An ihrem Hochzeitstag spürte Meret Hollstein eine Angst, die nicht in ihr Brautkleid passte. Ihr Herz schlug, als wollte es ihr sagen: Lauf. Aber wer sagt schon eine Hochzeit ab, wenn das Kleid schon zugeknöpft ist?
Sie stand vor dem hohen Spiegel im Flur der elterlichen Wohnung in Charlottenburg, in einem Kleid aus schwerer Seide, das ihre Mutter für sie ausgesucht hatte, und wartete auf Jonas. Draußen, drei Stockwerke tiefer, hupte jemand zweimal kurz — Nachbarschaftsalltag, nichts weiter, aber Meret zuckte trotzdem zusammen. Sie sollte glücklich sein. Stattdessen zitterte etwas in ihrem Bauch, das sich nicht benennen ließ. Freude, ja. Aber auch etwas Zähes, Kaltes darunter.
Dabei hatte alles so leicht angefangen.
Es war Ende Juli gewesen, mitten in der Prüfungsphase an der Charité, wo Meret im vierten Semester Medizin studierte. Nur noch eine Klausur trennte sie von zwei Monaten Sommerferien, von der Ostsee, von Freibad und Freiheit. Sie hatte die Nase voll von Anatomie-Skripten, die nach Bibliotheksstaub rochen, und von der stickigen Zweizimmerwohnung, die sie sich mit ihrer Mutter Ingrid teilte.
An jenem Nachmittag kam sie von einer Kommilitonin zurück, mit einem Stapel Mitschriften unter dem Arm, und blieb vor dem Schaufenster eines Schuhgeschäfts in der Wilmersdorfer Straße stehen. Sandalen, cognacfarben, mit einer schmalen Riemenschnalle — hundertneunzig Euro. Zu teuer. Ihre Mutter würde ihr keinen Cent mehr geben, das Geld für das neue Sommerkleid hatte sie sich gerade erst mühsam abgerungen. Der Rahmen war ausgeschöpft.
„Wenn du fertig bist mit dem Studium und arbeitest, dann kaufst du dir, was du willst", pflegte Ingrid streng zu sagen.
Meret seufzte, trat einen Schritt zur Seite, den Blick noch immer an den Sandalen hängend — und rannte mit voller Wucht in einen jungen Mann, der ihr entgegenkam. Die dicken Lehrbücher flogen ihr aus den Händen und verteilten sich malerisch auf dem Gehweg, zwischen einer weggeworfenen Currywurst-Verpackung und einer Zeitung.
„Kannst du nicht aufpassen, wo du hinläufst?", blaffte er, ohne sich zu entschuldigen.
Meret sagte nichts. Sie ging in die Hocke und sammelte hastig ihre Unterlagen ein, jedes Blatt einzeln, so als könnte ein Windstoß sie ihr noch wegnehmen. Der Mann bückte sich, offenbar von schlechtem Gewissen geplagt, hob ein Heft auf und blätterte unwillkürlich darin.
„Ach — Medizinstudentin? Prüfungsphase?", fragte er, jetzt milder.
„Ja", Meret richtete sich auf, riss ihm das Heft fast aus der Hand und klopfte sorgfältig den Staub vom Einband. Sie war eine von den wenigen im Semester, die jede Vorlesung besuchte und akribisch mitschrieb. Ihre Kommilitonen jagten vor jeder Klausur nach ihren Notizen, deshalb hütete sie sie wie einen Schatz. Genau deshalb war sie heute unterwegs gewesen — um sie rechtzeitig vor der morgigen Prüfung zurückzuholen.
„Tut mir leid", sagte der Mann, als er ihren stachligen Blick auffing. „Meine Schuld. War abgelenkt."
Meret hob den Kopf — und erstarrte einen Moment. Seine Augen waren graugrün, fast wie Ostseewasser im Oktober, und sie hatte solche Augen noch nie gesehen. Er lächelte schuldbewusst, und auf seiner linken Wange erschien ein Grübchen.
„Ich muss weiter", sagte sie schnell, um ihre Verlegenheit zu verbergen.
