Werkstatt für zwei

Der Geruch von Motoröl hängt in der Luft der Werkstatt am Rande von Bielefeld, gemischt mit dem Kaffee aus der tropfenden Maschine, die schon seit Jahren im Büro steht. Renate Kessler wischt sich die Hände an einem Lappen ab und schaut durch die Glasscheibe hinaus, wo ihr Schwiegersohn Torben gerade einen Kunden verabschiedet.

Zweiundzwanzig Jahre hat sie diese Werkstatt mit ihrem Mann aufgebaut. Nach seinem Tod vor sechs Jahren hat sie sie allein weitergeführt, bis Torben einstieg, weil ihre Tochter Franziska ihn heiratete und er als gelernter Kfz-Mechatroniker gut ins Geschäft passte. Renate übertrug ihm die Geschäftsführung auf dem Papier, behielt aber die Hälfte der Anteile — eine Absicherung, wie sie dachte, für den Fall, dass irgendetwas schiefgeht.

Etwas ist schiefgegangen.

Vor drei Wochen hat Franziska sich von Torben getrennt. Kein Drama, kein Geschrei — nur ein Anwalt, der einen Brief schickte, und ein Umzugswagen, der vor dem Reihenhaus in Schildesche stand. Renate hat ihre Tochter am Küchentisch sitzen sehen, mit rotgeränderten Augen, eine Tasse Kamillentee vor sich, die längst kalt geworden war. "Er hat mich betrogen, Mama. Mit der neuen Buchhalterin."

Und jetzt steht Torben in der Werkstatt, die er nicht allein besitzt, und tut so, als würde ihm alles gehören.

Heute Morgen hat er ohne Vorwarnung ein neues Firmenschild bestellt — nur sein Name drauf, "Brenner Kfz-Technik". Er hat den Kfz-Meister, den alten Herbert, der seit fünfzehn Jahren bei ihnen arbeitet, beiseite genommen und ihm gesagt, es gäbe "organisatorische Änderungen". Renate hat es von Herbert selbst erfahren, der ihr beim Kaffeeautomaten zuflüsterte: "Frau Kessler, der Junge tut, als wären Sie schon Geschichte."

Sie setzt die Kaffeetasse ab, ohne einen Schluck zu trinken, und geht durch die Werkstatt zu ihrem kleinen Büro im hinteren Teil. Auf dem Schreibtisch liegt der alte Ordner mit der Aufschrift "Gesellschaftsvertrag", den sie seit Monaten nicht angerührt hat. Draußen bellt der Hofhund des Nachbarn, wie jeden Nachmittag um diese Zeit, wenn der Paketbote kommt.

Am nächsten Tag ruft sie ihren Anwalt an, Herrn Dr. Wallmann, den sie seit dem Tod ihres Mannes kennt. Sie fährt zu seiner Kanzlei in der Innenstadt, vorbei am Wochenmarkt, wo die Blumenhändlerin gerade die letzten Sonnenblumen für den Abend reduziert. In seinem Büro riecht es nach altem Papier und dem Pfefferminztee, den seine Sekretärin immer aufgießt.

"Sie besitzen fünfzig Prozent der Firma, Frau Kessler", sagt Wallmann und blättert in den Unterlagen. "Ohne Ihre Zustimmung darf er weder das Personal umstrukturieren noch den Firmennamen ändern. Rechtlich gesehen hat er gar nichts in der Hand."

"Und wenn er einfach weitermacht, so wie er es angefangen hat?"

"Dann werden wir ihm das schriftlich untersagen. Und falls nötig, lösen wir die Gesellschaft auf und teilen die Anteile real auf. Sie könnten die Werkstatt auch komplett übernehmen, wenn Sie ihn auszahlen — oder umgekehrt."

Renate schweigt einen Moment und blickt auf den Stapel Dokumente. Vierhunderttausend Euro ist die Werkstatt laut letzter Bewertung wert, mit dem Grundstück und der kompletten Ausstattung. Ihre Hälfte: zweihunderttausend. Ihr ganzes Erwachsenenleben in Zahlen auf einem Blatt Papier.

"Ich will ihn auszahlen", sagt sie. "Er soll gehen. Ganz."

Zwei Wochen später steht sie wieder in der Werkstatt, diesmal mit Dr. Wallmann an ihrer Seite und einem versiegelten Umschlag in der Hand. Torben kommt gerade aus der Grube, die Hände schwarz vom Öl, als er die beiden sieht. Sein Blick wandert von Renate zu dem Anwalt und wieder zurück.

"Was soll das werden?"

"Das hier ist die Kündigung deiner Geschäftsführerposition, mit sofortiger Wirkung", sagt Wallmann ruhig und reicht ihm den Umschlag. "Und ein Kaufangebot für deine fünfzig Prozent. Marktüblicher Preis, ausgezahlt in drei Raten über zwölf Monate."

"Das könnt ihr nicht machen. Ich bin der Geschäftsführer —"

"Auf dem Papier", unterbricht Renate. "Aber die Firma gehört zur Hälfte mir, Torben. Das war sie immer schon. Ich habe es nur nie gebraucht, dir das zu sagen — bis jetzt."

Herbert steht an der Hebebühne und tut so, als würde er einen Reifen prüfen, aber seine Ohren sind ganz woanders. Draußen fährt gerade ein Kunde mit seinem alten Opel Kadett vor, den Torben eigentlich für heute Nachmittag zur Inspektion einbestellt hat.

Torben reißt den Umschlag auf, überfliegt die Zahlen. Sein Kiefer verhärtet sich. "Franziska steckt dahinter, oder? Sie will mich einfach loswerden."

"Franziska hat damit nichts zu tun", sagt Renate. "Das hier bin ich. Und ich hätte es auch getan, wenn du sie nie betrogen hättest — sobald du versucht hast, mir mein Lebenswerk unter dem Hintern wegzuziehen."

Er lacht kurz, bitter, ohne Humor. "Ohne mich läuft der Laden hier keine drei Monate."

"Das werden wir sehen." Renate nimmt Herberts Blick auf, der jetzt offen zu ihnen herüberschaut. "Herbert, würdest du bitte die Übergabe der Werkzeugschränke dokumentieren? Alles, was Firmeneigentum ist, bleibt hier."

Torben steht noch eine Weile da, den Umschlag in der Hand, während draußen der Opel-Kunde ungeduldig auf die Hupe drückt. Dann dreht er sich um, geht in die Umkleide, wechselt seinen Blaumann gegen seine eigenen Kleider und verlässt die Werkstatt durch die Seitentür, ohne sich umzudrehen.

Drei Tage später unterschreibt er beim Notar. Er nimmt die erste Rate, fünfundsechzigtausend Euro, und keiner in der Werkstatt hört je wieder etwas von ihm — außer Herbert, der Monate später erzählt, Torben arbeite jetzt bei einer Kette in Gütersloh, als angestellter Mechaniker, nicht mehr als Chef.

Renate lässt das alte Schild wieder aufhängen: "Kessler Kfz-Meisterbetrieb", so wie es dreißig Jahre lang über der Einfahrt hing. Am Freitagabend, wenn die Werkstatt leer ist, setzt sie sich manchmal an den Schreibtisch, öffnet den Ordner mit dem Gesellschaftsvertrag und legt ihn zu den anderen ab — dort, wo er hingehört, ganz unten in der untersten Schublade.

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