— Wo steckst du eigentlich? Meine Familie sitzt hier hungrig herum, und du hältst es nicht einmal für nötig, ans Telefon zu gehen! — brüllte Thomas.
Katrin stand auf einem kleinen Friedhof am Rand von Leipzig. In der einen Hand hielt sie einen Strauß weißer Chrysanthemen, in der anderen das Handy. Kalter Novemberwind fuhr ihr unter den Mantel und trieb feuchte Blätter über den Kiesweg.
Vor ihr lag das Grab ihrer Mutter.
Heute waren es genau drei Jahre.
Drei Jahre, seit sie zuletzt an diesem Bett gesessen und die schmale, beinahe durchsichtige Hand ihrer Mutter gehalten hatte. Drei Jahre, seit diese ihr mit schwacher Stimme etwas gesagt hatte, das Katrin damals nicht hatte verstehen wollen.
— Mach dich nicht so klein, dass am Ende niemand mehr sieht, dass du überhaupt da bist.
Thomas hatte den Jahrestag vergessen.
Am Morgen hatte er die Blumen auf dem Küchentisch gesehen. Auch die Grabkerze neben ihrer Handtasche. Trotzdem hatte er nicht gefragt, wohin sie wollte.
Er hatte nur gesagt:
— Sei spätestens um eins zurück. Meine Mutter kommt mit Sabine und den Kindern.
Jetzt schrie er ins Telefon, als hätte Katrin ihn in einer Notlage zurückgelassen.
— Hörst du mir überhaupt zu? — fuhr er fort. — Mutter ist stinksauer. Sabine hat die ganze Familie mitgebracht, und hier ist nichts vorbereitet. Kein Braten, kein Kuchen, nicht mal der Tisch ist gedeckt!
Katrin sah auf das Foto ihrer Mutter, das in den dunklen Stein eingelassen war.
Darauf lächelte sie.
In Katrins Erinnerung hatte sie jedoch selten gelächelt. Meistens war sie müde gewesen. Sie hatte gekocht, gewaschen, gepflegt, getröstet und jedem das Gefühl gegeben, wichtiger zu sein als sie selbst.
Katrin hatte lange geglaubt, das sei Liebe.
— Im Kühlschrank sind Kartoffeln, Eier und Gemüse — sagte sie ruhig. — Im Gefrierfach liegt eine Packung Würstchen.
— Und?
— Mach euch etwas zu essen.
Am anderen Ende wurde es still.
So still, dass Katrin für einen Moment dachte, die Verbindung sei abgebrochen.
— Was hast du gerade gesagt?
— Dass du kochen kannst.
— Katrin, hör auf mit dem Unsinn und komm sofort nach Hause.
Ihre Finger zitterten.
Fünfzehn Jahre lang hatte sie auf diesen Ton reagiert. Sie hatte Termine abgebrochen, Freundinnen versetzt, Überstunden verschoben und sogar Arztbesuche abgesagt, wenn Thomas etwas brauchte.
Nicht, weil er sie körperlich dazu zwang.
Sondern weil nach jedem Nein Vorwürfe kamen.
Schweigen.
Enttäuschung.
Sätze wie: „Früher warst du nicht so egoistisch.“
— Ich komme heute Abend — sagte sie.
— Heute Abend? Bist du völlig verrückt geworden?
Katrin blickte auf die nassen Chrysanthemen.
— Nein. Ich glaube, ich war lange genug nicht bei mir.
Thomas legte auf.
Sie hielt das Telefon noch einige Sekunden ans Ohr.
Dann senkte sie langsam die Hand.
Sofort meldete sich das schlechte Gewissen. Leise, vertraut und geübt.
Du übertreibst.
Es ist doch nur ein Essen.
Seine Mutter ist nicht mehr die Jüngste.
Du hättest dich besser organisieren können.
Katrin schloss die Augen.
Es war nie nur ein Essen gewesen.
