Die Kreide war noch nicht einmal trocken, als die Welt um mich herum für einen Moment vollkommen stillstand.
Es war ein Samstagnachmittag im Juli, die Hitze flimmerte über dem Asphalt des Münchner Viktualienmarkts. Touristen drängten sich an den Ständen vorbei, Kinder jagten Tauben, irgendwo spielte ein Straßenmusiker „Hallelujah“ auf einer verbeulten Gitarre. Normales Großstadtleben, an dem ich als junger Polizeihauptmeister eigentlich gar nicht hätte sein sollen. Ich war auf dem Weg zu meiner Schwester Clara, die mich zum Kaffee eingeladen hatte. Ihr Adoptivkind, die kleine Lena, war seit ein paar Wochen bei ihr, und ich hatte versprochen, endlich mal vorbeizukommen.
Da sah ich sie. Lena, sieben Jahre alt, hockte mitten auf dem Gehweg vor dem Maypole. In der einen Hand ein Stück weiße Kreide, in der anderen ein Stück blaue. Sie malte mit einer Ernsthaftigkeit, die mich frösteln ließ, obwohl die Sonne brannte. Clara stand ein paar Meter entfernt an einem Blumenstand und unterhielt sich mit einer Verkäuferin, sie hatte keine Ahnung, was ihr Kind da auf den Bürgersteig zeichnete.
„Hey, Lena, was wird das denn?“, fragte ich und ging in die Hocke. Sie antwortete nicht, blickte nicht einmal auf. Ihre kleinen Finger bewegten sich präzise, fast feierlich, als würde sie einer Anweisung folgen, die nur sie hören konnte. Ich schaute auf das Bild und schluckte.
Es war ein Mensch. Ein Mann, zusammengekrümmt auf dem Boden liegend. Um den Hals eine Kette – ein dünner Strich mit einem baumelnden Anhänger, den Lena als winziges Dreieck gezeichnet hatte. Aus seinem Kopf ragte etwas, das wie ein langer, spitzer Schatten aussah, und auf seiner Brust klebten zwei blaue Flecken. Das Ganze war von Kreideblumen umgeben, ein bunter, fröhlicher Kranz, der im grotesken Kontrast zum leblosen Körper in der Mitte stand.
Mir wurde kalt. Ich kannte dieses Bild. Ich hatte es nie mit eigenen Augen gesehen, aber ich kannte es aus einer Akte, die seit einem Jahrzehnt in der Asservatenkammer der Mordkommission verstaubte.
Die Sache mit Tim Martens. Ein neunzehnjähriger Student, der vor fast zehn Jahren auf dem Nachhauseweg spurlos verschwunden war. Einziger Zeuge war ein betrunkener Obdachloser, der ausgesagt hatte, er habe einen jungen Mann gesehen, der von einer Frau in einem weißen Mantel weggeführt wurde. In der Nähe eines Blumenbeets im Englischen Garten. Der Obdachlose war am nächsten Tag gestorben, Leberversagen, und mit ihm starb die einzige Spur. Der Fall war zu den Akten gelegt worden, als cold case, ein offenes Grab in der Kartei.
Aber was kein Mensch außerhalb der Ermittlungsakten wissen konnte, war die Sache mit der Kette. Tims Mutter hatte bei der Vermisstenmeldung ein Foto abgegeben. Darauf trug er eine silberne Kette mit einem Anhänger in Form eines Einhorns. Seine Großmutter hatte sie ihm zur Jugendweihe geschenkt, ein handgefertigtes Einzelstück, das es nur einmal auf der Welt gab. Das war nie an die Presse gegangen, ein typisches Zurückhaltungsdetail, mit dem man falsche Geständnisse entlarvt.
Und hier, auf den staubigen Pflastersteinen, hatte ein siebenjähriges Mädchen, das vor zehn Jahren noch nicht einmal geboren war, dieses Detail mit Kreide festgehalten.
