Vierzig Jahre lang sprach sie nicht. Dann stand sie auf.

Ich wusste es schon beim Frühstück. An dem Tag, an dem wir vierzig Jahre verheiratet sein sollten, saß Klaus-Dieter mir gegenüber und schob mir seinen leeren Kaffeebecher über den Tisch. Ohne ein Wort. Der Becher blieb vor meiner Hand stehen. Ich habe ihn gefüllt, zurückgestellt. Draußen fuhr die 107 die Hohenzollernstraße entlang, und ich dachte: Heute Abend. Heute Abend sage ich es.

Im Treppenhaus roch es nach Kohlsuppe aus dem dritten Stock und kaltem Rauch. Die Nachbarin von unten, Frau Kowalski, hatte einen Kater, der immer auf unserem Fußabtreter schlief. Ich bin zweimal über ihn gestiegen, als ich den Müll nach unten brachte. Das nur am Rande.

Wer Klaus-Dieter kannte, hielt mich für eine glückliche Frau. Bei Familienfeiern legte er mir den Arm um die Schultern, schenkte mir Wein nach und sagte, ohne mich hätte er es zu nichts gebracht. „Margit ist die beste Frau der Welt“, verkündete er dann und hob das Glas. Meine Schwägerinnen seufzten. So einen dankbaren Mann hätten sie auch gern. Unsere Kinder wuchsen mit diesen Sätzen auf und dachten, bei uns zu Hause liefe alles gut.

Die Wahrheit begann, wenn die Tür ins Schloss fiel.

Dann ließ Klaus-Dieter seine Schuhe mitten im Flur stehen, die Socken auf der Heizung, den Teller auf dem Tisch, obwohl die Spüle zwei Schritte entfernt war. Wenn das Hemd, das er wollte, nicht gebügelt im Schrank hing, fragte er, was ich eigentlich den ganzen Vormittag getan hätte. Wenn ihm das Essen nicht schmeckte, schob er den Teller weg und machte sich ein Brot mit beleidigter Miene.

Dabei hatte ich auch gearbeitet. Zweiunddreißig Jahre lang habe ich einen kleinen Blumenladen an der Rüttenscheider Straße geführt. Morgens um acht aus dem Haus, nachmittags um drei zurück, noch im Mantel stand ich in der Küche. Ich dachte an Mittagessen, Waschmaschine, Hausaufgaben. Als ich in Rente ging, beschloss Klaus-Dieter, dass er nun endlich eine Frau habe, die Vollzeit zur Verfügung stehe. Er war auch in Rente, aber seine Vormittage gehörten der Zeitung, dem Spaziergang an der Ruhr und dem Kaffee mit seinen ehemaligen Kollegen.

Geschlagen hat er mich nie. Gebrüllt auch nicht, jedenfalls nicht so, dass die Nachbarn es hören konnten. Seine Verachtung war leiser. „Bring mir Wasser.“ „Such meine Brille.“ „Bügel das Hemd für morgen.“ Er sagte nie bitte. Er fragte nie, ob ich Pläne hätte. Wenn ich protestierte, hieß es, ich sei schon immer zu empfindlich gewesen. Keine Frau seiner Generation würde sich über so etwas beschweren. Sich um den Mann kümmern, das sei doch normal.

Dann kam unser vierzigster Hochzeitstag. Die Kinder hatten einen privaten Raum im Grugapark-Restaurant gebucht. Verwandte kamen aus Dortmund, aus Mülheim, aus Bochum. Die Enkel hatten ein Video mit alten Fotos zusammengeschnitten. Ich kaufte mir einen taubengrauen Hosenanzug und ging zum Friseur. Ich wollte diesen Abend genießen, obwohl ich die ganze Woche für die Übernachtungsgäste gekocht und Klaus-Dieters Hemden gebügelt hatte.

Beim Fest war er hinreißend. Er stieß auf mich an, erzählte, wie schwer er es gehabt habe mit den Dienstreisen, den langen Arbeitszeiten, mit seinem Charakter. Dann hob er das Glas und sagte: „Margit hat ihr ganzes Leben damit verbracht, mich glücklich zu machen. Und sie tut es immer noch mit einem Lächeln.“

Alle klatschten.

Ich schaute auf meine Hände. Die Finger waren vom Rheuma geschwollen. An diesem Morgen hatte ich die Wohnung geputzt, für sechs Leute Frühstück gemacht und zwanzig Minuten nach der Krawatte gesucht, die Klaus-Dieter in einen anderen Schrank gelegt hatte.

Dann bat mich meine Tochter Julia, ein paar Worte zu sagen. Klaus-Dieter sah zu mir herüber. Er rechnete damit, dass ich seine Arbeit loben würde, seine Treue, die gemeinsamen Jahre. Ich stand auf.