Es waren Geburtstage, die sie ausgerichtet hatte, obwohl sie krank war. Weihnachten, an denen alle saßen und sie zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her lief. Sonntage, die nie ihr gehört hatten. Jahre, in denen jeder wusste, was Thomas brauchte, aber niemand fragte, was Katrin fehlte.
Sie kniete sich hin, legte die Blumen auf das Grab und strich über den kalten Stein.
— Mama — flüsterte sie — ich glaube, heute mache ich mich zum ersten Mal wieder größer.
Der Morgen hatte wie fast jeder Samstag begonnen.
Katrin war kurz nach sechs aufgestanden. Sie hatte Kaffee gekocht, Brötchen aufgebacken, Eier gekocht und die Spülmaschine ausgeräumt.
Thomas kam erst gegen halb acht in die Küche. Er trug eine Jogginghose, sah auf sein Handy und setzte sich an den gedeckten Tisch.
— Wo ist die Butter?
— Im Kühlschrank.
— Warum steht sie nicht hier?
Katrin sah ihn an.
Thomas war zweiundfünfzig. Er leitete eine Versicherungsagentur, verhandelte Verträge und erklärte seinen Mitarbeitern täglich, wie wichtig Eigenverantwortung sei.
Zu Hause konnte er offenbar keinen Kühlschrank öffnen.
— Du kannst sie holen — sagte sie.
Er hob den Blick.
— Was ist denn mit dir los?
— Nichts.
— Du bist seit Tagen komisch.
— Ich bin müde.
Thomas nahm einen Schluck Kaffee.
— Wir sind alle müde.
Damit war das Thema für ihn erledigt.
Wenige Minuten später klingelte das Telefon.
Seine Mutter.
Hannelore bat nie um etwas. Sie kündigte es an.
— Katrinchen, wir sind gegen eins da — sagte sie. — Sabine kommt mit den Kindern, und vielleicht schaut Onkel Rolf vorbei. Mach doch den Sauerbraten, den Thomas so mag. Und den Apfelkuchen mit Streuseln.
Katrin drückte das Handy fester ans Ohr.
— Heute ist der Todestag meiner Mutter. Ich fahre zum Friedhof.
— Ja, natürlich, das weiß ich doch. Aber du wirst ja nicht den ganzen Tag dort bleiben. Fahr am Vormittag hin, stell die Blumen ab und komm zurück.
Stell die Blumen ab.
Als wäre Trauer eine Besorgung.
Wie Altglas wegbringen oder ein Rezept aus der Apotheke holen.
— Ich weiß nicht, wann ich zurück bin.
Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.
— Wie meinst du das?
— Genauso, wie ich es sage.
— Aber wir kommen zum Mittagessen.
— Dann kann Thomas etwas vorbereiten.
Hannelore lachte kurz und trocken.
— Thomas? Der arbeitet doch die ganze Woche. Am Wochenende muss er sich auch einmal erholen.
Katrin sah zu ihrem Mann.
Auch sie arbeitete. Dreißig Stunden in einer Steuerkanzlei. Danach erledigte sie den Haushalt, kümmerte sich um Rechnungen, Einkäufe, Arzttermine und Familienfeiern.
Doch ihre Arbeit zählte offenbar nur, solange noch Zeit für alles andere blieb.
— Ich arbeite ebenfalls — sagte sie.
— Natürlich, Liebes. Aber du kannst das eben besser. Nun mach daraus keine Grundsatzfrage. Wir sind um eins da.
Hannelore beendete das Gespräch.
Thomas legte sein Handy auf den Tisch.
— Was hast du meiner Mutter erzählt?
— Dass ich heute nicht koche.
Er starrte sie an.
— Jetzt fang nicht wieder an.
— Womit?
— Mit dieser Opfernummer.
Katrin spürte einen scharfen Schmerz in der Brust.
— Heute ist der Jahrestag von Mamas Tod.
Thomas zögerte.
Nur einen Augenblick.
Aber dieser Augenblick genügte.
Er hatte es vergessen.
