Renate Brockmann weigert sich, alt zu sein

Der Tag, an dem mich die Kassiererin "Oma" nannte

„Und, wie fühlt man sich so, wenn man schon alt ist?"

Das fragte mich die Praktikantin an der Kasse im Edeka in der Feldstraße, während sie meine Kohlrabi über den Scanner zog. Sie war vielleicht zwanzig, hatte einen Nasenring und wurde rot, kaum dass sie den Satz zu Ende gesprochen hatte. Ich stand da mit meinem Stoffbeutel, hörte hinter mir das Piepen der Kasse drei, und dachte: komische Frage. Ich fühle mich gar nicht wie „schon alt". Ich fühle mich wie Renate Brockmann, dreiundsiebzig, die am Donnerstag zum Wochenmarkt geht und montags ihre Wasserpflanzen umtopft.

Sie stammelte eine Entschuldigung, ich winkte ab, setzte die Tüten auf dem Fahrradgepäckträger fest und schob los. Auf dem ganzen Heimweg, an der Ampel Ecke Feldstraße, am Bäcker vorbei, dachte ich über die Frage nach.

Zu Hause stellte ich die Kohlrabi in die Küche, ging ins Bad und blieb vor dem Spiegel stehen. Mehr Falten um die Augen als noch vor zehn Jahren, graue Strähnen, ein Körper, der sich verschoben hat wie Möbel in einer Wohnung, die man dreimal umgeräumt hat. Ich nahm die Zahnbürste aus dem Glas, drückte Zahnpasta drauf und putzte mir die Zähne, ohne lange hinzusehen.

Ich lasse das Bett morgens mal ungemacht. Ich schneide mir zum Kaffee ein zweites Stück von der Käsesahnetorte ab, die mein Nachbar Herr Wendland mir jeden zweiten Sonntag über den Zaun reicht. Ich lasse die Tasse auf dem Tisch stehen, ziehe eine viel zu bunte Bluse an und verbringe einen ganzen Nachmittag damit, meine Geranien auf dem Balkon umzutopfen, obwohl sie das noch gar nicht nötig hätten.

Meine Tochter hat vor Jahren mal versucht, mir feste Schlafenszeiten zu verordnen — Termine mit sich selbst gebracht, einen Zettel an den Kühlschrank gehängt: „Licht aus um 23 Uhr". Ich habe den Zettel drei Tage hängen lassen und dann abgenommen. Seitdem schaue ich mir alte „Derrick"-Folgen bis drei Uhr früh an, wenn mir danach ist, und schlafe bis Mittag.

Manchmal tanze ich allein im Wohnzimmer, zu den Liedern von damals, mit heruntergelassenen Rollläden, damit mich niemand von der Straße aus sieht. Neulich, beim Bügeln von Klaus' altem Sonntagshemd, das ich nie weggegeben habe, überkam mich mitten im Satz eine Erinnerung an ihn — ich stand da mit dem Bügeleisen in der Hand, und die Tränen liefen, ohne dass ich sie aufhielt. Ich habe weitergebügelt, als es vorbei war.

Vor elf Jahren, an einem Novemberabend im Klinikum Nord, habe ich Klaus' Hand gehalten, bis der Monitor nur noch einen Ton von sich gab. Ich habe mich um meine Kinder gesorgt, mich von zwei Katzen und einem Dackel verabschiedet, Dinge enden sehen, von denen ich dachte, sie würden ewig halten.

Was ich neulich getan habe, war so ein Moment, in dem ich einfach nach meinem eigenen Kopf gehandelt habe. Ich bin zur Kreissparkasse in der Bahnhofstraße gegangen und habe die Sparbriefe, die noch auf Klaus' und meinen gemeinsamen Namen liefen, auflösen lassen. Der Berater, ein junger Mann mit Krawatte, hat mir die Summe zweimal vorgelesen, als traue er mir das Zuhören nicht zu: „Siebzehntausendneunhundertzwanzig Euro, Frau Brockmann." Ich habe unterschrieben und das Geld auf mein eigenes Konto überschreiben lassen.

Torben hat angerufen, noch am selben Abend. „Mama, ich hab gehört, du warst bei der Sparkasse."

„Stimmt."

„Wegen der Papiere von Papa?"

„Genau die."

Eine Pause. Ich hörte im Hintergrund seinen Werkstattlärm, eine Flex oder so etwas. „Und was machst du jetzt damit? Ich meine — falls du's noch nicht verplant hast, ich müsste für die neue Werkbank vorlegen, für den Betrieb, das wär's mir wert, dir das später —"

„Ich fahre nach Norwegen. Kreuzfahrt entlang der Fjorde, im September, mit Tante Ilse."

Stille auf der Leitung. Nur die Flex im Hintergrund, dann nichts mehr, als hätte er sie ausgeschaltet.

„Ach so", sagte er schließlich. Mehr nicht.

„Ist noch was?"

„Nein, nein. Gute Reise dann." Er legte auf, bevor ich mich verabschieden konnte.

Drei Wochen später kam ein Brief von der Reederei mit der Buchungsbestätigung — Kabine 412, Deck sieben, Meerblick. Ich habe ihn an den Kühlschrank geheftet, direkt neben Torbens Kindergartenfoto von 1987, auf dem er mit Schaufel und Sandeimer in die Kamera grinst. Er ist seitdem nicht mehr auf das Geld zu sprechen gekommen. Meine Schwester hat schon zwei Bücher für die Reise gekauft. Ich packe erst eine Woche vorher, das war schon immer so.

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Uniad
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