Das Seil am Pfosten

Ich wohne seit vierzehn Jahren im Mühlenweg, direkt gegenüber von Jörn. Die Siedlung ist ruhig, bis auf den Wind, der den losen Briefkasten an Jörns Haus klappern lässt. An diesem Morgen im Juli roch es nach frisch gemähtem Gras und nach dem Diesel vom Trecker auf dem Feld hinter den Gärten. Ich saß auf meiner Terrasse, trank Kaffee aus einem Becher mit Sprung im Henkel und schaute zu, wie Jörn in seiner Garage werkelte.

Dann bemerkte ich die Fliegen.

Es waren zu viele für einen Samstagmorgen. Ein schwarzes Gewusel über dem verwilderten Grundstück neben Jörns Garten, dort, wo seit Jahren niemand mehr mäht. Jörn legte seine Feile weg, wischte sich die Hände an einem Lappen ab, trank einen Schluck aus seiner Thermoskanne und schnitt eine Grimasse – der Tee war sicher kalt. Dann ging er los, durch das hohe Gras, und die Fliegen wurden dichter.

Ich blieb sitzen. Ein Nachbar mischt sich nicht ein. Aber ich beobachtete, wie Jörn sich durch die Brennnesseln kämpfte und plötzlich stehen blieb. Er bückte sich, verharrte. Ich hörte ein Geräusch, das ich erst nicht einordnen konnte – ein dünnes, hohes Wimmern, das nicht aufhörte. Dann richtete Jörn sich auf und ging zurück zur Garage. Er holte ein Messer, einen alten Plastikeimer, ein Handtuch und eine Flasche Wasser. Mein Kaffee wurde kalt. Ich habe nicht getrunken.

Als Jörn wieder auf das Grundstück ging, stand ich auf und trat an meinen Zaun. Von dort konnte ich es sehen. Eine Hündin lag am Boden, an einen Betonpfosten gebunden, mit einem Seil um den Hals. Ein dickes, schmutziges Seil, das sich tief in die Haut gegraben hatte. Die Hündin hob den Kopf, bewegte ihn kaum, als wäre sie zu erschöpft, um die Fliegen zu verscheuchen. Jörn kniete sich neben sie, tränkte ein Handtuch mit Wasser und legte es ihr an die Schnauze. Sie leckte ihm über die Hand.

Dann schnitt er das Seil durch. Ich konnte das Geräusch hören – ein nasses, reißendes Geräusch, das mir durch den ganzen Körper ging. Die Hündin atmete aus, als hätte sie seit Tagen die Luft angehalten. Jörn hob sie auf. Sie war groß, vielleicht sechsundzwanzig Kilo, und er hatte Mühe, sie über den unebenen Boden zu tragen. Ich sah, wie er sie in sein Auto hob – einen alten Golf mit Rost an der Fahrertür – und davonfuhr. Das Handtuch lag noch auf dem Rücksitz.

Ich ging zurück zu meinem Kaffee. Er war kalt. Ich habe ihn weggeschüttet.

Zwei Stunden später kam Jörn zurück. Er trug die Hündin auf den Armen ins Haus, vorsichtig, als würde er ein Kind tragen. Um ihren Hals war ein weißer Verband gewickelt. Ich sah, wie er die Tür mit dem Fuß zustieß. Ein paar Minuten später hörte ich ihn telefonieren. Er stand am offenen Küchenfenster, und ich konnte jedes Wort verstehen, weil bei uns die Häuser nah beieinander stehen.

„Ich habe Ihre Hündin gefunden“, sagte er. „Am Pfosten angebunden. Auf dem verwilderten Grundstück hinter meinem Haus.“

Eine Pause. Dann, lauter, als hätte er den Hörer fester umklammert: „Nein, Sie verstehen nicht. Sie lag dort ohne Wasser, mit einem Seil um den Hals. Das Seil war doppelt geknotet. Ein Hundeknoten.“

Wieder eine Pause. Ich hörte ein fernes Lachen aus dem Telefon, wie von einem Fernseher.

„Das war kein Versehen“, sagte Jörn. „Das war Absicht. Sie wollten, dass sie verhungert oder erstickt. Und jetzt sagen Sie mir, Sie hätten gehofft, jemand findet sie?“

Ich konnte nicht hören, was der andere sagte. Aber Jörns Stimme wurde leiser, fast tonlos. „Wenn ich Sie jemals in der Nähe dieser Hündin sehe, rufe ich die Polizei. Und glauben Sie mir, ich meine das ernst.“

Er legte auf. Durch das Fenster sah ich, wie er ein Stück Papier zerknüllte – vermutlich die Telefonnummer des Besitzers – und in den Mülleimer warf. Dann setzte er sich an den Küchentisch und stützte den Kopf in die Hände. So blieb er eine Weile.

Am Abend saß Jörn auf seiner Treppe. Ich saß auf meiner Terrasse, diesmal mit einem Bier. Die Hündin lag neben ihm auf einer Decke, den Verband etwas verrutscht. Jörn beugte sich vor, richtete den Verband mit beiden Händen, wie man einem Kind den Schal zurechtrückt, bevor es in die Kälte geht. Die Hündin stieß mit der Nase in seine Handfläche. Ihr Atem ging ruhiger.

Dann stand Jörn auf und holte einen alten Metalltopf aus der Garage. Ich sah, wie er das durchgeschnittene Seil hineinlegte. Er zog eine Schachtel Streichhölzer aus der Hosentasche. Ein Streichholz flammte auf, er hielt es an das Seil. Die Kunstfaser schmolz, krümmte sich, wurde schwarz. Ein dünner, beißender Rauchfaden stieg auf und löste sich in der Abendluft auf. Jörn schaute zu, bis nichts mehr übrig war als Asche.

Dann holte er eine saubere Schüssel, füllte sie mit Wasser und stellte sie neben die Treppe. Die Hündin stand auf, humpelte auf ihre Vorderpfote, streckte den Hals vorsichtig, um den Verband nicht zu stören. Sie trank. Jörn setzte sich neben sie auf die Stufe und sah zu, wie sie die Schüssel leerte. Die Thermoskanne mit dem kalten Tee stand noch immer in der Garage, vergessen. Der Spaten lag auf der Werkbank, unbenutzt.

Ich habe mein Bier ausgetrunken und bin ins Haus gegangen. Als ich die Terrassentür schloss, hörte ich hinter mir ein leises Klappern – der lose Briefkasten an Jörns Haus, der im Abendwind schaukelte. Und darunter das Geräusch einer Hündin, die endlich genug Wasser hatte.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: