Die 800.000 für Omas Knie

Ich bin der Böse in dieser Geschichte. Also, für die Verwandtschaft meiner Frau. Der, der die Familie gespalten hat. Der mit der gierigen Ziege. Dabei wollte ich nur, dass meine Mutter nicht mehr weint, wenn sie die Treppe zu ihrer Wohnung hochgeht.

Das habe ich mir damals jedenfalls eingeredet.

Der Abend, an dem alles kippte, war ein Dienstag im November. Draußen hing dieser Hamburger Nieselregen, der nicht fällt, sondern einfach in der Luft steht und sich auf Mantel und Gesicht legt. Ich kam von der Spätschicht aus dem Hafen, die Hände rochen nach Diesel und Fischmehl, obwohl ich sie dreimal gewaschen hatte. Meine Frau Nele stand am Herd und rührte in einem Topf. Grünkohl. Es roch nach Winter, nach Zuhause, nach dem Leben, für das wir seit acht Jahren jede verdammte Mark zweimal umdrehten.

Und dann saß meine Mutter an unserem Küchentisch.

Sie hatte den Mantel anbehalten, als wollte sie gleich wieder gehen. Vor ihr stand ein Glas Leitungswasser, unangetastet. Neben ihr auf dem Tisch lag ein zerknülltes Papiertaschentuch, das sie zwischen den Fingern drehte, wie andere Leute einen Rosenkranz.

„Ich brauche siebzigtausend Euro“, sagte sie.

Nicht „Hallo“, nicht „Setz dich erst mal“. Einfach die Zahl, in den Raum gestellt wie ein Möbelstück, das man nicht mehr ignorieren kann.

Ich blieb im Türrahmen stehen, eine Hand noch an der Jacke. Nele drehte sich um. Der Holzlöffel in ihrer Hand tropfte auf den Boden, einmal, zweimal.

„Siebzigtausend?“, fragte ich.

„Das Knie. Es ist komplett hinüber. Der Arzt sagt, ohne neue Prothese werde ich bis Ostern im Rollstuhl sitzen. Und die gesetzliche Kasse übernimmt nur so ein Billigmodell. Das will ich mir nicht einsetzen lassen. Bei der Nachbarin von gegenüber, der Frau Petersen, ist so ein Teil nach zwei Jahren gebrochen. Stell dir vor, die ist einfach auf der Straße zusammengeklappt.“

Sie presste das Taschentuch an die Augen, obwohl da nichts Feuchtes war. Ich kannte das. Schon als Kind hatte ich gelernt, dass die Tränen meiner Mutter meistens etwas später kamen, und zwar immer dann, wenn jemand zusah.

„Mama, niemand klappt wegen eines Kniegelenks auf der Straße zusammen“, sagte ich und zog mir einen Stuhl heran.

„Du warst nicht dabei! Du weißt nicht, wie das ist, wenn man nachts vor Schmerzen nicht schlafen kann!“

Nele stellte den Holzlöffel vorsichtig auf den Abtropfrand. Sie arbeitet als Orthopädietechnikerin in einem Sanitätshaus am Steindamm. Wenn jemand in unserer Familie Ahnung von Gelenken, Prothesen und Abrechnungsbetrug hat, dann sie.

„Ich kann mal mit dem Oberarzt im Marienkrankenhaus sprechen“, sagte sie ruhig. „Da gibt es ein gutes Endoprothetik-Zentrum. Und die Kasse übernimmt in der Regel auch hochwertige Modelle, wenn die Indikation stimmt. Man muss nur den richtigen Antrag stellen.“

Meine Mutter schnaubte. Es klang wie ein kleines, verächtliches Lachen.

„Das Marienkrankenhaus! Da war die Tochter von meiner Cousine, die ist da operiert worden und hatte danach eine Entzündung. Die wäre fast am Bein gestorben. Nein, ich habe mich informiert. Es gibt eine Privatklinik in Blankenese, Dr. Hartwig. Der war früher Mannschaftsarzt bei Werder Bremen. Der nimmt nur noch bis Weihnachten Patienten an, danach geht er nach Dubai. Wenn ich da nicht bis Freitag die Anzahlung leiste, bin ich raus.“

„Und die Anzahlung beträgt siebzigtausend?“, fragte Nele.

