Die Wette meiner Schwiegermutter

Sabine Herrgott hätte nie gedacht, dass sie mit neununddreißig noch einmal von vorne anfangen würde. Physiotherapeutin, geschieden, zwei Umzugskartons voller Diplome, die niemand mehr sehen wollte, und ein Rücken, der ihr jeden Winter das Skifahren madig machte. Die Praxis lag in Rosenheim, gleich neben der Bäckerei, aus der morgens der Duft von Laugenbrezeln bis zu ihrer Anmeldung zog. An einem Dienstag im November brachte ein Patient seinen Vater mit — Gerhard Brenninger, vierundsechzig, pensionierter Zimmermann, der sich beim Holzhacken die Schulter verrissen hatte.

Er kam drei Wochen lang jeden Mittwoch. Beim vierten Mal fragte er, ob sie nach Feierabend Zeit für einen Kaffee hätte. Sie sagte ja, obwohl sie sich innerlich fragte, was ihre Mutter dazu sagen würde — fünfundzwanzig Jahre Unterschied, das war schließlich keine Kleinigkeit.

Ihre Mutter sagte gar nichts dazu, weil sie zwei Jahre zuvor gestorben war. Es war Renate Fellner, Gerhards jüngere Schwester, die das Wort ergriff. Auf der Verlobungsfeier im Garten, bei Grillwürstchen und einem Kasten Tegernseer, zog sie Sabine zur Seite, ein Glas Weißwein in der Hand, das sie schon zum dritten Mal nachgefüllt hatte.

„Du weißt schon, dass du in zwanzig Jahren seine Pflegerin bist und nicht seine Frau." Sie sagte es leise, aber deutlich genug, dass zwei Nachbarn am Nebentisch aufhorchten.

Sabine antwortete nicht. Sie drehte nur den Ring an ihrem Finger, ein schmales Silberband mit einem winzigen Bernstein, das Gerhard in einer Werkstatt in Miesbach hatte anfertigen lassen, weil er wusste, dass sie Diamanten albern fand.

Renate ließ nicht locker. Sie hatte eine eigene Wäscherei in Bad Aibling, drei Angestellte, ein Reihenhaus mit Solaranlage, und die feste Überzeugung, dass sie in der Familie das letzte Wort haben sollte, seit ihr Mann vor sechs Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war und sie alles allein regeln musste. Bei jedem Sonntagskaffee kam ein neuer Spruch. Mal ging es um die Erbschaft — „Was, wenn du ihn überlebst und dann kommt seine Tochter aus Kempten und will die Hälfte vom Haus?" —, mal um die Optik — „Die Leute im Ort reden schon, dass du seine Tochter sein könntest." Gerhard saß meistens still dabei, rührte in seinem Kaffee und sagte irgendwann: „Renate, jetzt ist gut." Aber gut war es nie wirklich.

Die Hochzeit fand im Mai statt, standesamtlich in Rosenheim, danach ein kleines Fest im Gasthof am Inn, fünfunddreißig Gäste, ein Akkordeonspieler, den Gerhards Neffe organisiert hatte. Renate kam eine Stunde zu spät, mit einer Torte, die sie selbst gebacken hatte, und einem Toast, der mit den Worten begann: „Ich wünsche den beiden, dass die Zeit ihnen gnädig ist" — ein Satz, der im Saal für betretenes Schweigen sorgte, bis Gerhards Neffe das Akkordeon lauter aufdrehen ließ.

Die ersten Jahre liefen ruhig. Sabine übernahm zusätzliche Patienten, um die Praxis zu erweitern, Gerhard baute in der Garage Vogelhäuser, die er auf dem Rosenheimer Wochenmarkt verkaufte, mehr aus Freude als aus Notwendigkeit. Sie fuhren im Sommer an den Chiemsee, im Winter nach Südtirol zum Skifahren — sein Rücken hielt erstaunlich gut mit. Renate blieb ein fester Programmpunkt an Weihnachten und an Gerhards Geburtstag, unvermeidlich wie der erste Schnee, und jedes Mal fand sie eine neue Formulierung für denselben alten Gedanken.

Die Wende kam im vergangenen Herbst, an einem regnerischen Samstag Anfang Oktober. Gerhard war zur Kontrolle beim Kardiologen gewesen — eine Routineuntersuchung, nichts Dramatisches, aber der Arzt hatte ein Belastungs-EKG angeordnet, „nur um sicherzugehen". Renate erfuhr davon durch einen Anruf, bei dem Gerhard beiläufig erwähnte, er müsse am Montag noch mal hin. Sie tauchte zwei Stunden später ungefragt in der Wohnung in der Kufsteiner Straße auf, mit einem Aktenordner unter dem Arm.

