Familie Berger und der Mann aus Verona

Elke Sommerfeld hatte den Ofen schon zweimal nachgeheizt, als die Bäckerei am Marktplatz von Bad Wimpfen sich mit dem üblichen Samstagsklatsch füllte. Der Duft von frischen Brezeln hing zwischen den Regalen, und draußen fuhr gerade der Linienbus Richtung Heilbronn vorbei, mit quietschenden Bremsen wie jeden Morgen um zehn.

„Also ich sag's euch, das ist eine Schande", zischte Renate Kropp der Frau vor ihr in der Schlange zu. „Eine Frau, die vierzig Jahre verheiratet war, und dann sowas."

„Ach, jetzt hör aber auf, Renate." Das war Birgit Ahlers, die Grundschullehrerin, die eigentlich nur ein Roggenbrot holen wollte. „Karin hat das Recht, glücklich zu sein. Wolfgang hat sie zwanzig Jahre lang betrogen, das weiß doch jeder im Ort. Soll sie bis zum Tod dafür büßen?"

„Und die Kinder? Hat da mal jemand an die Kinder gedacht?" Renate schnaubte. „Statt sich wenigstens um die Tochter und den Schwiegersohn zu kümmern, schleppt sie einen wildfremden Mann ins Haus, wo ihr eigener Mann fünfundzwanzig Jahre lang jeden Zaunpfahl selbst gestrichen hat!"

Während sich der Ort in Spekulationen erging, ging die Frau, um die sich alles drehte, in aller Ruhe über das Kopfsteinpflaster der Hauptstraße. Karin Berger trug den Kopf hoch erhoben, ein cremefarbener Trenchcoat über den Schultern, viel zu elegant für ein Dorf mit dreitausend Einwohnern und einer einzigen Ampel.

Neben ihr ging Alessandro — groß, schlank, um die sechzig, in einem dunkelblauen Kaschmirmantel, der zwischen den fränkischen Fachwerkhäusern wirkte wie aus einem anderen Jahrzehnt gefallen. Er blieb kurz stehen, betrachtete die Storchennester auf den Dächern.

„Karin, cara, ist das dein Heimatdorf?" Er lächelte, während zwei Frauen hinter einem Gartenzaun stehen blieben und offen herüberstarrten. „Sehr hübsch. Nur — warum schauen die Leute uns so seltsam an?"

„Sie sind es nicht gewohnt, etwas Neues zu sehen, mio caro." Karin drückte seinen Arm und antwortete auf Italienisch, fließend, ohne zu stocken. „Für die meisten hier ist schon eine Fahrt nach Würzburg ein Ereignis. Lächle einfach weiter."

Er tat, worum sie ihn gebeten hatte. Alessandro Conti kannte ihre ganze Geschichte — dass sie in Deutschland einen Ehemann hatte, von dem sie zwar innerlich, aber nie auf dem Papier geschieden war. Er wusste von den Jahren, in denen sie als Pflegerin in Verona gearbeitet hatte, jeden Cent nach Hause geschickt, während zu Hause ein Mann saß, der ihr Geld verspielte und andere Frauen liebte.

Sie erreichten das Haus am Ortsrand — zweistöckig, mit schmiedeeisernem Tor, neuen Fenstern und einem Dach, das noch nach Baumarkt roch. Das schönste Haus im Umkreis von fünf Kilometern. Achtzehn Jahre harter Arbeit in italienischen Seniorenresidenzen steckten in jedem Ziegel.

Auf der Veranda standen ihre jüngere Tochter Franziska und deren Mann Kevin. Beide mit Gesichtern wie erstarrt.

„Mama…" Franziska trat einen Schritt vor. „Du bist… nicht allein?"

„Guten Tag, mein Schatz." Karin umarmte sie, spürte, wie sich der Körper ihrer Tochter versteifte. „Das ist Alessandro. Ich habe euch von ihm erzählt. Alessandro, das sind meine Tochter Franziska und ihr Mann Kevin."

„Buonasera! Sehr erfreut!", rief der Italiener und streckte Kevin die Hand entgegen. Kevin schüttelte sie mechanisch, sein Blick wanderte schon zur Garage hinüber.

Dort stand Wolfgang. Der Mann, der einst breitschultrig und laut gewesen war, wirkte jetzt in sich zusammengesunken, die Cordjacke zu weit an den Schultern. In seinen Augen brannte ein Gemisch aus Wut, Kränkung und Hilflosigkeit. Er starrte auf die Frau, die er seit drei Jahren nicht gesehen hatte, und auf den Mann neben ihr, der so selbstverständlich dort stand, als hätte er ein Anrecht darauf.

„Karin…" Wolfgangs Stimme kratzte, als er einen Schritt näherkam. „Was soll das? Wen bringst du mir hier ins Haus?"

Karin blieb stehen. Sie sah ihm in die Augen — dem Mann, mit dem sie vierzig Jahre verheiratet gewesen war, mit dem sie drei Kinder großgezogen hatte. In ihr rührte sich nichts. Kein Mitleid, keine Spur von Zuneigung. Nur nüchterne Erinnerung, trocken wie altes Papier.