„Warte! Ich heiße Jonas. Und du?", rief er ihr hinterher, schon neben ihr hergehend.
Sie schwieg einen Moment, kämpfte mit sich selbst, dann nannte sie leise ihren Namen. Er fragte nach ihrem Studiengang, nach dem Semester, und ehe sie sich versah, liefen sie gemeinsam die Kantstraße entlang, redeten über alles und nichts, als würden sie sich seit Jahren kennen.
„Das ist mein Zuhause. Tut mir leid, ich muss wirklich für die Prüfung lernen", sagte Meret schließlich vor ihrem Altbau in Charlottenburg.
„Verstehe. Viel Erfolg morgen!", er lächelte noch einmal mit dem Grübchen und ging weiter.
Meret sah ihm lange nach, bis er um die Ecke bog.
„Verdammt gutaussehend", murmelte sie und schüttelte den Kopf über sich selbst.
Am nächsten Tag legte sie die Prüfung als Erste ab, verließ das Gebäude der Charité beschwingt — und sah Jonas. Er stand am Eingang und wartete, eine Cola in der Hand, die er ihr wortlos hinhielt.
„Was machst du denn hier?!", staunte sie.
„Es gibt nicht so viele Medizin-Fakultäten in Berlin. War nicht schwer, dich zu finden. Na, Frau Doktor? Feiern wir das Ende der Prüfungsphase? Kino, Spree-Ufer, ein Café — oder einfach spazieren?", schlug er verschmitzt vor.
„Einfach spazieren", lachte sie glücklich.
Sie liefen bis spät in den Abend durch die Stadt, vorbei am Kudamm, über den Winterfeldtplatz, wo gerade der letzte Wochenmarkt-Stand abgebaut wurde und der Geruch von altem Kohl und frischen Blumen in der Luft hing. Da erfuhr sie, dass Jonas eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker abgebrochen hatte, weil seine Mutter Karin ihn allein großzog und sich mit zwei Jobs durchschlug. Der Vater hatte längst eine neue Familie. Jonas, kräftig und pragmatisch, wollte seiner Mutter nicht länger auf der Tasche liegen und fing an, als Fahrer für einen Lieferservice zu arbeiten.
Mit ihm war alles erstaunlich leicht. Er wusste viel, erzählte lebendig, hatte diese trockene Art, über sich selbst zu lachen. Sie gingen ins Kino, aßen Döner an einem Imbiss in der Kantstraße, liefen durch menschenleere Straßen. Am Ende dieses Sommerabends begriff Meret mit einer Mischung aus Schrecken und Verzückung, dass sie bis über beide Ohren verliebt war.
Die Beziehung entwickelte sich rasant. Schon nach vier Monaten, an einem Novemberabend am Ufer des Landwehrkanals, ging Jonas vor ihr auf ein Knie. Meret, strahlend vor Glück, brachte ihn wenig später nach Hause, um ihn ihren Eltern vorzustellen.
Der zukünftige Schwiegersohn gefiel Ingrid überhaupt nicht. Ihr Mann Dieter, wie immer, schwieg und stützte seine Frau in allem, was sie entschied.
„Ein Fahrer", sagte Ingrid, kaum dass Jonas die Wohnung verlassen hatte, und rührte dabei so heftig in ihrer Kaffeetasse, dass der Löffel gegen den Rand klirrte. „Meret, du studierst Medizin. Und er fährt Pakete aus."
„Mama, das ist nicht—"
„Ich sage ja nichts", unterbrach Ingrid, obwohl sie in Wahrheit nichts anderes tat. „Ich sage nur, dass du klüger bist als das."
Dieter blätterte stumm in seiner Zeitung, nickte einmal, sagte kein Wort.
Meret heiratete trotzdem. Die Zeremonie im Standesamt Charlottenburg war für achtzehn Uhr zwölf angesetzt, ein Termin, den Jonas extra ausgesucht hatte, weil zwölf seine Glückszahl war — die Rückennummer, die er als Jugendlicher im Fußballverein getragen hatte. Ingrid kam, weil man nicht fernbleibt, aber sie kam mit zusammengepressten Lippen und einem Geschenk, das eher nach Pflichtübung aussah als nach Segen: ein Bügeleisen, originalverpackt, mit Kassenbon.
