# Der letzte Abend am Meer

Ich habe diese Woche nicht geplant. Es ist einfach passiert.

Sie saß am Fenster im Strandcafé in Binz, die Sonne ging hinter der Seebrücke unter, und sie sah aus wie jemand, der seit Jahren vergessen hat, dass er atmen kann. Ich bin nicht der Typ, der fremde Frauen anspricht — wirklich nicht. Aber an dem Abend hatte ich das Gefühl: Wenn ich jetzt nicht hingehe, werde ich mich mein Leben lang fragen, warum.

„Ist der Stuhl noch frei?“

Sie lächelte. Nicht höflich, sondern so, als hätte sie gerade etwas wiedergefunden, das sie lange gesucht hatte.

Ich wusste sofort, dass sie älter war. Siebenundvierzig, sagte sie später, als wir am Wasser saßen und die ersten Sterne über der Ostsee auftauchten. Ich bin neunundzwanzig. Sie dachte, das wäre ein Problem. Für mich war es keins.

„Ich bin verheiratet“, sagte sie gleich. „Und ich mache keine Versprechungen.“

„Ich auch nicht“, antwortete ich. „Ich will nur diese paar Tage. Keine Zukunft, keine Verpflichtungen, keine Illusionen.“

Das war gelogen. Von Anfang an.

Die Woche war perfekt. Wir liefen nachts barfuß durch den feuchten Sand, standen im warmen Wasser, bis die Knie taub wurden, redeten über nichts und lachten über alles. Sie erzählte mir von ihrem Mann — einem Geschäftsmann aus Potsdam, der seit zwanzig Jahren jeden Abend um halb acht nach Hause kommt und sie nicht mehr ansieht. Ich hielt ihre Hand so fest, dass meine Knöchel weiß wurden.

Einmal, am dritten Abend, fragte sie beiläufig, wie ich meinen Sommer verbringe, wenn ich nicht gerade fremde Frauen im Strandcafé anspreche. Ich erzählte ihr von der Werkstatt, ein bisschen zu genau für jemanden, der angeblich nur ein paar Tage ohne Vergangenheit wollte. Sie hörte zu, nickte, sagte nichts weiter dazu. Erst viel später verstand ich, dass sie sich Dinge merkte, die ich für unwichtig hielt.

Am letzten Morgen sagte sie: „Das war schön. Aber jetzt fahre ich heim. Und du vergisst mich.“

Ich sagte nichts. Ich nahm nur ihre Handynummer, als sie kurz auf der Toilette war. Das Display war offen, das Telefon lag neben ihrer Kaffeetasse.

Sie bemerkte es nicht. Oder sie tat nur so.

Der Tag der Abreise war grau. Ich stand am Bahnhof in Binz und sah ihr nach, wie sie in den Regionalexpress nach Berlin stieg. Sie drehte sich nicht um. Ich war sicher, sie würde es tun. Sie war die Sorte Frau, die sich nicht umdreht.

Vier Monate lang habe ich gewartet. Dann hatte ich, was ich brauchte.

Jetzt stehe ich vor ihrem Haus in Babelsberg, ein Reihenhaus mit Satteldach und einer Thuja-Hecke, die zu hoch gewachsen ist. Es ist kurz nach sieben. Durch das Küchenfenster sehe ich Licht. Ich drücke die Klingel.

Sie öffnet in einem grauen Wollpullover, die Haare hochgesteckt. Sie wird blass, als sie mich sieht.

„Was machst du hier?“

„Dein Mann hat übrigens einen schönen Namen. Uwe. Klingt solide.“

Sie begreift noch nicht.

„Ich habe seine Nummer“, sage ich. „Ich habe deine Nachrichten. Und ich habe Fotos von uns beiden am Strand, gesichert in der Cloud. Soll ich ihm zeigen, wie du mit neunundzwanzig lachst? Oder willst du mir lieber zuhören?“

Sie sagt nichts. Hinter ihr läuft ein Wasserhahn. Irgendwo im Haus klappert eine Tür.

„Ich will keine Scheidung erzwingen“, sage ich. „Ich will nur, dass du mir hilfst. Ich habe Schulden. Fünfzehntausend Euro. Eine Autowerkstatt in Potsdam, die ich übernommen habe, und der Vorbesitzer hat mir einen Haufen versteckter Mängel gelassen. Wenn ich die Summe bis Ende des Monats nicht habe, bin ich alles los. Und dann brauche ich auch keine Zukunft mehr.“

Sie stützt sich mit einer Hand am Türrahmen ab. Ich sehe, wie ihre Finger das Holz umklammern.