„Jetzt hör mal zu.“ Meine Mutter drehte sich auf dem Stuhl zu mir, nicht zu ihr. „Das ist mein Knie. Das betrifft mich. Und du bist mein Sohn. Oder hat diese Frau hier dir inzwischen verboten, dich um deine Mutter zu kümmern?“

Ich sah Nele an. Sie hatte die Lippen aufeinandergepresst, wie sie es tut, wenn sie einen Patienten berät, der seine Diagnose nicht hören will und stattdessen auf den Prospekt einer dubiosen Internetapotheke zeigt.

„Mama, das Problem ist: Wir haben keine siebzigtausend.“

„Ihr habt doch das Sparbuch. Für die Wohnung. Dein Vater hat mir erzählt, dass ihr schon über hunderttausend angespart habt. Ihr wollt euch doch eine Eigentumswohnung in der HafenCity kaufen, so ein Glaskasten, wo man vom Klo aus auf den Fernsehturm guckt. Und deine Mutter soll derweil im Rollstuhl verrecken?“

Jetzt war es raus. Das eigentliche Thema. Es ging nie um ein Knie. Es ging um das, was auf dem Konto lag, das wir seit acht Jahren fütterten wie ein Tier, das irgendwann Eier legen sollte. Acht Jahre ohne Mallorca, ohne neues Auto, ohne die schicken Restaurants an der Elbe. Acht Jahre lang Neles zerrissene Arbeitshandschuhe am Küchentisch geflickt, während andere Paare in unserem Alter Cocktails auf den Möweninseln tranken.

„Die Rücklagen für die Wohnung fassen wir nicht an“, sagte Nele.

Meine Mutter zuckte zusammen, als hätte man ihr eine Ohrfeige gegeben. Dann stand sie auf. Es ging erstaunlich flüssig für eine Frau, die angeblich keine Treppe mehr gehen konnte.

„Ich hab’s immer gewusst“, sagte sie leise. „Wenn du erst mal unter ihrer Fuchtel stehst, bist du für deine eigene Mutter nicht mehr da. Dein Vater hat mich noch in der Nacht vor seinem Tod gewarnt: Pass auf, dass der Junge nicht an so eine gerät. Eine, die nur an sich denkt.“

Sie nahm ihre Handtasche, die neben dem Stuhl stand, und ging zur Tür. Dort blieb sie noch einmal stehen, mit dem Rücken zu uns.

„Ich hoffe, ihr könnt noch ruhig schlafen. Wenn ich am Montag beim Orthopäden das Ergebnis bekomme und die sagen, es ist zu spät für eine schonende OP, dann wisst ihr, wen ihr anrufen müsst. Aber dann werdet ihr euch wünschen, ihr hättet das Geld früher gegeben.“

Die Tür fiel ins Schloss. Es klang wie ein Schlusswort.

Nele und ich standen in der Küche, zwischen uns der Topf mit Grünkohl, der inzwischen auf kleiner Flamme vor sich hin blubberte. Es war still. Keine Wut, keine Tränen. Nur diese Müdigkeit, die sich einstellt, wenn ein Mensch, den man liebt, einen wieder einmal vor die Wahl gestellt hat: das eigene Leben oder die Überzeugung, dass man ohne dieses Opfer ein schlechter Mensch ist.

In der Nacht lag ich wach. Ich dachte an die Wohnung. Nicht an die in der HafenCity — die war eh nur Gerede. Sondern an die kleine Dreizimmerwohnung in Barmbek, die wir uns angesehen hatten. Die mit dem abgewohnten Parkett und dem Balkon zum Innenhof, wo ein alter Kastanienbaum stand. Der Makler hatte mir die Hand gegeben und gesagt: „Für das Objekt müssen Sie schnell sein.“ Wir waren schnell gewesen. Wir hatten die Unterlagen mitgenommen und die Zusage für ein Darlehen bei der Hamburger Sparkasse lag in einer Klarsichtmappe auf meinem Nachttisch.

Ich hatte diese Mappe am Abend in der Hand gehalten. Nicht, weil ich sie lesen wollte. Sondern weil ich das Gewicht spüren wollte. Das Gewicht von acht Jahren. Von Neles zerrissenen Handschuhen. Von meinen Sonntagsschichten im Hafen, wenn andere mit ihren Kindern im Stadtpark den Drachen steigen ließen. Das Gewicht einer Zukunft, die man anfassen kann, weil sie auf einem Papier steht.

