Der Bademantel roch nach Mottenkugeln und Enttäuschung. Franziska drehte ihn um, als wäre er ein Beweisstück. Die Taschen hingen wie zwei leere Jutebeutel, die Knöpfe groß wie Zwei-Euro-Stücke, und das Muster – braune und orange Blumen, die aussahen, als hätte jemand Senf auf einen alten Vorhang geschüttet.
„Das ist genau dein Stil“, sagte Margarete mit diesem Lächeln, das Franziska nach zwanzig Jahren in- und auswendig kannte. Es blieb immer eine Sekunde zu lang auf dem Gesicht.
Stefan räusperte sich. „Mama, das ist ein Witz, oder?“
„Ein Witz? Nein, mein Junge. Das ist Flanell. Naturfaser. Wärmt besser als diese Seidenteile, in denen Franziska durch die Wohnung schwebt. In ihrem Alter sollte man an die Gelenke denken.“
Franziska faltete den Mantel sorgfältig zusammen. Sie strich über den rauen Stoff, als wäre er aus Kaschmir. „Danke, Margarete. Genau so einen wollte ich schon lange.“
Stefan kannte diesen Tonfall. Leise, freundlich, mit einer Schraube, die sich festzog.
Später, als Margarete weg war, fragte er: „Was hast du vor?“
„Gar nichts. Ich werde dein Geschenk einfach tragen. Mit Dankbarkeit.“
„Du willst sie fertigmachen.“
„Ich will nur höflich sein.“
Das war an einem Donnerstag. Am Samstag darauf rief Margarete an.
„Stefan, ich komme am Sonntag mit ein paar Freunden vorbei. Dr. Weber und seine Frau. Erinnere dich – der Zahnarzt, der mir die Kronen gemacht hat. Ich möchte ihnen eure neue Küche zeigen. Und Franziska soll bitte nicht wieder diese Haferflocken-Kekse servieren. Kauf richtigen Kuchen. Ich bringe vielleicht auch noch jemanden mit.“
Stefan legte auf und sah Franziska an, die gerade den Geschirrspüler ausräumte. „Sie kommt mit Dr. Weber und Frau. Und sie will Kuchen.“
„Perfekt“, sagte Franziska, ohne sich umzudrehen. „Dann backe ich einen Apfelkuchen mit Zimt.“
„Du willst doch nicht wirklich den Mantel anziehen.“
„Doch. Und ich werde ihn mit einer Perlenkette kombinieren.“
Stefan lachte kurz auf. „Du bist furchtbar.“
„Ich weiß.“
Am Sonntagmorgen duftete die Küche nach Zimt und Äpfeln. Franziska stand vor dem Spiegel. Der Flanellmantel hing an ihr wie ein Sack, der zwei Nummern zu groß war. Sie hatte die Haare zu einem hohen Dutt gesteckt und tatsächlich eine Perlenkette umgelegt. Dazu die Fellpantoffeln, die sie am Abend zuvor für 14,99 Euro im Schlussverkauf gekauft hatte.
Stefan lehnte im Türrahmen. „Du siehst aus wie eine Mischung aus Haushälterin und Landadel.“
„Genau das ist die Wirkung.“
Um Punkt drei klingelte es. Margarete betrat die Wohnung in einem mintgrünen Kostüm, die Schuhe mit Absatz, der Duft von teurem Parfum füllte den Flur. Hinter ihr Dr. Weber, ein großer Mann mit rötlichem Gesicht, und seine Frau, eine schmale Person mit sehr aufmerksamen Augen.
„Das ist meine Schwiegertochter Franziska“, sagte Margarete, und ihre Stimme bekam diesen singenden Ton, den Franziska nur von offiziellen Anlässen kannte.
Franziska trat aus der Küche, das Tablett mit Kuchen und Tee in den Händen. Der Mantel bauschte sich bei jedem Schritt. Die Perlenkette klimperte leise.
„Willkommen“, sagte sie herzlich. „Ich habe extra den Mantel angezogen, den Margarete mir zum Geburtstag geschenkt hat. Ist er nicht wunderbar? Flanell, Naturfaser, und die Taschen sind so groß, dass ich darin das ganze Besteck transportieren könnte.“
Dr. Webers Frau sah erst den Mantel, dann die Pantoffeln, dann Margarete. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, als würde sie eine Rechnung nicht aufgehen lassen.
„Ein sehr … praktisches Geschenk“, sagte sie.