Sabine öffnete die Tür, noch in Jogginghose, ein Handtuch um die nassen Haare gewickelt — sie hatte gerade geduscht, nachdem sie mit dem Hund eine Runde durch den Regen gedreht hatte. Auf dem Küchentisch lagen die Reste vom Frühstück, zwei Kaffeetassen, Marmeladenglas ohne Deckel.

„Ich habe das hier mitgebracht", sagte Renate und legte den Ordner neben die Marmelade. „Eine Vorsorgevollmacht. Für den Fall der Fälle. Ich habe schon einen Notartermin für nächste Woche ausgemacht, in Bad Aibling, bei Notar Steininger. Du musst nur noch unterschreiben, dass ich im Ernstfall die Entscheidungen treffe. Medizinisch und finanziell."

Gerhard, der gerade aus dem Wohnzimmer kam, blieb in der Tür stehen. „Renate, was soll das jetzt?"

„Das soll heißen, dass ich seit fünfundzwanzig Jahren zusehe, wie diese Familie ohne einen ordentlichen Plan durchs Leben stolpert. Wenn dir was passiert, entscheidet dann deine — " Sie stockte, suchte nach einem Wort, das nicht zu grob klang, fand keins und sagte es trotzdem: „ — deine junge Frau über dein Haus, über deine Werkstatt, über alles?"

Sabine stellte das Marmeladenglas mit einer ruhigen Bewegung zurück in den Kühlschrank, schloss die Tür, und erst dann drehte sie sich um. Keine erhobene Stimme, kein Zittern in den Händen.

„Renate, ich arbeite seit zwanzig Jahren als Physiotherapeutin. Ich weiß, was eine Patientenverfügung ist, ich habe selbst eine, ich habe Gerhards. Wir haben das vor drei Jahren beim Notar in Rosenheim geregelt, bei Frau Dr. Achleitner. Gegenseitige Vollmacht, beide unterschrieben, beide im Original hinterlegt. Du warst nicht dabei, weil es dich nichts angeht."

Renate lachte kurz auf, ein Geräusch ohne Humor. „Das ist doch lächerlich. Ich bin seine Schwester."

„Und ich bin seine Frau." Sabine ging zum Wandschrank neben der Speisekammer, zog eine Schublade auf, in der die wichtigen Papiere lagen, säuberlich in Klarsichthüllen sortiert, und legte eine davon auf den Tisch, direkt neben Renates Ordner. „Hier. Lies es, wenn du willst. Es steht alles drin, was du wissen musst — und nichts, was dich etwas angeht."

Gerhard trat neben sie, legte ihr die Hand auf die Schulter, und zum ersten Mal an diesem Tag klang seine Stimme nicht nach Vermittlung, sondern nach einer Entscheidung, die längst gefallen war. „Renate, ich hab dich lieb, du bist meine Schwester. Aber diese Sache hier ist geregelt, seit drei Jahren, und sie bleibt geregelt, so wie wir es wollen. Nicht so, wie du es dir wünschst."

Renate griff nach ihrem Ordner, drückte ihn gegen die Brust wie etwas, das man ihr wegnehmen wollte, und für einen Moment sagte niemand etwas. Draußen prasselte der Regen gegen die Fensterscheibe der Küche, und irgendwo im Treppenhaus bellte der Nachbarshund, der sonst nur beim Postboten anschlug.

„Dann bleib bei deiner Meinung", sagte Renate schließlich, „aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt."

„Wovor gewarnt?", fragte Sabine. „Dass ich zwanzig Jahre bei ihm bleibe, statt drei? Dass ich seine Schulter behandelt habe, bevor ich seinen Ehering gesehen habe? Renate, ich habe nichts zu beweisen, weder dir noch sonst jemandem. Und die Vollmacht bleibt bei Frau Dr. Achleitner in Rosenheim liegen, nicht bei Notar Steininger in Bad Aibling."

Renate ging, ohne die Tür laut zuzuschlagen — sie zog sie nur bewusst leise ins Schloss, was fast lauter wirkte als ein Knall. Der Aktenordner blieb eine Woche lang unangetastet auf ihrem eigenen Küchentisch liegen, bis sie ihn selbst in den Papiercontainer warf.

An Weihnachten kam sie trotzdem, mit einer Flasche Eierlikör und einem Teller Plätzchen, die sie diesmal ohne Kommentar auf den Tisch stellte. Sabine goss ihr Kaffee ein, ganz normal, in die Tasse mit dem kleinen Sprung am Henkel, die Renate schon immer benutzt hatte, wenn sie zu Besuch war. Gerhard saß zwischen den beiden Frauen, aß sein zweites Plätzchen, und als Renate ansetzte, etwas über die Zukunft zu sagen, schob Sabine ihr wortlos die Zuckerdose hin — und Renate nahm sie, rührte ihren Kaffee um, und schwieg.

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