Und dann dachte ich an meine Mutter, wie sie durch den Regen zum Bus gegangen war. Nicht zur S-Bahn-Station, sondern zur Bushaltestelle. Der Bus hält direkt vor ihrer Haustür. Der Fahrer kennt sie und wartet immer, bis sie sitzt, bevor er anfährt. So eine Krankheit ist das.

Am nächsten Morgen, noch vor dem Frühstück, rief ich sie an.

„Mama, ich will die Unterlagen von dem Arzt sehen. Die Röntgenbilder, den Befund, den Kostenvoranschlag. Wenn das alles so ist, wie du sagst, reden wir noch mal über eine Anzahlung. Aber ich will Papiere sehen, keine Tränen.“

Es war ein Entgegenkommen. Ein echter Schritt auf sie zu. Ich war bereit, unsere acht Jahre anzutasten, wenn sie mir zeigte, dass es wirklich um Leben und Tod ging.

Sie war bereit zu lügen.

Drei Tage später holte Nele die Sachen ab. Meine Mutter hatte ihr einen braunen Umschlag in die Hand gedrückt, ohne sie in die Wohnung zu lassen. „Da ist alles drin. Und sag meinem Sohn, er soll sich beeilen. Der Doktor wartet nicht ewig.“

Nele rief mich noch aus der U-Bahn an. Ihre Stimme klang gepresst, als würde sie beim Sprechen die Zähne zusammenbeißen.

„Ich hab die Sachen. Ich hab sie im Bus durchgelesen. Da ist ein Befund vom Ortho-Zentrum aus der Novembernacht dabei. Weißt du, was da drinsteht?“

„Sag’s mir.“

„Gonarthrose zweiten Grades links, beginnend rechts. Empfohlen werden Krankengymnastik, Gewichtsreduktion und ein Rezept für Ibuprofen bei Bedarf. Kein Wort von Endoprothese. Kein Wort von Rollstuhl. Keine OP.“

„Was?“

„Und dann ist da noch ein Blatt von dieser Privatklinik in Blankenese. Ein Werbezettel aus einer Zeitschrift, kein Kostenvoranschlag. Da hat jemand mit Kugelschreiber die Position ‚Kniegelenksarthroplastik‘ eingekreist und daneben geschrieben: ‚70.000 €‘. Mit deiner Mutter ihre Handschrift, da verwette ich meinen Kaffee drauf. Ich sehe die ganze Zeit ihre Einkaufszettel, wenn sie bei uns war, das ist dieselbe Schrift. So ein geschwungenes E, das ist unverkennbar.“

Ich starrte aus dem Fenster der S-Bahn. Draußen zogen die grauen Häuser von Altona vorbei, irgendwo blinkte ein Klettergerüst auf einem Spielplatz, daneben eine Reklametafel für einen Möbeldiscounter: „Bis Montag 40 % auf alles — aber nur für Schnelle“.

„Vielleicht“, sagte ich, „vielleicht hat der Arzt ihr das mündlich gesagt. Vielleicht ist der Befund von der Kasse geschönt, damit sie nicht zahlen muss.“

„Tim. Hör mir zu. Mein halber Arbeitstag besteht daraus, Leute zu beraten, die so einen Zettel in der Hand haben und denken, sie bräuchten eine OP, die ihnen kein seriöser Chirurg empfehlen würde. Das ist die häufigste Masche: Angst, dann Schmerz, dann Geld. Deine Mutter hat keine OP-Indikation. Was sie hat, ist einen Plan. Und der Plan bist du.“

Wir stritten uns an diesem Abend. Nicht laut. Eher leise und müde. Sie saß auf der Couch, ich stand am Fenster, und zwischen uns lagen die Blätter auf dem Couchtisch: der Befund, der Werbezettel, die eingekreiste Zahl.

