Der Wäschekorb auf dem Balkon in Lüneburg

Es gibt keine schöne Art, das zu sagen, also sage ich es einfach: Ich vermisse dich, Mama. Elf Jahre sind es jetzt, und die Sehnsucht ist nicht weniger geworden. Sie ist nur leiser geworden. Manchmal läuft sie neben mir her wie ein zweiter Schatten auf dem Gehweg. Manchmal kommt sie als warme Erinnerung und bringt mich zum Lachen, obwohl mir die Augen brennen.

Ich bin Miriam, ich wohne in Lüneburg, dritter Stock, Altbau mit knarrender Treppe, und meine Mutter Renate ist im Herbst 2015 gestorben. An einem Dienstag, das weiß ich noch, weil dienstags immer der Wochenmarkt am Sande war und sie mich am Telefon gefragt hatte, ob ich Grünkohl mitbringen soll.

Sie erwischt mich in den unmöglichsten Momenten. Nicht am Grab, da bin ich fast gefasst. Sondern wenn ich die Wäsche zusammenlege und ein Handtuch genau so falte, wie sie es mir gezeigt hat — in Drittel, nicht in Hälften, weil es dann besser in den Schrank passt. Wenn im Treppenhaus jemand Kernseife benutzt und der Geruch mich zurückreißt in ihre Küche. Wenn ich zu meiner Tochter sage: „Nun mach schon, die Suppe wird kalt", und höre, dass es genau ihr Tonfall ist, ihre Wortstellung, als hätte sie mir die Sätze vererbt wie eine Kette.

Zwei Jahre lang bin ich jeden Mittwoch nach Uelzen gefahren, neunzig Kilometer hin und zurück, mit dem alten Passat, dessen Kupplung schon damals hakte, um bei ihr zu sein, während die Chemotherapie sie aushöhlte. Um kurz vor sieben bin ich losgefahren, damit ich pünktlich zur Anmeldung um acht in der Onkologie war. Sie hat nie geklagt. Sie hat mir stattdessen erzählt, wie sie 1974 mit meinem Vater nach Lüneburg gezogen ist, mit zwei Koffern und wenig Geld, und wie sie trotzdem jeden Sonntag einen Kuchen gebacken hat, „weil ein Sonntag ohne Kuchen kein richtiger Sonntag ist".

Drei Monate vor ihrem Tod, an einem Sonntagnachmittag in ihrer Küche in Uelzen, roch es nach kaltem Kaffee aus der alten Krups-Maschine, als Bettina den Aktenordner mit dem Grundbuchauszug auf den Tisch knallte.

„Ich hab mit dem Makler gesprochen", sagte Bettina. „Herr Dreesen zahlt hunderttausend über Verkehrswert, wenn wir bis Ende des Monats unterschreiben. Er macht drei Eigentumswohnungen draus."

„Mama sitzt nebenan im Wohnzimmer, Bettina."

„Mama kann nichts mehr entscheiden, das weißt du. Und wenn sie stirbt, brauchen wir Monate für die Erbauseinandersetzung, wenn wir jetzt nicht handeln. Ich hab das mit dem Notar schon besprochen."

Ich habe auf den Ordner gestarrt, auf die Unterschriftenzeile, die schon mit Bleistift vorgezeichnet war. „Und Frau Kowalski? Die wohnt seit vierzig Jahren nebenan. Dreesen kündigt allen, das steht doch im Exposé."

„Frau Kowalski ist nicht unser Problem. Wir haben Mamas Pflege bezahlt, Miriam, ich hab die Anwaltskosten für den Erbschein vorgestreckt, ich hab keine Lust, aus Sentimentalität auf hunderttausend Euro zu verzichten."

„Ich fahre seit zwei Jahren jeden Mittwoch neunzig Kilometer, damit sie nicht allein zur Chemo muss. Rechnen wir das jetzt auch gegeneinander auf?"