„Dein Haus, Wolfgang?" Ihre Stimme klang klar über den ganzen Hof. „Seit wann gehört dir dieses Haus? Hast du das Fundament für den zweiten Stock gelegt? Hast du das Tor bezahlt? Oder vielleicht den Fliesenleger — von dem Geld, das du bei der Möbelfabrik verdient hast, bevor sie dich rausgeworfen haben?"

„Ich bin hier der Herr im Haus!", brüllte Wolfgang, das Gesicht rot angelaufen. „Ich bin hier aufgewachsen! Ich war für die Kinder da, während du in Italien rumgehurt bist!"

„Du warst für die Kinder da?" Karin lachte bitter auf. „Du warst mit der Flasche zusammen und mit deiner Scham. Gefüttert, angezogen und großgezogen habe ich sie. Allein."

Genau in diesem Moment kam Franziskas Hund, ein struppiger Mischling namens Keks, von hinten um die Hausecke getrottet und schnüffelte gleichgültig an Alessandros italienischen Lederschuhen, als wäre nichts Besonderes im Gange. Kevin bückte sich instinktiv, um das Tier wegzuziehen, dankbar für jede Ausrede, nicht in die Augen der Streitenden schauen zu müssen.

„Wolfgang." Karins Stimme wurde leiser, aber nicht sanfter. „Du hast mich zwanzig Jahre lang betrogen. Mit der Verkäuferin vom Getränkemarkt, mit deiner Kollegin aus Heilbronn, mit wem auch immer gerade Zeit hatte. Ich habe geschwiegen, weil ich Angst hatte, die Kinder zu verlieren. Dann bin ich gegangen, weil ich hier draufgehen wäre. Und jetzt stehst du in einem Haus, das ich bezahlt habe, und redest mir von Schande."

Franziska hatte die ganze Zeit kein Wort gesagt. Jetzt trat sie zwischen ihre Eltern, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Papa." Ihre Stimme zitterte, aber sie sprach weiter. „Ich hab dich all die Jahre gedeckt. Vor Mama, vor Kevin, vor mir selbst. Aber ich hab die Kontoauszüge gesehen, als du letztes Jahr um Geld für die Werkstatt gebeten hast. Mamas Überweisungen, jeden Monat, seit achtzehn Jahren. Und deine — nichts. Keine einzige."

„Das geht dich nichts an", murmelte Wolfgang, aber seine Stimme hatte keine Kraft mehr.

„Es geht mich sehr wohl was an. Es ist mein Elternhaus." Franziska sah zu ihrer Mutter, dann wieder zu Wolfgang. „Ich hab dich immer in Schutz genommen, weil ich dachte, du bist der, der geblieben ist. Aber geblieben ist hier nur das Haus. Du bist einfach nur nicht gegangen."

Karin nahm eine dünne blaue Mappe aus ihrer Handtasche, die sie schon in Verona vorbereitet hatte. Notarielle Vollmacht, Grundbuchauszug, die Übertragungsurkunde für das Haus — ausschließlich auf ihren Namen eingetragen, unterschrieben vor drei Wochen bei einem Notar in Bad Friedrichshall, mit Kevin als Zeuge, der davon bis zu diesem Moment nichts wissen sollte.

„Ich habe das Haus schon im März auf mich umschreiben lassen, Wolfgang. Es stand nie auf deinem Namen, du hast es nur nie nachgeprüft." Sie reichte ihm die Mappe nicht — sie hielt sie einfach so, dass er die Unterschrift auf der letzten Seite lesen konnte. „Du hast bis Ende des Monats Zeit, deine Sachen aus dem Schuppen zu holen. Danach lasse ich das Schloss austauschen."

Wolfgang starrte auf das Papier, dann auf Alessandro, der schweigend und respektvoll einen Schritt zurückgetreten war, dann wieder auf Karin. Er öffnete den Mund, aber es kam nichts mehr. Nur ein kurzes, trockenes Ausatmen, wie bei jemandem, der gerade begriffen hat, dass der letzte Zug schon abgefahren ist.

„Und die einundzwanzigtausend Euro, die du dir letztes Jahr von Franziska geliehen hast, für die Werkstatt?" Karin klappte die Mappe zu. „Die zahlst du ihr zurück. Ratenweise, meinetwegen. Aber du zahlst."

Sie drehte sich um, nahm Alessandros Arm, und die beiden gingen ins Haus, ohne sich noch einmal umzudrehen. Franziska blieb einen Moment auf der Veranda stehen, sah ihrem Vater nach, der langsam zum Gartentor ging, die Schultern jetzt noch tiefer gesunken als vorher. Kevin hielt immer noch den Hund am Halsband fest, obwohl der längst aufgehört hatte, sich zu wehren.

Ein halbes Jahr später, im Frühling, kam Franziska bei einem Kaffeebesuch beiläufig auf die Sache zurück. Ihr Vater lebte inzwischen in einer möblierten Zweizimmerwohnung in Heilbronn, bezahlt von der Witwenrente seiner neuen Freundin. Die einundzwanzigtausend Euro waren nie zurückgezahlt worden — stattdessen hatte Franziska erfahren, dass ihr Vater schon zwei Jahre vor der Trennung heimlich einen zweiten Kredit auf das Haus aufgenommen hatte, den Karin bis zu jenem Tag mit dem Notar gar nicht kannte. Die Bank hatte ihn erst kürzlich zur Zahlung gemahnt. An eine Adresse, die längst nicht mehr seine war.

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Uniad
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