„Seit acht Jahren sparen wir auf die Wohnung“, sagte Nele. „Acht Jahre, Tim. Ich habe in der Zeit drei Brautkleider von Kolleginnen gesehen und fand sie schön, später. Ich habe mir nie die Schuhe gekauft, auf die ich fünf Monate lang geguckt habe, weil wir jeden Cent für den Notar brauchten. Und jetzt will deine Mutter das alles auf einen Schlag wegschnippen? Für eine Operation, die ihr kein Arzt empfohlen hat? Das ist kein Hilferuf. Das ist ein Abzockversuch. Und noch dazu ein schlechter.“

„Sie ist meine Mutter.“

„Und ich bin deine Frau. Ich lebe seit acht Jahren mit dir in einer Zweizimmerwohnung, in der die Küche nur eine Kochnische ist und das Bad keine Steckdose hat. Ich will das ändern. Du willst das ändern. Und sie will uns aufhalten. Genau wie damals, als du die Ausbildung anfangen wolltest, und sie gesagt hat, der Hafen will dich kaputtmachen. Oder als wir heiraten wollten und sie gesagt hat, im Winter heiratet man nicht, das bringt Unglück. Deine Mutter will dich nie woanders sehen als in ihrer Nähe. Und jetzt, wo du auf dem Sprung bist, erfindet sie eine Krankheit.“

Ich wollte ihr widersprechen. Aber ich konnte nicht. Zu oft war es so gewesen: Immer wenn ich einen Schritt aus dem Schatten ihrer Wohnung machte, passierte etwas. Ein Anruf. Eine Notlüge. Ein Schwindel, der erst nach Tagen auffiel.

Und dann, keine zwei Wochen später, fiel auch dieser hier auf.

Es war ein Donnerstag, kurz vor Ladenschluss. Ich musste Überstunden machen wegen einer verspäteten Containerlieferung aus Rotterdam. Auf dem Weg zur S-Bahn bog ich in die Straße ein, in der mein Bruder Lasse eine kleine Fahrradwerkstatt hat. Nicht, weil ich mit ihm reden wollte. Es war einfach der kürzeste Weg. Und ich wollte nach Hause, zu Nele, auf die Couch, die neuerdings nur noch ein Provisorium war für etwas, das wir uns endlich leisten wollten.

Da stand er. Vor seinem Laden. Mit zwei Männern, die aussahen wie aus einem schlechten Krimi: Daunenjacken, obwohl es nicht kalt war, glänzende Turnschuhe, die Automatikuhren baumelten lose an den Handgelenken. Sie redeten auf ihn ein, und Lasse nickte immer wieder, hastig, fast wie ein Vogel, der Körner aufpickt. Einer der Männer klopfte ihm auf die Schulter, mehrmals, jedes Mal ein bisschen fester. Dann gingen sie. Lasse blieb stehen und sah auf seine Hände.

Ich kannte diese Hände. Es waren die Hände meines kleinen Bruders, der als Kind nie verlieren konnte und der als Erwachsener immer schneller fuhr, als sein Leben hergab. Er hatte schon zwei Mal in der Kreide gestanden. Einmal bei einem Kredit für eine Bar, die nach vier Monaten dichtgemacht hatte. Einmal bei einem Kumpel, der ihm eine Reise nach Thailand vorausbezahlt hatte, die dann nie stattfand. Meine Mutter hatte ihn jedes Mal rausgeholt. Nicht mit eigenem Geld — sie hatte schon lange keins mehr, nur die kleine Rente und ein paar Ersparnisse von meinem Vater. Nein, sie hatte es immer so gedreht, dass am Ende jemand anderes zahlte.

Ich ging nicht zu ihm. Ich ging weiter zur Bahn. Aber ich wusste jetzt, was ich am nächsten Tag tun würde.

Am Freitag rief ich meine Mutter an und sagte, ich würde vorbeikommen. Wegen des Geldes. Sie klang erfreut, fast zärtlich. „Ich wusste, dass du zur Vernunft kommst, mein Junge. Bring den Scheck mit, dann machen wir alles gleich fertig.“

Ich brachte keinen Scheck mit. Ich brachte Nele mit.

Als wir vor ihrer Tür standen, ging sie auf, bevor ich klingeln konnte. Meine Mutter stand da in einem dieser geblümten Kittelschürzen, die sie seit zwanzig Jahren trägt, und hinter ihr roch es nach Bratkartoffeln. Sie lächelte, als sie mich sah. Dann sah sie Nele. Ihr Gesicht fror ein.