— Das weiß ich doch — sagte er hastig. — Trotzdem musst du nicht stundenlang auf dem Friedhof sitzen.
Katrin stand auf.
— Wo willst du hin?
— Mich anziehen.
— Und das Essen?
— Darum kannst du dich kümmern.
Thomas lachte ungläubig.
— Sehr witzig.
Katrin ging ins Schlafzimmer.
Ihr Körper wollte zurück in die Küche. Fleisch aus dem Kühlschrank nehmen. Gemüse schneiden. Kuchen backen. Alles erledigen, bevor jemand unzufrieden wurde.
Stattdessen zog sie ihren Mantel an, nahm die Blumen und verließ die Wohnung.
In der Straßenbahn saß sie am Fenster und sah die nassen Häuserfronten vorbeiziehen.
Sie dachte an den Anfang ihrer Ehe.
Thomas war damals charmant gewesen. Selbstbewusst, aufmerksam, zuverlässig. Er hatte sie nach der Arbeit abgeholt, ihr Blumen mitgebracht und gesagt:
— Bei mir musst du dich um nichts sorgen.
Katrin hatte darin Geborgenheit gehört.
Später verstand sie, dass Thomas etwas anderes gemeint hatte.
Er wollte entscheiden.
Zuerst nur über Kleinigkeiten.
Welches Auto sie kauften.
Wo sie Weihnachten verbrachten.
Welche Freunde „wirklich gut für sie“ waren.
Dann kamen größere Dinge.
Als Katrin eine Weiterbildung machen wollte, sagte er:
— Wozu? Du hast doch einen sicheren Job.
Als ihr eine Vollzeitstelle angeboten wurde, meinte er:
— Dann bleibt alles zu Hause an mir hängen.
Als sie mit einer Freundin ein Wochenende nach Dresden fahren wollte, fragte er:
— Und was soll ich hier allein machen?
Katrin hatte abgesagt.
Nicht nur einmal.
Mit der Zeit begann sie, sich selbst abzusagen.
Sie lehnte Einladungen ab, bevor Thomas etwas sagen konnte. Sie kaufte Dinge nicht, die ihr gefielen. Sie plante ihren Tag um seine Gewohnheiten herum.
Es gab keinen einzigen großen Moment, in dem sie ihr Leben verlor.
Es geschah in kleinen Portionen.
Ein Abend.
Eine Entscheidung.
Eine Reise.
Ein Wunsch.
Ein Stück nach dem anderen.
Auf dem Friedhof blieb Katrin fast drei Stunden.
Sie säuberte die Grabplatte, stellte eine neue Kerze auf und setzte sich auf eine Bank unter einer alten Linde.
Sie erzählte ihrer Mutter leise von Dingen, die sie niemandem gesagt hatte.
Dass sie sich manchmal nur dann wertvoll fühlte, wenn sie gebraucht wurde.
Dass sie nicht mehr wusste, was sie gern tat.
Dass sie Angst vor dem Alleinsein hatte.
Dass sie trotzdem noch größere Angst davor hatte, genauso zu enden wie ihre Mutter: erschöpft, still und immer dankbar für viel zu wenig.
Das Handy vibrierte ununterbrochen in ihrer Tasche.
Thomas.
Hannelore.
Sabine.
Wieder Thomas.
Katrin stellte es lautlos.
Am frühen Nachmittag verließ sie den Friedhof und ging in ein kleines Café in der Nähe.
Sie bestellte Kartoffelsuppe und ein Stück Käsekuchen.
Als die Bedienung den Teller vor sie stellte, merkte Katrin, wie ungewohnt es war, sitzen zu bleiben.
Zu Hause stand sie beim Essen ständig auf.
Salz holen.
Getränke nachfüllen.
Brot schneiden.
Teller abräumen.
Hier wollte niemand etwas von ihr.
Sie aß langsam.
Danach ging sie in eine Buchhandlung und kaufte ein Notizbuch mit dunkelrotem Einband.
