Der rote Kater Moritz verweigerte das Fressen – und brachte eine alte Frau zurück ins Leben

An einem nasskalten Novembermorgen klingelte bei mir in der Praxis das Telefon. Am Apparat war eine Frau, ihre Stimme klang dünn und gehetzt.

„Herr Doktor Hoffmann? Sie machen doch auch Hausbesuche? Mein Kater frisst seit vier Tagen nichts mehr. Er liegt nur noch unterm Sofa und rührt sich nicht. Meine Tochter sagt, ich bilde mir das ein, aber ich weiß genau, dass er stirbt, wenn keiner hilft.“

Ich notierte die Adresse – eine nagelneue Wohnanlage im Münchner Osten, Penthouse mit Dachterrasse. Zwei Stunden später stand ich mit meiner Arzttasche vor der Tür.

Aufmachte eine Frau Mitte vierzig, Business-Hose, teure Bluse. Neben ihr ein Teenager-Mädchen mit Kopfhörern, das nicht von seinem Handy aufsah.

„Endlich“, sagte die Frau. „Ich bin die Sabine Bergmann. Meine Mutter macht uns wahnsinnig mit diesem Köter. Äh, Kater. Kommen Sie rein.“

Die Wohnung war groß, hell, geschmackvoll eingerichtet – und klinisch sauber. Nirgendwo lag ein Staubkorn, kein einziges privates Detail, nur Designermöbel und eine weiße Lederlandschaft. Darunter, ganz hinten in der Ecke, kauerte ein rotgetigerter, mager gewordener Kater.

Auf dem Boden daneben hockte eine alte Frau im geblümten Hauskleid. Sie hatte sich ein Sofakissen unter die Knie gelegt und strich ganz langsam mit dem Finger über den Pfotenansatz des Tieres.

„Moritz“, flüsterte sie. „Moritz, mein Junge. Der Doktor ist da. Der tut dir nichts.“

Ich kniete mich dazu und tastete den Kater vorsichtig ab. Kein Fieber, kein aufgeblähter Bauch, kein Anzeichen für einen Darmverschluss. Nur ausgeprägte Muskelschwäche und komplett leere Futternäpfe, die neben ihm standen – zwei Designerteile aus Edelstahl, in denen das teuerste Bio-Nassfutter unberührt blieb.

„Wann hat das angefangen?“

Die Tochter verschränkte die Arme. „Genau an dem Tag, als wir sie hergeholt haben. Vor knapp einer Woche. Da hat er sich direkt unterm Sofa verkrochen und seitdem nicht ein einziges Bröckchen angerührt. Meine Mutter tut nichts anderes, als ihn zu betüddeln, dabei haben wir ihr extra diese wunderschöne Wohnung gekauft. Undankbares Vieh.“

„Sabine!“, zischte die alte Frau. „Er ist nicht undankbar. Er hat einfach Angst. Alles ist so fremd hier, das Parkett, dieser Aufzug, sogar die Luft riecht anders. Der einzige Mensch, den er kennt, bin ich. Und ich …“ Sie brach ab und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.

Ich ließ mir die Vorgeschichte erzählen. Frau Lotte Bergmann, 78, hatte bis vor Kurzem in einem kleinen Fachwerkhaus draußen im Allgäu gelebt. Großer Garten, Hühner, eine verrückte Nachbarin namens Erna, die jeden zweiten Tag mit selbstgemachtem Pflaumenkuchen vor der Tür stand. Moritz war ihr vor zehn Jahren als halbverhungertes Katzenbaby zugelaufen, und die beiden waren seither unzertrennlich. Jetzt, nach einem leichten Schwächeanfall im Sommer, hatte Sabine kurzerhand beschlossen, ihre Mutter müsse nicht mehr allein im „baufälligen Bauernhaus“ hausen. Sie hatte ihr diese Wohnung gekauft, das alte Grundstück zum Verkauf angeboten und sogar einen Maklervertrag unterschrieben. In zwei Wochen sollte der Notartermin sein.

„Das Beste für sie!“, sagte Sabine. „Zentralheizung, Aufzug direkt in die Wohnung, Supermarkt um die Ecke. Wenn sie Hilfe braucht, bin ich in 15 Minuten da. Was will man mehr?“

Ich sah Frau Lotte an. Sie hatte die Hände in den Schoß gelegt, eine alte, rissige Gärtnerhand, die nach nichts mehr griff. Ihr Blick war genau so stumpf wie das Fell von Moritz. Da wusste ich, was ich sagen musste.

„Der Kater hat keine organische Erkrankung. Das ist eine klassische Stressreaktion nach einem Umgebungswechsel. Manche Tiere verweigern dann die Nahrung, bis sie ernsthaft krank werden. Ich kann ihm Medikamente spritzen und Aufbaupräparate da lassen. Aber wirklich helfen wird nur eins.“

Ich machte eine Pause und sah Sabine direkt an.