„Was will die denn hier?“

„Guten Tag, Renate“, sagte Nele.

Wir gingen rein. In der Küche stand eine Bratpfanne auf dem Herd, daneben ein Teller mit Spiegeleiern, das Eigelb noch flüssig. Auf dem Tisch lag ein aufgeschlagenes Rezeptheft, irgendein Billigmagazin mit Rezepten für „Schnelle Küche unter drei Euro“. Meine Mutter setzte sich nicht. Sie blieb am Herd stehen, die Hände vor dem Bauch verschränkt.

„Lasse schuldet den Leuten Geld“, sagte ich.

Keine Vorrede. Ich hatte mir zwei Stunden lang nichts anderes mehr vorstellen können als diesen Satz, und jetzt war er draußen.

Meine Mutter zuckte nicht mal.

„Darum geht es also. Du willst deiner sterbenskranken Mutter das Knie abschwatzen, weil dein Bruder ein paar Schulden hat. Wo ist da der Unterschied? Ob man wegen einer Operation oder wegen eines schöneren Kredits zahlt — man hilft der Familie. Und du hilfst nicht. Du sitzt auf deinem Geld wie ein Drache auf dem Gold.“

„Welchem Gold?“, fragte Nele. „Du weißt genau, wie lange wir gespart haben, Renate. Du warst dabei, als wir die Kontoauszüge überprüft haben, bevor wir die Zusage für den Kredit bekamen. Du hast die ganzen Zahlen gesehen. Hundertzwölftausend Euro. Acht Jahre. Und nichts davon ist für dich. Nichts davon ist für Lasse. Es ist für uns. Für eine Wohnung mit Balkon zum Kastanienbaum. Das ist unser Gold. Und es bleibt unseres.“

Meine Mutter sah sie an, und in diesem Blick lag alles: die Verachtung für eine Frau, die ihr den Sohn genommen hatte. Die Wut darüber, dass es nicht mehr so war wie früher, als ich aufs Wort gehorchte. Und die Angst, dass es diesmal nicht mehr funktionieren könnte.

„Wenn du dich für diese Frau entscheidest“, sagte meine Mutter zu mir, „bist du nicht mehr mein Sohn. Dann brauchst du vor Weihnachten nicht mehr anzurufen.“

„Es ist der zwanzigste November“, sagte ich. „Weihnachten ist in fünf Wochen. Du willst, dass ich in fünf Wochen anrufe und gute Miene zum bösen Spiel mache? Dass ich die Postkarte schreibe und die teure Marzipantorte mitbringe und so tue, als hätte es diesen Nachmittag nie gegeben?“

„Ich will, dass du deiner Mutter hilfst. Wie es sich gehört. So, wie ich dir immer geholfen habe, wenn du nicht weiterwusstest. Oder willst du mir erzählen, dass ich dich nie aus der Scheiße gezogen habe?“

„Du hast mich nie aus irgendeiner Scheiße gezogen“, sagte ich. „Du hast mir immer nur Steine in den Weg gelegt, wenn ich vom Weg abweichen wollte. Aus der Scheiße gezogen hast du immer nur Lasse. Und das Schlimmste ist: Er sagt mir nicht mal, warum. Er sitzt einfach da und lässt dich reden. Er ist gerade mal achtundzwanzig und benimmt sich wie zwölf. Aber du willst immer nur ihm helfen. Nie mir. Nie uns. Du hast mir noch nicht mal angeboten, bei der Renovierung der neuen Wohnung zu helfen. Aber wenn Lasse eine neue Bremse für sein Rennrad braucht, dann kommt sofort der Anruf. Dann bin ich sofort derjenige, der zahlen soll. Und wenn ich keine Zeit habe, dann bin ich der herzlose Bruder, der den eigenen kleinen Bruder hängen lässt.“

Es war, als hätte ich eine Tür aufgetreten, die ich selbst verriegelt hatte. Meine Mutter schwieg. Nele stand neben mir, die ganze Zeit über still, aber ich spürte ihre Hand an meinem Unterarm, so leicht, dass man es kaum als Berührung bezeichnen konnte.