Auf die erste Seite schrieb sie:
„Was will ich?“
Lange blieb die Seite leer.
Dann schrieb sie darunter:
„Einen Tag, an dem niemand über meine Zeit bestimmt.“
Als sie kurz nach sieben nach Hause kam, hörte sie schon im Treppenhaus Stimmen.
Im Wohnzimmer lagen Pizzakartons auf dem Tisch. Auf dem Teppich klebte Tomatensoße. Schmutzige Teller stapelten sich in der Küche.
Hannelore saß mit verschränkten Armen auf dem Sofa. Sabine zog ihrem jüngsten Sohn die Jacke an. Thomas stand am Fenster.
— Da bist du ja endlich — sagte er.
Katrin zog den Mantel aus.
— Guten Abend.
Hannelore schnaubte.
— Guten Abend? Nach diesem Auftritt?
— Welchem Auftritt?
— Du hast uns ohne Essen sitzen lassen.
Katrin blickte auf die leeren Kartons.
— Offenbar habt ihr eine Lösung gefunden.
Thomas machte einen Schritt auf sie zu.
— Darum geht es nicht.
— Worum dann?
— Um Respekt.
Katrin nickte langsam.
— Gut. Dann reden wir über Respekt.
Hannelore richtete sich auf.
— Ich habe dich immer wie eine Tochter behandelt.
Katrin sah sie an.
— Nein. Sie haben mich wie jemanden behandelt, der immer verfügbar ist.
— Das ist unverschämt.
— Wer hat Sie nach Ihrer Hüftoperation jeden zweiten Tag zur Physiotherapie gefahren? Wer hat Ihren siebzigsten Geburtstag organisiert? Wer kocht seit fünfzehn Jahren Weihnachten für zwölf Personen? Wer betreut Sabines Kinder, wenn sie kurzfristig arbeiten muss?
Sabine senkte den Blick.
Hannelores Mund wurde schmal.
— Niemand hat dich gezwungen.
Der Satz traf Katrin hart.
Weil er zum Teil stimmte.
Niemand hatte sie festgehalten.
Sie hatten ihr nur beigebracht, dass ein Nein sie zu einem schlechten Menschen machte.
— Sie haben recht — sagte Katrin. — Ich habe es zugelassen. Aber ab heute tue ich das nicht mehr.
Thomas lachte abfällig.
— Und was soll das jetzt heißen?
— Dass ich nicht mehr für alle verantwortlich bin.
— Wir sind eine Familie.
— In einer Familie tragen mehrere Menschen Verantwortung. Hier trage ich sie allein.
Sabine griff nach ihrer Tasche.
— Das ist doch lächerlich. Wegen eines Mittagessens so ein Theater.
Katrin drehte sich zu ihr.
— Es geht nicht um dieses eine Mittagessen.
— Sondern?
— Um jedes Mittagessen davor. Um jeden Feiertag. Um jeden Termin. Um jeden Moment, in dem mein Leben weniger wichtig war, weil es für euch bequemer so war.
Hannelore stand auf.
— Ich höre mir das nicht länger an.
Früher hätte Katrin sie zurückgehalten.
Sie hätte sich entschuldigt, Tee angeboten und versucht, die Stimmung zu retten.
Diesmal blieb sie stehen.
— Das müssen Sie auch nicht.
Hannelore starrte sie an, als hätte Katrin etwas Unverzeihliches getan.
Dann verließ sie die Wohnung. Sabine folgte ihr mit den Kindern.
Die Tür fiel ins Schloss.
Thomas und Katrin blieben allein zurück.
— Bist du jetzt zufrieden? — fragte er. — Du hast meine Mutter gedemütigt.
— Deine Mutter musste Pizza bestellen.
— Du weißt genau, was ich meine.
— Nein. Ich weiß nur, dass niemand von euch fragt, wie es mir geht.
Thomas verdrehte die Augen.
— Nicht schon wieder.
Katrin sah ihn lange an.
— Was ist mein Lieblingsbuch?
— Was?
