Der Mann, mit dem ich seit achtundvierzig Jahren verheiratet bin, sitzt mir am Küchentisch gegenüber und sagt, ich hätte nie etwas beigetragen. Draußen läuft der Regen am Fenster herunter, drinnen ist der Tee seit einer Stunde kalt. Klaus hat die Kontoauszüge vor sich ausgebreitet, daneben den Brief vom Makler aus Neustadt. Er tippt mit dem Zeigefinger auf die Zahl, die das Haus am Titisee einbringen soll. „Das verkaufen wir. Bezahlt habe ich es schließlich.“
Ich sehe auf seine Hand, auf die Altersflecken, die ich kenne wie meine eigene. „Und was habe ich getan? Diese ganzen Jahre?“
Er schiebt die Tasse beiseite, sie schrammt über das Wachstuch. „Du warst zu Hause. Das war deine Pflicht.“
Ich stehe auf. Nicht schnell, nicht wütend. Ich stelle meine Tasse in die Spüle, das Wasser läuft einen Moment, dann gehe ich ins Gästezimmer. Ich setze mich auf das Bett, das seit Jahren nicht mehr benutzt wurde, und lege die Hände flach auf die Decke. Ich bin zweiundsiebzig Jahre alt, und ich frage mich, was mein Anteil an diesem Leben wert war.
Dann springe ich zurück.
Als ich Klaus heiratete, war ich vierundzwanzig und arbeitete als Arzthelferin in der Uniklinik am Stadtrand. Ich mochte diese Arbeit. Das Telefon, die Karteikarten, die Gespräche im Wartezimmer. Ich hatte ein eigenes Konto, davon kaufte ich mir einen Mantel im Schlussverkauf oder fuhr am Wochenende mit der Straßenbahn an den Baggersee. Es war nicht viel, aber es war meins.
Dann kam Katrin. Zwei Jahre später die Zwillinge Jonas und Tobias. Die Kita-Gebühren für drei Kinder hätten fast mein ganzes Gehalt verschluckt. Also beschlossen wir: Ich bleibe zu Hause. „Wenn die drei in der Schule sind, gehst du wieder arbeiten“, sagte Klaus. Ich habe ihm geglaubt.
Die Kinder kamen in die Grundschule. Ich wollte wieder einsteigen, da rief seine Mutter an. Elisabeth wohnte in einem Dorf hinter St. Peter, in einem Haus mit ausgetretenen Steinstufen und einem Ofen, der nie richtig zog. Sie war auf der Treppe zum Heuboden gestürzt, die Hüfte war gebrochen. Danach brauchte sie Hilfe beim Waschen, beim Kochen, bei jedem Arztbesuch. Klaus schob Schichten in der Fabrik, seine Schwester lebte in Hamburg, sein Bruder in Rosenheim. Also übernahm ich das.
Jeden Morgen brachte ich die Kinder zur Schule, dann fuhr ich mit der Linie 5 bis zur Endstation und stieg in den Bus um 7:58 Uhr. Ich kochte Elisabeth Kartoffelsuppe, weil sie nichts anderes mehr vertrug. Sonntagabend legte ich ihre Tabletten für die Woche in die Box mit den sieben Fächern. Ich füllte die Anträge bei der Krankenkasse aus, fuhr sie zur Orthopädie, fegte im Herbst das Laub vom Hof. Nachmittags saß ich wieder am Küchentisch, half bei den Hausaufgaben, wusch die Trainingsanzüge der Jungs, kochte für sieben? Nein, für fünf. Klaus kam um sechs, ließ sich auf den Stuhl fallen und sagte: „Ich ernähre hier fünf Personen.“ Er sagte nie: „Margarete macht den Rest.“ Er sah es nicht. Niemand sah es.
Elisabeth lebte noch zwölf Jahre. Ich bereue keinen Tag. Sie war eigensinnig, aber sie bedankte sich immer. Sie nahm meine Hand, wenn ich ihr die Socken anzog, und sagte: „Was würde ich ohne dich machen.“ Das war mehr, als Klaus je gesagt hat.