Dann ging die Tür auf, und Lasse kam in die Küche. Er musste über den Hinterhof gekommen sein, durch den Hausflur. Er hatte eine Tüte vom Späti in der Hand, eine von diesen weißen Plastiktüten, die an den Henkeln schon ausleiern.

„Ich hab gehört, ihr seid hier“, sagte er. „Hat Mutti euch endlich den Scheck abgenommen?“

„Welchen Scheck, Lasse?“, fragte ich. „Es gibt keinen Scheck. Es gibt keine Operation. Es gibt nur dich und deine Schulden bei Typen, die dir im November Daunenjacken verkaufen.“

Lasse lachte. Es war ein kurzes, hartes Lachen, das an mir abprallte wie ein Kieselstein vom Beton.

„Du hast ja keine Ahnung, Tim. Du nicht. Die Typen sind echt. Die wollen ihr Geld. Und wenn sie’s nicht kriegen, dann legen sie die Werkstatt still. Dann ist das Ding zu. Dann kann ich wieder bei Mutter auf der Couch schlafen und mir die Nächte um die Ohren schlagen, um irgendeinen Job zu finden, den jemand wie ich nicht kriegen will. Aber das ist dir ja egal. Du hast ja deine Sparbüchse. Und deine Frau, die dir sagt, wo’s langgeht. Hauptsache, ihr kriegt euren tollen Ausblick auf den Kastanienbaum. Da könnt ihr dann sitzen und den Eichhörnchen beim Verhungern zugucken, während ich auf der Straße stehe.“

„Wie viel?“, fragte ich.

„Was?“

„Wie viel schuldest du denen?“

Er zögerte. Dann sagte er: „Achtzigtausend. Aber die Hälfte davon sind Zinsen, das ist Wucher, das zählt gar nicht.“

„Wie viel war der eigentliche Kredit?“

„Zehn.“

Ich musste mich am Türrahmen festhalten. Zehntausend Euro. Aus zehn waren achtzig geworden, und meine Mutter wollte siebzigtausend von mir, um daraus achtzig zu machen, und der Rest sollte von irgendwoher kommen, wahrscheinlich von ihrer Rente, die sie jetzt schon nicht reichte. Und das alles, damit mein Bruder weiter die Werkstatt behalten konnte, die er eh nicht auslastete, und die Männer mit den Daunenjacken weiter ihre Runden drehen konnten.

„Das ist nicht mein Problem“, sagte ich.

„Tim.“ Meine Mutter trat einen Schritt auf mich zu. „Dein Bruder macht eine schwere Zeit durch. Er hat in letzter Zeit viel gearbeitet, er war dreimal die Woche im Laden, bis abends um zehn. Er hat sich wirklich bemüht. Und dann kommt so eine Durststrecke über ihn, und statt dass seine Familie zu ihm steht, sagt sein großer Bruder: ‚Nicht mein Problem.‘ Was stimmt mit dir nicht?“

„Was mit mir nicht stimmt? Ich bin seit acht Jahren nicht mehr zum Zahnarzt gegangen, weil ich Angst vor der Rechnung hatte. Ich habe mir vor drei Monaten eine neue Jacke gekauft, die erste seit fünf Jahren, und ich habe mich geschämt wie ein Dieb. Und du fragst mich, was mit mir nicht stimmt? Ich habe genug. Ich habe genug von euren Lügen, von euren Spielchen, von deinem ewigen ‚Ich hab mir den Fuß verstaucht, hol mich doch mal ab‘ und von Lasses ‚Kannst du mir den Container auslegen?‘. Ich habe genug. Und weißt du was? Mir geht es besser, wenn ich euch nicht sehe. Also werde ich jetzt gehen. Ich gehe zu meiner Frau. In unsere Wohnung. Und wenn der Notartermin im Januar ist, werde ich den Vertrag unterschreiben. Und wenn du dann immer noch im Rollstuhl sitzt, was du definitiv nicht tust, dann können wir über Physiotherapie reden. Aber von mir kriegt ihr keinen Cent. Nicht für ein Knie, das nicht krank ist. Nicht für Schulden, die ich nicht gemacht habe. Und nicht für ein schlechtes Gewissen, das ihr mir einreden wollt, seit ich denken kann.“

Ich drehte mich um und ging. Nele ging mit mir.

Im Treppenhaus roch es nach kaltem Rauch und Bohnerwachs. Aus einer der Wohnungen unter uns klimperte ein Klavier, irgendwo spielte jemand auf einem Lautsprecher ein Lied, das ich nicht kannte. Draußen vor der Tür atmete ich zum ersten Mal an diesem Tag richtig ein. Die Luft war klar und kalt, und über dem Hinterhof hing ein schmaler Streifen Mond zwischen den Wolken.

Ich musste weinen. Nicht laut. Nur so, wie man weint, wenn eine Sache zu Ende geht, von der man immer geglaubt hat, sie würde sich irgendwann von selbst richten. Nele nahm meine Hand und hielt sie fest, und wir gingen ein Stück, bis wir an einer Bushaltestelle standen, wo ein alter Mann mit einem Dackel saß. Der Dackel trug einen roten Pullover und guckte aus seinem Körbchen, als hätte er alles verstanden.

Wir gingen nicht zur Bushaltestelle. Wir liefen die ganze Strecke zu Fuß nach Hause, durch Altona, vorbei an den geschlossenen Büdchen und den leeren Spielplätzen. Irgendwann fragte Nele: „Was machen wir jetzt?“

„Ich rufe morgen den Notar an“, sagte ich. „Ich bestätige den Termin im Januar. Und wenn der da sagt, wir können auch schon früher, dann nehmen wir den früheren.“

Sie blieb stehen und sah mich an.

„Ich liebe dich, Tim.“

„Ich weiß“, sagte ich. „Aber gerade liebe ich mich auch. Zum ersten Mal seit langer Zeit.“

Wir haben die Wohnung bekommen. Nicht im Januar. Im Februar, wegen des Grundbuchamts, aber das war egal. Es gab einen Moment, da standen wir auf dem Balkon und sahen auf den Innenhof, und da war der Kastanienbaum, und er war genauso kahl und verzweigt, wie der Makler es beschrieben hatte, und ich dachte: Dafür lohnt es sich.

Meine Mutter rief noch zwei Mal an. Einmal im Dezember, um zu fragen, ob ich nicht doch wenigstens ein paar tausend Euro übrig hätte, für die Zinsen. Einmal im Januar, um zu sagen, dass Lasse jetzt eine neue Geschäftsidee hätte, da wäre eine stille Beteiligung von nur fünfzehntausend nötig, und ob ich nicht wenigstens darüber nachdenken könnte. Ich habe beide Male Nein gesagt. Nicht aus Wut. Sondern aus einer Art Ruhe, die mich gepackt hatte wie ein Anker.

Im Frühjahr rief sie wieder an. Diesmal, um zu fragen, ob ich mal nach ihrer Waschmaschine sehen könnte. Die mache so komische Geräusche. Und ob ich nicht wenigstens am Wochenende vorbeikommen wolle, es gäbe auch Kuchen, ich müsse nur Bescheid sagen.

Ich habe Nele gefragt, was sie davon hält.

„Fahr hin“, sagte sie. „Wenn du willst. Es gibt Kuchen.“

Ich bin hingefahren. Ein Samstag, die Sonne schien, und auf dem Fensterbrett in der Küche stand eine kleine Porzellankatze, die ich von früher kannte. Die hatte immer den Schwanz in die Höhe gereckt und einen Sprung in der Schale, der aussah wie ein Lächeln.

Meine Mutter saß am Küchentisch, aß ein Stück Mandelkuchen und erzählte von Lasse. Er hatte jetzt einen Job bei einem Paketdienst. Er habe sich gemacht, sagte sie. Das sei ein anständiger Arbeitgeber, mit Tarifvertrag und allem.

„Und die Leute vor dem Fahrradladen?“, fragte ich.

„Die haben sich beruhigt. Lasse zahlt ab. Der Chef von dem Paketdienst hat ihm einen Vorschuss gegeben, und jetzt ist er jeden Morgen um sechs auf der Matte. Das habe ich ihm in den Kopf gesetzt: Steh früh auf, dann musst du nicht deinen Bruder anpumpen.“

Ich fragte nicht, wie viel von dem Vorschuss noch übrig war. Ich fragte auch nicht, ob sie je einen Termin bei Dr. Hartwig gemacht hatte. Ich nahm mir ein zweites Stück Kuchen und aß es langsam.

