Die graue Katze saß da. Aber die Schüssel fehlte.

An jenem Dienstagmorgen im Februar hockte der Kater an der Hausecke neben dem Fallrohr. Der Rücken gerade, der Schwanz um die Pfoten gelegt, der Blick auf die Haustür gerichtet. Ich lief vorbei zur U-Bahn, und erst auf dem Bahnsteig in Höhe der Uhr, die seit Wochen auf 7:41 stehen geblieben ist, traf es mich: Da war keine Schüssel gewesen.

Ich wohne seit elf Jahren in diesem Haus in Köln-Ehrenfeld. Fünf Stockwerke, eine Kastanie, die die Hausverwaltung seit zwei Wintern zurückschneiden will, unten ein Fahrradständer, der immer voll ist. Man kennt sich vom Sehen, aber nicht beim Namen. Man nickt, man geht weiter.

Der Nachbar aus dem Erdgeschoss heißt Martin Becker. Um die fünfzig, kräftige Schultern, helle Regenjacke, die er auch im Sommer trägt. Er wohnt allein. Ich wusste über ihn so viel, wie man über einen Menschen weiß, mit dem man elf Jahre lang im Treppenhaus Grüß Gott sagt.

Der graue Kater war im April aufgetaucht. Mager, ein Ohr eingerissen, scheu. Er verschwand unter geparkten Autos, sprang im letzten Moment zwischen den Reifen hervor. Ich dachte noch: Der überlebt den Sommer nicht.

Zum ersten Mal sah ich es im Juni. Ich hetzte zur Arbeit, und da hockte Martin Becker an der Hausecke. Zwei Schüsseln stellte er auf den Boden. Wasser und Futter. Der Kater rieb sich an seinem Knie, und Martin schob ihn mit der flachen Hand weg.

„Wart doch. Ich stell das erst richtig hin.“

Der Kater wartete nicht. Der Kater drängte sich vor.

Ich ging vorbei, ohne zu grüßen. Aber den ganzen Tag ging mir dieser Moment nicht aus dem Kopf: Warum hatte ich das elf Jahre lang übersehen?

Dann fiel es mir jeden Morgen auf. Es war ein System. Um sieben Uhr fünfundzwanzig saß der Kater an der Ecke. Nicht früher, nicht später. Wenn Martin sich um zwei Minuten verspätete, lief der Kater an der Wand entlang und miaute kurz, fordernd, wie ein Nachbar, der an die Tür klopft, weil er weiß, dass jemand zu Hause ist.

Im Herbst legte Martin eine alte Gehwegplatte unter die Schüsseln. Im Winter brachte er Wasser in einer Thermoskanne, weil die kalte Brühe über Nacht zu einer Eisplatte gefror. Einmal sah ich, wie er diese Eisschicht mit dem Hausschlüssel aufstocherte und dabei leise vor sich hin schimpfte.

Den Kater nannte er Chef.

„Na, Chef, guten Morgen. Heute gibt’s nur Trockenfutter, das Nassfutter war im Angebot ausverkauft.“

Der Kater hörte zu. Ich glaube, er hörte wirklich zu.

Gesprochen habe ich mit Martin erst im November. Wir standen an der Haltestelle, und ich sagte es einfach so, ohne zu überlegen:

„Ist der schon lange bei Ihnen?“

Er brauchte einen Moment.

„Wer? Ach, der. Das ist nicht meiner.“

„Wie meinen Sie das?“

„Na, nicht meiner. Der gehört sich selbst. Ich lauf da nur morgens vorbei.“

„Klar“, sagte ich. „Jeden Morgen. Um sieben Uhr fünfundzwanzig.“

Er schnaubte und schaute zum Kiosk, wo die Schlagzeilen der Boulevardpresse im Wind flatterten.

„Das sind zwei Minuten“, sagte er. „Was ist das schon.“

Und dann redete er über die U-Bahn, die wieder nicht kam.

Mir war unangenehm, als hätte ich jemanden bei etwas Peinlichem ertappt. Obwohl: Was ist peinlich daran, eine Katze zu füttern?

Den Rest erfuhr ich von Frau Krüger aus dem zweiten Stock. Sie ist die Witwe eines Briefträgers und kennt jede Geschichte im Haus. Wir trafen uns vor dem Supermarkt an der Venloer Straße.

„Der Martin?“, sagte sie und schob ihren Einkaufswagen zurecht. „Das haben viele bei ihm verwechselt. Der hilft überall. Vor zwei Jahren hat er bei mir im Bad den Heizkörper entlüftet. Ich hatte einen Handwerker bestellt, der wollte sechshundert Euro für eine neue Armatur. Martin hat eine Stunde gebraucht und einen Dichtungsring aus dem Baumarkt mitgebracht. Geld hat er keins genommen. Ich sagte: ‚Martin, lassen Sie mich wenigstens die Fahrtkosten zahlen.‘ Wissen Sie, was er geantwortet hat? ‚Frau Krüger, ich bin doch keine Autowerkstatt.‘“

Sie erzählte weiter, während ich meine Tüte fester packte.