Das Problem war: Alle anderen hielten meine Arbeit irgendwann für selbstverständlich. Auch Klaus. Er war der Ernährer. Ich war die, die eben da war. Als die Kinder aus dem Haus waren, hätte ich wieder arbeiten können. Aber da war schon die Sache mit seinem Knie, dann die Prostata, dann der Herzkatheter. Ich blieb zu Hause, weil ich zu Hause geblieben war. So lief das.
Vor drei Jahren, als Klaus in Rente ging, haben wir unsere Finanzen neu sortiert. Wir besaßen die Wohnung in Freiburg, ein Sparbuch und das kleine Haus am Titisee, das wir vor zwanzig Jahren gekauft hatten, als die Kinder noch klein waren. Es war nie viel wert gewesen, aber jetzt waren es auf einmal über dreihunderttausend Euro. Der Makler rief alle zwei Wochen an.
Ich schlug vor, zu verkaufen und das Geld zu teilen: einen Teil für den barrierefreien Umbau des Bades, einen Teil als Rücklage für die Pflege. Nicht für mich, für uns beide.
Klaus legte die Gabel hin. „Das Haus habe ich bezahlt. Also entscheide ich, was damit passiert.“
Ich erinnerte ihn daran, dass wir in einer Zugewinngemeinschaft lebten, dass wir beide im Grundbuch standen. Da sagte er den Satz, den ich nicht vergessen habe: „Verwechsle nicht die Dinge, Margarete. Das Geld habe ich verdient. Du hast nie etwas beigetragen.“
Ich saß da, die Kontoauszüge lagen vor mir, aber ich konnte die Zahlen nicht mehr lesen, weil meine Augen brannten. Achtundvierzig Jahre. Ich hatte gekocht, geputzt, die Kinder großgezogen, seine Mutter gepflegt. Ich hatte nebenbei für die Nachbarin genäht und auf dem Schulfest Kuchen verkauft, aber das Geld floss immer in Schulranzen, Medikamente oder den Wocheneinkauf. Ich fragte, was eine Pflegekraft für zwölf Jahre gekostet hätte. Was eine Haushälterin gekostet hätte. Was eine Tagesmutter für drei Kinder gekostet hätte.
Er antwortete: „Das war deine Aufgabe. Als Mutter und als Schwiegertochter.“
In der Nacht lag ich im Gästezimmer, die Matratze war durchgelegen, ich fand keine Position. Am nächsten Morgen rief ich eine Fachanwältin für Familienrecht an. Ihr Büro lag am Augustinerplatz, ich fuhr mit der Tram hin. Ich nahm alle Unterlagen mit: den Kaufvertrag, den Grundbuchauszug, die Kontoauszüge, die Steuerbescheide. Die Anwältin, Frau Dr. Schubert, eine Frau um die fünfzig, mit kurzen Haaren und leiser Stimme, erklärte mir, dass das Vermögen beiden gehörte. Dass mein unbezahlter Beitrag im Gesetz als gleichwertig zählte. Dass Klaus nicht einfach verkaufen konnte.
Sie druckte eine Übersicht aus und reichte sie mir über den Tisch. Ich faltete das Papier zweimal und steckte es in meine Handtasche.
Als ich es Klaus erzählte, warf er mir vor, ich würde ihm nicht vertrauen, ich wolle ihm wegnehmen, was er sich erarbeitet hatte. Er ging ins Wohnzimmer und machte den Fernseher an.
Beim Sonntagsessen, als alle drei Kinder da waren, wiederholte er vor ihnen: „Ich habe alles bezahlt. Alles, was wir besitzen, ist auf mein Geld zurückzuführen.“
Niemand sagte ein Wort. Katrin legte das Besteck auf den Teller. Sie fragte: „Und wer ist nachts aufgestanden, wenn ich Fieber hatte, während du auf Montage warst?“
Jonas schob sein Glas von sich weg. „Mama hat die Goldkette von Oma versetzt, um die Bremsen am alten Passat reparieren zu lassen. Weißt du das überhaupt?“
Tobias sah seinen Vater an. „Und wer hat Oma Elisabeth zwölf Jahre lang morgens und abends versorgt? Wer hat ihre Wäsche gewaschen?“
Klaus schwieg. Er schaute auf den Tisch, stand auf und ging auf den Balkon. Katrin nahm meine Hand. Sie sagte: „Papa hat keine Ahnung, was du getan hast.“
Es dauerte Wochen, bis Klaus einwilligte, mit mir zu einem Finanzberater zu gehen. Er hatte Angst, sein Gesicht zu verlieren. Er musste erst begreifen, dass es nicht ums Verlieren ging, sondern ums Zählen.