Sie hat den Ordner zugeklappt, so fest, dass die Kaffeetasse auf dem Tisch geklirrt hat. „Mach, was du willst. Aber ich unterschreibe."

Ich habe das Ordner-Papier nicht angerührt an diesem Nachmittag. Ich bin zu Mama ins Wohnzimmer gegangen, habe mich neben sie aufs Sofa gesetzt und nichts gesagt, weil es nichts zu sagen gab, das sie noch hätte verstehen können.

In der letzten Woche, im Zimmer 214 der Palliativstation am Klinikum Lüneburg, hat sie kaum noch gesprochen. Aber einmal, als ich neben ihrem Bett saß und die Hand auf ihre Bettdecke legte, hat sie mir drei Sätze zugeraunt, mehr Atem als Stimme: Atme. Beeil dich nicht. Leb einfach diesen einen Tag.

Nach der Beerdigung hat Bettina die Wohnung in Uelzen in zwei Wochenenden leergeräumt, Container vor der Tür, Entrümpelungsfirma aus Bevensen bestellt. Ich habe eine einzige Kiste aus dem Container gezogen, bevor der Container abgeholt wurde. Darin: ihr Adressbuch mit dem abgegriffenen Ledereinband, ein Rezeptheft mit ihrer nach vorne kippenden Handschrift, und ein Kassenbon von Karstadt Hamburg, September 1998, auf dem sie notiert hatte, wie viel sie mir für mein erstes Auto geliehen hatte: 3.200 Mark.

Die Frist für Dreesens Angebot lief noch, als der Erbschein kam. Bettina hat mich angerufen, drei Tage vor Fristablauf. „Unterschreibst du jetzt endlich, oder soll ich allein zum Notar?"

„Ich verkaufe nicht. Ich verlängere Frau Kowalskis Mietvertrag, und den Rest zahle ich aus eigener Tasche."

„Du spinnst. Das ist die Hälfte deines Jahresurlaubs, jedes Jahr, für ein Haus, in dem du nicht mal wohnst."

„Für ein Haus, in dem sie vierzig Jahre lang unsere Nachbarin war. Sie hat Mama zum Bäcker begleitet, als die Beine nicht mehr mitgemacht haben. Ich zahl die Grundsteuer, knapp 900 Euro im Jahr. Das mache ich."

Bettina hat aufgelegt, ohne sich zu verabschieden. Wir haben zwei Monate nicht miteinander gesprochen. Als sie mich im Januar zurückrief, ging es um Kleinigkeiten, um die Steuererklärung für den Nachlass, als wäre nichts gewesen. Wir reden bis heute nicht über den Aktenordner.

Im vergangenen Winter, beim Ausräumen des Dachbodens in Uelzen, zwischen alten Ausgaben der Hörzu, fand ich ein zweites Bündel, eingewickelt in Butterbrotpapier: kleine Scheine, zusammengefaltet, insgesamt 1.140 Euro, und einen Zettel in ihrer kippenden Schrift: „Für Miriam, für die Fahrten, die keiner sieht."

Ich habe auf dem Dachboden gesessen, die Scheine auf den Knien, und gerechnet: neunzig Kilometer mal, ich weiß nicht mehr wie oft, mal Benzinpreis von damals. Sie hatte mitgezählt. Die ganze Zeit, während ich dachte, ich würde etwas für sie tun, hat sie im Stillen zurückgelegt, Schein für Schein, aus der Haushaltskasse, aus der sie sich sonst nichts gegönnt hat.

Meine Tochter kam am Abend in die Küche, sah die Scheine noch auf dem Tisch liegen neben dem Adressbuch. „Was machst du damit, Mama?"

Ich habe das Geld zusammengeschoben, in den Umschlag zurückgesteckt, den Umschlag in die Kiste zu dem Kassenbon gelegt. „Nichts. Noch nicht."

„Und wann dann?"

Ich habe den Deckel auf die Kiste gesetzt. „Wenn du dein erstes Auto brauchst."

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Uniad
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