„Der holt jede Woche Medikamente aus der Apotheke ab. Für die alte Dame im dritten Stock, die nicht mehr die Treppe runterkommt. Und im Sommer hat er dem Jungen von gegenüber das Fahrrad repariert, zweimal. Der Junge hat die Kette nicht draufbekommen.“

Ich stand da und ging in Gedanken elf Jahre zurück.

Martin hatte bei Frau Öztürk den Rollladen gerichtet, als der sich verklemmt hatte. Er hatte den Müllkeller aufgeschlossen, als sich der Schlüssel im Schloss gedreht hatte. Er hatte im Herbst Laub vom Bürgersteig gekehrt, obwohl das nicht sein Abschnitt ist.

Und nie hörte ich ihn darüber reden.

Dann sagte Frau Krüger einen Satz, der alles veränderte.

„Wissen Sie, angefangen hat das nicht mit ihm. Das war seine Mutter, Helga.“

„Seine Mutter?“

„Die hat die Katzen an der Ecke zwanzig Jahre lang gefüttert. Jeden Morgen, auch im Regen. Sie hatte eine blaue Schüssel mit abgebrochenem Rand. Die kannte jeder im Viertel. Manche haben geschimpft, dass sie die Katzen anzieht. Sie hat nur abgewunken.“

„Und Martin?“

„Der ist zu ihr gezogen, als sie allein nicht mehr zurechtkam. Hat seine Wohnung in Nippes aufgegeben. Drei Jahre war er bei ihr. Vor zwei Wintern ist sie gestorben, im Januar.“

Frau Krüger zog ihren Schal zurecht.

„In der Woche nach der Beerdigung ist er zum ersten Mal rausgegangen. Mit der blauen Schüssel.“

Im Februar wurde der Gehweg zu einer Eisplatte. Der Hausmeister streute nicht, die Stadt räumte nicht.

Und der Kater saß allein da.

Am ersten Tag dachte ich: Verschlafen. Passiert jedem.

Am zweiten Tag saß der Kater nicht mehr ruhig. Er lief an der Wand auf und ab, blieb stehen, starrte zur Haustür, lief weiter. Er miaute nicht. Er lief nur.

Ich stand am Fenster mit einer Tasse Kaffee und schaute zehn Minuten zu.

Dann zog ich meine Jacke an, ging zum Supermarkt an der Ecke und kaufte eine Packung Futter. Die billigste, weil ich nicht wusste, welche Sorte Martin sonst kaufte.

Die blaue Schüssel stand an der Wand. Ich brachte es nicht fertig, sie anzufassen. Als wäre sie noch seins. Ich schüttete das Futter auf ein Stück Pappe daneben.

Der Kater kam nicht. Er beobachtete mich unter einem geparkten VW Bulli hervor, bis ich zwanzig Schritte weg war.

Am dritten Tag kam er näher.

Und da passierte etwas Seltsames: Ich stand da und wartete, dass er frisst. Ich wollte, dass er mich erkennt. Dass er auf mich reagiert. Dass er mir irgendwie dankt.

Martin hatte so etwas nie erwartet.

Elf Jahre lang nicht. Und davor seine Mutter zwanzig Jahre lang nicht.

Es stellte sich heraus, dass er gestürzt war. Auf dem Glatteis vor den Garagen hatte er sich das Knie verdreht. Die ersten zwei Tage konnte er nicht einmal Schuhe anziehen. Das erzählte Frau Krüger, die er angerufen hatte — zum ersten Mal überhaupt — und um Brot gebeten hatte. Nur Brot.

Die Katze erwähnte er mit keinem Wort.

Am vierten Tag humpelte er an einer Gehhilfe aus dem Haus, die eindeutig noch von seiner Mutter stammte.

Dann blieb er stehen.

Neben der Hausecke standen drei Schüsseln. Die blaue mit dem abgebrochenen Rand. Eine weiße Plastikschüssel — meine. Und eine grüne, von der niemand wusste, woher sie kam.

Daneben stand eine Kiste aus Pappe, mit Paketband umwickelt und mit einer alten Fleecedecke ausgelegt. Gebaut hatte sie der zehnjährige Emil aus dem dritten Stock, der zwei Abende mit dem Klebeband gekämpft hatte, bis sein Vater ihm half.

Martin betrachtete die Konstruktion lange.

Dann hob er den Kopf zu den Fenstern.

„Von wem ist das?“, fragte er, als ich herauskam.

„Vom Haus“, sagte ich.

Er antwortete nicht. Er sank auf die Knie — mit dem verletzten Bein sah das schmerzhaft aus — und rückte die blaue Schüssel an ihren Platz. Millimeter für Millimeter.

„Na gut“, sagte er. „Aber gebt ihm frisches Wasser. Nicht aus der Pfütze.“

Mehr war nicht.