„Margarete meint, in meinem Alter sollte man auf Wärme achten“, sagte Franziska und goss Tee ein. „Sie hat mir erklärt, dass Seide nicht mehr angemessen ist. Ich bin ihr so dankbar.“
Margarete wurde rot. Erst der Hals, dann die Wangen. Sie versuchte, das Gespräch auf die neue Küche zu lenken, aber Dr. Webers Frau fragte immer wieder nach Franziska: Wo sie arbeite, wie sie backe, ob sie den Mantel auch im Sommer trage.
„Ich trage ihn eigentlich immer“, sagte Franziska. „Besonders, wenn ich Staub sauge. Die Ärmel sind so weit, dass ich damit gleich die Regale abstauben kann.“
Dr. Weber verschluckte sich an seinem Tee. Seine Frau versteckte ein Grinsen hinter der Serviette.
Nach zwei Stunden verabschiedeten sich die Gäste. Dr. Webers Frau umarmte Franziska an der Tür und sagte leise: „Sie sind großartig. Und der Mantel steht Ihnen, wirklich.“
Margarete blieb noch. Sie knöpfte ihren Mantel zu, als würde sie einen Panzer anlegen. „Du hast das mit Absicht gemacht.“
„Was genau?“
„Du weißt genau, was ich meine.“
Franziska nahm Margaretes Hand. Sanft, aber bestimmt. „Du hast mir den Mantel geschenkt, weil du dich sorgst. Ich trage ihn, weil ich dankbar bin. Wo ist das Problem?“
Margarete presste die Lippen zusammen. Dann drehte sie sich um und ging. Ihre Absätze klackerten schneller als sonst die Treppe hinunter.
Stefan schloss die Tür. „Das war ein Meisterwerk.“
„Das war nur Höflichkeit.“
Zwei Tage später klingelte das Telefon. Margarete rief direkt bei Franziska an.
„Franziska, ich habe nachgedacht. Vielleicht könnten wir am Samstag zusammen ins Café am Wasser gehen? Nur wir beide.“
Franziska war überrascht, sagte aber zu. „Gern, Margarete.“
„Und bitte … zieh nicht den Mantel an.“
„Versprochen.“
Nach dem Auflegen stand Franziska am Fenster. Draußen fuhr die Straßenbahnlinie 16 vorbei, die Nachbarskinder spielten im Hof, und irgendwo bellte der Dackel von Frau Schmidt. Der Mantel hing über der Stuhllehne. Franziska nahm ihn in die Hände, tastete die Innentasche ab – dort steckte ein zerknitterter Kassenbon, den sie achtlos zur Seite legte, ohne ihn zu lesen. Dann faltete sie den Mantel zusammen und brachte ihn am nächsten Morgen zu einer Änderungsschneiderei in der Innenstadt. Sie ließ ihn zu einem Kissenbezug umarbeiten, die Innentasche samt Bon legte sie in eine Schublade der Kommode. Kosten für die Änderung: 25 Euro. Als sie das Kissen abholte, strich sie über den Stoff. Die hässlichen Blumen waren jetzt aufgereiht wie eine Art modernes Kunstwerk. Sie legte das Kissen auf das Sofa im Wohnzimmer.
Am Samstag traf sie Margarete im Café. Sie tranken Kaffee, aßen ein Stück Torte, redeten über Belangloses. Keine von ihnen erwähnte den Mantel. Aber als Margarete später wieder zu Besuch kam, setzte sie sich auf das Sofa – direkt auf das Kissen. Sie zuckte zusammen, als sie den Stoff erkannte. „Was ist das?“
„Das ist dein Mantel“, sagte Franziska ruhig. „Ich fand, er war zu schade zum Wegwerfen. Also habe ich ihn zu etwas gemacht, das man wenigstens benutzen kann.“
Margarete stand auf, nahm das Kissen in die Hand, drehte es um. Sie sagte nichts. Aber sie legte es nicht zurück. Sie hielt es fest, als sie ging.
Erst Wochen später erinnerte sich Franziska an die abgetrennte Innentasche in der Kommodenschublade. Sie zog den Kassenbon heraus, glättete ihn auf der Küchenplatte. Ein Secondhandladen in Leipzig, Datum vom letzten Herbst: „Damenmorgenmantel, Größe 46, 12 Euro.“ Franziska trug Größe 38.
Beim nächsten Kaffeebesuch legte sie den Bon wortlos neben Margaretes Tasse, mitten auf die Untertasse, und schenkte Kaffee nach, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