„Lena“, flüsterte ich, und meine Stimme war heiser. „Wer ist der Mann?“
Sie hob endlich den Kopf und sah mich an. Ihre Augen waren das Seltsamste an ihr, schon seit Clara sie aus dem Heim geholt hatte. Tiefblau, aber mit einem Ausdruck, der nicht kindlich war, sondern uralt und wissend.
„Er will nach Hause“, sagte sie einfach. „Aber die Frau in Weiß lässt ihn nicht. Sie sagt, er muss im Blumenbeet schlafen, bis jemand ihn findet. Aber er hat solche Angst. Er will zu seiner Mama, die ihm die Kette geschenkt hat.“
Ich konnte nicht atmen. Um mich herum liefen die Leute, lachten, tranken ihren Eiskaffee. Ein paar Meter entfernt telefonierte jemand mit seinem Chef. Niemand bemerkte, dass hier, auf diesem Gehweg, gerade das Unmögliche geschah.
„Welche Frau, Lena?“, fragte ich und zwang meine Stimme zur Ruhe.
Sie zuckte mit den Achseln. „Die mit dem weißen Mantel. Sie kommt immer, wenn er allein ist, und sagt, er soll keine Angst haben. Aber er hat Angst. Sie hat ein Gesicht wie ein Engel, aber ihre Hände sind rot. Er hat es mir gezeigt, im Traum.“
Clara kam zurück, einen Strauß Sonnenblumen im Arm. Sie sah mein Gesicht und blieb stehen. „Was ist los? Ben, du bist ja weiß wie die Wand.“
Ich konnte nicht antworten. Meine Hand zitterte, als ich auf das Kreidebild zeigte. „Woher kennt Lena die Geschichte? Hast du ihr davon erzählt? Von Tim Martens?“
Clara runzelte die Stirn. „Tim Martens? Der verschwundene Student von damals? Ben, das war vor meiner Zeit in der Stadt, ich weiß doch selbst kaum was darüber. Warum fragst du?“
„Weil deine Tochter gerade den Tatort auf den Boden malt. Mit einem Detail, das nie öffentlich bekannt war.“ Ich zeigte auf das Einhorn. „Diese Kette, Clara. Die gab es nur einmal. Und Lena hat sie gezeichnet, als hätte Tim persönlich für sie Modell gelegen.“
Wir standen da, drei Menschen und ein Kreidebild, als ein Schatten über uns fiel. Eine Frau um die sechzig, mit strengem grauem Knoten und einem langen weißen Leinenmantel, der in der Hitze völlig fehl am Platz wirkte, blieb vor Lenas Bild stehen. Sie war groß, hager, mit einer Perlenkette um den Hals und schwarzen Handschuhen, die sie auch im Sommer nicht ablegte.
„Was für ein hübsches Bild“, sagte sie mit einer Stimme wie zerbrechendes Glas. „Malt das Mädchen öfter?“
Lena hob den Kopf. Und dann geschah das, was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sie lächelte. Kein kindliches Lächeln, sondern ein wissendes, ein fast triumphierendes Lächeln. „Er ist im Blumenbeet hinter der alten Kapelle, Frau Berger. Unter dem großen Rhododendron, wo im April die blauen Blüten blühen. Da haben Sie ihn hingelegt, nachdem das weiße Pulver in seinem Glas war. Er hat geweint, aber Sie haben ihn nicht gehört, weil Sie schon weggingen, mit Ihren schwarzen Handschuhen und dem leeren Versprechen, ihn zur U-Bahn zu bringen.“
Die Frau im weißen Mantel erstarrte. Ihre Hand fuhr zu ihrer Perlenkette, krallte sich hinein. „Was redet das Kind da?“, zischte sie, und ihre kultivierte Fassade bekam Risse wie altes Porzellan. „Das ist ja unerhört. Ist das eine Art Straßentheater? Ein abgekartetes Spiel?“
Aber ich sah, wie ihre Knöchel unter den schwarzen Handschuhen weiß wurden. Und ich hörte, was Lena als Nächstes sagte, und wusste, dass es die Wahrheit war.
„Ihr Name steht in seinem Notizbuch“, sagte Lena ruhig und malte weiter, jetzt ein kleines Kreuz auf die Brust der Figur. „Tim hat Sie geliebt. Sie waren seine Professorin, und Sie haben ihm gesagt, wenn er alles für sich behält, wird er die Karriere machen, von der er träumt. Aber dann wollte er doch reden. Er wollte die Wahrheit sagen über das Medikament, das Sie an den Studenten ausprobiert haben, ohne Genehmigung, ohne Aufklärung der Risiken. Und da haben Sie ihn zum Gespräch in den Biergarten eingeladen, und Sie haben ihm etwas ins Radler getan. Er ist eingeschlafen, und Sie haben ihn in den Park gefahren, in Ihrem silbernen Mercedes, den Sie am nächsten Tag in der Isar versenkt haben, als Beweis, dass Sie selbst einen Unfall hatten und nichts mit seinem Verschwinden zu tun haben konnten. Aber Sie haben vergessen, ihm die Kette abzunehmen, die er unter dem Hemd trug. Die Kette seiner Oma, mit dem Einhorn. Sie wurde nie gefunden, weil sie noch an ihm ist, unter der Erde, im Rhododendronbeet vor der Paulskirche in Schwabing. Da liegt er, und da wartet er, dass ihn endlich jemand nach Hause bringt.“
Die Frau im weißen Mantel taumelte zurück. Sie stieß gegen einen Fahrradständer, ein klirrendes Geräusch, und fing sich gerade noch ab. Ihre Augen, die eben noch eisig und überlegen geblickt hatten, waren jetzt weit aufgerissen und voller blankem Entsetzen. Ein Speichelfaden löste sich aus ihrem Mundwinkel. „Woher weißt du das?“, keuchte sie. „Das kann kein Mensch wissen, das ist unmöglich…“
Und dann beging sie den entscheidenden Fehler. Sie drehte sich um und rannte. Rannte, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her, durch die Menge der Touristen, vorbei an der Frauenkirche, Richtung Parkhaus am Sendlinger Tor.
Ich war Polizist. Mein Instinkt setzte ein, bevor mein Verstand überhaupt verarbeitet hatte, was hier geschah. „Bleib bei Lena!“, rief ich Clara zu und lief los. Die Hand schon am Funkgerät, meldete ich eine flüchtige Person, dringender Tatverdacht, möglicher Zusammenhang mit dem Cold Case Martens. Die Kollegen von der Münchner Kripo reagierten schnell, ich hörte Sirenen in der Ferne, die sich wie ein Netz über die Stadt zusammenzogen.
Aber die Frau, diese Professor Berger, wie Lena sie genannt hatte, war schnell. Sie hatte einen Vorsprung und verschwand im Parkhaus. Ich folgte ihr ins stickige Treppenhaus, die Schritte hallten über mir. Zweiter Stock, dritter. Eine Tür schlug zu. Ich riss sie auf und stand auf der obersten Parkebene, dem offenen, sonnenüberfluteten Betonplateau, wo Möwen kreisten und der Wind den Müll über den Boden trieb.
Sie stand an der Brüstung, den weißen Mantel wie ein Segel im Wind gebläht. Ihre schwarzen Handschuhe hatte sie abgestreift, und an ihren Händen, das sah ich jetzt, hafteten noch immer, nach zehn Jahren, winzige, halbverblasste rote Flecken. Der Rhododendron musste sie beim Verscharren der Leiche zerkratzt haben, und die Narben waren nie ganz verschwunden.