— Wo wollte ich zu meinem fünfzigsten Geburtstag hinfahren?
— Was hat das damit zu tun?
— Warum habe ich aufgehört zu malen? Wovor hatte ich nach dem Tod meiner Mutter am meisten Angst? Wann hast du mich zuletzt gefragt, ob ich glücklich bin?
Thomas schwieg.
Katrins Augen füllten sich mit Tränen.
— Siehst du? Du kennst mein Funktionieren. Aber du kennst mich nicht.
— Das ist unfair.
— Nein. Unfair ist, fünfzehn Jahre mit jemandem zu leben und zu glauben, ein voller Kühlschrank sei genug.
Thomas wurde rot.
— Ich arbeite für dieses Haus.
— Ich auch.
— Dir hat es doch an nichts gefehlt.
Katrin atmete tief ein.
— Mir hat mein eigenes Leben gefehlt.
Sie ging ins Schlafzimmer und zog einen Koffer aus dem Schrank.
Thomas folgte ihr.
— Was machst du?
Katrin öffnete seine Schublade und begann, Hemden hineinzulegen.
— Deine Sachen.
— Meine Sachen?
— Ich möchte, dass du für ein paar Tage zu deiner Mutter gehst.
— Du wirfst mich raus?
— Ich brauche Abstand.
— Das ist auch meine Wohnung.
— Ich weiß. Wir werden alles klären. Aber heute Nacht kann ich nicht mehr so tun, als sei alles normal.
Thomas starrte sie an.
— Wegen eines verdammten Essens beendest du unsere Ehe?
Katrin schloss den Koffer.
— Nicht wegen dieses Essens. Wegen fünfzehn Jahren, die du darin nicht sehen willst.
Er wurde laut.
Er nannte sie egoistisch, undankbar und hysterisch.
Dann wechselte er den Ton.
Er versprach, künftig mehr zu helfen. Er sagte, er werde kochen lernen. Er werde mit seiner Mutter reden. Sie könnten eine Paartherapie machen.
Katrin hörte zu.
Jeder Satz tat weh.
Sie hatten gemeinsame Reisen, Möbel, Fotos, Gewohnheiten und Erinnerungen. Man schaltete fünfzehn Jahre nicht einfach aus.
— Ich liebe dich — sagte Thomas schließlich.
Katrin sah ihn an.
— Du liebst mich, solange ich alles auffange.
— Das stimmt nicht.
— Wer bin ich, wenn ich nicht koche, organisiere, putze und Probleme löse?
Thomas öffnete den Mund.
Dann schloss er ihn wieder.
Er nahm den Koffer und ging.
Die erste Nacht war beinahe unerträglich.
Katrin saß bis drei Uhr morgens am Küchentisch. Die Wohnung war still, aber in ihrem Kopf redeten alle weiter.
Eine gute Frau hält die Familie zusammen.
Man wirft keine Ehe weg.
Alle Männer sind so.
Alleinsein ist schlimmer.
Am Morgen öffnete sie das rote Notizbuch.
Unter den ersten Satz schrieb sie:
„Ich will Ruhe.“
Dann:
„Ich will wieder malen.“
Und schließlich:
„Ich will nicht mehr um Erlaubnis bitten, wenn ich mich selbst wichtig nehme.“
Thomas rief jeden Tag an.
Zuerst wütend.
Dann spöttisch.
Später verzweifelt.
Er brachte Blumen und schlug eine Paartherapie vor. Katrin stimmte zu, nicht weil sie Angst vor einer Trennung hatte, sondern weil sie wissen wollte, ob es noch etwas zu retten gab.
In einer Sitzung fragte die Therapeutin Thomas:
— Was glauben Sie, was Ihre Frau in dieser Ehe verloren hat?
Er dachte lange nach.
— Vielleicht hat sie sich zu wenig wertgeschätzt gefühlt.
Katrin senkte den Blick.
Da verstand sie, dass er es noch immer nicht begriff.
