein letztes Mal vor ihrer Tür, diesmal ohne Ordner. Er sagte, seine Firma habe ihn wegen der Sache „intern zur Rede gestellt", er habe fast den Job verloren, weil er ihr die Mitteilung gezeigt hatte, bevor sie offiziell war.

„Das war nicht meine Absicht", sagte er.

„Ich weiß", sagte Lotte. „Aber es war trotzdem richtig, dass ich es benutzt hab."

Sie schloss die Tür nicht hart, aber sie schloss sie. Von drinnen hörte sie noch, wie er einen Moment auf der Treppe stehen blieb, bevor seine Schritte langsamer wurden und schließlich ganz verschwanden.

Auf ihrem Tisch lag die nächste Stoffbahn, ausgebreitet, bereit für die Schere. Draußen, am Späti gegenüber, drehte sich die Kamera jetzt nur noch neun Grad nach links und neun Grad nach rechts — genau bis zur Fußmatte und keinen Zentimeter weiter.

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