Ich sagte, wir hätten vierzig Jahre miteinander verbracht, aber ich hätte nicht immer gelächelt. Ich sagte, ich hätte es satt, als glückliche Frau dargestellt zu werden, nur weil ich den Tisch deckte, verlorene Dinge wiederfand und Diskussionen aus dem Weg ging. Keiner sagte mehr etwas. Ich erzählte keine intimen Einzelheiten, ich beleidigte Klaus-Dieter nicht. Ich sagte nur einen Satz, den ich vor der Familie noch nie ausgesprochen hatte: „In der Öffentlichkeit bin ich die beste Frau der Welt. Zu Hause bin ich die Person, der man Befehle gibt.“

Klaus-Dieter lief rot an. Er versuchte zu lachen. Keiner lachte mit. Mein Sohn Thomas meinte, ich sei wahrscheinlich müde. Julia senkte den Kopf. Dann gab sie zu, dass sie oft gesehen hatte, wie ihr Vater mit mir sprach. Aber sie dachte, ich hätte es so gewollt.

Wir fuhren mit dem Taxi nach Hause. Kein Wort. In der Wohnung ließ Klaus-Dieter seine Jacke über den Stuhl fallen und sagte, ich solle ihm einen Kamillentee machen, sein Magen tue weh. Ich sah ihn an und sagte: „Die Küche ist dort drüben.“

Das war ein kleiner Satz. Für mich war er das Ende von vierzig Jahren Schweigen.

Die nächsten Wochen waren angespannt. Er warf mir vor, ich hätte ihn vor allen blamiert. Ich erwiderte, ich hätte nur gesagt, wie es mir geht. Ich begann, ihn seine Sachen allein machen zu lassen. Fand er ein Hemd nicht, suchte er ein anderes. Wollte er Kaffee, machte er ihn selbst. Ich ging wieder mit einer Freundin spazieren, meldete mich zu einem Literaturkurs an und fragte nicht mehr um Erlaubnis, wenn ich das Haus verließ.

Klaus-Dieter änderte sich nicht von heute auf morgen. Manchmal fiel er in den alten Ton zurück, und ich sagte ihm, ich sei nicht seine Haushälterin. Einmal, an einem Sonntag, räumten wir gemeinsam den Tisch ab. Er sagte, er habe gar nicht gemerkt, wie sehr er von mir abhängig gewesen sei. Es war keine perfekte Entschuldigung. Aber er hatte einen Teller in der Hand. Er reichte ihn mir nicht. Er stellte ihn selbst ins Regal.

Die eigentliche Wende kam an einem Dienstag. Ich hatte genug von den Rückfällen. Ich zog meinen Mantel an, ging zur Sparkasse an der Rü, eröffnete ein eigenes Konto und ließ meine Rente dorthin umleiten. Monatlich 1.380 Euro. Ich füllte die Unterlagen aus, unterschrieb, steckte die Karte ein. Zu Hause legte ich den neuen Kontovertrag vor Klaus-Dieter auf den Küchentisch.

Er las. Er blätterte. Dann fragte er: „Was soll das?“

Ich sagte: „Meine Rente geht jetzt auf mein Konto. Du kannst deine Ausgaben selbst bezahlen.“

Er starrte auf die Zahl. Ich bemerkte, wie seine Finger das Papier zerknitterten. „Und wovon soll ich leben?“, fragte er.

„Von deiner Rente“, sagte ich. „Die ist nicht klein. Du hast es nur nie gemerkt, weil ich alles bezahlt habe. Essen, Reinigung, Auto, Versicherungen. Jetzt nicht mehr.“

Er stand auf. „Das ist mein Geld. Unser Geld.“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Meins. Ich habe zweiunddreißig Jahre lang dafür gearbeitet. Genau wie du. Ab jetzt trennen wir das.“

Er ging im Zimmer auf und ab. Er redete von Vertrauen, von Gemeinschaft, von einer Ehe. Ich blieb am Tisch sitzen und schaute auf den Vertrag. Auf das Datum. Auf den Stempel der Sparkasse.

Am nächsten Morgen stand er um sieben auf und machte sich selbst Kaffee. Er fragte nicht. Er nahm die Tasse, setzte sich an den Tisch und starrte vor sich hin. Ich sagte nichts. Ich dachte an den Kater von Frau Kowalski, der wahrscheinlich vor unserer Tür schlief, und daran, dass ich den Müll noch nicht hinuntergebracht hatte.

Am Sonntag räumten wir wieder gemeinsam ab. Ich spülte, er trocknete. Er sagte nichts über das Geld. Er hielt einen Teller in der Hand, rieb ihn mit dem Geschirrtuch ab und stellte ihn in den Schrank. Dann nahm er den nächsten. Ich sagte: „Du kannst auch die Töpfe machen.“

Und er machte es.

Ein halbes Jahr später fand ich beim Aufräumen in seinem Schreibtisch eine Mappe. Darin lag eine Lebensversicherung auf meinen Namen. Abgeschlossen fünf Jahre vor unserem Jubiläum. Versicherungssumme: 50.000 Euro. Ich habe ihn gefragt. Er sagte, er hätte nicht gewollt, dass ich im Alter ohne Absicherung dastehe. Ich habe die Mappe zurückgelegt und bin einkaufen gegangen.

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