Sie wollte keinen Dank dafür, alles allein getragen zu haben.
Sie wollte, dass er seinen Teil trug.
— Es geht nicht darum, dass du öfter Danke sagst — erklärte sie später. — Es geht darum, dass du glaubst, all diese Aufgaben seien von Anfang an meine gewesen.
Thomas schwieg.
— Ich kann mich ändern.
— Vielleicht. Aber ich kann nicht noch einmal Jahre warten und hoffen.
Ein halbes Jahr später reichten sie die Scheidung ein.
Es gab keine dramatische Szene.
Keine zerschlagenen Teller.
Keine letzten großen Worte.
Nur Formulare, Unterschriften und die stille Erkenntnis, dass sie in derselben Wohnung zwei völlig verschiedene Ehen geführt hatten.
Thomas hatte geglaubt, alles sei in Ordnung.
Katrin hatte jeden Tag ein Stück von sich verloren.
Sie zog in eine kleinere Wohnung in Plagwitz.
Die Küche war schmal, das Bad alt und der Balkon zeigte auf einen Innenhof. Trotzdem öffnete Katrin am ersten Abend alle Fenster und hatte das Gefühl, endlich wieder Luft zu bekommen.
Sie kaufte einen gelben Sessel, obwohl Thomas kräftige Farben immer geschmacklos gefunden hatte.
Sie stellte eine Staffelei ans Fenster.
Am Anfang konnte sie kaum malen. Ihre Hände waren unsicher, und jedes Bild erschien ihr misslungen.
Doch sie machte weiter.
Das erste Bild, das sie wirklich mochte, zeigte eine ältere Frau allein in einem Café. Vor ihr stand ein großes Stück Torte, und sie las ein Buch.
Katrin nannte das Bild „Ohne Erlaubnis“.
Ein kleines Kulturzentrum nahm es in eine Ausstellung auf.
Ein Jahr nach jenem Sonntag fuhr Katrin wieder zum Friedhof.
Diesmal brachte sie gelbe Chrysanthemen und eine kleine Fotografie ihres Bildes mit.
Sie stellte sie neben die Grabkerze.
— Mama — sagte sie leise — du hattest recht. Ich war so klein geworden, dass ich mich selbst kaum noch sehen konnte.
Sie setzte sich auf die Bank.
Ihr Telefon vibrierte.
Eine Nachricht von Thomas.
„Ich habe heute an deine Mutter gedacht. Ich hoffe, es geht dir gut.“
Katrin las die Worte zweimal.
Sie verspürte keine Wut.
Auch keine Sehnsucht.
Nur eine stille Traurigkeit darüber, dass manche Menschen erst dann hinsehen, wenn niemand mehr neben ihnen steht.
Sie schrieb:
„Mir geht es gut. Ich hoffe, dir auch.“
Dann steckte sie das Handy weg.
Am Friedhofstor wartete Miriam aus ihrem Malkurs mit zwei Bechern Kaffee. Sie wollten gemeinsam nach Weimar fahren und eine Ausstellung besuchen.
Katrin stand auf und berührte noch einmal den kalten Stein.
— Es ist nicht immer leicht — flüsterte sie. — Aber es ist endlich mein Leben.
Als sie zum Ausgang ging, brach die Sonne durch die Wolken. Das Licht spiegelte sich auf den nassen Wegen und ließ die Blätter golden glänzen.
Jahrelang hatte Katrin geglaubt, ein Nein zerstöre eine Familie.
Heute wusste sie, dass eine Familie viel früher zerbrechen kann — dann, wenn ein Mensch leben darf und der andere nur dafür zuständig ist, dieses Leben bequem zu machen.
An jenem Tag hatte sie keine hungrigen Gäste im Stich gelassen.
Sie hatte aufgehört, sich selbst verhungern zu lassen.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren ging Katrin nicht nach Hause, weil jemand dort auf sie wartete.
Sie ging, weil draußen ein Leben auf sie wartete, in dem sie nicht mehr unsichtbar war.