„Bleiben Sie stehen!“, rief ich und zog die Waffe. Meine Hände waren schweißnass. „Machen Sie keinen Unsinn! Es ist vorbei, Frau Berger. Wir haben das Kind gehört. Wir werden die Leiche finden, wo sie gesagt hat. Der Rhododendron vor der Paulskirche. Sie haben keine Chance mehr.“
Sie drehte sich langsam um, und ihr Gesicht war das einer Frau, die zehn Jahre lang auf diesen Moment gewartet hatte. Zehn Jahre, in denen jedes Klopfen an der Tür, jedes unerwartete Telefonat das Ende hätte bedeuten können. „Wie kann ein Kind das wissen?“, flüsterte sie. „Ich habe Tim geliebt. Er war mein bester Student. Aber er wollte mich zerstören, meine Forschung, mein Lebenswerk. Er hat mir keine Wahl gelassen. Ich habe ihm dreimal meinen silbernen Mercedes gezeigt und gesagt, wenn er die Akten vernichtet, gehört der Wagen ihm. Aber er hat nur gelacht…“
Sie sprach von Liebe und Zerstörung, während unten die ersten Streifenwagen quietschend zum Stehen kamen. Ihre Hände krallten sich in den bröckelnden Beton der Mauer. Und dann machte sie eine Bewegung, die alles entschied. Sie trat einen Schritt vor, der Blick fest auf mich gerichtet, die roten Handnarben wie ein blutiges Geständnis in die Luft gereckt. „Ich werde nicht in den Knast gehen für einen überheblichen Jungen, der nicht den Mund halten konnte!“, schrie sie gegen den Wind an.
Der Sprung war genau das: ein Sprung. Aber nicht ins Leere. Sie war zu langsam, zu zittrig, zu alt für die Flucht, die sie plante. Ihr Bein verfing sich an einem Betonpoller, der ihr beim Wenden im Weg stand, und sie stürzte schwer auf den Boden des Parkdecks, nur einen halben Meter vor der Brüstung. Ich war sofort über ihr, riss ihre Arme auf den Rücken und legte die Handschellen an. Sie wehrte sich nicht mehr, lag nur da, wie ein Stück Treibholz, und atmete schwer.
„Sie hätten es nicht verstanden damals“, murmelte sie in den Staub. „Keiner hätte es verstanden.“
Zwanzig Minuten später traf die Spurensicherung an der Paulskirche ein. Ich blieb die ganze Zeit bei Clara und Lena. Das Mädchen saß auf einer Parkbank und aß ein Himbeereis, das ich ihr gekauft hatte. Von der Aufregung keine Spur. Sie wirkte gelöst, leicht, als wäre eine Aufgabe erfüllt, die ihr jemand gestellt hatte.
„Woher wusstest du das alles, Lena?“, fragte ich sie, als die ersten Funksprüche durchkamen: Leiche gefunden, männlich, jugendlich, silberne Kette mit Einhorn-Anhänger um den Halswirbel verschlungen. Genau unter dem großen Rhododendron, der in diesem April so blau geblüht hatte wie auf dem Kreidebild.
Lena leckte ihr Eis und sah mich mit ihren tiefblauen, alten Augen an. „Er hat es mir erzählt“, sagte sie einfach. „Im Traum. Er hat gesagt, wenn ich ihn male, wird ihn seine Mama endlich finden. Ich soll ihn malen, mit seiner Kette, damit sie ihn erkennt. Und jetzt ist er zu Hause, stimmt’s?“
Ich konnte nicht antworten. Clara drückte meine Hand, und ihre Augen waren voller Tränen.
Am nächsten Tag stand in der Zeitung, dass der zehn Jahre alte Fall Martens gelöst sei. Dank eines anonymen Hinweises. Die Professorin wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, gestand aber am Ende alles. Das Einhorn wurde Tims Mutter übergeben, die es an ihrem eigenen Hals trug, als sie in einem kleinen Rahmen am Grabstein befestigt wurde.
Lena hat nie wieder ein solches Bild gemalt. Clara sagt, sie schläft jetzt durch, ohne Albträume, ohne die nächtlichen Besuche, die sie im Heim noch gequält hatten. Der Junge im Blumenbeet ist endlich still, sagen die, die an solche Dinge glauben.
Und manchmal, wenn ich an der Paulskirche vorbeikomme und den Rhododendron blühen sehe, dann frage ich mich, wie viele andere Seelen da draußen noch warten. Darauf, dass ein Kind mit einem Stück Kreide sie endlich nach Hause malt.