„Moritz muss zurück in seine gewohnte Umgebung. Er braucht seine alten Schlafplätze, seine Gerüche, den Garten, in dem er Mäuse fangen kann, und vor allem braucht er das Gefühl, dass sein Mensch nicht völlig aus der Welt gefallen ist. Tiere spiegeln nämlich oft genau das, was ihre Besitzer fühlen. Wenn Lotte hier innerlich in einen Hungerstreik getreten ist, wird Moritz ihr folgen – bis zum bitteren Ende.“

Sabine wurde blass. „Was soll das heißen? Sie meinen, meine Mutter … will nicht hier sein?“

Da riss es der alten Frau den Mund auf. Ganz leise, fast unhörbar, kam es aus ihr heraus. „Ich ertrinke hier. Sabine, Kind, ich weiß, du meinst es gut. Diese Wohnung ist schön, wirklich. Aber ich höre nachts nichts außer der Lüftung. Im Allgäu da wehte der Wind ins Fenster, ich hörte meine Hühner gackern. Erna rief über den Zaun, ob ich einen Kaffee will. Und morgens, wenn ich vor die Haustür trat, begrüßte mich mein alter Apfelbaum, den dein Vater mal gepflanzt hat. Ich kann nicht atmen in diesen vier Wänden. Und Moritz genauso wenig. Du hast ihn gesehen. Er stirbt. Und ich … ich sterbe mit ihm, innerlich. Aber das willst du nicht sehen, weil du so stolz bist auf dein schönes Geschenk.“

Sabine schwieg. Das Mädchen mit den Kopfhörern hatte den Stecker rausgezogen und starrte ihre Oma an. Eine ganze Weile war es mucksmäuschenstill.

Dann nahm Sabine ganz langsam Platz, rechts von ihrer Mutter auf dem Boden, genau auf die andere Seite des Sofas. Sie griff nach der alten Hand, die so gar nicht mehr in diese Designwohnung passte.

„Mama … ich – ich dachte, du wärst nur ein bisschen traurig wegen der Umstellung. Ich wusste nicht …“ Ihre Stimme brach.

„Ich weiß, mein Mädchen, ich weiß. Du wolltest mir doch bloß den Rücken freihalten.“ Lotte drückte ihre Hand. „Aber weißt du, was mir wirklich helfen würde? Wenn du den Verkauf rückgängig machst. Lass mich zurück. Ich verspreche, ich ruf dich jeden Tag an. Und ich installiere so einen Notrufknopf, wie du es wolltest. Aber bitte lass mich nicht in einer goldenen Zelle verhungern wie meinen Kater.“

Ich verschrieb noch ein leichtes Beruhigungsmittel für Moritz, gab Anweisungen, wie sie ihn in den nächsten Tagen mit kleinen Häppchen aufpäppeln konnten, und empfahl dringend, wenigstens eine alte Wolldecke oder ein getragenes Nachthemd von Lotte aus dem Allgäu zu holen – irgendetwas mit dem vertrauten Duft. Dann fuhr ich.

Eine Woche später, ich kam gerade aus dem OP, klingelte mein Handy. Sabine.

„Herr Doktor? Ich weiß, es ist unangebracht, aber ich musste Sie anrufen. Wir sind wieder hier. Im Allgäu. Ich habe den Kaufvertrag rückabwickeln lassen, das hat ein bisschen Geld gekostet, aber das war es wert. Mama ist vor zwei Stunden in ihr Haus getreten, und der Kater? Der ist direkt zur Küchentür raus, in den Hof gerannt und hat eine Maus gefangen. In den ersten zehn Minuten. Dann hat er sein altes Kissen vom Heuboden geholt und sich mitten im Gemüsebeet in die Sonne gelegt. Mama sitzt jetzt mit ihrer Erna auf der Bank und trinkt Holundersaft. Die beiden kichern wie Schulmädchen. Ich weiß noch nicht, wie ich es handhaben soll mit der Betreuung, aber … ich hab noch nie so eine Last von ihren Schultern genommen gesehen. Danke, dass Sie mir die Augen geöffnet haben.“

Ich lächelte in den Hörer. „Tiere sind gnadenlos ehrlich. Sie haben nicht mir zugehört, sondern Ihrem Kater. Richten Sie den beiden einen schönen Gruß aus.“

Im nächsten Frühjahr bekam ich ein Päckchen. Darin waren ein paar Gläser selbstgemachtes Apfelmus und ein Foto: Lotte im Garten, mit einer Kuchengabel in der Hand, daneben die dralle Erna mit hochrotem Kopf. Und mitten auf dem Tisch lag Moritz, der rote Kater, mit einem dicken, zufriedenen Bauch und einem toten Marienkäfer zwischen den Pfoten.

Ich stellte das Foto auf meinen Schreibtisch. Nicht wegen der Ästhetik, sondern wegen der einen Sache, die ich in all meinen Berufsjahren gelernt habe: Manche Lebewesen hungern nicht, weil das Futter falsch ist, sondern weil der Boden unter ihren Füßen nicht der richtige ist. Und dann hilft keine noch so teure Therapie – nur die Heimkehr.

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Uniad
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