Dann sagte ich: „Ich wollte dir etwas zeigen.“

Ich holte die Mappe aus der Tasche, die ich mitgebracht hatte. Der Kaufvertrag. Der Grundriss. Ein Foto von dem Balkon, aufgenommen am Tag des Notartermins.

Meine Mutter sah die Blätter, und ich bemerkte, wie ihr Blick über die Unterschrift strich. Meine Unterschrift. „Tim Petersen“ in Kugelschreiber, fest geschrieben.

„Hundertzwölftausend haben wir dafür bezahlt“, sagte ich. „Für die Wohnung. Nicht für ein Knie. Für unser Leben. Und ich bereue es nicht. Nicht einen einzigen Cent. Und wenn du jetzt von mir verlangst, dass ich das bereue, dann hast du dich geirrt.“

Sie schob die Blätter über den Tisch zurück. Ihre Hand zitterte. Aber es war nicht das Zittern einer Kranken. Es war das Zittern von jemandem, der zum ersten Mal sieht, dass der Ausgang zugemauert ist.

„Ich wollte nie, dass du dich für mich aufgibst“, sagte sie.

„Doch. Und ich habe es getan. Acht Jahre lang. Aber jetzt nicht mehr.“

Wir saßen noch eine Weile. Der Kuchen wurde alle, und durch die offene Balkontür kam der Geruch von frisch gemähtem Rasen aus dem Park gegenüber. Als ich aufstand, um zu gehen, stand sie auch auf. Sie gab mir nicht die Hand. Sie legte mir kurz die Hand an die Wange, wie sie es als Kind getan hatte, wenn ich Fieber hatte.

„Pass auf dich auf, Tim.“

„Du auch, Mama.“

Dann ging ich. Die Haustür fiel hinter mir zu, leise diesmal, ohne Vorwurf.

Es ist jetzt September. Die Kastanie auf dem Innenhof trägt erste braune Flecken. Nele sitzt auf dem Balkon und gießt die Kräuter, die sie im Frühling gepflanzt hat. Ich stehe am Fenster und sehe ihr zu. Unter dem Sessel liegt eine Wolldecke, die meine Mutter uns geschickt hat. Häkeln, sagt Nele, das sei gehäkelt, nicht gestrickt. Eine Decke in Grau und Senfgelb, mit einem Rand aus kleinen Zacken. Für die neuen Stühle, stand auf der Karte.

Ich weiß nicht, ob das ein Friedensangebot war. Ich weiß nicht, ob es wieder ein Köder ist, der mich weich machen soll, damit ich beim nächsten Anruf doch wieder zahle. Ich weiß nur, dass ich die Decke nicht zurückgeschickt habe. Sie liegt da, zusammengelegt, und manchmal, wenn es abends kühl wird, legt Nele sie sich über die Beine.

Und ich denke an den Satz, den der Makler gesagt hat, damals, im November, als wir uns die Wohnung ansahen: „Für das Objekt müssen Sie schnell sein.“ Wir waren schnell. Und ich bin nicht sicher, ob ich es bereuen würde, wenn ich es nicht gewesen wäre. Aber ich bin sicher, dass es die beste Entscheidung war, die ich seit Jahren getroffen habe.

Vor ein paar Tagen rief meine Mutter wieder an. Sie fragte, ob wir zu Weihnachten kommen. Es gäbe diesmal Truthahn, mit Äpfeln und Zwiebeln gefüllt, wie bei ihrem Vater.

Ich sagte: „Ich rede mit Nele. Aber wenn wir kommen, bringen wir den Kuchen mit.“

„Kuchen?“, fragte sie. „Welchen Kuchen?“

„Mandelkuchen“, sagte ich. „Von dem, den du immer backst. Wir backen ihn zusammen nach deinem Rezept. Das ist doch dasselbe, oder?“

Da war eine Pause. Dann lachte sie leise. Es war das erste Mal, dass ich dieses Lachen hörte, seit ich denken kann: kein Spiel, kein Appell, kein Messer. Nur ein Lachen.

„Ja, Junge“, sagte sie. „Das ist dasselbe. Nur besser.“

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Uniad
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