Das eigentliche Problem zeigte sich erst zwei Jahre später, nicht am Hochzeitstag. Ingrid, die nie aufgehört hatte, an Jonas' Wahl zu zweifeln, hatte in der Zwischenzeit — ohne dass Meret es wusste — einen Kredit für das jungvermählte Paar mitunterschrieben. Fünfundzwanzigtausend Euro, aufgenommen für eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in Moabit, die auf beider Namen laufen sollte. Als Jonas seine Anstellung beim Lieferdienst verlor und drei Monate lang keine Rate zahlte, ohne es Meret zu sagen, war es Ingrid, die den Anruf von der Bank bekam.
Meret erfuhr davon nicht durch ein Gespräch, sondern durch einen Brief, den sie im Flur zwischen Werbeprospekten fand — an Ingrid adressiert, aber versehentlich in den falschen Kasten gesteckt: eine Mahnung. Sie stand mit dem Umschlag in der Hand, an genau der Stelle im Flur, wo einst der Spiegel gehangen hatte, vor dem sie sich als Braut betrachtet hatte. Der Spiegel war längst umgezogen, in ihre eigene Wohnung, aber die Stelle an der Wand, die hellere Farbe dort, wo er einmal hing, war noch da.
Sie rief Jonas nicht sofort an. Sie setzte sich stattdessen an den Küchentisch, holte den Ordner mit ihren eigenen Unterlagen — den gleichen akribischen Ordnungssinn, mit dem sie einst ihre Vorlesungsmitschriften gehütet hatte, hatte sie nie verloren — und rief bei der Bank an, um sich die Kontoauszüge und den Kreditvertrag zusammenstellen zu lassen.
Als Jonas abends nach Hause kam, roch die Wohnung nach dem Fischgericht, das sie eigentlich hatte kochen wollen und dann vergessen hatte auf dem Herd. Der Ordner lag aufgeschlagen auf dem Tisch.
„Du hast drei Monate nichts bezahlt", sagte sie. Keine Frage.
„Ich wollte dich nicht beunruhigen. Ich dachte, ich krieg das wieder hin, bevor—"
„Bevor meine Mutter einen Brief vom Gerichtsvollzieher bekommt? Das hat sie schon."
Er setzte sich nicht. Er stand in der Tür, die Jacke noch an, und sagte nichts mehr.
Meret nahm den Ordner, den Kontoauszug, den Vertrag mit der Bank und fuhr am nächsten Morgen zu Ingrid — nicht um Vorwürfe zu machen, sondern um mit ihr gemeinsam bei der Bank vorzusprechen. Sie ließ den Kredit umschulden, allein auf ihren Namen, mit ihrem eigenen Gehalt als Assistenzärztin in der Ausbildung als Sicherheit. Ingrids Unterschrift wurde aus dem Vertrag gestrichen. Die Wohnung in Moabit trug fortan nur noch Merets Namen im Grundbuch.
Jonas zog drei Wochen später aus, mit zwei Taschen und dem alten Fahrradkurier-Rucksack, den er noch aus seiner Zeit beim Lieferdienst hatte. Er stand vor der Tür der Wohnung, die jetzt ein neues Schloss hatte — Meret hatte es tauschen lassen, noch bevor der Umschuldungsvertrag unterschrieben war — und klingelte zweimal. Sie öffnete nicht die Tür, sondern reichte ihm durch den Türspalt, an der Kette, seine restlichen Sachen in einer Ikea-Tüte.
„Meret—"
„Die Bank hat die Nummer von deiner Mutter. Falls du sie noch brauchst", sagte sie und schloss die Tür.
Ingrid, als sie davon hörte, sagte lange nichts. Dann rief sie ihre Tochter an und fragte nur, ob sie zum Abendessen komme, Sonntag, wie immer. Das Bügeleisen von der Hochzeit stand seit zwei Jahren originalverpackt im Schrank in Moabit. Meret packte es aus und benutzte es zum ersten Mal an jenem Sonntagmorgen, bevor sie zu ihrer Mutter fuhr.