Der Termin war an einem Dienstagmorgen in der Sparkasse am Bertoldsbrunnen. Der Berater, ein junger Mann mit Krawatte und trockenen Händen, hatte alle Unterlagen auf dem Tisch. Er erklärte, was eine Zugewinngemeinschaft bedeutet. Er rechnete vor, was die Pflege und die Hausarbeit gekostet hätten, wenn man sie auf dem freien Markt hätte bezahlen müssen. Am Ende stand eine Zahl auf dem Bildschirm: vierhunderttausend Euro. Klaus wurde blass. Er sagte nichts.
Dann machten wir das, was rechtlich nötig war. Wir eröffneten ein Gemeinschaftskonto, auf das alle Einnahmen flossen. Wir ließen beide Namen in den Grundbucheintrag des Hauses am Titisee eintragen. Und wir vereinbarten, dass keine Immobilie ohne die Unterschrift von uns beiden verkauft werden durfte.
Und dann kam der Moment, an den ich mich am genauesten erinnere. Der Berater legte mir ein Formular zur Eröffnung eines eigenen Kontos vor. Kein Gemeinschaftskonto, sondern meins. Er erklärte, dass monatlich ein fester Betrag vom Gemeinschaftskonto überwiesen werden könne, als Ausgleich für die Arbeit, die nie entlohnt worden war. Er nannte die Summe: vierhundert Euro im Monat. Ich schaute zu Klaus. Er saß neben mir, die Hände im Schoß. Er sagte: „Das ist in Ordnung.“
Ich nahm den Füller, den mir der Berater hinhielt, und unterschrieb. Dreimal: auf dem Kontoantrag, auf der Vollmacht, auf der Einverständniserklärung. Dann drückte mir der Berater eine neue EC-Karte in die Hand. Sie war noch warm vom Drucker. Ich drehte sie um. Mein Name stand darauf, ohne dass ich jemanden fragen musste. Klaus sah auf die Karte. Er sagte nichts, aber er sah hin. Ich steckte sie in die Innentasche meiner Handtasche.
Auf dem Heimweg fuhr ich mit der Linie 5 Richtung Wiehre. Die Handtasche lag auf meinem Schoß, und ich spürte die Karte durch das Leder. Es war kein Triumph. Es war etwas anderes: als hätte ich nach Jahrzehnten einen Schlüssel gefunden, von dem ich nicht mehr wusste, dass ich ihn besaß.
Ein paar Tage später stand ich in der Küche und machte Tee. Auf dem Tisch stand eine alte Schuhschachtel, die Klaus dort hingestellt hatte. Ich machte den Deckel ab. Darin lagen Quittungen: Medikamente für Elisabeth, Rechnungen vom Orthopäden, ein Kalenderblatt von 2009, auf dem ich in meiner Handschrift „Oma zum MRT“ notiert hatte. Und ein kleines Notizbuch mit den Telefonnummern der Ärzte. Klaus hatte die Sachen beim Aufräumen im Keller gefunden.
Er kam in die Küche, ein Handtuch über der Schulter. Er blieb an der Tür stehen und sah auf die Schachtel. Dann sagte er, ohne mich anzusehen: „Ich weiß nicht, wie du das alles geschafft hast.“
Ich antwortete nicht sofort. Ich nahm die EC-Karte aus der Tasche, legte sie oben auf die Quittungen und schloss den Deckel. Dann nahm ich die Karte wieder heraus und steckte sie zurück in meine Tasche. Ich ging zum Herd, goss das kochende Wasser über die Teebeutel in den zwei Tassen. Der Dampf stieg auf. Ich stellte ihm die Tasse hin.
Er setzte sich an den Tisch und trank, ohne etwas zu sagen. Aber als er die Tasse absetzte, lag seine Hand für einen Moment auf der Schuhschachtel. Ich habe nicht mehr gefragt, ob meine Arbeit genauso viel wert war wie sein Gehalt. Die Antwort stand jetzt auf einem Konto, das ich selbst eröffnet hatte. Das reicht.