„Du warst das nicht“, sagt sie leise. „Der Mann am Meer war nicht du.“

„Doch“, sage ich. „Der war ich. Und der hier bin ich auch.“

Sie dreht sich um, geht in die Küche. Ich folge ihr ungebeten. Auf dem Tisch liegt eine Zeitung aufgeschlagen, die Überschrift über dem Artikel handelt von neuen Bauvorschriften in Brandenburg. Daneben steht eine halb ausgetrunkene Tasse Tee. Der Beutel hängt noch am Faden.

„Weißt du, was komisch ist?“, sage ich. „Du hast mir von deinem Mann erzählt, als wäre er ein Fremder. Aber du hast nie gefragt, was ich beruflich mache. Ob ich überhaupt eine Werkstatt habe. Ob das alles stimmt, was ich dir gerade sage.“

Sie hebt den Kopf.

„Stimmt es?“

„Die Werkstatt ist echt“, sage ich. „Die Schulden auch. Der Rest ist mir egal.“

Ein Moment vergeht. Draußen fährt ein Wagen vorbei, die Scheinwerfer streifen die Wand.

„Ich habe keine fünfzehntausend“, sagt sie.

„Dann nimm sie von deinem Mann. Oder verkaufe Schmuck. Ich habe in deinem Schlafzimmer gesehen, was du an der Hand trägst, wenn du ausgehst. Der Ring hat bestimmt eine Geschichte.“

Sie schüttelt den Kopf. „Der Ring gehört meiner Mutter. Und du kommst mir mit einem Telefon voller Fotos, als wäre das eine Waffe. Ich habe auch etwas, das du nicht kennst. Uwe hat ein Testament. Und ich bin nicht die Einzige, die drinsteht.“

Ich lache. „Willst du mir jetzt mit Erbschaft kommen?“

„Ich komme dir mit dem, was du nicht weißt“, sagt sie. „Du hast meine Nummer, meine Fotos, meine Woche. Aber ich habe seine Kontovollmacht. Und die läuft über mich.“

Ich starre sie an. Das hatte ich nicht auf dem Schirm.

„Ich habe in den letzten zwanzig Jahren jeden Cent mit ihm zusammengelegt“, sagt sie ruhig. „Er weiß es. Er vertraut mir. Wenn du ihm die Fotos schickst, lasse ich dich auffliegen — aber nicht wegen der Fotos. Sondern wegen versuchter Erpressung. Ich habe deine Nachrichten, deine Anrufe. Ich habe dein Gesicht gerade auf der Haustürkamera. Und ich habe eine Schwester, die Anwältin ist, in Potsdam, die freut sich über solche Fälle.“

Sie greift in ihre Handtasche, die am Küchenstuhl hängt. Zieht einen dünnen schwarzen Ordner heraus.

„Das ist das Protokoll vom Standesamt“, sagt sie. „Ich habe es vor drei Wochen beantragt, nachdem du mir am Bahnhof zu genau erklärt hast, wie deine Werkstatt läuft, obwohl ich nie danach gefragt hatte. Da wusste ich, dass an dir etwas nicht stimmt. Du warst nie verheiratet, oder? Du wolltest nur wissen, ob mein Mann mich betrügt. Ich habe den Namen von deinem Postfach. Ich habe die Workshops gefunden, die du besucht hast. Ich habe sogar den Surfkurs in Binz gefunden, den du im Sommer davor gemacht hast. Und weißt du, was da im Register steht? Wohnsitz: Bornstedt. Fahrzeug: ein roter Opel Corsa, Baujahr 2014. Beruf: Kellner im Palmenhaus, Teilzeit. Schulden: null. Aber du hast mir nichts davon erzählt, weil du nie die Wahrheit wolltest. Du wolltest Druckmittel.“

Ich stehe da, die Hand noch am Telefon.

„Du rufst jetzt deinen Schwager an“, sage ich. „Oder was auch immer du vorhast. Aber an die Fotos kommst du sowieso nicht ran. Die liegen in der Cloud, nicht nur auf dem Gerät.“

Sie sieht mich an, als würde sie gleich lachen. „Ich weiß. Deshalb habe ich sie schon gelöscht — aus der Cloud, nicht vom Telefon.“

Sie hebt mein Telefon vom Küchentisch, wo ich es beim Reinkommen abgelegt hatte, und hält mir das Display entgegen. Der Papierkorb ist leer.

„Dein Passwort“, sagt sie, „habe ich am Bahnhof in Binz gesehen. Du hast dich mit dem WLAN verbunden, als du auf meinen Zug gewartet hast — ich stand hinter dir in der Schlange am Kiosk und habe zugesehen, wie du es eingegeben hast. Ich habe es fotografiert, nicht auswendig gelernt. Man weiß nie, wozu man so etwas braucht.“

„Ich habe dich nicht erpresst“, sage ich. „Ich habe dir nur gesagt, was passiert.“

„Und ich sage dir, was jetzt passiert“, antwortet sie. „Du gehst zur Polizei in Potsdam, wenn du willst. Ich gehe zur Bank und lasse die Vollmacht ändern. Und dann lasse ich meinen Anwalt eine Schutzverfügung beantragen. Wegen Belästigung.“

Sie schiebt den schwarzen Ordner über den Tisch. Ich sehe ihren Namen, die Adresse, darunter den Stempel des Amtsgerichts.

„Da ist noch etwas“, sagt sie. „Mein Mann ist nicht zu Hause. Er ist seit drei Tagen in Warnemünde. Bei seiner Freundin. Die wohnt in einem Wohnwagen auf einem Campingplatz. Sie hat einen kleinen Dackel, der auf den Namen Waldemar hört. Uwe sitzt abends mit ihr am Lagerfeuer und trinkt Rotwein aus Plastikbechern. Und ich weiß das schon seit Monaten. Ich habe es nur nicht gebraucht.“

Ich schweige.

„Du hättest es einfacher haben können“, sagt sie. „Du hättest mich anrufen können. Wir hätten uns in Berlin treffen können, ein Wochenende, ein Hotel. Ich hätte dir die fünfzehntausend gegeben, wenn du gefragt hättest. Ich hätte dir sogar die Werkstatt saniert, mit Uwes Geld, das ich verwalte. Aber du wolltest mich erpressen.“

Sie steht auf, geht zur Küchenschublade, zieht ein Stück Papier heraus, einen Kugelschreiber. Schreibt etwas. Reicht es mir.

„Das ist die Nummer meiner Schwester. Ruf an, wenn du einen Anwalt brauchst.“

Ich nehme den Zettel. Meine Finger zittern so, dass ich ihn beinahe fallen lasse.

„Und jetzt nimm deine Sachen und geh“, sagt sie. „Wenn du noch einmal an der Tür klingelst, ist die Polizei da, bevor du die Hand wegnimmst.“

Ich will etwas sagen, aber sie ist schon im Flur. Als ich aufstehe, sehe ich mein Telefon auf dem Tisch liegen, das Display dunkel. Die Uhr, kurz aufleuchtend, zeigt 19:14.

Ich gehe zur Tür. Sie hält sie auf. Ihr Gesicht ist ruhig, als hätte sie gerade einen unangenehmen Handwerker verabschiedet.

„Warum?“, frage ich.

Sie zuckt mit den Schultern. „Weil ich es kann.“

Dann schließt sie die Tür. Ich höre, wie der Schlüssel sich zweimal dreht.

Ich stehe vor dem Reihenhaus. Der rote Opel Corsa steht ein paar Meter weiter. Ich setze mich hinein und fahre los. An der nächsten Kreuzung muss ich anhalten, weil die Ampel rot ist. Im Rückspiegel sehe ich das leere Handy auf dem Beifahrersitz.

Ich habe keine Fotos mehr. Keine Nachrichten. Keine Nummer.

Nur den Zettel mit der Anwaltsnummer.

Ich falte ihn einmal in der Mitte und lege ihn ins Handschuhfach. Dann fahre ich an der Ampel los, Richtung Potsdam, ohne zu wissen, ob ich dort noch eine Wohnung habe.

Der Tank ist fast leer. Die Anzeige leuchtet orange. Ich habe zwölf Euro im Portemonnaie. Bis Babelsberg bin ich gekommen. Jetzt muss ich sehen, wie ich zurückkomme — und was von mir übrig ist, wenn ich ankomme.

Hinter mir hupt ein Wagen. Die Ampel ist wieder rot. Ich habe sie übersehen.

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Uniad
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