Am nächsten Morgen stand ich um sieben Uhr zehn am Fenster, die Hände um eine Tasse Kaffee gelegt. Unten kam Martin aus der Tür, die Gehhilfe in der einen Hand, in der anderen die Thermoskanne. Der Kater saß schon da, den Schwanz eng um den Körper, als hätte er die ganze Nacht gewartet.

Martin stellte die blaue Schüssel exakt auf die Gehwegplatte. Dann ließ er sich auf die Knie nieder, schraubte die Thermoskanne auf und goss Wasser in die zweite Schüssel. Der Dampf stieg in der kalten Luft auf.

Der Kater rieb seinen Kopf an Martins Hand.

„Ja, Chef“, sagte er. „Bin wieder da. Musstest du dich von den Leuten aus dem Haus füttern lassen? Schlimm war’s, oder?“

Ich konnte es durch das geschlossene Fenster nicht hören. Aber ich sah, wie seine Lippen sich bewegten, ruhig, ohne Eile.

Am Abend desselben Tages legte meine Sekretärin, Frau Henscheid, mir eine Rechnung auf den Schreibtisch. Eine Mahnung vom Musikalienhandel in der Innenstadt, vierundachtzig Euro, fällig seit sechs Wochen.

„Die warten schon zum zweiten Mal“, sagte sie.

Ich überwies noch am selben Abend. Nicht weil ich es eilig hatte. Sondern weil mir einfiel, dass ich in diesen elf Jahren an Martin Becker vorbeigegangen war wie an einer Straßenlaterne, die man erst bemerkt, wenn sie flackert. Nur dass er nicht flackerte. Er brannte einfach. Gleichmäßig, jeden Morgen, die blaue Schüssel in der Hand.

Ich erzähle das, weil ich mich ertappt habe: Ich dachte, gute Taten müssten sichtbar sein. Man macht ein Foto, stellt es ins Netz, sammelt Spenden, bekommt Likes. Und daneben gibt es Menschen wie Martin, die jeden Morgen um sieben Uhr fünfundzwanzig mit einer Thermoskanne vor die Tür treten, und keiner sieht sie. Keiner dankt ihnen. Keiner schreibt einen Kommentar.

Und sie wollen es auch gar nicht.

Ich habe einmal versucht, Martin zu danken. Wir standen an der Haltestelle, und ich sagte:

„Ich habe das mit der Katze gesehen. Das ist wirklich etwas Besonderes.“

Er schaute mich an, verlegen, als hätte ich ihm ein unverdientes Geschenk gemacht.

„Was soll daran besonders sein“, murmelte er. „Das sind zwei Minuten. Was ist das schon.“

Und ich dachte: Genau das ist es. Genau deshalb übersehen wir euch. Weil ihr euch nicht aufdrängt. Weil ihr nicht „danke“ erwartet. Weil ihr es einfach nur tut, wie andere jeden Morgen die Treppe runtergehen und die Zeitung holen.

Ich wohne jetzt zwölf Jahre in diesem Haus. Der Kater ist immer noch da. Er ist fett geworden, frech, und er läuft mitten auf dem Gehweg, ohne Angst. Die grüne Schüssel hat einen Sprung, die weiße ist verschwunden, dafür steht jetzt eine gelbe da. Irgendjemand hat eine zweite Fleecedecke in die Pappkiste gelegt.

Und jeden Morgen, bevor ich zur U-Bahn gehe, schaue ich kurz an die Hausecke. Nicht weil ich kontrollieren will. Nur um zu sehen, ob die blaue Schüssel da steht.

Sie steht immer da.

Nur heute Morgen war sie nicht da.

Ich warte an der Haltestelle, die Uhr zeigt immer noch 7:41, und ich überlege, ob ich zurückgehen soll. Nicht wegen der Katze. Der kommt klar, der hat drei Schüsseln und eine Pappkiste.

Nein, ich überlege, ob ich Martin anrufen soll.

Aber ich wüsste nicht, was ich sagen sollte.

Es war ein halbes Jahr später, im August, als im Hausflur ein Zettel hing. Die Hausverwaltung teilte mit, dass die Wohnung im Erdgeschoss zum 1. September neu vermietet wird. Martin Becker sei ausgezogen. Wohin, stand nicht da.

Ich stand vor dem Aushang, den Wohnungsschlüssel in der Hand, und las den Text zweimal.

Die graue Katze saß an der Hausecke. Zwischen den Pfoten, auf der Gehwegplatte, stand eine blaue Schüssel mit abgebrochenem Rand. Sie war frisch gefüllt, und daneben lag ein gefalteter Zettel, beschwert mit einem Stein.

„Für den, der hier übernimmt: Er heißt Chef. Frisches Wasser, keine Milch. Er kommt um sieben Uhr fünfundzwanzig. Wer ihn füttert, hat zwei Minuten Verspätung am Tag. Was ist das schon.“

Ich habe den Zettel eingesteckt. Die Katze hat mich angesehen, als hätte sie alles verstanden.

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Uniad
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